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Das Internet als Kritikmaschine

Kolumne,

Zur Notwendigkeit einer Jedermann-Praxis. Kolumne von Christoph Kappes.

Klaus findet „natürlich“ etwas „schlimm“, Gerda schreibt dazu „LOL“ und Sibylle empört sich darüber. Wer kennt es nicht, das Gefühl schlechter Laune, die einen bei Diskussionen im Internet überkommt, weil alles so aufgeregt, so negativ und zumeist auch sehr vergänglich ist? In meiner Timeline jedenfalls ist fast jeden Tag etwas anderes los und niemand kann sich mehr erinnern, worum es im letzten Monat ging. Hinzu kommen Phänomene wie sogenannte Shitstorms (der international üblichere „Firestorm“ ist vorzugswürdig, weil er nicht von vornherein so stark verurteilt) und sogenannte Hasskommentare (auch dieser Begriff zieht die Grenze beim Hassen/Nicht-Hassen, obwohl die Sprache doch viel treffendere Wörter wie Schmähkritik, Menschenfeindlichkeit, Wut, Ärger, Vernichtungswille und andere hat), zwei Extrembegriffe, die paradoxerweise gerade von klassischen Medienakteuren gern verallgemeinernd auf die Internetkommunikation als Ganze gerichtet werden. Und wer nun meint, der Hass sei ein Unterschichtenphänomen, der lerne nur die vernichtende Kritik Intellektueller kennen, die sie mit sprachlichen Mitteln ausdrücken: Zwischen „ein Phantasma“ und „Du Spinner“ ist kein so großer Unterschied. Das Florett erzeugt die gleichen Ergebnisse wie die Axt – und trifft noch präziser dabei.

Es fehlt eine systematische Phänomenologie
Wie rau das Klima im Internet wirklich ist, hat noch niemand vermessen. Das Besserwisser-Klima in Online-Ablegern der Printmedien ist wohl vor allem ein Altersphänomen politisierender Männer mit Führungsambitionen: Man(n) zieht in die Schlacht, um öffentlich den Kampf aufzunehmen und den Sieg nach Hause zu tragen. Im Internet als Ganzem reicht die Vielfalt negativer menschlicher Verhaltensweisen von banalem Genörgel über scharfe Diskussionen bis hin zu verbalen Angriffen mit Vernichtungswillen – gut einzugrenzen und zu ordnen ist es aber nicht. Und den alten Besserwissern steht der Flausch der Kochcommunitys gegenüber. Handelt es sich womöglich um dieselben Menschen in verschiedenen Modi? Postet der gemeine SpOn-Forist womöglich auf Facebook Katzenfotos? So eine Persona hat ja doch Facetten. Eine Phänomenologie der Kritik im Internet müsste dringend geschrieben werden, liefe aber wohl auf eine Situations- und Typenlehre hinaus, die vollständig nie gelingen kann.

Kritik als Kategorie der Schlechte-Laune-Phänomene
Auffällig ist aber, dass jeder jeden kritisiert und das gern und ohne Unterlass. Viele führen dieses Phänomen auf gewohnte Unterhaltungsmuster, auf soziale Erregungsmechanismen, bestimmte dominierende Personengruppen, vorherrschende oder nicht-vorherrschende Meinungen, Anonymität und Nicht-Haftung oder schlicht auf einen Mangel an Bildung zurück.

Das Medium bewirkt Kritik
Könnte es nicht aber auch sein, dass die neue Form eine Rolle für ihren Inhalt spielt, ganz nach dem Leitsatz von Marshall McLuhan „the medium is the message“ (McLuhan “The Medium is the Message” org.1967, hier 2001)? Erst das Internet ermöglicht, was vorher nicht ging. Menschen, die vorher mündlich kritisierten, kritisieren nun schriftlich – eine Trivialität?
Was die „Publikation“ seit Erfindung des Buchdruckes ausmachte, hat zur Ent-Persönlichung der Debatten durch Schriften geführt, zu einer gewissen Distanz zum Gegenstand und zu einer gewissen Objektivierung und Präzision. Gleichzeitig sind mit dem Buch gut sichtbare, nachlesbare Solitäre und nachvollziehbare Großdiskurse entstanden, „der Luhmann“ bezieht sich auf „den Habermas“, der sich auf „Das Kapital“ bezieht – im Vergleich zu den früheren, oralen Kulturen ist da eine Historisierung, die Vergangenheit wurde zugänglich, Linien wurden sichtbar. Die Publikation mit all ihren kulturellen Handlungen (Schreibvorbereitung, Schreibprozess, Lektorat, Erscheinungstermin, Erstveröffentlichung, Rezensionen, Lesungen, Auflagen etc.) dominiert bis heute, innovative Onliner wissen davon ein Lied zu singen. Eine Verschiebung von den Gewohnheiten des Publizierens hin zu prozesshaften, „liquiden“ Formen, geschieht nur sehr langsam: Ein Text muss bis heute „sitzen“, für sich stehen, geschlossen sein, Antworten geben statt Fragen stellen – ein Verständnis von Führung, das in der Wirtschaft wenigstens theoretisch längst durch kooperative und partizipative Elemente ersetzt ist.

Social Media beschleunigt Schriftkultur
Seit Social Media unterliegt zum einen die Alltagskommunikation der Schriftlichkeit, zum anderen wird aber auch die Kultur des Publizierens verändert:

  1. Ein öffentlicher Kommentarraum am Text ist tatsächlich eine Novität und mit Marginalien am Buchrand nicht zu verwechseln, die Leser nur für sich nutzten. Im Verhältnis zur Kultur der Lesegesellschaften wechselt der Modus – pointiert gesagt – von halböffentlich zu öffentlich, von persönlich zu unpersönlich, von geplant zu ungeplant, von moderiert zu mehr oder weniger unmoderiert. 
  2. Äußerungen sind nicht mehr flüchtig, sondern haben im Internet eine grundsätzlich (zu den Grenzen siehe hier) permanente Adresse (URL) und sie sind grundsätzlich noch besser auffindbar als es ein Buch im Regal einer Bibliothek jemals sein konnte. Neuerdings verweisen sogar Massenmedien auf Facebook-Postings von Celebrities und Personen des öffentlichen Lebens (aktuell zum Beispiel auf Böhmermanns und auf Volker Becks Profil). 
  3. Jeder Posting-Autor ist jederzeit von jedermann adressierbar. Zusätzlich klingeln bei ihm „Mentions“ mit „Notifications“.
  4. Likes, Retweets, Emoticons und gewisse kulturell entwickelte Zeichen („+1“, „So true“) verstärken nicht nur positive, sondern auch negative Resonanz.

In Konsequenz fördern Social-Media-Plattformen die Nutzeraktivität aus eigennützigen wirtschaftlichen Gründen ganz bewusst, indem sie neue, vordefinierte Formate für effiziente, schnelle und pointierte Kritik bereitstellen, die im Netz kulturell gern angenommen und ausgebaut werden. Wir haben es also im Vergleich zur Printwelt mit einer Verschärfung der Situation zu tun. Wenn der Buchdruck ermöglicht hat, dass Kirche und Könige durch Kritik ihre Stellung verloren, kann Social Media weitere Institutionen der Gesellschaft schleifen.

Wenn der Buchdruck ermöglicht hat, dass Kirche und Könige durch Kritik ihre Stellung verloren, kann Social Media weitere Institutionen der Gesellschaft schleifen.

Christoph Kappes

Die neue Oralität

Aufgrund der Informationsmenge und steigenden Erwartungen, aber auch wegen einer veränderten Wahrnehmung von Informationsströmen, entfallen für fast alle Postings die kulturellen Barrieren, die sich in Printmedien entwickelt haben. In Social Media werden Texte nicht Stunden vorher zurechtgelegt, strukturiert und lektoriert, sondern zumeist spontan heruntergeschrieben. Das Vokabular aller fällt wieder auf das Stadium vor dem Buchdruck. (Nur die alten Akteure, Journalisten und Politiker, wiederholen ihre gelernten Muster: Sie produzieren immer noch Onlinevarianten von Essays und Pressemitteilungen). Es interessiert nur das Jetzt, und was letzte Woche war, ist kaum noch zugänglich und muss von Algorithmen konservierend wiedervorgelegt werden. Das erinnert an die „Second Orality“, die der U.S.-Medientheoretiker Walter Ong S.J. Anfang der 1980er-Jahre für Radio und TV sah, und welche die Elemente der „First Orality“ der tribalen Gesellschaften vor Erfindung der Schrift wieder aufnahm: eher einfühlend als distanziert, eher situativ als abstrakt, eher aggregativ als abstrakt, eine Gesellschaft im Präsenz (Ong, Ww. (1982), Orality and Literacy: The Technologizing of the Word, London: Routledge). Wir erleben eine Erweiterung der zweiten Oralität.

Weil in Social Media die kulturelle Praxis des „Publizierens“ zerfällt und sich auch in Alltagskommunikation nur zaghaft fortsetzen kann, mindert sich die historisch durch Schrift gewonnene Distanz zum Gegenstand und eine gewisse Objektivierung wieder. Statt Skizze und Planung gilt die Devise „Denken und Loslegen“ wie zu Zeiten der tribalen Gesellschaft. Was Ong an der Schriftlichkeit für zentral hielt, nämlich die Klärung der Gedanken durch Schriftlichkeit („Writing is a technology that restructures thought.“ > 1985 Wolfson College Lectures at Oxford University, Opening Lecture, "Writing Is a Technology That Restructures Thought." In The Written Word: Literacy in Transition, ed. Gerd Baumann. Oxford: Clarendon P, 1986), ist nun nicht mehr prägend für Diskurse in der neuen Form. Das ist das Besondere: Es mischen sich halbwegs geklärte Gedanken mit ungefilterten Gedankenströmen, die nur formal schriftlich sind. Wir erleben das häufig als Niveauverlust, als „Geschnatter“, weil wir mit Printkultur vergleichen. Ist dieser Vergleich wirklich richtig?

Der Stream prägt die Medienwahrnehmung
Während das Internet vor Social Media noch durch Dokumente geprägt wurde, deren Abfolge man selbst bestimmte, wird durch Social Media der Stream prägend: Information wird vororganisiert und als Sequenz dargeboten. Die Rezeption ähnelt daher den „oralen“ Kneipengesprächen und auch den von Ong angesprochenen Medien TV, Radio und Telefon, sodass von einer „dritten Phase der Oralität“ gesprochen werden könnte. Während viele Nutzer noch immer „aus dem Stream springen“, indem sie Tabs mit Inhalten externer Websites öffnen, versucht Facebook mit integriertem Video, instant articles und dergleichen mehr, einen ununterbrochenen Stream anzubieten.

Der Stream schreitet voran wie der Zeiger der Uhr. Infolgedessen muss im JETZT gelesen und kommentiert werden, unterbrochen von ein wenig Zurückscrollen. Das Dokument wird von „small pieces of Information, loosely joined“ verdrängt, die nur noch für den Nutzer als Seite arrangiert werden (David Weinberger hier) und inzwischen mit der Technik des endless scroll funktionieren. Die Beschleunigung ist auch unter den digitalen Formen spürbar: Während in Foren der 1990er-Jahre es niemanden wunderte, wenn nach einer Woche jemand antwortete, und sich Diskussionen in Blogs über Tage hinziehen konnten, kommt ein Facebook-Kommentar zu einem 24 Stunden alten Posting schon in eine Grenzzone, ganz zu schweigen von einer Antwort auf einen Tweet, die nach 12 Stunden schon recht verstörend wirkt. Die Messenger-, Snapchat- und Livevideo-Kultur treibt „Echtzeit“ weiter voran.

Christoph Kappes

Christoph Kappes
Christoph Kappes (Foto: privat)

Christoph Kappes wirft gerne kleine Steinchen in den Teich. Im Web kann man ihn dabei beobachten: Unermüdlich setzt er Tweets ab, fast ununterbrochen – so scheint es – nutzt er seinen Facebook-Account für einen unendlichen Strom von Ideen, Kommentaren, schnell Hingeworfenem. „Damit kann ich meine Identität bilden“, sagt er. Nur wer kommuniziert, könne das. Den meisten Menschen wäre das als Tagesinhalt schon genug, Christoph Kappes macht das aber nur nebenher, sozusagen als spielerische Übung. Im Hauptberuf ist er Internetunternehmer. Mit Sascha Lobo gründete er 2013 das E-Book-Unternehmen „Sobooks“ und berät Unternehmen mit der eigenen Agentur. Ein Agenturmensch war er schon immer, zumindest war er Gründer und fast 20 Jahre lang Geschäftsführer der heutigen Pixelpark Agentur in Hamburg. 
Unter dem Titel Digitale Transformationen schreibt Christoph Kappes auf MERTON eine regelmäßige Kolumne über die Frage, wie sich Wirtschaft angesichts der zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche verändert oder verändern sollte. 

Social Media – der Egoshooter für Kritik

Die Konsequenz: Im Stream muss Kritik sofort geäußert werden, wenn sie ihren Leseanspruch nicht verwirken soll, weil stets das nächste, neue kommt. Da Kritik, auch etymologisch, die Tätigkeit des Unterscheidens ist, bleibt für das Unterscheiden nicht viel Zeit. Und weil es ums Unterscheiden geht, ist Kritik auch der richtige Oberbegriff für die eingangs genannten Kommentarphänomene, seien es nun Genörgel, verbale Angriffe, Feindseligkeiten oder strafbare Beleidigungen. Dies alles ist Kritik, ungeachtet ihrer Qualität und Stoßrichtung. So gesehen hat sich die Menschheit mit Social Media einen Ego-Shooter für Kritik geschaffen: Sehen, Unterscheiden, Kritisieren ist der Dreischritt im Internet, und wer nicht kritisiert, ist raus – wie jemand, der in der Kneipe einen Beitrag zu einer Diskussion abgibt, die vor einer Stunde stattfand.

Die Präsenzkultur hat daher neben dem Like und dem Share/Retweet auch Inhaltsformate geboren, die schnell einsetzbar sind: Emoticons, Meme-Bilder, Zitatgrafiken, Symbole für Körpersprache („Shrug“), Snapchat-Kompositionen und hingerotzte „hmmm“s, „Yup“s, „True“s, „Was x sagt“ sind Antworten auf das Erfordernis des instantanen Reagierens.

Infolgedessen sind viele Äußerungen emotionaler, situativer und weniger analytisch, sodass man schon auf die Idee kommen könnte, das Gutenberg-Zeitalter sei nur eine Zwischenphase der Mediengeschichte gewesen (sogenannte Gutenberg-Parenthese, erstmals formuliert von Lars Ole Sauerberg). Gegen diese These spricht allerdings noch, dass Bücher bisher wenig Anstalten machen, zu verschwinden.

It's the Internet, stupid

Natürlich sind es Menschen, die handeln. Es lässt sich aber doch gut zeigen, dass das neue Medium selbst die Kommunikation verändert. Es ist wichtig, zu verstehen, dass Kommunikation emotionaler, situativer, vergänglicher wird – nicht nur, weil die Menschen es wollen, sondern weil das Medium die Kommunikationsakte so vorformatiert und strukturiert und wirtschaftliche Interessen der Plattformanbieter ausschließlich in diese Richtung zeigen. Dies verstärkt sich noch durch erhöhte Bildanteile und durch Teilöffentlichkeiten, in denen sich immer jemand findet, der es besser wissen könnte. Und schließlich auch deswegen, weil die Barrieren für Kritik entfallen sind und die Zuschreibung von „Wahrheit“, die dem Buch noch galt, bei digitalen Medien schlicht entfällt. 

Die neue Multi-Optionalität des Kritisierens
Sind Onlinediskussionen also so etwas wie Kneipengespräche? Die beliebte Gleichstellung eignet sich bei näherem Hinsehen nicht gut zur Beschreibung der Gegenwart. Wir sehen nämlich etwas Neues:

  1. Jeder kann wählen, wann er vom Präsenz des Streams in besser historisierbare Formate wie das Blog mit seiner Chronologie wechselt: Wer etwas Grundsätzliches sagen will, sagt das auf einer Blog-Plattform wie „Medium“. Das Web bietet hier beinahe endlos viele abgestufte Möglichkeiten – vom einfachen Kommentarlike über einen Kommentar und ein eigenes Sonder-Posting bis hin zum Blogbeitrag oder einem E-Book.
  2. Die Kommentarschleppe, die jedes Facebook-Posting unter sich trägt, zeigt zu jedem Zeitpunkt viel mehr Anschlussmöglichkeiten als je zuvor bestanden (13 Antwortmöglichkeiten auf Kommentare 1 bis 13 plus Antwortmöglichkeit zum Hauptbeitrag), alle Kommentare sind gewissermaßen gleichzeitig da. 
  3. Die Sharing-Praktik erzeugt Metatexte, die noch mehr Anschlussoptionen bieten. Sie wirken auf das Werk zurück wie klassische Sekundärliteratur. Remixe und kommentiertes Sharing führen zu einer Art sequentieller Co-Autorenschaft, die – ganz konsequent gedacht – neue externe Werkteile mit dem Werk verschmelzen und den Sinn der Urkritik erweitern.
  4. Zwar stellt sich jeder seine Kontakte selbst zusammen und klickt Quellen weg oder ignoriert Beiträge, woraus dann Algorithmen lernen, Facebook zeigt aber auch Aktivitäten bei Kontakten zweiten Grades: Wenn Klaus bei Sibylle kommentiert, sieht seine Freundin Gerda das. Auf diese Weise remixt Facebook soziale Beziehungen nicht ganz im Sinne der Six Degrees of Separation Granovetters, aber doch interessen- und kenntnisunabhängig. Diese Freunde sind verschieden.

Bei einer solcherart organisierten Debatte entstehen post-print viel mehr Perspektiven – der Kasus Böhmermann hat Dutzende mitlaufende Fragestellungen (zum Beispiel Rassismus, Medienfunktionen, Meinungsfreiheit, Qualitative Verantwortung, Satire, Polykulturalität, EU-Türkeibeitritt etc.), die sich wegen der hohen Taktung so verknäueln, dass niemand noch genau sagen kann, wo genau eine Debatte steht – es wirkt wie ein weiterer Schritt von Komplexität. Nach der Höferschen Sonntagsdebatte und den überschaubaren Leitmedien-Debatten haben wir nun simultane Multidebatten: Alle Operationen laufen taktlos gleichzeitig ab, jeder antwortet auf alles, fast alles Geschriebene beruht auf Gelesenem, das so wieder verändert eingespeist wird. Infolgedessen wiederholen zwar viele Menschen einfache Standpunkte („Ist Satire!“, „Ist Beleidigung!“), aber es tauchen Argumente fortentwickelt und in Varianten nach dem Schema von Selektion und Mutation an vielen Stellen auf – ein Topos entfaltet seine Komplexität. Es ist, als würden zigtausende von Neuronen auf geheimnisvolle Weise einen Input so verarbeiten, bis die Erregung zur Ruhe kommen kann und sich freie Ressourcen wieder neuer Erregung zuwenden können.

Kritisieren als Praxis und Dauerzustand

Person am Notebook
Foto: CC0

Man kann daran zweifeln, ob dieser Prozess qualifiziertere Meinungen als eine herkömmliche Mediendebatte erzeugt, bei der man noch wie mein Vater einige Leitkommentare in zwei Zeitungen las und einiges auch im TV sah und Radio hörte. Doch erstens stehen diese Inhalte weiterhin zur Verfügung und sie werden auch weiterhin konsumiert. Zweitens kommt es mehr auf den Prozess als auf das Ergebnis an: Denn entscheidend ist, dass jeder Kritiker sich selbst der Kritik aussetzt und so gelernt werden kann. Eine sofortige Meinungsumkehr ist von niemandem zu erwarten, aber durch die Formulierung werden Dinge klarer, an der Reaktion kann langfristig das eigene Argument verbessert werden und die vielen passiven Dritten finden noch mehr Argumente. Nach einigen Tagen Großdebatte kann – trotz etwaiger Filter Bubble (Siehe Kappes, Christoph, Filter Bubble, Merkur 2012, ) – so gut wie jeder die wichtigsten Pro- und Contra-Argumente aufzählen.

Frei nach Luhmann, der auch gern kontraintuitive Erklärungsmuster suchte, kann man sogar feststellen, dass Teilnahme an einer öffentlichen Debatte einen Akt der Inklusion darstellt: Wer öffentlich diskutiert, nimmt hierdurch an der Gesellschaft teil. So wie Luhmann einst die Konzepte Inklusion/Exklusion in sein Werk integrierte, nachdem er brasilianische Favelas sah, muss man wohl auch heute konstatieren, dass Inkludiertsein selbst für den deutschen Mittelklasse-Weißen keine Selbstverständlichkeit ist. Während er ins Steuer- und Sozialsystem sowie die Stromnetze, den Straßenverkehr und den Pfandflaschenkreislauf wunderbar integriert ist, hat die Öffentlichkeit lange ohne ihn stattgefunden. 

Folgen von Kritik
Die streaminduzierte Dauerpraxis von Kritik, die sich ihren Bezugspunkt aussuchen kann, Repliken provoziert und Multi-Perspektiven erzeugt, leistet noch weit mehr.

  • Wo eben noch der Kommentarschweif viele Antwortoptionen bot, ist er für den späteren Leser eine gute Informationsquelle über den Stand der Kritik. Wer sich informieren möchte, muss nur die Antworttweets und Antwortkommentare durchlesen – nicht immer ein Vergnügen, aber höchst informativ. 
  • Kritik markiert jeden Tag unter tausenden von Texten diejenigen, deren Inhalt entlang von gesellschaftlichen Konfliktlinien verläuft. Der Social Layer ist ein Relevanz-Marker für den Rest des Internets. Um die Existenz von Konfliktlinien zu wissen, ist möglicherweise in der Gegenwart wichtiger geworden als der Inhalt der Konflikte selbst.
  • Kritik verbindet. Das Anstoßen von Hashtags und Shitstorms ist ein ähnliches kollaboratives Ereignis wie eine Abstimmung im germanischen Thing. Wo einst die Germanen noch mit dem Speer schlugen und knurrten, murren sie heute auf Twitter. Der evolutionäre Fortgang ist daran zu sehen, dass wir nun die Wahl haben: Zum förmlichen, quantitativen Wahlverfahren mit „one-man-one-vote“ können wir auch murren und knurren, ohne dass es auf die genaue Zahl ankäme.

Meinung als Service
Warum reicht es, zu knurren? Fallen wir in die Steinzeit zurück? Es ist nicht ganz leicht, hierfür eine positive Erklärung zu formulieren, zu offensichtlich sind die destruktiven und unappetitlichen, manchmal auch menschenfeindlichen Teile der Debatten. Mir scheint die beste Erklärung zu sein, dass zum einen der Anteil aktiver Kritiker in Social Media bei weitem in der Minderheit liegt, da alle aktiven Kommentatoren zusammen nicht einmal 50 Prozent der Online-Population ausmachen (siehe die Forrester-Leiter). Zum zweiten läuft mit jeder Meinungsäußerung parallel mit, dass die Äußernden die Erwartung einer anderen Meinung Dritter haben. Jede Meinungsäußerung trägt die Möglichkeit ihres Bestrittenwerdens schon in sich. Wer sich beispielsweise für Höchstgrenzen ausspricht, formuliert damit, dass er auch gegenteilige Standpunkte erwartet. Infolgedessen wird ein Bedarf sichtbar, dass sich möglichst viele Menschen äußern. „Meinung as a Service“ (Danke an Christopher Lauer, der einen Tweet von mir dahingehend weiterentwickelte), von Plattformen präsentiert, kann der Orientierung aller schon mit einem unrepräsentativen, undifferenziertem Stimmungsbild dienen.

Abschluss
Dargestellt worden ist, welchen Anteil das Medium Internet – neben anderen diskutablen Gründen – an steigender und verschärfter Kritik hat. Die geistesgeschichtliche Bedeutung von Kritik als einem Motor der Zivilisation (Hegel´sche Dialektik, Kant´sche Kritik) ist heute ein Gemeinplatz. Heute allerdings hat sich Kritik ins Publikum verlegt und müht sich mehr an kleineren Fragen ab. Wer sich daran stört, sollte sich die Habermas´sche Frage stellen, wie eigentlich Menschen sonst zu Konsens bei Fragen aus Politik, Moral und des guten Geschmacks kommen sollen, wenn niemand mehr Letztbegründungen akzeptiert. Nun ist die Praxis des Social Webs weit von der Diskursethik mit ihren hehren Geltungsansprüchen entfernt, die ohnehin immer eine Utopie war. Aber mit jedem Sprechakt, der nicht rein vernichtende oder manipulative Wirkung erzielen will, kommt der Wunsch nach einem Verstandenwerden zum Ausdruck, der die Diskussion antreibt und zu neuen Fragen führt. Der Netzmensch klärt alles sofort mit allen, pragmatisch im und beim Handeln. Ein bisschen Optimismus darf man also haben, dass das Gemecker und Geschnatter am Anfang eines richtigen Weges geschieht.

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