Richard Merton (Illustration: Irene Sackmann)

Ein Freund der Wissenschaft

Richard Merton ist eine der wichtigsten Figuren in der Geschichte des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Doch wer war dieser Feingeist und Industrielle, der den Stifterverband nach dem Zweiten Weltkrieg neu begründete – und der unserem neuen Digitalmagazin seinen Namen leiht? Eine Spurensuche.

Das Buch ist natürlich vergriffen. Aber die großen Bibliotheken haben es noch im Bestand. Richard Merton, der vielfach ausgezeichnete Industrielle und Mäzen, der nach dem Zweiten Weltkrieg den Stifterverband mitbegründete und von 1949 bis 1955 sein erster Vorsitzender war, hinterließ Artikel, Aufsätze, Vorträge – und eine Autobiografie: „Erinnerungswertes aus meinem Leben, das über das Persönliche hinausgeht.“

Richard Merton (Foto: Stifterverband)

Man blättert im Buch, betrachtet die Fotografie dieses breitschultrigen Mannes, der nachdenklich wirkt, fast melancholisch, und ist gespannt: Was wird Merton, der als jüngstes Kind einer erfolgreichen Industriellenfamilie noch in der Kaiserzeit aufwuchs, über sich erzählen? Was berührte ihn, was prägte und entschied über seine Zukunft? Privates kommt allerdings kaum ans Licht. Kein Anekdötchen zum Vater Wilhelm Merton, dem vom Sohn Richard so verehrten Gründer der Metallgesellschaft und des Instituts für Gemeinwohl. Keine Details über den großbürgerlichen Haushalt der Frankfurter Familie, in dem Mertons Mutter Emma Ladenburg Regie führte.

Meister der Diskretion

Wie kultiviert der spätere Musik- und Kunstliebhaber und große Bücherfreund aufwuchs, kann man nur ahnen. Richard Merton war ein Meister der Diskretion. „Vom allgemeinen Gesichtspunkt gesehen Interessantes“, schreibt er, habe er erst vom Beginn des Ersten Weltkrieges an erlebt. Folgerichtig beginnt er den Bericht mit dem Jahr 1914, seiner Zeit als Oberleutnant im Ersten Weltkrieg. Nur darum erlaubte er sich die Veröffentlichung seiner Erinnerungen: Weil er als Zeitzeuge zweier Weltkriege etwas von allgemeinem Interesse zu erzählen hatte.

Sein Biograf Hans Aichinger immerhin weiß von Mertons immer guter Laune zu berichten, von seinem Optimismus, dem großen Selbstbewusstsein, der guten Gesundheit und dem klaren, analytischen Verstand. Elf Jahre lang arbeitete und lernte der junge Mann nach seinem abgebrochenen Jurastudium in den ausländischen Filialen des Konzerns seines Vaters und brachte von seinen Reisen eine Weltoffenheit mit, die ihn ein Leben lang in internationalen Zusammenhängen denken ließ. Nach dem Tod des Vaters 1917 wurde er selbst zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Metallgesellschaft und der Metallbank. Als Teil der Frankfurter Wirtschaftselite verfolgte er die sozialen Ziele seines Vaters weiter und begann darüber hinaus, sich politisch zu engagieren. Für die nationalliberale Deutsche Volkspartei saß er sowohl im Frankfurter Stadtparlament als auch im Reichstag

Flucht vor den Nazis

Dann kam der Einschnitt. Zwar waren die Mertons bereits im Jahr 1899 zum Protestantismus konvertiert, aber wegen ihrer jüdischen Abstammung wurde Richard Merton von den Nationalsozialisten enteignet und 1938 ins Konzentrationslager Buchenwald gesperrt. Die Historikerin Birgit Wörner geht davon aus, dass Richard Merton die Gefahr, die von den Nationalsozialisten für ihn und seine Familie ausging, „fürchterlich unterschätzt“ habe. „Er glaubte daran, dass seine Stellung ihn vor größeren Widrigkeiten bewahren würde.“

Bemerkenswerterweise bemüht er sich in seinen Erinnerungen, selbst dieser Zeit Positives abzugewinnen: „Rückblickend war der Aufenthalt in Buchenwald außerordentlich interessant und lehrreich.“ Den kurzen Absatz schließt er mit den Worten: „Über die Zustände im KZ zu schreiben unterlasse ich. Nach drei Wochen wurde ich entlassen.“

Es folgten Jahre des Exils in England. Merton war um Geld und Macht und Heimat gebracht worden, dennoch bezeichnete er seine Zeit auf dem Land häufig als seine glücklichste. 1945 allerdings drängte es ihn und seine zweite Frau Elisabeth Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg nach Hause zurück. Nie habe er Verständnis für die „persönlichen Ressentiments vieler Emigranten“ gehabt, schreibt er. Wohl auch deshalb war es ihm möglich, ohne Groll zurückzukehren – und gleich mit anzupacken

Es gibt keinen besseren Weg, dem sozialen Aufbau unseres Zeitalters gerecht zu werden, als durch die Förderung von Forschung und Lehre.
Richard Merton (Foto: Stifterverband)

Richard Merton

Vorstandsvorsitzender des Stifterverbandes von 1949 bis 1955

Ganz dem sozialen Handeln verpflichtet, das ihm bereits sein Vater vorgelebt hatte, bemühte sich Richard Merton um den Wiederaufbau des zerstörten Landes. Dem Betriebsrat der Metallgesellschaft, deren Vorsitz er erneut übernahm, versprach er, sein Bestes zu tun, „um zu helfen, die Metallgesellschaft wieder zu einer neuen, wenn auch bescheideneren Blüte als früher zu bringen und damit auch der Angestelltenschaft das Gefühl der Geborgenheit zu verschaffen“.

Förderer der Wissenschaft

Foto: Stifterverband
Auf dem Weg zur Jahresversammlung 1953 (v.li.n.re.): Ernst H. Vits (Generaldirektor der Wuppertaler Glanzstoff-Fabrik und späterer Vorstandsvorsitzender des Stifterverbandes), Bundespräsident Theodor Heuss und Richard Merton

Darüber hinaus lag ihm besonders die Zukunft der Wissenschaft in Deutschland am Herzen. 1948 rief er einen Gesprächskreis ins Leben, der als Keimzelle der „Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft“, dem Vorläufer des Stifterverbandes, gelten kann. „Es gibt keinen besseren Weg, dem sozialen Aufbau unseres Zeitalters gerecht zu werden, als durch die Förderung von Forschung und Lehre“, schrieb er. Da dem Staat das nötige Geld dafür fehlte, verlangte Merton mit der ihm eigenen moralischen Strenge von der Wirtschaft, sich über den Stifterverband für die Wissenschaft einzusetzen. „Wer sich von dieser steuerabzugsfähigen Förderung ausschließt, der drückt sich vor einer Verantwortung, die jeder der Allgemeinheit und sich selbst gegenüber hat.“ Ein Stifter, der sich als Mäzen im klassischen Sinn fühlen wolle, denke dabei weniger an den Eigen- als an den Gemeinnutz seiner Stiftung. So helfe man, kulturelle Werte zu erhalten und zu erschaffen. Und gerade dieser kulturelle Wert sei „ein unentbehrlicher Beitrag zur Erhöhung des Lebensstandards“.

Der Stifterverband verdankt Merton nicht nur seine Wiederbegründung – auch sein Geist wirkt weiter. Darum trägt die höchste Auszeichnung, die der Verband jährlich zu vergeben hat, seinen Namen: Es ist die Richard-Merton-Ehrennadel, die das Wirken von herausragenden Mitgliedern fördert.

Vieles mag man aus dem großen Engagement dieses hochkultivierten Mannes herauslesen. Aber vielleicht zeigt sich das Wesen Mertons am besten in einem Gedicht. Er kannte es aus seiner Kindheit, übersetzte es selbst nach seiner Rückkehr aus dem Konzentrationslager und fügte es, ungewöhnlich emotional, seinen Lebenserinnerungen an.

Richard-Merton-Ehrennadel

Die Richard-Merton-Ehrennadel ist die höchste Auszeichnung des Stifterverbandes. Sie wird an Persönlichkeiten verliehen, die durch ihr außergewöhnliches Engagement zur Verwirklichung der Ziele und Aufgaben des Stifterverbandes beigetragen haben.

Überblick über die bisherigen Preisträger

Es heißt „If“ („Wenn“), stammt von Rudyard Kipling und schließt mit folgenden Sätzen (in Mertons eigener Übersetzung):

„Wenn jedes Sechzigstel der unerbittlichen Minuten
Du füllen kannst mit Nützlichem und Gutem,
Dann ist die ganze Erde und was in ihr ist Dein Lohn
Doch was noch mehr bedeutet, dann bist Du ein Mann, mein Sohn!“

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