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Gemeinsam auf den Gipfel

Sie treten aus Parteien, Gewerkschaften und Kirchen aus und ziehen sich dennoch nicht ins Private zurück. Immer mehr Bürger engagieren sich für die Gesellschaft, hat eine Studie herausgefunden. Zwei Beispiele zeigen, was sie sich einfallen lassen, um die Integration von Zugewanderten in Deutschland voranzubringen.

Irgendwann hat Anna Schober die vier Eritreer einfach mit in die Berchtesgadener Berge genommen. Sie hat den jungen Geflüchteten aus der Gemeinschaftsunterkunft in ihrem Dorf auf dem Display ihres Handys gezeigt, wo es hingehen soll, hat ihnen Rucksäcke in die Hand gedrückt und ist vormarschiert, die schmalen Wege zum Gipfelkreuz der Rotspielscheibe 1.940 Meter über dem Meeresspiegel hinauf. Sie hat ihnen die Steinerne Agnes gezeigt, den haushohen Obelisken, der auf 1.350 Metern Höhe wie ein riesiger Pilz aus den Felsen wächst, und ist mit ihnen durch die Wimbachklamm gewandert, ein Tal, das zwischen raue Felsen gezwängt am Fuße des Watzmanns liegt.

Anna Schober kannte die vier. Sie war ihre „Patin“, begleitete sie regelmäßig bei Behördengängen. Damals hat sie sich privat mit ihnen auf den Weg gemacht. Heute sind solche Wandertouren, in denen Geflüchtete mit Einheimischen die bayerischen Alpen vom Bodensee bis zum Königssee erkunden, ihr Job. Die 28-Jährige koordiniert das Projekt Alpen.Leben.Menschen (A.L.M.), das der Deutsche Alpenverein (DAV) mit dem Malteser Hilfsdienst gegründet hat. Es ist eines von vielen Projekten in Deutschland, mit denen Vereine Zugewanderte und Einheimische miteinander in Kontakt bringen.

Die Zivilgesellschaft wächst

Zivilgesellschafts-Expertin Jana Priemer
Zivilgesellschafts-Expertin Jana Priemer (Foto: David Ausserhofer)
Zivilgesellschafts-Forscherin Priemer: "So viele Vereine wie nie zvor."

„Aus Parteien, Gewerkschaften und auch den Kirchen treten die Mitglieder aus. Aber die gute Nachricht ist, dass das nicht heißt, dass die Deutschen sich zunehmend ins Private zurückziehen, wie in vielen Medien prophezeit wird“, sagt Jana Priemer. Sie sitzt weitab von der Bergwelt in Berlin, in der Geschäftsstelle von Zivilgesellschaft in Zahlen (ZiviZ), einer Initiative des Stifterverbandes, die seit 2008 zivilgesellschaftliche Trends und die Entwicklung des Vereinslebens in Deutschland untersucht. „Die Zivilgesellschaft wächst. Und sie engagiert sich in vielfacher Weise für die Integration von Zugewanderten“, sagt sie.

Im ZiviZ-Survey 2017 „Vielfalt verstehen. Zusammenhalt stärken“, der Ende Juni veröffentlicht wurde, kann man das nachlesen. „Es gibt inzwischen mehr als 633.000 gemeinnützige Organisationen in Deutschland“, sagt Jana Priemer. Jede siebte von ihnen (14 Prozent) habe sich in den vergangenen Jahren in der Hilfe von Geflüchteten engagiert. Sportvereine, Karnevalsvereine und andere Verbände, deren Angebote sich eigentlich an ganz andere Zielgruppen wenden. Fast jede vierte Organisation (24 Prozent) habe ihre „normalen“ Angebote auch für Flüchtlinge geöffnet und es ihnen so möglich gemacht, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. So wie der Deutsche Alpenverein.  

Im Rahmen der repräsentativen Studie wurden 6.300 kleine und große Vereine, Stiftungen und Genossenschaften befragt. Fast alle der Organisationen (95 Prozent) sind als Verein organisiert. 

ZiviZ-Survey: Die wichtigsten Ergebnisse

jung, muslimisch, aktiv

Ein Hemmnis für die Integration: „Gleich und gleich gesellt sich gern. Auch die seit Jahren in Deutschland lebenden Zugewanderten sind nicht hinreichend in das traditionelle Vereinsleben einbezogen worden“, sagt Jana Priemer. Das sei einer der Gründe, warum gerade in den Städten immer mehr Migranten ihre eigenen Vereine gründeten. Von 17.000 „Migrantenorganisationen“ bundesweit geht der ZiviZ-Survey aus. Zum Beispiel das Projekt JUMA (jung, muslimisch, aktiv). Es wird von den Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie Berlin (RAA Berlin) getragen, über die Robert Bosch Stiftung und die Open Society Foundations finanziert und steckt gerade in der Vereinsgründung. 

„JUMA will ein Forum sein für junge Muslime, die sich gesellschaftlich einmischen wollen, und bietet dazu verschiedene Möglichkeiten“, erklärt Yunus Güllü. Er ist der Vorstandsvorsitzende des Projektes, 19 Jahre alt und studiert Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Freien Universität Berlin. Im Dachgeschossbüro der RAA Berlin in einem Hinterhof in Berlin-Mitte hat es sich Yunus Güllü in einem Konferenzraum mit Fenster zum Himmel bequem gemacht, in dem sich auch die JUMAner alle zwei Wochen treffen. Eigene Räume hat das Projekt noch nicht.

„Wer sich bei uns engagieren will, kann etwa ‚Türöffner‘ werden und in seiner Gemeinde dafür sorgen, dass Muslime und Nichtmuslime miteinander ins Gespräch kommen“, sagt er. Er könne bei der Bildungsinitiative „ID-entity“ Schülern in Workshops vermitteln, warum das Abend- und das Morgenland sich gar nicht so unberührt voneinander entwickelt haben, wie oft angenommen werde. Oder er lasse sich zu einem Mentor ausbilden, der jungen Geflüchteten helfe, in Berlin anzukommen. „JUMA ist ein Geben und Nehmen“, sagt Yunus Güllü. In Seminaren lernen die JUMAner, was für ihre Aufgabe wichtig ist, und ihr Wissen geben sie dann in ihrer Rolle als Multiplikatoren weiter. Alle Angebote sind kostenlos.

Wir sind ein Forum für junge Muslime, die sich gesellschaftlich einmischen wollen.
Yunus Güllü (Foto: privat)

Yunus Güllü, JUMA e.V.

Die einzige Voraussetzung zum Mitmachen: „Man sollte sich dem muslimischen Glauben zugehörig fühlen und sich einsetzen für die Anerkennung von Muslimen in Deutschland“, sagt der Vorsitzende. Welcher Religionsrichtung man angehöre, ob man sich streng an die Regeln halte, Kopftuch trage oder im Ramadan faste, müsse jeder für sich selbst entscheiden. Er könne sich auch Nichtmuslime vorstellen, die sich bei JUMA engagieren, wenn sie das gleiche Ziel vor Augen haben. Auch die nationale Herkunft spiele keine Rolle. Die Jugendlichen haben Eltern, die wie seine in der Türkei geboren sind, die aus arabischen Ländern stammen oder auch aus dem Kosovo. „Diese Vielfalt macht uns aus“, sagt der Neuköllner. 

Über Religion oder Außenpolitik werde in der Regel nicht geredet. „Das ist nicht unser Thema.“ Bei ihren Treffen wird zum Beispiel über das Berliner Neutralitätsgesetz gesprochen und was es für Muslime bedeutet. Oder über die Frage, was deutsch ist. „Unsere Zukunftsvision ist selbstverständlich ein pluralistisches Deutschland, das offen ist für religiöse und kulturelle Vielfalt. Zu uns kommt nur, wer für diese Idee brennt“, sagt er.

Bisher hat JUMA 40 Mitglieder, 30 Anträge laufen. Das Interesse sei groß. Der Vorsitzende rechnet mit weiteren Anträgen. Organisiert und koordiniert wird der Verein von einer Geschäftsführerin in Teilzeit, einer Mitarbeiterin der RAA, die auch weiter für JUMA arbeiten wird. „Es ist für uns enorm hilfreich, dass wir professionell geführt werden“, sagt der 19-Jährige.

In der Öffentlichkeit ist JUMA recht bekannt. Seit einigen Jahren lädt das Projekt am Ende des Ramadans zum Fastenbrechen beim Iftar-Fest ins Rote Rathaus ein. Wenn die Bundesregierung ihren Zweiten Engagementbericht präsentiert, steht Yunus Güllü hinter dem Rednerpult. Stolpersteine putzen mit Vertretern einer jüdischen, einer christlichen und einer Bahai-Gemeinde stand schon auf dem Programm. Damit liegt das Projekt im Trend. Mehr als 84 Prozent der Migrantenverbände organisieren interkulturellen Austausch. Während Migrationsorganisationen lange Zeit als Orte der Entwicklung einer Parallelgesellschaft galten, zeigten neuere Studien, dass sie wichtige Akteure der Integrationsarbeit seien, schreiben die Autoren des ZiviZ-Surveys. 

Die sozialen Aspekte des Wanderns

Foto: DAV Tutzing

Zurück nach Bayern. Anna Schober ist in den Bergen aufgewachsen. Seit sie denken kann, ist sie mit ihren Eltern wandern gegangen. Seit ihrer Geburt ist sie Mitglied des Deutschen Alpenvereins, bis zu ihrem 18. Geburtstag als Familienmitglied, dann als eigenständiges Mitglied.

Geflüchtete, die wandern gehen? „Nicht bei allen sind wir mit der Idee auf Zustimmung gestoßen“, sagt sie. Dass Menschen die Berge und Wälder, das Bewegen in der freien Natur nicht wie sie selbst als etwas Positives wahrnehmen, habe sie erst verstanden, als sie ihren Job als Koordinatorin begonnen habe. „Für Geflüchtete ist Wald oft völlig anders konnotiert. Manche kommen aus Ländern, in denen dort gefährliche Tiere leben, andere mussten sich auf ihrer Flucht im Wald verstecken“, sagt sie. Auch warum man aus reinem Vergnügen die körperlichen Strapazen auf sich nehmen sollte, Berge hinaufzuklettern, könnten manche Geflüchteten schwer nachvollziehen. Freie Zeit sei in ihrer Heimat rar und werde genutzt, um sich auszuruhen, haben sie ihr erzählt. 

Für die Angebote des Vereins finden sich nichtsdestotrotz Teilnehmer für die kürzeren und längeren Touren, für die Wanderungen durch Naturschutzgebiete und die Schneewochenenden, die Radexkursionen, Kletternachmittage und Waldpflanzaktionen mit Einheimischen. Fast 50 Ortsvereine bieten Veranstaltungen an. „Ideal sind Gruppengrößen von zehn bis zwölf Teilnehmern, von denen die Hälfte Bayern sind. Dann ist der Austausch am besten“, sagt Anna Schober.

Die Resonanz sei gut. Seit August haben etwa 700 Teilnehmer mitgemacht, regelmäßig gehen insgesamt 40 bis 50 Geflüchtete und Einheimische auf Tour, berichtet die Koordinatorin. Die Einheimischen, das seien vor allem junge Bayern, die ihr Hobby mit sozialem Engagement verbinden, und Ruheständler, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Die Geflüchteten sind meistens Männer zwischen 18 bis 28 Jahren. Das gemeinsame Wandern schafft nicht nur soziale Kontakte. „Darüber kann sich auch der Einstieg in einen Job ergeben“, sagt die 28-Jährige. Wenn man jemanden sympathisch finde, engagiere man sich auch eher dafür, dass er Arbeit bekomme.

Der Deutsche Alpenverein ist fast 150 Jahre alt – und muss nicht, wie manche anderen traditionellen Vereine in ländlichen Regionen, über sinkende Mitgliederzahlen nachdenken. Allein vom Jahr 2015 bis zum Jahr 2016 sind fast fünf Prozent neue Wanderer dazugekommen. Inzwischen hat er über 1.184.000 Mitglieder, die in 335 regionalen Vereinen eingetragen sind.

Mit dem Projekt versuche man nicht in erster Linie Migranten als Mitglieder zu werben, sagt Anna Schober. Anders als jeder zehnte Sportverein, der laut ZiviZ-Survey Zugewanderte für sich gewinnen will und deshalb seine Angebote durch Integrationsbeauftragte oder interkulturelle Trainings mehr auf Zugewanderte ausrichtet. Und doch wünscht sie sich, dass die Teilnehmer aus Syrien, Eritrea oder Somalia irgendwann einen Antrag stellen.

Erfolgreiche Integration, das heißt für die Autoren des Surveys, dass Vereine ihre Organisationskultur ändern müssen, damit Zugewanderte nicht nur Mitglieder werden, sondern mit der Zeit auch Aufgaben übernehmen und mitentscheiden im Vorstand oder Beirat. „Auch das Projekt des Deutschen Alpenvereins soll dorthin führen“, sagt Anna Schober.

In der Bevölkerung komme das Projekt gemeinhin gut an. Teilnehmer schreiben ihr, dass die Zeit in den Bergen eine schöne Erfahrung gewesen sei. Nur an die Kommentare vom „rechten Rand“, die sich immer wieder in ihrer Mailbox finden, will sich Anna Schober nicht gewöhnen.

Von den vier Eritreern, mit denen sie durch die Berge wandert, sind drei inzwischen als Flüchtlinge anerkannt, haben Asyl beantragt und sind in eigene Wohnungen gezogen.

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