Illustration: Sebastian Niemann/K3

Mensch und Technik

Kolumne,

Müssen wir Menschen uns vor der Technik schützen, um unser Menschsein zu verteidigen? Das darf nicht die Frage sein, meint Kolumnist Markus Deimann. Wir sind es doch selbst, die die Technik machen.

Digitales Tagebuch des Dr. D.: Dritter Eintrag, März 2018

In der aktuellen Ausgabe der Philosophiezeitschrift Hohe Luft (Ausgabe 2/2018) bin ich auf das Titelthema „Humanismus“ gestoßen und lese, dass angesichts von Globalisierung, Kapitalismus, Massenmigration, Digitalisierung, Terrorismus und Trumpismus ein „humanistisches Manifest“ proklamiert wird. In Anbetracht der Unterschiedlichkeit der Begriffe und der Tatsache, dass Digitalisierung einmal nicht als „Megathema“ vorangestellt wird, bin ich auf die Ausgestaltung des Manifests gespannt. Dies auch, weil ich mich selbst seit einigen Jahren als Bildungsforscher mit humanistischen Fragen beschäftige und dabei nach einer neuen, zeitgemäßen Grundlegung suche. Mein Artikel „Humboldt überwinden! Warum digitale Bildung nicht aus der Vergangenheit gedacht werden kann“ ist Ausdruck dieser Suchbewegung. Mitunter ist es mir dann aber doch passiert, dass ich als Traditionalist bezeichnet wurde, der verzweifelt versucht, bildungsphilosophischen Ballast in die Digitalisierung hinüberzuretten. Hier lässt sich erkennen, wie geschichtsblind der Technikdiskurs ist und wie versessen darauf, möglichst alle Traditionen zugunsten (disruptiver) Innovationen zu zerschlagen. Aber ich schweife ab, zurück zum eigentlichen Thema, dem humanistischen Manifest.

Dort wird Humanismus als Realismus propagiert und der darum die Welt, wie sie ist, zur Kenntnis nimmt, gleichzeitig aber versucht, diese Stück für Stück zu verändern, ausgehend von einer „gemeinsamen Idee“. Was diese Idee mit der Digitalisierung zu tun hat (das wäre für mich naheliegend und auch nur dann wäre das Manifest ein ernst zu nehmender Debattenbeitrag), zeigt sich in These sechs: „Menschen sind keine Gadgets.“ Damit spricht man sich gegen einen „digitalen Reduktionismus“ aus, der den Menschen und seine Gedanken und Handlungen ständig algorithmisch vermessen und für wirtschaftliche Zwecke auswerten will. Das will ich auch nicht, gerade weil sich die Algorithmen notorisch einer öffentlichen Kontrolle entziehen und immer tiefer in unser Leben eindringen, wie aktuell in dem Buch „Angriff der Algorithmen" aufgezeigt wird. Das Manifest schlussfolgert, dass Software menschlicher gestaltet werden sollte und dass sich die Algorithmen menschlichen Lebensformen anpassen müssten und nicht umgekehrt.

Es ist genau dieser Dualismus, der verhindert, dass wir die digitale Transformation besser verstehen. Denn der Gegensatz „Mensch-Technik“ geht von einem unreflektierten Verständnis von Digitalisierung aus. Das führt zu absurden Forderungen, wie gerade in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht: „Technik hat dem Menschen zu dienen”. Dies ist deshalb ärgerlich, weil in dem Artikel eine „Versöhnung“ der zwei Lager „Euphoriker“ und „Apokalyptiker“ in Aussicht gestellt wird, nur um dann wieder in den ausgetretenen Pfad zu gelangen. Der besteht aus einem kruden Mix aus Bewahrpädagogik und technologischem Determinismus. Was hier und im Manifest ignoriert wird, ist die konstitutionelle Verwobenheit von Mensch und Technik. So ist auch Bildung seit Humboldt grundlegend definiert als die Auseinandersetzung des Menschen mit sich und der Welt. Die Welt ist nun eine ganz andere als im frühen 19. Jahrhundert, wofür auch die Begriffe „Medialisierung“, „Virtualisierung“ und eben „Digitalisierung“ stehen. Wenn man nun zwanghaft versucht, digitale Infrastruktur und Medien aus Schulen und Hochschulen herauszuhalten, wird Bildung unmöglich gemacht, da wesentliche Zugänge zur Welt verstellt werden. Es verhindert auch, dass wir lernen, produktiv mit Unsicherheit und Unbestimmtheit umzugehen, da Medien neue Möglichkeiten des Ausdrucks und der Partizipation bieten. Dass es gerade ein Pädagogik-Professor ist, der einen Popanz aufbaut (unter anderem wettert er gegen digitale Sprachdienste wie Google Translator) macht es noch bizarrer. Es wäre sicherlich interessant einmal darüber nachzudenken, warum das so ist.

Bildung trotz(t) Digitalität

Illustration: Irene Sackmann

Markus Deimann beschäftigt sich seit 2001 mit Bildung und Digitalisierung. Er arbeitete an verschiedenen Hochschulen und promovierte und habilitierte im Fach Bildungswissenschaft. Er provoziert gerne mit Texten, Vorträgen oder im Podcast „Feierabendbier Open Education“. Es geht ihm um eine sachlich-kritische Auseinandersetzung mit Technik, jenseits von Hype und Untergangsphantasien. Auf MERTON schreibt er als Dr. D. eine regelmäßige Kolumne mit dem vieldeutigen Titel Bildung trotz(t) Digitalität. 

Markus Deimann auf Twitter.

Digitalisierung soll domestiziert werden, damit es uns Menschen nicht das Daten-Blut aus den digitalen Adern saugt und uns vollständig der Vorherrschaft der Maschinen unterwirft.
Markus Deimann
Markus Deimann (Foto:privat)

Markus Deimann

Technik und Digitalisierung sind menschliche Erzeugnisse

Dies führt mich wieder zurück zur Idee eines zeitgemäßen Humanismus, wie ihn das Manifest entwickeln will. Digitalisierung soll domestiziert werden, damit es uns Menschen nicht das Daten-Blut aus den digitalen Adern saugt und uns vollständig der Vorherrschaft der Maschinen unterwirft. Angesichts der als Bedrohung dargestellten Fortschritte, gerade im Zusammenhang mit der Künstlichen Intelligenz, stellt sich für mich die Frage, ob ein Festhalten am beziehungsweise Revitalisieren des Humanismus noch länger Sinn macht. Der Humanismus ist so fest mit einer Vormachtstellung des Menschen verknüpft, die immer verkrampfter verteidigt wird und damit den Blick für eine integrative Perspektive verhindert. Wie spannend die Annäherung von Mensch und Technik sein kann, zeigt zum Beispiel das gerade an der Universität Kiel gestartete Forschungsprojekt zur digitalen Kultur, wo es um Identitätsbildung im Zusammenhang mit Social Media geht. Mit der Digitalisierung verbunden - machen dieses und weitere Vorhaben deutlich - sind auch produktive Aspekte, die ganz allgemein als Erweiterung des Möglichkeitsraums begriffen werden können. Medien sind immer auch Bildungswerkzeuge, die wir explorieren sollten und zwar ohne ungerechtfertigte Zuschreibungen, die nur in albernen Metaphern wie der digitalen Bildungsrevolution bzw. der digitalen Demenz münden. Wir brauchen neue Denkfiguren, die an den Chancen und Risiken der Digitalisierung ansetzen. Daher denke ich auch, dass uns der Humanismus als Konzept nicht weiterbringt, da er zu sehr in einer prä-digitalen Ära festhängt und wie beim humanistischen Manifest von einer Abwehrhaltung ausgeht. Diese verkennt allerdings, dass Technik und Digitalisierung menschliche Erzeugnisse sind. Wenn nun der Mensch vor der schädlichen Einflüssen geschützt werden soll, wird der Technik ein Eigenleben und eine Eigendynamik zugesprochen, die es so nicht gibt.

Es scheint somit Zeit für eine Neuorganisation des Verhältnisses von Mensch und Technik zu sein, die nicht länger versucht, beide gegeneinander auszuspielen, sondern die vielfältigen Schnittmengen betrachtet. Was es dazu braucht, ist eine fortwährende Neugier für digitale Innovationen, die diese losgelöst von eingefahrenen Annahmen bewertet. Wie wir mit der Digitalisierung umgehen, müssen wir erst lernen. Es braucht dazu mehr als das Pflichtfach Informatik oder Coding-Camps, aber auch mehr als die im Manifest geforderte „Herzensbildung“, die als Kernbestandteil eines (neuen) Humanismus gewertet wird, allerdings ohne erkennbaren Bezug zur Digitalisierung.

Es braucht aber auch eine größere Transparenz, etwa im Zusammenhang mit der Entwicklung und dem Einsatz von Algorithmen. So setzt sich beispielsweise die NGO Algorithm Watch für eine „Rechenschaft für Rechenverfahren“ (Algorithmic Accountability) ein und in New York wird - einmalig für die gesamte USA - eine Task Force für „Automated Decision Systems“ eingerichtet. Dies führt idealerweise zu einem größeren Verantwortungsbewusstsein von Entwicklern, Programmierern und Ingenieuren und zu einem besseren Dialog mit der Zivilgesellschaft.

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