Mawada Amir-Nawaf ist Zahnärztin aus dem Sudan - und kämpft in Heidelberg um die Anerkennung ihres Studiums. (Foto: Murat Türemis)

Deutschland der Chancen

Viele Unternehmen würden gern Flüchtlinge einstellen. Aber die Hürden dafür sind hoch und die Erfolge bislang bescheiden. Trotzdem könnte die Debatte dabei helfen, Deutschland für Arbeitsmigranten attraktiver zu machen.

Deutsche Luxusautos gab es auch in Syrien, bevor der Krieg begann. Die Mächtigen des Landes zeigten sich darin gern ihrem Volk. Auch der oberste Machthaber Baschar al-Assad. Automarken waren alles, was der syrische Junge Shwan Ramo von Deutschland kannte, bevor er vor drei Jahren mit seinem Onkel aus dem Bürgerkriegsland floh. Heute baut Shwan selbst an seinem Traumauto – als Auszubildender bei Porsche im Stuttgarter Stammwerk.

Wie können Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt integriert werden? Über diese Frage wird aktuell viel diskutiert. Welche Probleme es dabei geben kann, das vergisst man kurz, wenn der 19-jährige Shwan vor einem sitzt. Er lächelt herzlich, sein Porsche-Overall ist fast staubfrei, und sein Deutsch hat einen schwäbischen Klang. Zuerst hat Shwan einen Deutschkurs gemacht, dann ein Vorbereitungsjahr bei Porsche. Im Anschluss konnte er hier die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker beginnen. Inzwischen ist er im zweiten Lehrjahr, gerade ist Motorenschulung dran. Turbo-Integration sozusagen.

Shwan Ramo (Foto: Murat Türemis)
Vollgas bei Porsche: Shwan Ramo ist Flüchtling - und Azubi beim Sportwagenhersteller

Wenn man Shwan fragt, wie er das geschafft hat, antwortet er, für Syrer seien die Regeln etwas einfacher, im Bleiberecht und auch bei der Arbeitserlaubnis. Außerdem habe es ihm geholfen, früh in eine WG mit deutschen Mitbewohnern zu ziehen. Shwan sei sehr bescheiden, erzählen mir seine Kollegen später. In Wirklichkeit strenge er sich wahnsinnig an, nehme Nachhilfeunterricht und gehe abends mit anderen Auszubildenden den Unterrichtsstoff durch. Von 7.000 Bewerbern auf einen Ausbildungsplatz habe man insgesamt nur 200 ausgewählt, berichtet der Porsche-Pressesprecher Matthias Rauter. Shwan musste dabei die gleichen Kriterien erfüllen wie alle anderen.

Die Zahlen sind bislang ernüchternd

Wie besonders dieser Fall ist, wird noch klarer, wenn man auf die Statistiken schaut. Bei einer Umfrage vor einem Jahr hatten alle DAX-Unternehmen zusammen etwa 300 Ausbildungsplätze für Flüchtlinge geschaffen. Bei Porsche haben inzwischen zwei Flüchtlinge einen Ausbildungsplatz erhalten. Viele Unternehmen zögerten vor allem wegen der unsicheren Rechtslage bei Flüchtlingen sowie deren mangelnden Sprachkenntnissen, ergab eine Befragung durch die Integrations-Initiative der Deutschen Wirtschaft.

Bei Porsche hat man deshalb ein „Integrationsjahr“ ins Leben gerufen mit bislang 30 Teilnehmern. Hier sollen die grundlegenden Probleme geklärt und erste Kenntnisse der Arbeitswelt vermittelt werden. Im Anschluss gehen die Teilnehmer zu einem Partnerunternehmen, meistens aus dem Mittelstand, das nicht so viele Bewerber hat wie der Sportwagenhersteller. 

Shwan ist schon wieder zu seiner Klasse zurückgekehrt. Durch die Glaswände des Porsche-Ausbildungswerks kann man sehen, wie sie gemeinsam an einer Motorenskizze arbeiten. Danach überprüft die Gruppe ihre Ergebnisse im Motorraum eines Sportwagens in der Produktionshalle. Alles ist leise, weiß und lichtdurchflutet. Das Ganze erinnert eher an ein Labor als an eine Autofabrik. Dass Shwan es bis hier geschafft hat, darauf sind seine Freunde in Syrien stolz. Zurück wolle er allerdings nicht. Er fange ja hier gerade ein neues Leben an.

Die Zahnärztin aus dem Sudan

Mawada Amir-Nawaf muss auf ihr neues Leben noch warten. Sie ist Zahnärztin aus dem Sudan. Mawada lebt seit drei Jahren in Heidelberg und wartet auf die Anerkennung ihres Hochschulabschlusses. In dieser Zeit hat sie als Dolmetscherin gearbeitet, als Babysitterin, sogar als Putzfrau. Nur nicht als Zahnärztin. Immer, wenn sie es fast geschafft hat, kommt ihr etwas dazwischen. Trotzdem nicht aufzugeben, das musste sie schon lernen, als sie noch ein Kind war.

Mawada ist acht Jahre alt, als der Unfall passiert. Sie ist auf dem Nachhauseweg von ihrer Schule im sudanesischen Karthum. Plötzlich erfasst sie ein Auto und fährt zweimal über ihren Fuß. Sie wird so schwer verletzt, dass sie mehrere Monate im Krankenhaus verbringt. Weil die Schmerzen wiederkehren, wird sie in den folgenden Jahren mehrfach operiert. Mit 16 Jahren bekommt sie zwei Gehhilfen, darauf steht in winzigen Buchstaben „Made in Germany“. „Da habe ich mich das erste Mal für dieses Land interessiert“, erzählt Mawada. Gleichzeitig habe sie gelernt, niemals aufzugeben.

Mawada hat im Sudan Zahnmedizin studiert, auf Englisch, und zwei Jahre lang hat sie als Zahnärztin gearbeitet. Dann bot ihr ein Hochschulprofessor aus Heidelberg an, zum Hospitieren nach Deutschland zu kommen. Die Klinik in Heidelberg hat einen exzellenten Ruf. Also sagt Mawada zu und kommt 2014 hierher.

Mawada Amir-Nawaf (Foto: Murat Türemis)
Mawada Amir-Nawaf wartet auf die Anerkennung ihres Hochschulabschlusses

Doch die Behörden stellen sich quer, fordern weitere Dokumente: „Ich hatte das Gefühl, niemand war vorbereitet auf den Fall einer Zahnärztin aus dem Sudan“, erzählt Mawada lächelnd. Vermutlich macht es die Sache nicht leichter, dass sie Muslimin ist und Kopftuch trägt. In England hätte Mawada mit ihrem Hochschulabschluss sofort als Zahnärztin arbeiten können. Aber sie will in Deutschland arbeiten.

Ich hatte das Gefühl, niemand war vorbereitet auf den Fall einer Zahnärztin aus dem Sudan.
Mawada Amir-Nawaf (Foto: Murat Türemis)

Mawada Amir-Nawaf

Für ihre Anerkennung soll sie einen Fachsprachenkurs besuchen, der allerdings nur in Freiburg angeboten wird, also zwei Zug-Stunden entfernt. Mawada muss nebenher arbeiten gehen, um Geld zu verdienen. Durch die Nebenjobs rückt ihre Anerkennung wieder in weite Ferne. Gerade noch rechtzeitig erfährt sie von einem Stipendium der Baden-Württemberg-Stiftung, das genau für Fälle wie ihren gedacht ist. Sie erhält eine Zusage und kann endlich den Sprachkurs abschließen.

Es ist ein altes Problem, das durch die Flüchtlinge in den vergangenen Jahren wieder hochaktuell geworden ist: Die Anerkennung von Berufsabschlüssen dauert zu lang. Deshalb können viele ausländische Fachkräfte nicht in den Berufen arbeiten, die sie eigentlich gelernt haben. Und das, obwohl sie gerade im Gesundheitsbereich dringend gebraucht werden. Das Modellprojekt der Baden-Württemberg-Stiftung sucht Wege, hier etwas zu ändern. Rund 380 Personen wurden bereits mit einer Brückenförderung unterstützt. In den meisten Fällen waren es Ärzte, viele aus Syrien.

Noch ist Mawada nicht am Ziel. Weil ihr Sprachkurs lang gedauert hat, liegt ihr Antrag auf Anerkennung derzeit wieder auf Eis. Aber sie gibt nicht auf. Vielleicht kann sie dank einer Ausnahmeregelung schon bald arbeiten. Inzwischen gibt es sogar eine weitere Zahnärztin aus dem Sudan in ihrem Sprachkurs. Viele würden Deutschland inzwischen als „Land der Chancen“ sehen, erzählt Mawada. Sie auch. Trotz aller Startschwierigkeiten. Eins würde sie aber allen raten, die hierher kommen wollen: „Kommt mit Euren Qualifikationen!“ Wer versucht, als Flüchtling in Deutschland Fuß zu fassen, werde zwar versorgt. Aber der Respekt vor einem Berufsabschluss sei höher. „Auch wenn es lange dauert: Am Ende bekommt man die Dinge mit einem Lächeln.“

Integration durch Bildung

Das Förderprogramm „Integration durch Bildung“ des Stifterverbandes ermöglicht Flüchtlingen eine bessere Zukunft in Deutschland. Gefördert wird der Aufbau von Strukturen, die dauerhaft und flächendeckend zur besseren Integration beitragen; außerdem werden Flüchtlinge individuell unterstützt. Der Stifterverband und das Unternehmen Porsche unterstützen gemeinsam die Baden-Württemberg-Stiftung bei dem „Stipendienprogramm Berufliche Anerkennung“. So soll mehr Menschen ermöglicht werden, eine volle Anerkennung ihrer im Ausland erworbenen Berufs- und Studienabschlüsse zu erhalten. 

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