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Stirbt der Genitiv?

Kolumne,

„Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ titelt seit vielen Jahren ein sprachkritischer Bestseller. Unser Kolumnist Peter Eisenberg nimmt sich des Falles einmal an und findet einen quicklebendigen Zeitgenossen vor. Totgesagte leben länger.

Wo es um gutes und richtiges Deutsch geht, ist der Genitiv nicht weit. Ihm wird ein baldiges Ende vorausgesagt, der Dativ sei sein Tod, man solle ihn retten, er sei der Kasus der Gebildeten. Für die sogenannte Leichte Sprache, die im Zusammenhang von Inklusion und Teilhabe eine gewichtige Rolle spielt, gibt es Empfehlungen, ganz auf ihn zu verzichten.

Fast alle Verwendungen des Genitivs im Gegenwartsdeutschen weisen Schwächen auf. Ob man daraus auf sein Ende schließen kann, ist die entscheidende Frage. Gehen wir die wichtigsten Vorkommen durch mit dem Ziel, die jeweiligen grammatischen Schwächen zu benennen. Erst danach lassen sich weitere Fragen stellen. Die Formbildung des Genitivs und ihre Veränderungen können in einer späteren Kolumne besprochen werden.

Stabil, wenn auch nicht sehr häufig, ist der Genitiv als adverbiale Bestimmung mit den beiden Typen des Tages, des Weges, eines Abends, unseres Wissens sowie schnellen Schrittes, guten Mutes, reinen Herzens, guten Glaubens. Eine Schwäche besteht darin, dass solche Ausdrücke fast ausschließlich von Maskulina und Neutra gebildet werden, denn bei Feminina wie froher Miene, guter Laune stimmen Genitiv und Dativ formal überein. Das führt zur Vermeidung der Konstruktion. Beim ersten Typ wird in eines Nachts sogar das Femininum dem Maskulinum angeglichen, denn eigentlich müsste es ja heißen einer Nacht. Man sagt beispielsweise Ihr kam eines Nachts die Erleuchtung, aber nicht Ihr kam einer Nacht die Erleuchtung.  

Eine Zunahme des Genitivs ist bei den Präpositionen festzustellen. Deren älteste Schicht enthält einfache Wörter mit überwiegend lokaler Bedeutung, die den Dativ, den Akkusativ oder beide regieren wie in, bei, durch, zu, auf, an. Eine jüngere Schicht besteht aus komplexen Wörtern, die meist den Genitiv regieren wie aufgrund, anstatt, infolge, anstelle, zugunsten. Ihre Entstehung kann man sich so vorstellen, dass in einem Ausdruck wie an seines Vaters Stelle der Genitiv nachgestellt wurde (an Stelle seines Vaters) und dann aus an und Stelle die komplexe Präposition anstelle wurde, die den Genitiv nach sich zieht. Das Deutsche verfügt inzwischen über mehrere Typen mit Dutzenden solcher Präpositionen, die teilweise sogar Dative attackieren. So regieren etwa trotz, dank und laut ursprünglich den Dativ, dennoch gelten Genitive wie in trotz des Regens heute meist als gutes Deutsch. Sogar entsprechend ihres Antrages ist gar nicht selten, aber natürlich falsch. Der Genitiv ist sicher nicht dem Dativ sein Tod, aber das Umgekehrte ist genauso falsch.

Einen speziellen Typ von Attribut stellt der sogenannte Sächsische Genitiv dar, der im Gegenwartsdeutschen fast nur von Personen- und geographischen Namen gebildet wird wie in Pauls Auto, Lessings Werke, Frankreichs Weine, Michelangelos Bilder. Die Konstruktion hat ebenso interessante wie unerwartete Beschränkungen. Eine ist, dass der Genitiv seinem Bezugssubstantiv um so eher nachgestellt wird, je komplexer er ist. Fast alle Sprecher finden einen Ausdruck wie Auto Pauls ganz schlecht, Bilder Michelangelos aber unauffällig. Und wenn sie mit einem Artikel nachgestellt werden, verschwindet das s ganz, zum Beispiel Bilder des Michelangelo. Die Grammatiker wissen inzwischen ganz gut, woher solche Verhaltensweisen kommen. Im Augenblick geht es nur darum, Verwendungen und ihre Beschränkungen zu demonstrieren.

Peter Eisenberg

Peter Eisenberg (Foto: Jürgen Christ)

Glossen oder Kolumnen zur Sprache gibt es in deutschen Zeitungen oder Magazinen zuhauf. Brauchen wir also noch eine? Es kommt darauf an. Denn in Peter Eisenbergs Sprachkolumne wollen wir ein paar Dinge nicht tun: Wir wollen Sprachkritik nicht als soziale Distinktion betreiben und vor allem wollen wir nicht so tun, als wüssten wir eh alles besser. Wir wollen auch nicht die Gefahr des Sprachverfalls verkünden, der unvermeidlich sei, wenn sich nicht schnell etwas ändere. Dem Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg geht es weniger um die eigene Behauptung im Diskurs, sondern eher um die Sprache selbst. Bevor gewertet wird, geht es erst einmal um das, was man heute über diese Gegenstände weiß. In diesem Sinn geht es um Tatsachen. Und wo immer bei der Kürze der Texte möglich, wird auch mitgeteilt, woher man diese Tatsachen kennt.

In diesem Sinn möchte die Eisenberg-Kolumne zur Aufklärung über den Zustand des Deutschen beitragen. Im Großen und Ganzen wird sich zeigen, dass diese Sprache sich in hervorragender Verfassung befindet. Was nicht heißt, dass es nichts an ihrem Gebrauch zu kritisieren gäbe. Es kann in dieser Kolumne um aktuelle Anlässe gehen und – als besonderer Glücksfall – kann auch einmal ein Thema zur Sprache kommen, das MERTON-Lesern auf den Nägeln brennt. Immer bitten wir die Leserschaft um etwas Geduld. Die Sprache ist nun einmal kein ganz einfaches Gebilde, erschließt sich aber doch viel eher, als die verbreitete Furcht vor ein wenig Grammatik erwarten lässt. Und dann geht von ihr eine Faszination aus, die ihresgleichen sucht.

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Syntaktische Lücken

Das normale Genitivattribut ist dem Bezugssubstantiv nachgestellt, es ist der wichtigste Attributtyp des Gegenwartsdeutschen und die häufigste Verwendung des Genitivs überhaupt. Bedroht wird es nach verbreiteter Auffassung durch die von-Phrase wie etwa in der Antrag ihres Bruders vs. der Antrag von ihrem Bruder. Um einen solchen Fall zu beurteilen, gehen Grammatiker zwei Wege. Einmal wird gefragt, warum es überhaupt zu einem solchen Wechsel kommt. Eine Teilantwort lautet: Das Genitivattribut ist manchmal gar nicht möglich. Man kann sagen ein Antrag vieler Berliner, aber nicht ein Antrag Berliner, denn bei diesem Ausdruck ist der Genitiv als solcher nicht erkennbar. Es entsteht eine syntaktische Lücke. Das Genitivattribut weist mehrere solcher Lücken auf, wie übrigens viele andere Konstruktionen ebenfalls. Möglich ist dann ein Antrag von Berlinern. Zweitens wird gefragt, wo die von-Phrase vorkommt. Untersuchungen haben ergeben, dass etwa im Zeitungsdeutsch weitaus überwiegend der Genitiv verwendet wird und die von-Phrase vor allem dann zum Zuge kommt, wenn der Genitiv nicht funktioniert. Von seiner Verdrängung kann nicht gesprochen werden.

Im geschriebenen Standard ist der Genitiv wichtig und stabil. Er wird dem Deutschen noch lange erhalten bleiben.

Peter Eisenberg

In der traditionellen Grammatikschreibung galt lange der vom Verb regierte Genitiv, also das Genitivobjekt, als zentrale Verwendung dieses Kasus: Sie erinnert sich des Vorfalls. Er bedarf des teuersten Medikaments. Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts listen Grammatiken über 150 Verben, die den Genitiv regieren, heute sind es allenfalls noch zwei Dutzend. Die hohe Zahl war schon seinerzeit dem Ansehen geschuldet, das der Genitiv besaß, und beruhte teilweise auf Versuchen zur Stützung veralteter Verben wie in Sie hat des Lebens sich entbrochen oder Er genas seiner Wunden. Eine Schwäche lag bei der funktionalen Unbestimmtheit, die den Genitiv vom Nominativ, Dativ und Akkusativ unterschied. Er war deshalb sozusagen von innen bedroht, hatte keinen Zuwachs und wurde wo immer möglich ersetzt, zum Beispiel Er vergisst des UnglücksEr vergisst das Unglück oder Sie wartet seiner AnkunftSie wartet auf seine Ankunft. Die größte Gruppe von Genitivverben im Gegenwartsdeutschen ist – man möchte sagen: logischerweise – dort zu finden, wo der Kasus noch einheitlich verwendet wird. Bei Gericht ist er als Genitivus Criminis stabil präsent in Verben wie anklagen, beschuldigen, bezichtigen, entheben, überführen, verdächtigen, versichern.

Fazit: Es wäre kurzschlüssig, vom Abbau des Genitivobjekts auf das Ableben des Genitivs zu schließen. Im geschriebenen Standard ist er wichtig und stabil. Er wird dem Deutschen noch lange erhalten bleiben. 

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