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OER: Geteilte Bildung ist doppelte Bildung

Wohnungstausch, Kleiderkreisel, Carsharing: Wir wollen Dinge nicht mehr unbedingt allein besitzen, sondern vor allem Zugang dazu haben. Die Bohrmaschine mit dem Nachbarn teilen – einfach gemacht. Aber wie lässt sich Bildung teilen? Ein Expertengespräch.

Open Educational Resources, kurz OER, sind die Schlüssel zum Lernen für alle. OER steht für Lehr- und Lernmaterialien, die im Internet unter freier Lizenz wie „Creative Commons“ (CC) oder der „General Public License“ (GPL) zur Verfügung stehen. Mit „@Ucation – Online-Kurse für Talentförderer“, stellte der Verein "Bildung & Begabung" im Mai 2016 erstmals offene digitale Lernangebote speziell für Talentförderer vor. Alte Bildung auf neuen Wegen oder echte Revolution? Ein Gespräch mit Jöran Muuß-Merholz (Diplom-Pädagoge und OER-Experte), Monika Heusinger (Lehrerin und Dozentin für Fachdidaktik) und Petra Flocke (Projektleitung Fortbildung bei Bildung & Begabung).

1. Sind OER heute schon Mainstream oder immer noch ein Nischenthema?
Muuß-Merholz: OER ist viel weniger Nische als noch vor wenigen Jahren, als kaum jemand mit dem Begriff etwas anfangen konnte. Der Weg in den Mainstream ist eingeschlagen, würde ich sagen.

Heusinger: Mainstream vielleicht noch nicht ganz in Deutschland, aber die Bedeutung von OER steigt. In den USA ist der Zugang zu Materialien durch Fair Use einfacher geregelt, denn wenn es der öffentlichen Bildung dient, dürfen auch geschützte Materialien verwendet werden. In Deutschland ist das Urheberrecht im Bildungsbereich restriktiver. Daher sind Lizenzierungen wie mit Hilfe der Creative-Commons-Modelle wichtig, da sie ermöglichen, das Urheberrecht am eigenen Werk zu behalten und es dennoch frei oder mit gewissen Einschränkungen anderen zur Verfügung zu stellen. Und da tut sich in letzter Zeit sehr viel. Eine Arbeitsgruppe der KMK hat einen Bericht zu OER ausgearbeitet. Wikimedia unterstützt zum Beispiel mit dem Projekt Mapping OER die Weiterentwicklung. Plattformen wie die ZUM helfen, dass sich Lehrende vernetzen und gemeinsam OER erstellen und für alle zugänglich machen. Es geschieht also viel auf dem Gebiet, sodass sich die Idee von OER sicherlich kontinuierlich weiterentwickelt.

Moniker Heusinger (Foto: privat)
Monika Heusinger ist Lehrerin und Dozentin für Fachdidaktik. Auf ihren Blog („Lernen in der Postkreidezeit“) schreibt sie regelmäßig über ihren Alltag.

Flocke: Die Idee verbreitet sich. Was aber Inhalte und Plattformen betrifft, auf denen ich Material finde, das ich für meine Zwecke bearbeiten kann, würde ich nicht von Mainstream sprechen. Noch ist die Zahl der Materialien, die angepasst, im Unterricht eingesetzt und darüber hinaus verbreitet werden, überschaubar. Der Nutzen, also, was mir als Lehrkraft OER denn nun bringt, ist noch nicht überall erkennbar. Dabei liegt es auf der Hand, dass ich mit einem Schulbuch nicht bei den Förderständen einer ganzen Klasse ansetzen kann, wenn ich Material individuell anpassen kann aber schon.

Jöran Muuß-Merholz (Foto: Privat)
Jöran Muuß-Merholz ist Diplom-Pädagoge, OER-Experte und Inhaber der Agentur J&K – Jöran und Konsorten

2. Wie kam die OER-Bewegung auf?
Muuß-Merholz: Ursprünglich hat die UNESCO das Thema gesetzt. Anfang des Jahrtausends ging es darum, wie man Bildungsmaterialien einfacher in Teilen der Welt zur Verfügung stellen kann, in denen ein großer Mangel besteht. Daraus wuchs dann die Idee, dass man mit dem Internet und freien Lizenzen insgesamt die Zugangshürden für Bildung senken könnte. In Deutschland haben wir zusätzlich einen besonderen Fokus auf die Eigenschaft von OER, dass jeder auf OER nicht nur zugreifen, sondern es auch anpassen, verbessern und weiterentwickeln kann. Dadurch ergeben sich neue Möglichkeiten für Austausch und Zusammenarbeit.

3. Lehrpersonal, Entwicklungskosten, Infrastruktur: Bildung kostet Geld. Ist frei zugängliche umfassende Bildung für alle nicht Wunschdenken?
Muuß-Merholz: Ein tolles Wunschdenken, oder etwa nicht? Im Ernst: OER bedeutet in der Regel kostenfreie Nutzung. Das hat nichts mit kostenfreier Erstellung der Materialien zu tun. Das kostet weiterhin Arbeitszeit und andere Ressourcen.

Heusinger: Lehrende erstellen ständig eigene Materialien ohne zusätzliche Entwicklungskosten. Eine stärkere Vernetzung wäre wichtig, damit mehr Austausch stattfindet. Plattformen, um OER zu veröffentlichen, gibt es bereits, was das Teilen von OER ermöglicht und das Auffinden von OER erleichtert. Manche Materialien entstehen jedoch in Anlehnung an Material aus Lehrwerken. In Bezug auf das Urheberrecht bestehen daher auf Seiten der Lehrenden teilweise Unsicherheiten, was dazu führt, dass Materialien doch nicht geteilt werden. Schulbuchverlage könnten durch offene Lizenzen das Erstellen und Teilen von freien Bildungsressourcen unterstützen. Hier wäre allerdings in der Tat die Frage, wie ein finanzieller Ausgleich erfolgen könnte.

4. Stichwort Bildungskanon: Wenn jeder lernt, was er will, wann er will und wo er will, bleibt das Curriculum dann nicht auf der Strecke?
Heusinger: So ganz lässt es sich nicht umsetzen, dass jeder lernt, was er will und wann er will und wo er will und dies wäre auch nicht sinnvoll. Bestimmte Kompetenzen müssen erworben werden, um Lernende dazu zu befähigen, am gesellschaftlichen sowie nach Schulabschluss am beruflichen Leben teilzuhaben. Man kann jedoch Lehr-Lern-Prozesse individualisieren und schülerzentriert gestalten, sodass Frust verringert und Motivation für die Auseinandersetzung mit Lerninhalten gesteigert wird. Es muss nicht jeder zur gleichen Zeit in gleicher Form an den gleichen Aufgaben arbeiten, aber gemeinsame Ziele sollten erreicht werden.

5. Stichwort Qualitätssicherung: Woran lassen sich gute Lehr- und Lernmaterialien erkennen?
Heusinger: Für meine Arbeitsweise wäre es wichtig, dass sie auch digital verfügbar sind, man sie verändern oder aktualisieren kann und sie modular aufgebaut sind, sodass ein flexibler Einsatz möglich ist. Des Weiteren wäre mir wichtig, dass es differenzierte Lernangebote gibt, die individuelle Förderung der Lernenden ermöglichen. Darüber hinaus sollte die Möglichkeit der Selbstevaluation gegeben sein. Und natürlich dürfen sie keine sachlichen Fehler enthalten.

Muuß-Merholz: Ich beobachte zunehmend, dass Qualität keine abstrakte Eigenschaft ist, sondern über das Auge des Betrachters und über die Situation, in der das Material eingesetzt wird, definiert wird. Das gilt nicht nur bei „weichen“ Themen. Nehmen wir ein Beispiel aus der Naturwissenschaft: Dasselbe Material zum Thema „Vermehrung von Mücken“ wird von einer Grundschullehrerin ganz anders beurteilt werden als von einem Hochschulprofessor, einem Verbraucherschützer oder von einem Tierschützer. Und genau da wird OER spannend! Denn da kann ich ein Material an genau meine Bedürfnisse oder an die Situation meiner Lernenden anpassen.

Es reicht nicht, Wissen und Lernmaterialien frei zugänglich zu machen, ich muss mir das Wissen auch erschließen können.

Petra Flocke

Projektleiterin bei Bildung & Begabung

6. Sind OER ein Meilenstein auf dem Weg zu einer chancengerechteren Talentförderung?
Flocke: Bildung und Potenzialentfaltung für alle, unabhängig von Herkunft oder sozialem Status: Da wir das erreichen wollen, sind offene Bildungsmaterialien für uns eine gute Sache, weil die offenen Lizenzen jedem einen freien Zugang zu Bildung ermöglichen. Der Aspekt des Teilens gefällt uns, weil er neue Möglichkeiten der Teilhabe schafft. Von einem Meilenstein zu mehr Chancengerechtigkeit können wir aber erst dann sprechen, wenn es gelingt, OER in die Bildungsinfrastruktur in Deutschland zu integrieren. Es reicht nicht, Wissen und Lernmaterialien frei zugänglich zu machen, ich muss mir das Wissen auch erschließen können. Dazu ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche lernen, ihre Fähigkeiten selbst auszubauen und gut mit ihren Talenten umzugehen.
 

Petra Flocke (Foto: Bildung & Begabung)
Petra Flocke ist Projektleiterin Fortbildung bei Bildung & Begabung

Muuß-Merholz: OER ist nur ein Baustein von vielen, denke ich. Aber gerade für die Talentförderung ist es ja wichtig, dass man nicht nur das eine vorgegebene und nicht veränderbare Patentrezept hat, sondern Lösungen den individuellen Bedürfnissen anpassen kann.

7. Zum Abschluss: „Geteilte Bildung ist…
Muuß-Merholz: …halber Arbeitsaufwand für Lehrende.

Flocke: …bald nicht mehr revolutionär.

Heusinger: ...doppelte Bildung.

@Ucation – Lernen im Netz

Mit @Ucation hat Bildung & Begabung ein Weiterbildungsangebot entwickelt, das Talentförderer zeit- und ortsunabhängig nutzen können. Bisher wurden insgesamt drei Online-Kurse auf der Lernplattform mooin veröffentlicht. Die Online-Kurse sollen Talentförderer bei der praktischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen unterstützen und die Vorteile der digitalen Lernumgebung für die Lehrer erlebbar machen. Das Angebot wurde gemeinsam mit dem Hamburger Team von Joeran und Konsorten produziert. Im Sinne des Prinzips der Open Educational Resources (OER) stehen alle Inhalte der Lernmodule unter freier Lizenz. Freie Lern- und Lehrmaterialien sollen auch Unterschiede beim Zugang zu Bildungsangeboten ausgleichen – ein zutiefst demokratischer Ansatz.

Hier gelangen Sie direkt zur mooin-Plattform, auf der die @Ucation Online-Kurse laufen. Hier müssen Sie sich registrieren und können dann direkt mit dem Kurs loslegen.

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