(Foto: Eva Eisenlohr/iStock)

Den Blick weiten

Eingeschult mit 5, an die Uni mit 17, in den Job mit 21, dazwischen Praktika und Auslandssemester. Viele junge Menschen hetzen durch unser Bildungssystem – und nehmen sich deshalb immer häufiger nach dem Abi eine Auszeit. Wie ein Gap Year zwischen Schule und Uni den Charakter formt und offen für Neues macht.

Schon vor einem Jahr, in den Sommerferien, klickte sich die Frankfurterin Elisabeth Siegel durch die Webseiten des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes „Weltwärts“. Inzwischen ist sie 18. Sie hat ihr Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,2 abgeschlossen. Studieren wird sie erst einmal nicht. Im September 2016 bricht sie mit Weltwärts zum Freiwilligen Sozialen Jahr nach Tansania auf, wo sie an Kindergärten und Schulen unterrichten und Jugendgruppen leiten wird. „Ich habe Lust auf einen anderen Alltag“, sagt sie. „In Tansania hat man ein anderes Gefühl von Zeit. Sicher komme ich dort an und es geht erst mal gar nichts voran. Aber bestimmt passiert auf andere Weise etwas.“

Ein anderes Zeitgefühl: Kein Wunder, dass sich viele danach sehnen. In Deutschland sollte es in den vergangenen Jahren vor allem schnell gehen: die Einschulung von Fünfjährigen; das sogenannte Turbo-Abi; die Bologna-Reform. Jung und dynamisch, hoffte man, würden künftig auch die Deutschen an die Universitäten und auf den Arbeitsmarkt drängen. Und jetzt das. Statt das hohe Tempo zu halten, treten Schüler einfach auf die Bremse. Reisen durch Australien. Jobben ein bisschen. Machen ein freiwilliges soziales Jahr zu Hause, in Europa oder ganz weit weg. Hängen Praktikum an Praktikum oder schreiben sich für Orientierungssemester an der Uni ein, statt einfach loszulegen.

Die Lernerei satt

Das Gap Year, in den angelsächsischen Ländern ein Klassiker, ist damit auch in Deutschland angekommen. Im Vergleich zu vorherigen Jahren, so das Ergebnis einer Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) in München, hat sich die Orientierungsphase nach der Schule nicht verkürzt, sondern verlängert. „Die jungen Menschen nehmen sich schlicht die Zeit, die sie brauchen, um zu reifen und herauszubekommen, was sie einmal machen wollen“, sagt Tilly Lex, stellvertretende Leiterin des Forschungsschwerpunkts „Übergänge im Jugendalter“ im DJI.

Offenbar erschöpft der Zeit- und Notendruck viele Abiturienten so sehr, dass sie die Lernerei erst einmal satthaben. Sie sind gerade volljährig, hatten kaum Gelegenheit, sich auszuprobieren. Und wissen meist überhaupt nicht, wohin es im Leben gehen soll. Man kann das Bildungssystem dafür kritisieren, dass es nicht Reife, sondern Unreife hervorbringt und Schüler einmal mehr unter Druck setzt. Andererseits eröffnet das Gap Year, das sich nun viele erlauben, eine Freiheit, die man jungen Menschen nur wünschen kann.

Von der Freiheit überfordert

Verdient wird daran ebenfalls eine Menge. Ein großer Markt wirbt inzwischen um die Schulabgänger. Kommerzielle Berater versprechen, den jungen Leuten zu helfen auf der Suche danach, was wirklich zu ihnen passt. Agenturen verkaufen Work-and-Travel-Pakete, andere bieten Auslandspraktika in sozialen Einrichtungen an, für die man zahlen muss. Es gibt aber auch hochwertige staatlich geförderte Programme wie Weltwärts und das Freiwillige Soziale Jahr im Altersheim ums Eck. Natürlich kann man immer noch auf die Bundeswehr ausweichen oder gleich studieren, probehalber. Wer sich für ein Gap Year entscheidet, bekommt allein mit dem Durchspielen aller Möglichkeiten eine Menge zu tun.

Andreas Honert, kaufmännischer Vorstand zweier evangelischer Schulstiftungen in Erfurt und Magdeburg, hat seine Söhne auf dem Weg durch das Gap Year begleitet – und völlig verschiedene Erfahrungen gemacht. „Der ältere fühlte sich durch die große Freiheit zunächst überfordert. Die mögliche Chance wurde zur Belastung.“ Die Eltern setzten finanzielle Grenzen und halfen bei der Orientierung. Schritt für Schritt tastete sich der Abiturient vor, machte mehrere Praktika, bewarb sich in unterschiedliche Richtungen, kassierte auch mal eine Absage. Ein Jahr verstrich, bis er wusste, was er später machen wollte: ein duales Studium zum Wirtschaftsingenieur, Schwerpunkt Elektrotechnik. Der jüngere Sohn dagegen war schon in der zehnten Klasse in Chile gewesen. Dorthin wollte er nach dem Abi zurück. Aus Chile wurde Peru. Kurz bevor er losfuhr, bewarb er sich noch für ein Orientierungsjahr an einer Universität. Denn auch das, was nach dem Gap Year passieren soll, will entschieden werden. „Früher“, sagt Honert, „war es einfacher und strukturierter, allein schon durch Bundeswehr und Zivildienst. Heute muss man aktiv werden und sich freischwimmen.“ Das sei nicht unbedingt schlecht. „Für das Erwachsenwerden sind diese Erfahrungen sehr wichtig. Wir Eltern sollten Geduld haben und die Kinder entspannt und mit Vertrauen begleiten.“

Eine Gap Year ist nicht dazu da, den Lebenslauf zu schmücken, sondern dafür, über sich selbst zu reflektieren und zu überlegen: Wie passe ich in diese Welt, was ist mir wichtig? Man muss dazu nicht in die Wildnis aufbrechen, sondern seine Komfortzone verlassen.
Michael Vogel (Foto: privat)

Michael Vogel

Der Professor für Tourismusmanagement und Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Bremerhaven macht gerade ein dreijähriges Sabbatical.

Die Perspektive wechseln, sich selbst erkunden: An einem Gap Year kann ein junger Mensch reifen, findet auch Michael Vogel, Professor für Tourismusmanagement und Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Bremerhaven. Er legt gerade selbst ein dreijähriges Sabbatical ein, in dem er sich umorientieren und Dinge ausprobieren will. „Ich halte viel von Bildung durch Selbstbildung“, sagt er. Vogel ist davon überzeugt: Das sogenannte Empowerment, das so vielen Studenten fehlt – also die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu tragen –, entwickelt sich in einem Gap Year besonders gut. „Im Übrigen muss es gar kein Jahr sein“, sagt Vogel, „das ist ein völlig willkürliches Zeitmaß.“

Die Bedeutung des Gap Years für die Karriere stellt Vogel hinten an. Er verwahrt sich dagegen, Konkurrenz nun auch in diese neue Übergangsphase zu tragen. Unter Eltern hingegen scheint der Kampf um das vorzeigbarste Gap Year bereits eröffnet: Es zeichnet sich ab, dass vor allem Akademiker ihre Kinder ins Ausland schicken und die Kinder von Nichtakademikern schlicht zu Hause bleiben. „Eine solche Zeit ist nicht dazu da, den Lebenslauf zu schmücken“, warnt Vogel, „sondern dafür, über sich selbst zu reflektieren und zu überlegen: Wie passe ich in diese Welt, was ist mir wichtig? Man muss dazu nicht in die Wildnis aufbrechen, sondern seine Komfortzone verlassen, sich konfrontieren.“

Der innere Kompass

Kein Grund also, sich und den Kindern besonderen Druck zu machen. Das sagt auch Martina Beermann, Leiterin der Karriereberatung an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Großen Unternehmen komme es nicht vorrangig darauf an, was genau im Gap Year passiere: „Konstant sehr gute Noten, ein internationaler Background und Praktika, die mit dem Studienschwerpunkt zu tun haben – das ist, was zählt.“ Erst im Verlauf des Studiums sei es wichtig, zu einem klaren Profil zu gelangen, authentische Karriereziele zu entwickeln und „am inneren Kompass zu arbeiten“.

Klar, dass Elisabeth Siegel so kurz vor ihrer Reise nach Tansania noch keine Ahnung hat, was sie einmal werden will. Lehrerin? Journalistin? Etwas, das mit Entwicklungshilfe zu tun hat? Aber schon jetzt hat sie viel gelernt: Sie weiß, dass man sich rechtzeitig kümmern muss, wenn man Großes vorhat. Es ist ihr gelungen, für ihre Entsendeorganisation Spenden einzuwerben. Und sie spürt ziemlich genau, wie aufregend und abenteuerlich, aber auch schmerzlich es ist, aufzubrechen und alles hinter sich zu lassen – für eine Zeit.

Ob sie verändert zurückkehren wird?

„Ich glaube schon. Nicht als total anderer Mensch. Aber ich lerne ja eine ganz andere Sicht kennen. Die nimmt man zwar nicht komplett an, aber man denkt darüber nach.“

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