Nazli Hodaie (Foto: Simon Bierwald/INDEED Photography)
Nazli Hodaie (Foto: Simon Bierwald/INDEED Photography)

Die Macht von Begriffen

Wenn es darum geht, dass Lehrkräfte ethnische und kulturelle Vielfalt in einer Klasse nicht als Einschränkung wahrnehmen sollen, fällt oft der Begriff der „interkulturellen Kompetenzen“. Doch ist er noch zeitgemäß? Die Wissenschaftlerin Nazli Hodaie und ihr Kollege Hans-Joachim Roth im Streitgespräch.

Interkulturalität als Haltung sucht nach Wegen, wie verschiedene Kulturen miteinander kommunizieren und einander anerkennen können. Was ist daran falsch?
Nazli Hodaie: Die Konzepte des interkulturellen Lernens sind an sich sehr vielfältig und facettenreich, der Begriff selbst wird aber im pädagogischen Alltag auf gefährliche Weise vereinfachend genutzt. Ich erlebe es immer wieder, dass Eltern sowie die Schülerinnen und Schüler auf ihre kulturelle Zugehörigkeit reduziert werden. Nehmen wir einmal mich als Beispiel: Ich bin Iranerin. Aber ich bin auch Frau, Mutter, Hochschullehrerin – es gibt sehr viele Aspekte, die mich ausmachen und die mich von anderen Menschen unterscheiden. Aber wenn ich mich mit Lehrplänen oder der Haltung vieler Lehrkräfte auseinandersetze, dann fällt mir auf, dass hier die Kultur als entscheidende Differenzdimension wahrgenommen und dargestellt wird. Ich habe zum Beispiel von als interkulturell bezeichneten Workshops für Lehrpersonen mit dem Titel „So ticken die Araber“ gehört. Da stehen mir die Haare zu Berge, denn „den Araber“ gibt es nicht. Ich persönlich verwende in diesem Zusammenhang den Begriff Kultur deshalb gar nicht mehr und spreche lieber von einem historisch, gesellschaftlich und biografisch veränderlichen kulturellen Kontext
 

Hans-Joachim Roth: Ich sehe auch die Gefahr, dass Interkulturalität als Ansatz missverstanden werden kann. Aber wir dürfen eingeführte wissenschaftliche Begriffe nicht einfach über Bord werfen, nur weil sie in der Alltagspraxis falsch verwendet werden. In erster Linie ist der Kulturbegriff einmal ein analytisches Werkzeug, mit dem wir beschreiben können, wie Menschen die Welt, in der sie leben, zu einer gemeinsamen gestalten. Dass der Begriff normativ verwendet wird, dass Menschen sagen: „Die Araber sind so“, ist ja nicht dem Kulturbegriff als solchem geschuldet. Das nennen wir kulturalisieren, wenn der Kulturbegriff zu einer Handlungsnorm für alle umgedeutet wird.

Hans-Joachim Roth (Foto: Simon BIerwald/INDEED Photography)
Hans-Joachim Roth (Foto: Simon BIerwald/INDEED Photography)

Hans-Joachim Roth ist Professor für Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt
interkulturelle Bildungsforschung an der Universität zu Köln.

Welche konkreten Probleme ergeben sich denn dadurch im Schulalltag?
Nazli Hodaie: Wenn Ausdrücke wie „unsere türkischen oder persischen Schüler“ fallen, dann verbirgt sich meiner Meinung nach dahinter ein Denkmuster, das nicht imstande ist, diese Schülerinnen und Schüler als Teil des Schulsystems und der Migrationsgesellschaft als ebenbürtig zugehörig wahrzunehmen. Aber wir wissen, dass Lehrpersonen an einzelne Schülergruppen aufgrund bestimmter Zuschreibungen geringere Leistungserwartungen haben, dass man lange Zeit davon ausgegangen ist, dass in Zuwandererfamilien weniger gelesen wird. Der geschlossene Kulturbegriff fördert diese Wahrnehmung, indem er suggeriert, dass es hier einen kulturell motivierten Unterschied gibt.

Hans-Joachim Roth: Die Kultur gehört in die Lebenswelt eines Menschen, sie darf aber nicht als dominant betrachtet werden. Und schon gar nicht darf der Mensch vor diesem Hintergrund beurteilt werden. „Die Türken, die reden nicht viel, die hauen gleich“ – das ist in der Tat eine Aussage, die man in der interkulturellen Literatur der 70er-Jahre finden kann. So tappen wir in die sogenannte Kulturfalle. Aber wir können auch zum Beispiel in einer Zeugniskonferenz die Lebenssituation eines Kindes rekonstruieren – der Familie geht es nicht so gut, es gibt Geschwisterkonflikte, das Kind hat kein eigenes Zimmer – und damit erklären, warum die Performance in einem Fach nicht so ist, wie sie sein könnte. Es ist inzwischen erwiesen, dass es keinen belastbaren Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und Schulleistung gibt, sondern einen Zusammenhang zwischen der sozialen Situation und der Schulleistung. Der spiegelt sich nur indirekt in der Herkunft wider, weil Zuwandererfamilien längere Zeit brauchen, um sich gesellschaftlich zu etablieren.

Der Begriff Migrationshintergrund, der zuerst ein Fortschritt war, ist inzwischen überkommen. Er ist ein Problemlabel.
Hans-Joachim Roth (Foto: Simon BIerwald/INDEED Photography)
Hans-Joachim Roth (Foto: Simon BIerwald/INDEED Photography)

Hans-Joachim Roth

Warum ist der Migrationshintergrund in der Bildungspolitik dann so ein großes Thema?
Hans-Joachim Roth: Auslöser dafür war sicher die Pisa-Studie. Es heißt, dass sie an der verfestigten Vorstellung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund schuld ist, indem sie den Zusammenhang von nationaler Herkunft und Bildungserfolg auf breiter Basis untersucht hat. Aber der Begriff hat ja eigentlich einen ganz anderen Ursprung. Er war ein Versuch, vom Konzept Inländer und Ausländer loszukommen und anzuerkennen, dass es in Deutschland Menschen gibt, die unabhängig von ihrem Pass hier geboren und aufgewachsen sind und in unserem Bildungssystem entsprechend berücksichtigt werden müssen. Inzwischen ist in diese Gruppe viel Geld geflossen und daran ist meiner Meinung nach nichts Schlechtes. Schließlich hat sich in den 60er- und 70er-Jahren, als die Eltern dieser Kinder noch „Fremdarbeiter“ oder „Gastarbeiter“ hießen, niemand um ihre Bedürfnisse gekümmert.

Nazli Hodaie (Foto: Simon Bierwald/INDEED Photography)
Nazli Hodaie (Foto: Simon Bierwald/INDEED Photography)

Nazli Hodaie ist Professorin für Deutsche Literatur und ihre Didaktik mit dem Schwerpunkt Heterogenität an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch-Gmünd.

Nazli Hodaie: Ich verstehe überhaupt nicht, warum Kinder aus Zuwandererfamilien automatisch Probleme in der Schule haben sollten. Je nach familiärem Hintergrund, Bildungsschicht und sozialer Situation der Eltern haben die Kinder ganz unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten. Umgekehrt weiß man, dass auch deutschsprachige Kinder ohne Zuwanderungsgeschichte Probleme mit Fachsprache haben. Mich stört an dem Begriff „Migrationshintergrund“ wieder, dass er problemfokussiert ist. Können wir nicht einfach sagen: Jedes Kind bekommt die Förderung, die es braucht, und Lehrkräfte bekommen entsprechende Analyseinstrumente an die Hand, um den Bedarf herkunftsunabhängig zu ermitteln?

Ich verstehe überhaupt nicht, warum Kinder aus Zuwandererfamilien automatisch Probleme in der Schule haben sollten.
Nazli Hodaie (Foto: Simon Bierwald/INDEED Photography)
Nazli Hodaie (Foto: Simon Bierwald/INDEED Photography)

Nazli Hodaie

Hans-Joachim Roth: Ich gebe zu, dass der Begriff Migrationshintergrund, der zuerst ein Fortschritt war, inzwischen überkommen ist. Er ist ein Problemlabel. Aber die Frage ist doch – und das gilt auch für die interkulturelle Bildung: Geht es uns darum, theoretisch ganz saubere Begriffe zu finden oder strategisch sinnvolle? Es hat sehr lange gedauert, um hier überhaupt ein Problembewusstsein zu schaffen. Sollen wir jetzt sagen: Sorry, wir haben uns geirrt?

Also brauchen wir kein neues Label anstelle der Interkulturalität?
Nazli Hodaie: Ich würde mir gerne, mit einem postmigrantischen Blick, einen anderen Begriff überlegen, der frei ist von Zuschreibungen und nicht die alten, problembehafteten Inhalte mittransportiert.

Hans-Joachim Roth: Ich denke, hier sind wir uns einig: Wenn wir einen guten Ersatzbegriff hätten, würden wir uns seiner bedienen. Aber niemand hat bisher eine klare Alternative. Meine Lösung ist deshalb, das Problem zu bearbeiten und weiterhin so zu benennen – aber für ein kritisches Verständnis des Begriffs zu sorgen und so die Kulturfalle zu vermeiden.

Stark durch Diversität

2018 haben Stifterverbandes und die Schöpflin Stiftung, gefördert durch die Stiftung Mercator, das Netzwerk „Stark durch Diversität – Förderung interkultureller Kompetenzen in der Lehramtsausbildung“ ins Leben gerufen. Darin kommen regelmäßig zehn Hochschulen zusammen, die zuvor im Wettbewerb „Spracherwerb stärken“ des Sonderprogramms „Integration durch Bildung“ ausgezeichnet wurden. Das Ziel: Gemeinsam mit weiteren Projekten und Institutionen über Best-Practise-Projekte und den Stellenwert von interkulturellen Kompetenzen in der Lehrerbildung auszutauschen.

2019 erschein zum Abschluss des Netzwerks die Handreichung „Lehrkräftebildung für die Schule der Vielfalt“. Die Publikation kann hier heruntergeladen werden.

Das Netzwerk Stark durch Diversität

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