Hubert Wolf (Foto: Christian Bohnenkamp)
Hubert Wolf (Foto: Christian Bohnenkamp)

Der Dan Brown von Münster

Der Kirchenhistoriker und Priester Hubert Wolf ist ein Kenner der vatikanischen Archive. Was er dort bislang herausfinden konnte, dient zurzeit sogar als Vorlage für eine Hollywoodverfilmung – und selbst für manche Historikerkollegen sind seine realistischen Schilderungen der Vergangenheit eine veritable Zeitmaschine. / Serie „20 Jahre Communicator-Preis“, Teil VII.

Das Schreiben kam direkt aus dem Vatikan und wenn Hubert Wolf daraus zitiert, wird seine Stimme feierlich: „Der Unterzeichnete war heute in Privataudienz bei Seiner Heiligkeit und Seine Heiligkeit Papst Johannes Paul II. hat beschlossen, dem Professor für Kirchengeschichte außerordentlichen Zugang zum Archiv der römischen Inquisition und der Indexkongregation zu gewähren.“ 1992 war das und Hubert Wolf musste sich erst einmal hinsetzen, als er den Brief öffnete. Für ihn als jungen Historiker bedeutete das Papier ein ungeahntes Privileg: Die Zahl derer, die in das seit Jahrhunderten gehütete Archiv durften, ließ sich damals an einer Hand abzählen.

Dort, in den unübersichtlichen Katakomben voller Unterlagen, fiel dem heute 60-Jährigen ein wahrer Schatz in die Hände. Akten aus dem 19. Jahrhundert waren es, sie stammten aus dem römischen Kloster Sant’Ambrogio und natürlich sagte dieser Ort dem Kirchenhistoriker gleich etwas: Jahrzehntelang wurde dort vor rund 150 Jahren ein eigentümlicher Kult gepflegt: Nonnen wurden als Heilige verehrt; in einem kleinen Schächtelchen fanden sich morgens Briefe, die angeblich direkt von der Jungfrau Maria und sogar von Jesus Christus selbst stammten; es gab Dämonenaustreibungen, Segnungen per Zungenkuss und lesbische Initiationsriten. „Es ist großartig, Akten zu öffnen, von denen man weiß, dass sie noch nie jemand aufgeschlagen hat“, sagt Hubert Wolf, der damals gleich ahnte, was für eine Entdeckung er mit den Unterlagen aus dem römischen Kloster gemacht hatte.

Aber was sollte er anfangen mit diesem Sprengstoff, er, der Kirchenhistoriker? Hubert Wolf musste nicht lange nachdenken: Nach zehn Jahren Quellenstudium schrieb er keinen Fachaufsatz, sondern einen Kirchenthriller. „Die Nonnen von Sant’Ambrogio“ nannte er sein Werk von 544 Seiten. Der Untertitel: „Eine wahre Geschichte.“

Illustration: Lisa Syniawa

Diese Forscher sind Stars. Denn sie arbeiten nicht nur in Labors, sitzen nicht nur in Bibliotheken. Stattdessen stehen sie als Medienprofis sehr oft auf den großen Bühnen des Landes. Sie können meisterhaft über Forschung reden, sie begeistern für das, was vielen Bürgern sonst nicht zugänglich wäre. Solche begnadeten Wissenschaftskommunikatoren als Vorbilder zu adeln und ihr außergewöhnliches Engagement zu belohnen, war im Jahr 2000 die Idee des Stifterverbandes und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Seitdem vergeben sie gemeinsam jährlich den „Communicator-Preis – Wissenschaftspreis des Stifterverbandes“. Der Stifterverband steuert das Preisgeld bei (50.000 Euro), die DFG sucht die Preisträger aus. Hubert Wolf erhielt den Communicator-Preis im Jahr 2004.

Thriller statt Fachaufsatz

Geschichtsschreibung lebt davon, Geschichten erzählen zu können.
Hubert Wolf (Foto: Andreas Kühlken/KNA)
Hubert Wolf (Foto: Andreas Kühlken/KNA)

Hubert Wolf

Communicator-Preisträger 2004

Sein Mut zu der denkbar unkonventionellsten Form der Veröffentlichung zahlte sich aus: Innerhalb kürzester Zeit wurde das Buch zum Bestseller, es erschien in zwölf Sprachen, verkaufte sich mehr als 200.000-mal und wird gerade zu einem Spielfilm aufbereitet. Es dürfte der meistgelesene Text sein, den ein Kirchenhistoriker jemals geschrieben hat. Die Kritik überschlug sich vor Lob – eben deshalb, weil Wolf jede Zeile des Buches belegen kann, mehr als 1.000 Fußnoten zeugen von seiner Akribie. Wer sein Buch richtig liest, vor dem breitet sich ein Panorama aus über Frömmigkeit im 19. Jahrhundert, über das Funktionieren von Kirche und über die Inquisition – nur eben nicht als theologischer Aufsatz verfasst, sondern als Thriller. „Selbst Fachkollegen schreiben mir, dass sie in diesem Buch erstmals die Zusammenhänge jener Zeit verstanden hätten.“

Hubert Wolf und die Wissenschaftskommunikation

Die Trophäe von Hubert Wolf (Foto: Christian Bohnenkamp)
Die Trophäe von Hubert Wolf (Foto: Christian Bohnenkamp)

2004 erhielt der Kichenhistoriker Hubert Wolf den Communicator-Preis. Hier spricht er darüber, was die Auszeichnung für ihn bedeutet. 

Sein Kirchenthriller sagt viel aus über die Arbeitsweise von Hubert Wolf. „Geschichtsschreibung lebt davon, Geschichten erzählen zu können“, sagt er selbst, und dann fügt er den entscheidenden Satz hinzu: „Aber man braucht auch die Reflexionsebene!“ Die hat er sich hart erarbeitet: Es müssen Jahre seines Lebens sein, schätzt Hubert Wolf, die er inzwischen in den vatikanischen Archiven zugebracht hat und die ihn zu einem der gefragtesten Experten auf dem Feld der Kirchengeschichte gemacht haben. Auch mit dem Leibniz-Preis ist er für seine Forschung ausgezeichnet worden, als einer der ganz wenigen Geisteswissenschaftler überhaupt.

Dass Hubert Wolf in den mehr als zwei Jahrzehnten, die er an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster lehrt, zu einem eingefleischten Münsteraner geworden ist, merkt man dann, wenn man ihn in der Stadt auf dem Fahrrad trifft. Zehn Minuten braucht er von seinem Zuhause ins Institut und selbst mit seinem stets korrekten Anzug fällt er unter den Radlern von Münster nicht weiter auf – „ich habe sogar wasserdichte Klamotten, die man über das Sakko ziehen kann, wenn es einmal richtig regnet“, sagt er. Immer noch besser, als Zeit mit dem Autofahren zu verlieren, denn da dauert die Strecke mehr als doppelt so lang. An seine Heimat erinnert nur die Gangschaltung: „In Münster gibt es keine Steigungen, da braucht man eigentlich nur drei Gänge“, sagt er lachend, „aber wer wie ich aus Schwaben kommt, hat natürlich trotzdem eine 21-Gang-Schaltung.“

Der eigentliche Unterschied aber ist ein anderer: Münster ist katholisches Kernland, während sein Geburtsort Wört eine katholische Enklave im protestantischen Württemberg ist. Bis heute klingt bei Hubert Wolf die schwäbische Sprachfärbung durch und besonders stark wird sie, wenn er über seine prägenden Kindheitserlebnisse erzählt. Darüber zum Beispiel, dass er mit zwölf Jahren erstmals in einem Archiv war. „Ich komme aus einer bäuerlichen Familie und seit drei Generationen wurde die Geschichte überliefert, dass unsere Nachbarn einmal den Grenzstein auf einem Feld verschoben haben, um uns ein paar Quadratmeter Land zu klauen“, sagt er. Dieser Sache wollte er auf den Grund gehen und bat den Bürgermeister, einmal in das Gemeindearchiv schauen zu dürfen. Der nahm ihn mit auf den Dachboden, wo die Unterlagen des örtlichen Gerichts aufbewahrt wurden. Als Hubert Wolf feststellte, dass die Akten alle in Sütterlin geschrieben sind, ließ er sich diese Schrift von seiner Großmutter beibringen und blieb so lange beharrlich bei der Sache, bis er herausfand, dass an der alten Familiengeschichte tatsächlich etwas dran war und die Nachbarn für ihr Vergehen gehörig bestraft worden waren.

Diese erste eigene Forschung war prägend für den Jungen: Dass man in Archiven der Wahrheit auf die Spur kommen kann, lernte er; dass es in wichtigen Fragen der Beharrlichkeit bedarf und dass die Ergründung der Vergangenheit einen unmittelbaren Bezug zur Gegenwart hat.

Vom Theologen zum Historiker

Trotzdem: Nach dem Abitur studierte Hubert Wolf erst einmal nicht Geschichte, sondern Theologie. Mit 23 Jahren predigte er als Diakon jeden Sonntag, mit 25 Jahren wurde er zum Priester geweiht. Dass er später seine wissenschaftlichen Erkenntnisse gut vermitteln konnte, das hat seine Wurzeln wohl auch in dieser Zeit: Seine damals sieben Jahre währende Tätigkeit als Diakon und Priester entsprechen 392 Sonntagspredigten, dazu kommen Beerdigungen, Taufen, Feiertage – eine gewaltige Schule, sagt Wolf im Rückblick. „Man kriegt sofort mit, was von der Predigt eigentlich angekommen ist und wie man die Inhalte so rüberbringt, dass die Gemeinde sie versteht. Wenn ich in den 15 Minuten der Predigt zehnmal von Gnade rede, ist klar: Das sagt den Leuten nichts.“ Dann promovierte Hubert Wolf mit 30 Jahren in Kirchengeschichte; mit 31 folgte die Habilitation, mit 32 die erste Professur – und jene Sondererlaubnis des Papstes, im Archiv der Glaubenskongregation zu forschen.

Klosterbibliothek der Abteil Maria Laach (Foto: Christian Bohnenkamp)
Klosterbibliothek der Abteil Maria Laach (Foto: Christian Bohnenkamp)
Eindrucksvolle Fotokulisse: Die Klosterbibliothek der Abtei Maria Laach

„Es ist in diesem Archiv alles ein wenig anders als in den Thrillern von Dan Brown“, sagt Hubert Wolf: Im Erdgeschoss und im ersten Kellergeschoss des imposanten Palazzo del Sant՚Ufficio lagern die Akten, aber der einzige Zugang führte damals über den dritten Stock. Dort hatte Joseph Kardinal Ratzinger sein Büro, der spätere Papst Benedikt XVI., und von den Fluren aus begann der Abstieg ins Archiv. „Das Licht kam von einer alten Glühbirne, die Unterlagen standen in Holzregalen, in der Ecke hing ein großes Holzkreuz. Mehrere Reihen von Pergamentbänden waren dort gelagert, es gab nur halbhohe Tische als Ablage, die zum Stehen zu niedrig, zum Sitzen zu hoch waren – und keine Steckdose. Für unseren vorsintflutlichen Laptop mussten wir am nächsten Tag eine 30-Meter-Kabeltrommel mitnehmen“, sagt Hubert Wolf. Wochenlang tauchte er mit einem Assistenten in die Unterlagen ein, immer von morgens 8 Uhr bis 13:30 Uhr. „Jede Akte, die man aufschlägt, birgt eine Überraschung. Es war ein Arbeiten ohne Inventarlisten und ohne eine Vorstellung darüber, wie das Archiv überhaupt aufgebaut ist“, erzählt er, und die Faszination ist ihm bis heute anzumerken. Faszination? Ach was: Vom „Virus der vatikanischen Archive“ spricht Hubert Wolf und darüber, dass sich jeder wissenschaftliche Mitarbeiter, den er in all den Jahren mit hineingenommen hat in die Tiefen der Archive, angesteckt habe.

Inzwischen greift er auch aktiver in gegenwärtige Debatten ein, gestützt auf seine Detailkenntnis der kirchlichen Vergangenheit. Sein jüngster Coup: Vor einem Jahr veröffentlichte er ein Plädoyer gegen den Zölibat – und begründet in 16 Thesen, warum er abgeschafft werden sollte. Wenn er sich als hochdekorierter Forscher und Priester in solche Gefechte stürzt, dann kann er sich einer breiten Aufmerksamkeit sicher sein. „Für mich ist die Geschichte ein locus theologicus, ein theologischer Erkenntnisort“, sagt er: „Wer in die Vergangenheit blickt, heißt es, der findet für theologische Fragen ganz neue Erkenntnisse.“

Damit macht Hubert Wolf im Großen das, was ihn schon als Zwölfjährigen umgetrieben hatte, als er nach der Wahrheit über den Streit mit dem Grenzstein gesucht hatte: Er gibt den Themen der Gegenwart mit dem Blick in die Geschichte eine neue Perspektive.

Über diese Serie

Foto: Nadine Gerold
Foto: Nadine Gerold

20 Jahre Communicator-Preis - Grund genug für MERTON, die bisherigen 20 Preisträger in einer besonderen Bild- und Artikelserie zu würdigen. Nicht nur der Fotograf Christian Bohnenkamp setzt die Protagonisten in stimmungsvolles Licht, auch der Autor Kilian Kirchgeßner bringt sie in seinen Texten zum Leuchten. Wer die ausdrucksstarke Bilder einmal aus der Nähe sehen will: Das Wissenschaftszentrum Bonn präsentiert die Werke voraussichtich im Sommer 2021 in einer kleinen Retrospektive. 

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