Nils Lange, angehender Bauingenieur im Dualen Studium (Foto: Katrin Binner)

So machen Hochschulen das Duale Studium zum Erfolgsmodell

Duale Studiengänge gibt es inzwischen in allen Bundesländern. Bei Studierenden werden sie immer beliebter. Kein Wunder: Absolventen haben glänzende Berufs-Perspektiven. Und auch die Unternehmen profitieren.

Ein Parkdeck irgendwo im Hessischen, die Jahre haben die Substanz förmlich zerfressen. Nils Lange steht zwischen korrodierten Säulen und aufgeplatztem Beton und notiert die Schäden. Vor ein paar Tagen erst hat er seinen Abiball gefeiert, jetzt ist er schon mittendrin im Alltag eines Bauingenieurs. Ein erfahrener Kollege hat ihn an diesem Tag mitgenommen. Lange soll einen Eindruck gewinnen, welche Aufgaben in der Zukunft auf ihn zukommen werden. „Man muss Behelfsstützen aufstellen“, erläutert der Kollege, „dann die beschädigten Pfeiler abreißen und neu bauen.“ 

Heute muss Nils Lange schmunzeln, wenn er an seinen ersten Arbeitseinsatz zurückdenkt. Er sitzt in einer alten Villa in Wetzlar, vor sich zwei Computerbildschirme mit komplizierten Statikberechnungen, an der Wand großformatige Pläne von aktuellen Bauprojekten. Der 22-Jährige weiß inzwischen genau, wovon er redet: Drei Jahre liegt sein Besuch auf dem Parkdeck mittlerweile zurück, bei vielen ähnlichen Aufgaben war er inzwischen dabei und hat nach und nach immer mehr Berechnungen selbst übernommen. „An der Hochschule haben wir die Theorie gelernt, alles was mit Statik zu tun hat, mit Baustoffkunde und den anderen Bereichen“, erzählt er. „Und hier im Ingenieurbüro haben mir die Kollegen gezeigt, wie sie das in ihren Projekten einsetzen.“ Ein paar Monate noch, dann ist Lange selbst Ingenieur, mit seiner Abschlussarbeit ist er schon ein gutes Stück vorangekommen.

Erfolgsmodell Duales Studium

Auf der Seite mit den offenen Stellen haben wir täglich mehr als 1.000 Besucher.
Harald Danne (Foto: Steffen Weigelt)

Harald Danne

Harald Danne, Initiator des Dualen Studienprogramms StudiumPlus

Ein paar Kilometer von dem Büro entfernt arbeitet Harald Danne. Er ist Professor an der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) und einer derjenigen, die hinter der Erfolgsgeschichte von Nils Lange stehen: „Vor 15 Jahren habe ich mit der Industrie- und Handelskammer und einigen örtlichen Unternehmen darüber nachgedacht, wie man die Hochschule weiter in der Region verankern könnte“, erzählt er. Bald war die Idee auf dem Tisch, ein Duales Studium zu etablieren – jenes Modell, bei dem die jungen Leute zu einer Hälfte an der Hochschule ausgebildet werden und zur anderen in Unternehmen. „StudiumPlus“ nannte Danne das Konzept, das schon früh Unterstützer fand. „Dass unser Modell zu einem solchen Erfolg werden würde, hätte anfangs niemand gedacht“, erinnert sich der Professor, und es klingt Stolz mit in seiner Stimme. Heute nehmen 1.200 Hochschüler in acht Studiengängen daran teil. Längst melden sich jedes Jahr weitaus mehr Bewerber, als die Partnerunternehmen Plätze anbieten können. Immer wieder wird das Konzept der Hessen wegen seiner Innovationskraft mit regionalen und überregionalen Preisen ausgezeichnet – und in bundesweiten Hochschulrankings taucht StudiumPlus auf den Spitzenplätzen auf.

Ähnliche Konzepte haben sich inzwischen in vielen Bundesländern etabliert. Das Duale Studium ist eine Antwort auf die häufige Kritik von Arbeitgebern, dass bei vielen Hochschulabsolventen die Kluft zwischen Theorie und Praxis zu groß sei. Im Dualen Studium wird diese Lücke geschlossen, indem die Unternehmen von Anfang an in die Ausbildung einbezogen werden – die Studierenden absolvieren ihre Lernphasen wechselweise im Seminarraum und im Unternehmen, wo sie das neu erworbene Wissen gleich im Arbeitsalltag erproben können. Wer in eines der Programme hinein will, muss das Auswahlverfahren bei seinem künftigen Arbeitgeber durchlaufen; wer ausgewählt wird, bekommt in der Regel automatisch einen Studienplatz. Die drei Jahre bis zum Bachelor-Abschluss sind zeitlich prall gefüllt, dafür bekommen die Studierenden jeden Monat von ihrer Firma ein Gehalt.

„Auf unserer Internetseite mit den offenen Stellen haben wir Tag für Tag mehr als 1.000 Besucher“, sagt Harald Danne – eine stolze Bilanz für die Technische Hochschule Mittelhessen. Und vor allem: Während viele andere kleinere Hochschulen primär Studierende aus der näheren Umgebung anziehen, kommen bei StudiumPlus etwa 20 Prozent der Absolventen aus anderen Bundesländern. Für ihn sei das einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren, urteilt Norbert Müller. Er ist Geschäftsführer der Unternehmensberatung Advacon und engagiert sich für das Duale Studium der THM, weil es helfen könne, ein immer drängenderes Problem zu lösen: „Wir haben viele starke Unternehmen in der Region, die aber immer schwerer Nachwuchs finden. Diejenigen, die hier ihr Abitur machen, schreiben sich oft an einer Universität irgendwo in einem Ballungsraum ein – und wenn sie dann erst mal wegziehen, kommen sie meistens nicht wieder zurück.“ Die Abwanderung sei für manche Firmen in der ländlichen Region inzwischen bedrohlich geworden. – „Uns geht es nicht um Standortentwicklung“, sagt Müller mit ernster Stimme, „uns geht es schlicht um Standortsicherung.“

Netzwerke knüpfen

Müller weiß, wovon er spricht: Über mehrere Jahrzehnte hat er den Systemanbieter Rittal mit aufgebaut, zuletzt als Vorsitzender der Geschäftsführung. Bei seinem Einstieg arbeiteten am Standort in Herborn zwei Mitarbeiter; als Müller aufhörte, waren es weltweit 12.000, davon 5.000 in Deutschland. „Es hat sich aber immer stärker abgezeichnet, dass die Absolventen der Hochschulen aus den Ballungsgebieten nicht unbedingt nach Herborn gehen wollten. Und wenn ich mich umgehört habe, herrschte überall in der Region das gleiche Problem, in Frankenberg, Allendorf, Wetzlar – dabei gibt es dort jede Menge interessante Arbeitsplätze.“ Heute ist Müller Vorsitzender einer Institution, die sich etwas hochtrabend „CompetenceCenter Duale Hochschulstudien“ nennt. Der Verein, in dem sich alle Partnerunternehmen zusammengeschlossen haben, ist neben der Hochschule und dem Kammerverbund Mittelhessen Träger von StudiumPlus. „Inzwischen sind 660 Firmen dabei“, berichtet Müller – für die ländliche Region eine gewaltige Zahl. Die Besonderheit: Es sind nicht nur große Unternehmen wie die Kamerafirma Leica, der Heizungshersteller Viessmann, das Elektrotechnikunternehmen Rittal sowie Bosch Thermotechnik beteiligt, sondern auch etliche kleine und mittelständische Firmen. „Besonders wertvoll ist das Netzwerk, das dabei entsteht“, lobt Norbert Müller: Auf den Kuratoriumssitzungen treffen sich die Manager zum Austausch – und über ihre Studierenden bekommen sie mit, was an der Hochschule passiert. Die Verknüpfung zwischen dem Know-how der Akademiker und den Bedürfnissen der Unternehmen gebe beiden Seiten wertvolle Impulse.

„Das Duale Studium ist längst in der deutschen Hochschullandschaft etabliert“, urteilt Ann-Katrin Schröder-Kralemann vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Mehr als 94.000 Studierende waren 2014 in Dualen Studiengängen eingeschrieben – so viele wie noch nie. „Seit durch die Bologna-Reformen der Blick immer stärker auf die Praxisorientierung von Studieninhalten gerichtet wird, steigt die Nachfrage sprunghaft an. Denn genau diese Verknüpfung mit der konkreten Anwendung ist ja die große Stärke der Dualen Studiengänge“, erklärt sie. Um diese Stärke weiter auszubauen, hat der Stifterverband mit seinem „Qualitätsnetzwerk Duales Studium“ Experten aus ganz Deutschland zusammengebracht. Erklärtes Ziel ist es, gemeinsam mit den Anbietern von Dualen Studiengängen die Qualität der Angebote weiterzuentwickeln und neue Perspektiven wie etwa die Internationalisierung zu entwickeln. 

Vorbild für andere

Früher wurden wir manchmal als Stiefkind behandelt. Heute sind wir ein Vorzeigemodell.
Ulf-Daniel Ehlers (Foto: Oliver Hein)

Ulf-Daniel Ehlers

Vizepräsident der Dualen Hochschule Baden-Württemberg

„Was wir gerade erleben, ist ein gigantisches Wachstum“, sagt Ulf-Daniel Ehlers, Vizepräsident der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW). Die Süddeutschen sind bundesweit die Pioniere des Dualen Studiums, schon 1974 ist ihr Modell gestartet – damals fand der theoretische Teil der Ausbildung an Berufsakademien statt. 2009 wurden die neun Berufsakademien Baden-Württembergs in die Duale Hochschule zusammengefasst. Die regionale Verankerung ist dadurch erhalten geblieben, neu ist der höhere akademische Anspruch. Für die Theorievermittlung sind nun Professoren zuständig, die Studiengänge sind akkreditiert und schließen mit Bachelor- und Mastergraden ab. „Früher wurden wir manchmal als Stiefkind behandelt“, bilanziert Ehlers, „heute sind wir ein Vorzeigemodell.“

Die Aufbruchstimmung ist Ehlers anzumerken, wenn er über den Wandel spricht: Um mehr als 25 Prozent ist die DHBW in den Spitzenjahren gewachsen, seit sie eine Hochschule geworden ist; mit ihren 34.000 Studierenden ist sie die größte Hochschule Baden-Württembergs. Und sie entfaltet sich weiter: Derzeit entsteht der neue Fachbereich Gesundheitswissenschaften, in dem sich gleich zwei bundesweite Trends widerspiegeln. Erstens besteht in Bereichen wie der Pflegewissenschaft eine steigende Nachfrage nach akademisch qualifizierten Fachkräften – und zweitens erobern die Dualen Studiengänge, die bislang vor allem auf ingenieur- und wirtschaftswissenschaftliche Fächer spezialisiert waren, nach und nach weitere Disziplinen.

„Wer zu uns kommt“, sagt Vizepräsident Ehlers selbstbewusst, „hat im Schnitt eine bessere Abiturnote als die Interessenten, die sich an anderen Hochschulen und Universitäten bewerben.“ Das mag auch an den glänzenden Perspektiven liegen – von den Absolventen der DHBW werden 85 Prozent direkt nach ihrem Abschluss übernommen.

Verzahnung mit der Praxis

Für Alexandra Klein war das nicht das entscheidende Argument, als sie sich für ihr Studium entschied. Ihr ging es vor allem um die Verzahnung mit der Praxis: Sie studiert Soziale Arbeit mit Schwerpunkt auf Sozialmanagement und lernt in den Praxisphasen bei der IG Metall. Schon vorher war Klein bei der Gewerkschaft aktiv, und als sich die Möglichkeit zum Dualen Studium geboten hat, musste sie nicht lange überlegen. „Ich hatte mich eigentlich schon für ein Studium an der Universität Konstanz entschieden“, sagt sie, „aber letztlich war die Sache dann schnell klar.“ 

Alexandra Klein (Foto: Daniel Hofer)
Alexandra Klein (26) lernt neben dem Studium bei der IG Metall.

Drei Jahre liegt das zurück, gerade befindet sich die 26-Jährige in der letzten Prüfungsrunde – und war für die IG Metall schon bei Tarifverhandlungen mit dabei, hat Jugend- und Auszubildendenvertretungen in schwäbischen Unternehmen betreut und Versammlungen der Gewerkschaftsjugend organisiert. „Was ich an der Hochschule über Sozial- und Arbeitsrecht oder über Unternehmensführung lerne, das finde ich oft in meiner Arbeit wieder“, erzählt sieOb sie es bereut, sich damals nicht für die klassische Universität entschieden zu haben? Klein überlegt kurz. „Die großen Vorlesungssäle mit 300 Kommilitonen, die ich an einer Uni erlebt hätte, gibt es bei uns an der DHBW nicht. Hier ist alles stärker verschult“, sagt sie dann. „Das hat Vorteile, weil dadurch die Betreuung natürlich enger ist – aber sicher auch Nachteile, denn damit ist viel von der Freiheit weggefallen, in verschiedene Bereiche reinzuschnuppern oder manche Aspekte zu vertiefen, die mich vielleicht interessiert hätten.“

Solche Abwägungen kennt auch Alexander Schöpke. Er ist zusammen mit Alexandra Klein im Allgemeinen Studierenden-Ausschuss (AStA) der DHBW aktiv. „Wer hier anfängt zu studieren“, sagt der 21-Jährige, „der weiß, dass er drei Jahre lang ein wirklich volles Programm hat.“ Wenn andere in die Semesterferien gehen, müssen die dual Studierenden zum Arbeiten ins Unternehmen – und während es an Uni oder Fachhochschule oft zu verschmerzen ist, wenn jemand nicht alles in der vorgegebenen Zeit schafft, bekommen sie wegen des laufenden Arbeitsvertrages im Zweifelsfall richtig Probleme. „Ich wusste, dass ich Betriebswirtschaft studieren will, und habe mir genau überlegt, wo ich die besten Chancen habe“, sagt Alexander Schöpke. Seine Überlegung: „Die Unternehmen suchen Absolventen, die jung sind und zugleich praktische Erfahrungen haben. Wer hier studiert, der kombiniert diese beiden Vorteile miteinander, die sich ja sonst fast schon gegenseitig ausschließen.“

Vertrauensvorschuss aufbauen

Alexander Schöpke (Foto: Daniel Hofer)
Alexander Schöpke (21) pendelt zwischen Hörsaal und den Büros einer Großbank.

Schöpke arbeitet bei einer großen Bank, eigens für das Studium ist er aus Erfurt nach Baden-Württemberg gezogen. „Nach meinem Abitur war mir klar, dass ich unabhängig sein will – und natürlich spielt Geld dafür eine Rolle. Auch das sprach für ein Duales Studium, wo man ja vom ersten Monat an ein Gehalt bekommt.“ In der Bank hat er in der ersten Praxisphase wie ein Auszubildender das Filialgeschäft kennengelernt – und sich dann aber schnell neue Bereiche erschlossen: Zuletzt war er in der Mergers-and-Acquisitions-Abteilung, die sich mit Unternehmenszusammenschlüssen beschäftigt. Normalerweise sei das ein streng abgeschirmter Bereich, „als klassischer Uni-Student kriegt man ein Praktikum mit diesem Schwerpunkt nur mit sehr viel Glück.“ An der Dualen Hochschule hingegen lerne das Unternehmen einen Studierenden über Jahre hinweg kennen – und man könne sich durch gute Arbeit einen Vertrauensvorschuss aufbauen.

Was sie sich für die Dualen Hoch-schulen wünschen, die beiden AStA-Vorstände, ist eine bessere Akzeptanz. „In den Unternehmen kennt man das Duale Studium inzwischen und weiß, dass die Absolventen gut sind“, sagen sie. „Worum wir uns aber sicher kümmern müssen, das ist die Wahrnehmung an den Universitäten.“ Denn jeder Studierende kann sich mit einem Dualen Bachelor für ein Masterprogramm an einer klassischen Hochschule bewerben – in der Praxis, das berichten Beteiligte immer wieder, gebe es jedoch in den Aufnahmeverfahren immer noch Vorbehalte gegenüber den Dualen Studiengängen. „Da gerät gerade einiges in Bewegung“, hat Stifterverbandsexpertin Schröder-Kralemann jedoch festgestellt. Wenn jemand mit seinem praxisorientierten Dualen Bachelor ausgerechnet in ein besonders forschungsintensives Masterprogramm wechseln wolle, werde das wohl auch künftig schwierig bleiben – aber grundsätzlich nehme die Durchlässigkeit immer weiter zu. „Die Hochschulen stehen zudem auch verstärkt unter Druck, Duale Masterprogramme anzubieten, wie es sie vereinzelt schon gibt“, so ihre Beobachtung. Aus einem Dualen Bachelor könnten die Studierenden dann pro­blemlos in einen solchen Master wechseln, der Arbeitsvertrag mit ihrer Firma läuft in der Zeit weiter – und auch die bewährte Mischung aus theoretischen und praktischen Lerninhalten lasse sich beibehalten. „Uns erzählen viele Unternehmensvertreter, dass sich Interessenten schon bei der Bewerbung um einen Dualen Bachelor-Studiengang gezielt nach der Möglichkeit erkundigen, einen Master anzuschließen“, berichtet Schröder-Kralemann.

Internationaler Vorreiter

Dass das Duale Studium, dessen Konzept in Deutschland entstanden ist, inzwischen auch international punkten kann, zeigt Silke Bustamante. Die Professorin der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) leitet den Dualen Studiengang Dienstleistungsmanagement – und ist bundesweit eine der Vorreiterinnen für eine Internationalisierung des Studienmodells. „Anders als beim klassischen Studium gibt es drei Hindernisse, die einem Austausch oft im Weg stehen“, erläutert sie: „Erstens sind die sechs Semester bis zum Bachelorabschluss ohnehin schon vollgepackt mit Theorie- und Praxisblöcken, die eng durchgeplant sind. Zweitens sind viele unserer Partnerfirmen kleine Unternehmen, die das Thema Internationalität nicht immer im Blick haben. Und drittens fehlen an der Hochschule oft einfach Strukturen – Mitarbeiter zum Beispiel, die sich um internationale Partnerschaften kümmern.“ Und dann ist da noch dieser Teufelskreis, der durchbrochen werden muss: Wenn ausländische Universitäten deutsche Studierende für ein Semester aufnehmen, wollen sie ihre eigenen Leute im Gegenzug nach Deutschland schicken; an der HWR zum Beispiel gab es aber früher nicht viele Seminare auf Englisch.

Das Modell, das Bustamante konstruiert hat, nennt sie „Berlin Study Plus“. Seit zwei Jahren ist es mittlerweile erprobt, und es bietet ausländischen Studierenden genau den Vorteil, den einheimische auch haben: die Verknüpfung von Theorie und Praxis. „Wir beginnen mit einem intensiven Studienprogramm bei uns an der Hochschule, wo wir den englischsprachigen Bereich deutlich vergrößert haben“, erläutert Bustamante, „und bieten danach ein Praktikum an.“ Drei Monate dauert jede der beiden Phasen, und die Hochschule kümmert sich darum, dass die ausländischen Studierenden bei einem deutschen Unternehmen unterkommen. 

Von Brooklyn nach Korea – und zwischendurch ins Unternehmen

„Wer bei uns in Australien in einer großen Firma Karriere machen will“, sagt Ashana McEvoy, „der sollte im Ausland gewesen sein – und am besten kann man mit praktischen Erfahrungen punkten.“ Die 22-Jährige ist erst vor wenigen Wochen nach Berlin gekommen und nimmt am HWR-Programm teil. Bei einem Start-up-Unternehmen an der hippen Warschauer Straße wird sie im Online-Marketing arbeiten, in einem Skype-Interview hat sie noch von Australien aus die Personalabteilung von sich überzeugt. „Deutschland ist der größte Markt Europas, deshalb ist ein Praxissemester hier auf jeden Fall interessant“, sagt sie. Und Berlin? McEvoy lächelt. Der Ruf der Metropole, gibt sie zu, habe bei ihrer Entscheidung für Deutschland natürlich auch eine Rolle gespielt.

Die junge Australierin ist ein typisches Beispiel für die Studierenden, die an die HWR kommen. Viele von ihnen machen ihr Praktikum in einem der vielen Berliner Start-ups. „Die sind häufig offener und flexibler als traditionelle Unternehmen“, sagt Studiengangsleiterin Bustamante. Und vor allem: Nicht selten ist dort Englisch die Arbeitssprache – die jungen Ausländer können sich also problemlos in die Teams einfügen. Das Berliner Programm kommt bestens an: „Als wir mit dem internationalen Modell angefangen haben, gab es nur eine einzige Kooperation, heute haben wir 17 Partnerhochschulen in Ländern wie den USA, Thailand, Mexiko, Frankreich, Finnland oder Spanien.“ Und davon profitieren letztlich auch ihre einheimischen Studierenden.

Leopold Roth (Foto: Daniel Hofer)
Der Betriebswirt Leopold Roth hat im Dualen Studium alle Vorteile genutzt – Praxiskontakte und Auslandserfahrungen inklusive.

So auch die beiden Berliner Studierenden Leopold Roth und Franziska Franke: Ohne die Chance auf einen Auslandsaufenthalt hätten sie sich vermutlich für einen anderen Studiengang eingeschrieben. Bei den meisten Dualen Studiengängen wäre ein Austausch schwer geworden – nicht so allerdings an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht, an der beide Dienstleistungsmanagement studieren. Leopold Roth hat die Weichen schon mit der Wahl des Unternehmens gestellt, bei dem er die Praxisphasen absolviert: „Ich bin bei einem internationalen Konzern angestellt“, sagt er, „und da hat sich die Möglichkeit ergeben, nicht nur während der Theoriephase, sondern auch im Rahmen meiner praktischen Ausbildung ins Ausland zu gehen.“ Einige Monate hat er so in Stockholm verbracht, dort hat sein Arbeitgeber eine Niederlassung. Im Studium hat er sich dann für Südkorea entschieden – und den exotischen Standort genossen. „Ich habe mich auf Kurse konzentriert, die mir die Kultur dort nahegebracht haben. Und ich bin viel herumgereist“, erzählt er. Ähnlich ist der Werdegang von Franziska Franke: Sie war für ihr Unternehmen in London, das Auslandssemester hat sie in New York absolviert. „Besonders spannend fand ich einen Kurs über Entrepreneurship an der dortigen Uni, das hat mich auf neue Ideen gebracht“, bilanziert sie – und schwärmt noch heute von der Wohnung mitten in Brooklyn, die für vier Monate ihr Zuhause geworden ist. „Im Dualen Studium gibt es Kommilitonen, die Sorge haben, sich bei einem Auslandssemester zu verschlechtern, oder auch einfach befürchten, ihren Abschluss nicht in der vorgesehenen Zeit zu schaffen“, berichtet sie. Und tatsächlich sei das Pensum straff – trotzdem möchte Franziska Franke ihre Erfahrungen auf keinen Fall missen.

Mehr Praxis geht nicht

Zurück im hessischen Wetzlar: Rund 500 Kilometer von Berlin entfernt sitzt Lennert Schultz an seinem Schreibtisch. Er leitet das 12-Mann-Ingenieurbüro, in dem der angehende Bauingenieur Nils Lange arbeitet. „Für uns ist es nicht leicht, Mitarbeiter zu finden“, erklärt er. Die nahegelegene Rhein-Main-Boomregion ist eine übermächtige Konkurrenz. „Aber wir sind ein junges Team, und wir waren schon lange in der Ausbildung aktiv. Da war es dann ein kleiner Schritt, zu sagen: Jetzt nehmen wir auch noch einen dualen Studenten auf.“ Die Bandbreite von Projekten, an denen Lange mitarbeiten darf, ist unschlagbar: Industriehallen und neue Brücken werden hier gerechnet, Kläranlagen und Stützwände entworfen. „Neulich haben wir für die Sanierung der Lahntalbrücke das passende Gerüst berechnet“, erzählt Schultz. „Wussten Sie, dass jeder Meter dieser Brücke 50 Tonnen wiegt? Das lastet alles auf dem Gerüst – da ist jeder minimale Fehler hochgefährlich.“

Das sind die Aufgaben, in die Nils Lange hereinwächst. Das Kalkül seines Chefs: Wenn er erst einmal die Vorzüge eines kleinen Büros kennengelernt hat, will er nach dem Studium bleiben. Vorher aber muss der künftige Ingenieur noch seine Bachelor-Arbeit abschließen; er schreibt sie über ein Projekt aus dem Büro. Es geht darin um die Statik eines Mehrfamilienhauses, das in Wetzlar entsteht: Wie stark muss das Fundament sein, damit es die Last trägt, und wie dick müssen die Wände gebaut werden, damit sie Windböen und Schneelasten standhalten? „Bis vor Kurzem hatte ich das nur theoretisch aus der Hochschule gekannt“, sagt Lange. Schon bald rücken die Bagger an, dann entsteht es tatsächlich, das Haus, dessen Statik er berechnet hat. „Mehr Praxis in einem Studium geht nun wirklich nicht.“

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"90 Prozent der dual Studierenden erreichen ihren Abschluss."

Harald Danne, Technische Hochschule Mittelhessen

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