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Knigge für kooperative Promotionen

Hochschulen und Wirtschaft haben sich auf gemeinsame Grundsätze geeinigt, die für die Zusammenarbeit bei Promotionen gelten müssen. Ein Gespräch mit dem Hochschulexperten Mathias Winde über die Hintergründe des Grundsatzpapiers.

Die Hochschulrektoren waren über einige Konzerne verärgert: Es ging um „Grenzüber­schreitungen“ beim Thema Promotionen. Was genau war da los?
Die Rektoren haben sich darüber geärgert, dass einige Unternehmen auf ihren Internetseiten und in Stellenanzeigen so getan haben, als könne man im Unternehmen promovieren. Ausgeschrieben waren konkrete Dissertationsprojekte, ohne dass es darüber in jedem Falle Verabredungen mit Universitäten gab. Die TU9 bezeichnete solche Projekte dann als Kuckuckseipromotionen.

Warum pochen die Hochschulen so sehr auf ihre alleinige Kompetenz bei Promotionen?
Das hängt stark mit der allgemeinen Lage zusammen. Promotionen sind das Alleinstellungs­merkmal von Universitäten. In den vergangenen Jahren ist die Bedeutung von außeruniversitären Forschungs­einrichtungen und Fachhochschulen bei der Promotion deutlich gestiegen, Universitäten sehen das kritisch. Sie pochen gegenüber allen ihren Partnern auf ihre alleinige Kompetenz bei Promotionen - schließlich leisten Doktoranden einen großen Anteil der Forschungsarbeit an den Lehrstühlen.

Was versprechen sich Unternehmen eigentlich davon, Dissertationen ins eigene Haus zu holen?
Neben dem Interesse an den Forschungsergebnissen sind solche Promotionen ein guter Weg, in Kontakt mit Nachwuchs­wissenschaftlern zu kommen. Die Promovierenden lernen zwei Welten kennen: Sie sind noch in die universitäre Wissenschaft eingebunden, aber sie lernen gleichzeitig das Unternehmen und Industrie­forschung kennen. Andere Unternehmen unterstützen die Promotion ihrer Mitarbeiter, um ihnen eine Weiter­entwicklung zu ermöglichen und sie langfristig an das Unternehmen zu binden.

Unternehmen sind aufgefordert darauf zu achten, dass ihre Kommunikation klar ist, dass sie sich rechtzeitig mit den Hochschulen abstimmen und dass Dissertationsthemen zur Veröffentlichung geeignet sind.
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Mathias Winde

Mathias Winde leitet im Stifterverband die Hochschulpolitik und -organisation

Gemeinsame Regeln sollen nun für Ausgleich sorgen: Kann das gemeinsam unterzeichnete Papier das leisten?
Es bringt ganz sicher Ordnung in die Diskussion und legt die grundsätzlichen Spielregeln fest. Es richtet sich an beide Seiten. Unternehmen sind aufgefordert darauf zu achten, dass ihre Kommunikation klar ist, dass sie sich rechtzeitig mit den Hochschulen abstimmen und dass Dissertations­themen zur Veröffentlichung geeignet sind. Umgekehrt wird an Hochschulen die Erwartung formuliert, dass sie geeignete Promotionsthemen und –kandidaten von Unternehmen annehmen, dass sie eventuell entstehende Kosten transparent darlegen und dass externe Promovierende genauso beurteilt werden wie interne.   

War es eigentlich schwierig, Wirtschaft und Wissenschaft an einen Tisch zu bringen?
Nein, gar nicht. Auf beiden Seiten gab es nach den Wellen der öffentlichen Diskussion ein großes Interesse an einem Dialog. Probleme und Erwartungen wurden sehr offen angesprochen, aber der Austausch war sehr konstruktiv. Die Unternehmen respektieren die Grundsätze der Wissenschaft und haben ein großes Interesse an einem fairen Interessens­ausgleich. Auch die Hochschulen haben die Vorteile der Promotions­projekte mit Unternehmen sowohl für sich als auch für die Promovierenden betont. Ich denke, alle Beteiligten möchten mit den gemeinsamen Regeln jetzt einen Schlussstrich unter die zuweilen aufgeheizte Diskussion des Themas ziehen.

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