Vorbildliche Kooperation: Gewinnerprojekt des Deutscher Zukunftspreises 2010 (Foto: DZP/Ansgar Pudenz)

Fortschritt durch Kooperation

Es sollte konsensfähig sein, dass das Forschungs- und Innovationssystem ohne den Beitrag der Wirtschaft viel weniger leistungsfähig wäre. Ein Kommentar von Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes.

Die Debatte über das Verhältnis von Wirtschaft und Wissenschaft wird unter falschen Vorzeichen geführt. Denn während die Kritik am angeblich wachsenden Einfluss der Industrie auf die Hochschulforschung immer lauter wird, passiert tatsächlich genau das Gegenteil: Die Wirtschaft zieht sich aus den Hochschulen zurück. Deutsche Unternehmen forschen lieber im Ausland. Das mag die Kritiker beruhigen, für den Standort aber ist es ein Alarmsignal. Wir brauchen nicht weniger Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Hochschulen, sondern mehr.

Der Staat gibt das meiste Geld

Für deutsche Hochschulen spielt die deutsche Wirtschaft entgegen dem von vielen Medien vermittelten Eindruck beim Einwerben von Drittmitteln eine immer geringere Rolle. Im Jahr 2005 lag der Anteil der Drittmittel aus der Wirtschaft bei 28,1 Prozent. Seitdem sinkt er kontinuierlich. 2012 fiel er mit 19,9 Prozent auf ein historisches Tief. Nicht einmal jeden fünften Euro werben Hochschulen noch bei privaten Mittelgebern ein. Mehr als 70 Prozent ihrer Drittmittel stammen vom Staat oder staatlich finanzierten Geldgebern. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielschichtig. So hat der Staat sein Engagement im Zuge diverser Forschungspakte und Exzellenzinitiativen deutlich und überproportional ausgeweitet. Die Ausgaben der Unternehmen für Hochschulforschung sind in absoluten Zahlen gestiegen – mit 3,9 Prozent jährlich aber weniger stark als die Forschungsausgaben der Wirtschaft insgesamt.

Deutsche Unternehmen führen heute 78 Prozent ihrer Forschung und Entwicklung, für die sie 53,8 Milliarden Euro im Jahr ausgeben, selbst durch. 22 Prozent werden extern vergeben. Dabei verlieren deutsche Hochschulen an Boden. Im Jahr 2005 flossen noch 11,3 Prozent dieser externen Aufwendungen an Hochschulen, 2011 waren es nur noch 6,8 Prozent. Das ist der niedrigste Stand seit Beginn der Statistik 1991. Die Hochschulen profitieren also unterdurchschnittlich von den Forschungsinvestitionen der Unternehmen. Statt an deutschen Hochschulen führen Unternehmen ihre Forschung und Entwicklung zunehmend im Ausland durch. Der Auslandsanteil an der externen Unternehmensforschung stieg von 18,5 auf 22,3 Prozent. 

Zur Person

Andreas Schlüter (Foto: David Ausserhofer)

Andreas Schlüter ist seit 2005 Generalsekretär des Stifterverbandes. Er studierte Jura und Betriebswirtschaftslehre und ist Experte für das Thema Stiftungen und internationales Stiftungsrecht. Seit 2003 lehrt er an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln, zunächst als Privatdozent, von 2008 an als außerplanmäßiger Professor. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Veröffentlichungen zum bürgerlichen Recht, insbesondere Stiftungsrecht sowie zum Handels- und Wirtschaftsrecht.

Engagement der Wirtschaft ist unverzichtbar

Wir sollten diese Warnsignale ernst nehmen, bevor sich die hoch qualifizierte Arbeit langfristig dorthin verlagert, wo die Know-how-Basis sitzt. Deshalb müssen wir rechtzeitig die richtigen Rahmenbedingungen schaffen: Spitzenwissenschaftler nach Deutschland holen, ausgewogene Regeln finden, wie Hochschulen transparent über ihre Forschung für Unternehmen informieren, und nicht zuletzt für ein positives Klima der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft sorgen.

Es sollte konsensfähig sein, dass unser Forschungs- und Innovationssystem ohne den Beitrag der Wirtschaft viel weniger leistungsfähig wäre. Daraus folgt, dass ihr Engagement für die Wissenschaft nicht verwerflich, sondern erforderlich ist. Deutschland braucht eine Forschungskultur, die auf den Innovationsfaktor Kooperation setzt, auf den Transfer von Wissen, Ideen und Personen, die sich in den verschiedenen Sphären von Hochschule, Unternehmen, Labor und Ministerium auskennen.

Sich in den verschiedenen Sphären auszukennen, heißt auch: den Partner verstehen und respektieren. Es gab problematische Einzelfälle, aber die meisten Unternehmen wissen, wie wichtig die Unabhängigkeit der Forschung ist, und sie sind im eigenen Interesse gut beraten, daran nicht zu rütteln. Schließlich erwarten sie von den Hochschulen gerade das, was sie selbst nicht können: Grundlagenforschung auch ohne konkrete Anwendungsbezüge.

Kommentare anzeigen