Peter Eisenberg
Peter Eisenberg (Illustration: Irene Sackmann)

Konjunktiv und Wahrheit in der Redewiedergabe

Kolumne,

An der Sprache erkennen, ob jemand die Wahrheit sagt? Ein schöner Traum. Bei der Verwendung des Konjunktivs komme man dem schon ziemlich nahe, findet unser Kolumnist Peter Eisenberg.

Zu Beginn des 2. Aktes von Faust II beschimpft der Bakkalaureus seinen Professor (das ist der verkleidete Mephisto) mit sehr groben Worten. Auf seine Unhöflichkeit angesprochen, sagt er den berühmten Satz „Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.“ Es ist ein alter Traum, an der Sprache selbst (und nicht wie beim Lügendetektor an allerhand Köperreaktionen beim Sprechen) zu erkennen, ob jemand die Wahrheit sagt. Man wird ihn noch eine Weile träumen, aber es gibt Fälle, in denen man dem ganz nahe kommt, zum Beispiel bei der Verwendung des Konjunktivs.

Normalmodus der indirekten Rede

Dabei geht es nicht um die Form, sondern um die Funktion des Konjunktivs. Mit dem Satz „Der Konjunktiv zu Sie kommt lautet Sie komme“ wird festgestellt, wie die Konjunktivform richtig lautet. Man wird sich schnell einigen können, dass etwa die Form Sie kommet nicht dem Standarddeutschen angehört und in diesem Sinn nicht die richtige Konjunktivform ist.

Anders liegen die Verhältnisse bei grammatischen Regeln über den Gebrauch des Konjunktivs. Die bekannteste von ihnen bezieht sich auf die indirekte Rede. So heißt es in einer älteren Auflage der Duden-Grammatik (2. Aufl. von 1966, S. 589): „Der 1. Konjunktiv ist der Normalmodus der indirekten Rede.“ Gemeint ist der Konjunktiv in Nebensätzen nach Verben, die „Aussagen, Gedanken, Vorstellungen u. ä.“ bezeichnen. Diese Grammatik hat also schon einen vergleichbar weiten Begriff von indirekter Rede, obwohl sie an einem entscheidenden Punkt unbestimmt bleibt. Gemeint sind jedenfalls Sätze wie Sie sagt/erzählt/glaubt/möchte, dass er singe. Wir bleiben im Folgenden bei solchen einfachen Sätzen und besprechen nur das Verhältnis von Indikativ und Konjunktiv im Nebensatz. Die Verwendung von Konjunktiv II und würde (dass er singen würde) kommt in einer späteren Glosse zur Sprache.

Das Hauptproblem mit der zitierten Regel besteht darin, dass sie eine reine Formaussage macht und gar nicht erst fragt, warum der Konjunktiv gesetzt werden sollte. Begründet ist sie allenfalls damit, dass der Konjunktiv gegenüber dem Indikativ ‚das bessere Deutsch’ sei. Damit wird unterstellt, der Konjunktiv leiste dasselbe wie der Indikativ, nur sei er eben besser. Die Sprache scheint an dieser Stelle zu luxurieren, sie hätte überflüssige Ausdrucksmittel. Grammatiker sind mit so etwas unzufrieden. Sie wollen nicht glauben, dass es derartig funktionslose Überflüssigkeiten gibt. 

Grundsätzlich kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass jahrzehntelange normative Bemühungen zu so etwas führen, aber beim Konjunktiv der indirekten Rede ist das mit Sicherheit nicht der Fall: Er hat nach wie vor seine Funktion. Um sie zu verdeutlichen, unterscheiden wir drei Gruppen von Verben.

Spracharbeit

Peter Eisenberg
Peter Eisenberg (Illustration: Irene Sackmann)

Glossen oder Kolumnen zur Sprache gibt es in deutschen Zeitungen oder Magazinen zuhauf. Brauchen wir also noch eine? Es kommt darauf an. Denn in Peter Eisenbergs Sprachkolumne wollen wir ein paar Dinge nicht tun: Wir wollen Sprachkritik nicht als soziale Distinktion betreiben und vor allem wollen wir nicht so tun, als wüssten wir eh alles besser. Wir wollen auch nicht die Gefahr des Sprachverfalls verkünden, der unvermeidlich sei, wenn sich nicht schnell etwas ändere. Dem Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg geht es weniger um die eigene Behauptung im Diskurs, sondern eher um die Sprache selbst. Bevor gewertet wird, geht es erst einmal um das, was man heute über diese Gegenstände weiß. In diesem Sinn geht es um Tatsachen. Und wo immer bei der Kürze der Texte möglich, wird auch mitgeteilt, woher man diese Tatsachen kennt.

In diesem Sinn möchte die Eisenberg-Kolumne zur Aufklärung über den Zustand des Deutschen beitragen. Im Großen und Ganzen wird sich zeigen, dass diese Sprache sich in hervorragender Verfassung befindet. Was nicht heißt, dass es nichts an ihrem Gebrauch zu kritisieren gäbe. Es kann in dieser Kolumne um aktuelle Anlässe gehen und – als besonderer Glücksfall – kann auch einmal ein Thema zur Sprache kommen, das MERTON-Lesern auf den Nägeln brennt. Immer bitten wir die Leserschaft um etwas Geduld. Die Sprache ist nun einmal kein ganz einfaches Gebilde, erschließt sich aber doch viel eher, als die verbreitete Furcht vor ein wenig Grammatik erwarten lässt. Und dann geht von ihr eine Faszination aus, die ihresgleichen sucht.

Alle Kolumnen von Peter Eisenberg.

Faktive Verben. Dazu gehören entschuldigen, vergessen, verstehen, wissen. Wenn jemand sagt Sie entschuldigt, dass er singt, dann singt er nach Meinung des Sprechers tatsächlich. Der Nebensatz ist nach Meinung des Sprechers wahr. Ob er tatsächlich wahr ist, bleibt natürlich offen. Es geht ausschließlich um Sprachliches, insofern man sagen kann: Die Wahrheit wird vom Sprecher unterstellt, anderenfalls kann er den Satz nicht äußern. Beim normalen Sprechen zeigt der Sprecher, was er denkt, ob ihm das klar ist oder nicht. Solche Verben heißen seit ihrer ersten Beschreibung durch die amerikanischen Linguisten Carol und Paul Kiparsky in den 70er Jahren faktiv. Faktive Verben erzwingen den Indikativ, ein Satz wie Sie vergisst, dass er singe ist in der vorausgesetzten Bedeutung ungrammatisch.

Nichtfaktive Verben. Zur Gegengruppe gehören behaupten, glauben, hoffen, meinen. Wer äußert Sie behauptet, dass er singe lässt offen, was er selbst darüber denkt. Daran ändert auch der Indikativ nichts: Sie behauptet, dass er singt spricht nur über eine Behauptung. Bei den nichtfaktiven Verben kann sowohl der Konjunktiv als auch der Indikativ stehen. Einen Bedeutungsunterschied gibt es nicht.

Faktive/nichtfaktive Verben. Zu den Verben, die beide Bedeutungen haben können, gehören berichten, erzählen, mitteilen, sagen. Bei ihnen signalisiert der Indikativ Faktivität: Sie berichtet, dass er singt besagt, dass er nach Meinung des Sprechers tatsächlich singt. Sie berichtet, dass er singe lässt wieder offen, was der Sprecher denkt. Bei diesen Verben brauchen wir die Unterscheidung von Indikativ und Konjunktiv, um auszudrücken, ob der Nebensatz für wahr gehalten wird oder nicht.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass eine natürliche Sprache wie das Deutsche überflüssige Formen in größerer Zahl enthält.

Peter Eisenberg

Was besagt nun die normative Konjunktivregel angesichts dieser Faktenlage? Bezüglich der ersten Gruppe von Verben muss sie passen. Sie weiß nicht, warum sie nicht anwendbar ist. Bezüglich der zweiten Gruppe läuft sie leer. Sie erzwingt den Konjunktiv sozusagen rein stilistisch und ohne semantischen Effekt. Bei der dritten Gruppe beschneidet sie die Ausdruckskraft der Sprache. Es hat ja seinen guten Grund, ob jemand hier den Indikativ oder den Konjunktiv verwendet, man darf ihm deshalb auf keinen Fall den Indikativ verbieten.

Der oben zitierte, sehr verbreitete Typ von grammatischer Regel taugt nicht viel. Man sollte an die Stelle einer Normaussage zur grammatischen Form immer den Versuch setzen, das Verhältnis von Form und Funktion zu verstehen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass eine natürliche Sprache wie das Deutsche überflüssige Formen in größerer Zahl enthält. 

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