Knipex: Weltweit erfolgreich mit Zangen (Foto: Milan Stojanovic/iStock)

Die Cronenberger Innovationsschmiede

Made in Germany: Wie ein Familienunternehmen aus Wuppertal mit einem eher unscheinbaren Produkt für Handwerker den Weltmarkt erobert hat.

Handwerkzeuge sind für die Menschheitsgeschichte seit jeher von immenser Bedeutung: Schon vor rund einer Million Jahren nutzen Steinzeitmenschen Faustkeile zum Hacken, Schaben oder Schneiden. Der Grundstein für die moderne Zivilisation war gelegt. Eines der vielfältigsten Werkzeuge ist die Zange. Sie wurde in Europa etwa im zweiten vorchristlichen Jahrtausend entwickelt, als Menschen begannen, Eisen zu schmieden. „Mit der Zange konnten sie glühendes Eisen fassen und beim Zuschmieden auf dem Amboss halten“, erläutert Ralf Putsch. 

Ralf Putsch (Foto: Knipex/Jakob Studnar)
Ralf Putsch führt den Hidden Champion Knipex in 4. Generation.

Der 59-jährige Unternehmer kennt sich mit Zangen bestens aus – er ist Chef der Zangenfabrik Knipex-Werk C. Gustav Putsch KG. Sein Urgroßvater hat das Unternehmen in Cronenberg bei Wuppertal gegründet. Mit großem Erfolg: Aus der kleinen Schmiede von einst ist heute ein wahrer Hidden Champion geworden – der Weltmarktführer für Profizangen. 

Die Unternehmensgeschichte beginnt im Jahr 1882 mit großem Getöse: Gemeinsam mit einem Gesellen und zwei Lehrlingen fertigte Zangenschmied Carl Gustav Putsch im Keller seines Wohnhauses per Hand Kneif- und Hufbeschlagzangen. Die Geschäfte laufen offensichtlich von Anfang an gut: Bereits acht Jahre nach der Firmengründung rüstet der Handwerker seine Schmiede mit einem Fallhammer aus. Die Firmenchronik vermerkt dazu: „Das ganze Haus erbebte beim Betrieb des Hammers.“

Weltweit erfolgreich

Heute beschäftigt die Knipex-Gruppe, zu der drei weitere Werkzeug-Firmen in Deutschland gehören, mehr als 1.500 Mitarbeiter. Die Produktionsfläche im Cronenberger Werk, (inzwischen Wuppertaler Stadtgebiet), ist auf 48.000 Quadratmeter in mehr als 20 Gebäuden angewachsen. Und Knipex ist weltweit aktiv: In den USA, in Mexiko, Russland, Dubai, China und Japan ist das Unternehmen mit Auslandsniederlassungen vertreten. In mehr als 20 Staaten ist Knipex mit eigenen Verkäufern präsent. Etwa zwei Drittel der Produktion geht in den Export. So sind die Zangen mit den rot-blauen Kunststoffgriffen in Europa bei der Verkabelung im Airbus im Einsatz, aber auch bei russischen Weltraumprojekten oder bei der Wartung von chinesischen Hochgeschwindigkeitszügen. Fast jeder Handwerker hat mindestens eine Knipex-Zange in seinem Werkzeugkoffer.

Zum weltweiten Geschäftserfolg tragen stets mehrere Faktoren bei. Dazu gehören eine hohe Produktqualität, die umfassende Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter sowie vor allem bei mittelständischen Unternehmen auch ein hoher Spezialisierungsgrad. Bei Knipex kommt noch eine ausgeprägte Innovationskultur hinzu: „Wir statten unsere Zangen gezielt mit einem Mehrwert aus“, sagt Ralf Putsch. Dafür sieht er zwei Ansätze: „Deren Funktion verbessern und mehrere Funktionen in einem Werkzeug verbinden.“ 

Einen ersten großen Schritt in die Welt der Innovationen machte Knipex 1973 mit einer neuartigen Wasserpumpenzange. Sie verfügte über ein selbstklemmendes Maul für Rohre und Muttern. „Die Konstruktion ersparte dem Handwerker das Zusammenpressen der Griffe bei der Anwendung“, erläutert Ralf Putsch. Bis heute ist die „Alligator“ genannte Zange eines der bestverkauften Produkte aus dem Knipex-Sortiment. 

Etwa 30 Ingenieure und Techniker sind bei Knipex in unterschiedlichem Ausmaß in der Forschung und Entwicklung tätig. Sie suchen nach Lösungen, um Knipex-Zangen noch leistungsfähiger und nützlicher zu machen. Die Experten schauen sich dazu in verwandten Branchen um, erkunden in Hochschulen und Forschungseinrichtungen die neuesten Technologien und Verfahren. Ralf Putsch lobt das Resultat: „Auch weil wir in größerem Umfang eigene Verfahren und Maschinen entwickeln, ist unser Innovationstempo überproportional hoch.“ Zum Know-how-Transfer aus der Wissenschaft in die Unternehmen trägt auch die 2014 an der Solinger Dependance der Bergischen Universität eingerichtete Stiftungsprofessur „Neue Fertigungstechnologien und Werkstoffe“ bei. Knipex ist einer der Stifter (siehe Infobox). Neuester Innovationstrend: Zangen verstärkt mit Elektronik verbinden. Der Thüringer Werkzeugbauer Rennsteig, eine Tochtergesellschaft von Knipex, rüstet Spezialzangen bereits mit elektronischer Messtechnik aus. So werden die Zangen auch noch intelligent. 

(Foto: SPITZLICHT FOTOGRAFIE Daniel Schmitt)
Der „Alligator“ unter den Zangen

Wissenschaft verbessert Werkzeuge

Sebastian Weber (vorne; Foto: Michael Mutzberg)
Stiftungsprofessor Sebastian Weber (vorne) mit dem Rasterelektronenmikroskop.

Eine Brücke von der Wissenschaft zur Wirtschaft schlägt der 2014 an der Bergischen Universität Wuppertal eingerichtete Stiftungslehrstuhl „Neue Fertigungstechnologien und neue Werkstoffe“. Von ihm erhofft sich die regionale Industrie neue Erkenntnisse für Innovationen. Das Herzstück des Lehrstuhls ist ein rund 120.000 Euro teures Rasterelektronenmikroskop. Damit können Lehrstuhlinhaber Sebastian Weber und seine Mitarbeiter die chemische Zusammensetzung metallischer Produkte analysieren. Auf dieser Basis lassen sich beispielsweise Aussagen darüber machen, wie sich Werkzeuge während einer Wärmebehandlung verändern. Werkzeugbauer können so ihren Herstellungsprozess optimieren.

Initiiert haben den Stiftungslehrstuhl 12 mittelständische Unternehmen aus der Region – darunter auch Knipex. Gemeinsam mit dem Stifterverband und der Sparkasse Solingen stellen die Firmen für die Finanzierung des auf fünf Jahre ausgelegten Lehrstuhls mehr als 1,5 Millionen Euro zur Verfügung.

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