Wissenschaftler vor Tafel
Foto: iStock/Halfpoint

„Reden Sie ihn besser mit Doktor an!“

Die Signalwirkung von Titeln – insbesondere von akademischen Graden – ist nicht zu unterschätzen und kann in vielen Lebenslagen äußerst hilfreich sein. Doch wie ist das eigentlich mit dem mühsam über viele Jahre erworbenen Wissen: Kann man das im Beruf gewinnbringend einsetzen?

Viele streben heute einen Doktortitel an, um mehr Chancen im Berufsleben zu haben. Dazu muss man eine Doktorarbeit schreiben – oh je, das wird nicht einfach und kann lange dauern. Lohnt sich das denn wirklich? Diese Betrachtungsweise des neuen Homo oeconomicus führt in eine gewisse Irre – oder auch nicht. Vielen geht es nämlich bei Titeln nur um das sogenannte Signaling. Darunter versteht man eine implizite asymmetrische Kommunikation meist zwischen Parteien mit verschiedenem Wissensstand. Der Doktor selbst weiß ja, was er geleistet hat und was nicht – aber der Kommunikationspartner muss vermuten, was hinter dem Doktor steckt: ein tiefer Geist!

Ein Titel signalisiert etwas – und genau das ist den reinen Titelergatterern wichtig. Ein Doktortitel wirkt wie ein Teppichsiegel, ein Ökoemblem, ein Freischwimmerabzeichen oder das Einzelkämpferabzeichen bei den Soldaten. Diese Signale wirken besonders bei allen denjenigen, die keine Ahnung von der Sache haben. „Oh, das ist ein Herr Doktor!“ Bei Medizinern ist es eher üblich, den Doktor schnell mal während des Studiums mitzumachen, damit später die Privatrechnungen nicht mehr so abschreckend wirken. Man wird ja schließlich von einem Doktor behandelt! Nun aber, wo sehr viele Menschen studieren und eben Uni-Erfahrung haben, können viele solch einen Titel seriöser einschätzen. Medizin-Doktor? Na und? Mein eigener Mathe-Doktortitel dagegen steht wie ein Fels, denn viele erleben Mathematik als durchgehendes Daseinstrauma ...

Triangel vs. Geige

Wenn man sich also überlegt, einen Doktor zu Titelzwecken zu erwerben, dann sollte man sich auch einmal differenzierter mit der Signalstärke eines Titels befassen. Diese ist höher, wenn der Titel schwer zu erringen ist. Wenn Sie zum Beispiel so etwas wie Bundessieger bei „Jugend musiziert“ in der Triangeldisziplin sind (gibt es das?), dann signalisiert das hoffnungslos weniger als derselbe Titel in Klavier, Querflöte oder Geige, weil in diesen Disziplinen die Konkurrenz viel größer ist.

Die Signalstärke des Doktortitels steigt mit der Schwierigkeit, ihn zu erwerben, und mit dem Maß an Ahnungslosigkeit im Gegenüber. In der Uni kennen sich ja alle mit dem Doktor aus. Da fragt man eher, ob der Titel summa cum laude ist oder von einer Eliteuni erworben wurde, was echte Forschungstätigkeit dahinter vermuten lässt. Aber bei normalen Menschen stehen die Chancen gut, mit irgendeinem Titel zu beeindrucken.

Ein Beispiel: Meine Reisekostenabrechnungen, die ich mit meinem Namen ausfüllte, kamen stets korrigiert zurück. Jemand quetschte konsequent „Prof. Dr.“ davor. Ich ermittelte. „Das war ich, Herr Dueck. Macht es Ihnen etwas aus? Ich signalisiere damit, die Abrechnungen wichtiger Leute zu bearbeiten. Lassen Sie mir diese Freude.“ Sekretärinnen lieben es, im Vorzimmer von Titelträgern zu arbeiten. „Hier ist das Office von Prof. Dr. Dr. h. c. ...“ – wow, das wertet die Verhandlungsposition auf!

Direct Dueck

Gunter Dueck (Illustration: Irene Sackmann)
Gunter Dueck (Illustration: Irene Sackmann)

Gunter Dueck besitzt die Gabe, einen in innere Jubelstürme ausbrechen zu lassen. Das gelingt ihm, wenn man ihn als Vortragenden auf der Bühne erlebt, aber auch mit seinen Texten und Büchern, mit seinen Interviews. Er schafft es auf ganz außergewöhnliche Weise die Dinge auf den Punkt zu bringen: Oft schleicht er sich erst an ein Thema heran, um dann umso hartnäckiger ein Problem herauszuarbeiten. Seine Thesen trägt er zumeist ruhig und gelassen vor, und doch sind sie oft – das merkt man manchmal erst später – messerscharfe Fallbeile. Dann erheben sich – siehe oben – die inneren Jubelstürme. Und oft jubeln ihm die Menschen nicht nur innerlich zu: Auf großen Tagungen wie der re:publica ist er ein unumstrittener Star. Umso schöner, dass er das MERTON-Magazin mit einer regelmäßigen Kolumne bereichert. Er nennt sie „Direct Dueck“, was auf ein paar schöne scharfe Fallbeile in Textform hoffen lässt. 

Die Signalstärke des Doktortitels steigt mit der Schwierigkeit, ihn zu erwerben, und mit dem Maß an Ahnungslosigkeit im Gegenüber.
Gunter Dueck (Foto: Michael Herdlein)

Gunter Dueck

Titellos auf der Hardthöhe

Oder bei der Bundeswehr, bei der ich ein paar Mal als IBM-Berater im Verteidigungsministerium war: Dort wird ein titelloser Berater vor dem ersten Handschlag erst einmal wie ein Hauptmann eingestuft. Einer mit Diplom oder Master ist wie ein Major, ein Doktor wie ein Oberstleutnant und ein Prof. Dr. wie Oberst im Generalstab. Warum? Die Soldaten versuchen den Dienstrang von Zivilisten mit ihren Rangstufen abzugleichen. Sie können sich gar nicht vorstellen, welche Vorteile dort so ein Prof. Dr. hat! Ich konnte immer gleich „mit dem Chef sprechen“, aber Generäle behandelten mich dann doch ein wenig von oben herab. Also: Für einen Berater kann Titel-Signaling helfen, er muss nur im ersten Gespräch vermeiden, als besserwisserischer Book Smart zu vergraulen, er muss praktisch-zupackend wirken können. Na, Homo oeconomicus? Lohnt sich die Plackerei?

Eine zweite Sicht der Dinge befasst sich mit der Überlegung, ob das, was man während der Promotion lernt, im späteren Beruf weiterverwertet werden kann. Nützt das erworbene Wissen? Diese Sicht ist ein bisschen unbedarft (gleich mehr dazu), aber die Antwort ist wohl eher ein glattes Nein. Wir können auch das meiste bis zum Abitur oder bis zum Master nie wieder konkret lohnend einsetzen. Ich konnte zum Beispiel mal etwas Mittelhochdeutsch – na gut.

Professoren aber sagen: Wer sich einmal sehr tief und intrinsisch motiviert an einem ernsteren Forschungsproblem abgearbeitet und durchgebissen hat, der gewinnt etwas fürs Leben, weil er ein paar Jahre so etwas wie Leistungssport betrieben hat. Wenn er sich gleichzeitig als Assistent an der Lehre beteiligt und sich um das Gute bemüht, wenn er Masterkandidaten coacht und inspiriert, dann hat er wichtige Entwicklungsschritte zu einer gebildeten Persönlichkeit gemacht: Er weiß, was tiefes Wissen ist und wie hart das Ringen um echte (Summa-cum-laude-)Forschungserfolge ist; er hat in Grundzügen eine Ahnung von Selbstverantwortung und Führungsverhalten. Wer diese Chance wahrgenommen hat, dem sieht man bei der späteren Arbeit in Unternehmen den Doktor auch ohne Titel an. Man spürt, dass die Schnellausgebildeten (Bachelors) nie solche extreme Tiefe, Führung und Hartnäckigkeit kennengelernt haben. Ihnen fehlt dann doch dieses ganz bestimmte Flair, das den wirklichen Doktor (also nicht den Titelträger) ausmacht. Bachelors lernen eben nur die Regeln und Techniken, wie man Kugeln stößt oder den Hammer wirft. Die erzielte Weite misst ja niemand so wirklich. Man weiß also im Stadium des Bachelors nicht, ob dieser je Leistungssport betreiben könnte. Ein Doktor mit „summa“ hat das bewiesen. Es gibt schon einen Unterschied zwischen Geselle und Meister. 

Signaldoktor, Protzdoktor, Kaufdoktor, Absitzlakaidoktor, Fachleidenschaftsdoktor, Meisterdoktor – es kommt darauf an.
Gunter Dueck (Foto: Michael Herdlein)

Gunter Dueck

Ist es aber sinnvoll, einen Meister (Doktor) in einem realitätsfernen Fach durch das Reiben an einem esoterischen Sujet oder an toter Materie zu erwerben? Was soll ein Doktor dann? Das frage ich mich jedenfalls, wenn man nicht an der Uni bleiben will – und auch dann. Wenn Sie schon Meister werden wollen, warum gehen Sie dann nicht in ein Fach, in dem jetzt gerade die prägenden Gedanken der Menschheit geschmiedet werden? In dem es abgeht wie im Silicon Valley? Wo unter Jubel und Freude gearbeitet wird?

Signaldoktor, Protzdoktor, Kaufdoktor, Absitzlakaidoktor, Fachleidenschaftsdoktor, Meisterdoktor – es kommt darauf an. Wer dahinter sieht, merkt etwas. Wer keine Ahnung hat, staunt über sie alle und denkt, sie hätten alle Leistungssport betrieben. 

Kommentare anzeigen