Illustration: Francesco Ciccolella
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Netze für gute Bildung (Teil 2)

Gute Bildung ist zu einer Mannschaftsaufgabe geworden: Quer durch Deutschland vernetzen sich Schulen, Universitäten und Unternehmen. Viele Herausforderungen wie die Digitalisierung können sie nicht alleine stemmen, sondern nur, wenn viele Hände anpacken und viele Köpfe mitdenken. Zweiter Abschnitt unserer Deutschlandreise zu Pionieren der Zusammenarbeit.

„Ohne Netzwerke geht es heute nicht mehr“, sagt Volker Meyer-Guckel, der stellvertretende Generalsekretär des Stifterverbandes. „In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich das vernetzte Denken immer mehr ausgebreitet. Vorher stand jeder für sich allein, und man ging davon aus, dass der Staat alle Probleme lösen kann.“ Durch den Netzwerkgedanken rücke die Selbsthilfe in den Mittelpunkt – und die Überzeugung, dass sich Innovationen am schnellsten verbreiten, wenn sie unmittelbar weitergegeben werden. Hinzu komme der steigende gesellschaftliche Druck auf das Bildungssystem. „An die Schulen werden inzwischen so viele Anforderungen gestellt – von der Vermittlung digitaler Kompetenzen bis zur Inklusion –, dass sie das ohne Partnerschaften überhaupt nicht mehr leisten können.“ Und dann sagt Volker Meyer-Guckel einen entscheidenden Satz: „Es geht nicht nur um Austausch, sondern vor allem darum, gemeinsam etwas zu tun – das ist ein gewichtiger Unterschied!“

Netzwerke zwischen Wirtschaft und Wissenschaft

Illustration: Francesco Ciccolella
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Bei diesem gemeinsamen Tun, wie es Meyer-Guckel proklamiert, setzt auch das Programm Smart Qualifiziert an, bei dem der Stifterverband gerade zehn Hochschulen ausgezeichnet hat und das der Daimler-Fonds maßgeblich unterstützt. Erklärtes Ziel: Weiterbildungsangebote von Hochschulen sollen besser und vielseitiger werden. „Der digitale Wandel verändert die Arbeitswelt, und alle Mitarbeiter müssen sich rasch auf neue Abläufe einstellen“, erläutert Projektleiterin Ann-Katrin Schröder-Kralemann vom Stifterverband. „Beschäftigte sollen die Chance erhalten, sich auf die Veränderungen der Arbeitswelt 4.0 vorzubereiten.“

So groß der Bedarf ist, so steinig ist der Weg. Denn die Hochschulen, die eigentlich prädestiniert wären, das dafür nötige Wissen an Erwerbstätige weiterzugeben, sind noch längst nicht gut genug aufgestellt, was Weiterbildungsangebote anbetrifft. Gute Modelle, wie sich aktuelles Wissen an Erwerbstätige vermitteln lässt, gibt es an den wenigsten Hochschulen.

Den meisten Unternehmen, die Weiterbildungsangebote für ihre Mitarbeiter suchen, geht es nicht um komplette Studienprogramme, sondern um Zertifikate: Hier soll ein Mitarbeiter aus einem Pharmaunternehmen auf den neuesten Stand in der Biotechnologie gebracht werden, dort schickt ein Autohersteller seinen erfahrenen Ingenieur auf ein Seminar, damit er sich mit den Standards der Industrie 4.0 vertraut macht. Solche Seminare buchen Firmen vielfach bei privaten Anbietern – und die wiederum verpflichten häufig Hochschulprofessoren als Referenten. Die Folge: Der Marktanteil der Hochschulen im Bereich der akademischen Weiterbildung liegt bei weniger als 10 Prozent. „Für die Hochschulen bieten sich hier gewaltige Chancen“, sagt Ann-Katrin Schröder-Kralemann.

Gemeinsam an einem Strang ziehen

Illustration: Francesco Ciccolella
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Mit den Chancen meint sie nicht nur die Einnahmen, die den Hochschulen bislang entgehen, sondern vor allem den Netzwerkgedanken: Wenn sich Hochschulen und Unternehmen zusammentun, wenn sich Professoren und erfahrene Praktiker treffen – dann ist das genau die fruchtbare Mischung, aus der Innovationen entstehen. „Ich sehe die Chance in der Verzahnung verschiedener Disziplinen. Wenn Wissenschaft und Unternehmen bei der Digitalisierung an einem Strang ziehen, kann sie schneller und erfolgreicher umgesetzt werden“, urteilt Michaela Seidel-Braun von der Daimler AG, die dort in der Daimler Corporate Academy den Bereich Learning & Development Corporate Functions and Academic Programs leitet. Sie sieht darin für Unternehmen einen bisher ungehobenen Schatz. Und die Hochschulen? Sie kennen den aktuellen Stand der Technik, die tatsächlich im Einsatz ist. „Die Mitarbeiter von Hochschulen erfahren, welche Themen in der Praxis gerade besonders gefragt sind, und können dieses Wissen in ihre grundständigen Studienprogramme und ihre Forschungsfragestellungen einfließen lassen“, sagt Ann-Katrin Schröder-Kralemann – eine klassische Win-win-Situation.

Wenn Wissenschaft und Unternehmen bei der Digitalisierung an einem Strang ziehen, kann sie schneller und erfolgreicher umgesetzt werden.

Michaela Seidel-Braun

Daimler AG

Beim Programm Smart Qualifiziert soll genau diese Verbindung zwischen Unternehmen und Hochschulen gestärkt werden. Eine Jury hat insgesamt zehn Hochschulen ausgewählt, die bereits Erfahrungen mit der akademischen Weiterbildung haben und hier auch erfolgreich sind; hinzu kommen passend zum jeweiligen Thema Experten aus Unternehmen, von digitalen Weiterbildungsplattformen und anderen erfolgreichen Anbietern. „Sie werden ein Jahr lang in einem hochschulübergreifenden Netzwerk zusammenarbeiten“, skizziert Ann-Katrin Schröder-Kralemann den Aufbau des Projektes. 

Regelmäßig werden sich die Netzwerkpartner zusammen finden und ihre Erfahrungen sowie Herausforderungen austauschen. Sollte die Hochschule etwa für ihre Weiterbildungsaktivitäten eine Gesellschaft ausgründen? Und wenn ja: Welche Rechtsform ist die richtige? Und wie können Anreize für Hochschullehrer geschaffen werden, sich in der Weiterbildung zu engagieren? „Vor allem aber muss jede Hochschule sich inhaltlich so positionieren, wie es ihr entspricht – die Weiterbildungsangebote sollten auf das Profil der Hochschule einzahlen, sodass sie auf diesem Feld wirklich einen Mehrwert anbieten kann“, sagt Schröder-Kralemann. 

Zukunft der Weiterbildung

Und natürlich geht es um technische Fragen: Nicht jeder Mitarbeiter, den eine Firma zu einer mehrwöchigen akademischen Weiterbildung schickt, kann bei jedem Seminar persönlich anwesend sein – wie also lässt sich die Lehre gut ins Digitale übertragen? Viele Hochschulen bauen Onlineseminare auf, sie experimentieren mit dem sogenannten Blended Learning, also einer Mischung aus Präsenz- und Onlinekursen, und zahlreichen weiteren Formaten. Es ist ein kostspieliges Experimentierfeld, aber fest steht: Wenn eine Hochschule oder ein Professor im Bereich der Weiterbildung beispielsweise eine innovative Lernplattform entwickelt, über die man online auf Seminarinhalte zugreifen kann, profitieren davon alle Studierenden – auch die in den regulären Studiengängen. „Wir sehen immer wieder, dass viele Lehrinnovationen im Bereich der Weiterbildung entwickelt werden und dass das auch die grundständige Lehre methodisch wie inhaltlich bereichert“, sagt Schröder-Kralemann.

Illustration: Francesco Ciccolella
Illustration: Francesco Ciccolella

Wenn es um Netzwerke wie jenes von Smart Qualifiziert geht, ist der Stifterverband einer der Pioniere in Deutschland. Seit Jahren schon stößt er Verbindungen an und fördert den Austausch: „Man kann sagen, dass wir die Arbeit in Netzwerken in unserer DNA haben“, meint der stellvertretende Generalsekretär Volker Meyer-Guckel. Der Stifterverband gibt damit ein Beispiel, das bundesweit Schule macht: Überall sind in den vergangenen Jahren Hunderte Netzwerke unterschiedlichster Ausprägung entstanden, die sich das Thema Bildung auf die Fahnen geschrieben haben. Viele von ihnen seien regional, sagt Volker Meyer-Guckel: „Denken Sie an Lernlabore, an Science Center oder Netzwerke, in denen Schüler mit besonderen technischen und naturwissenschaftlichen Begabungen gefördert werden.“

Diese Ansätze, bei denen sich Unternehmen, Bildungseinrichtungen und oft auch Privatleute zusammentun, gibt es inzwischen flächendeckend. Der Nutzen dieser Verbindung von vielen Perspektiven und Talenten liegt auf der Hand. Volker Meyer-Guckel illustriert ihn gern mit einer Anekdote: „Ich erinnere mich an eine Universität, die mit einem Video um neue Studenten werben wollte. Der Film war aufwendig produziert, das Ergebnis sehr professionell. Ich war bei der Premiere dabei, und ich erinnere mich genau, wie am Schluss ein Student aufstand und sagte: ‚Ich weiß gar nicht, was ich mit diesem Film anfangen soll – der klärt keine einzige Frage von den jungen Leuten, die sich für ein Studium interessieren.‘ Nach diesem einen Satz war allen klar, dass der teure Film wohl komplett überarbeitet werden muss.“ 

Man kann sagen, dass wir die Arbeit in Netzwerken in unserer DNA haben.
Volker Meyer-Guckel (Foto: Damian Gorczany)
Volker Meyer-Guckel (Foto: Damian Gorczany)

Volker Meyer-Guckel

stellvertretender Generalsekretär Stifterverband

Das ist jetzt einige Jahre her. Heute würde so eine Panne nicht mehr so leicht passieren, davon ist Meyer-Guckel überzeugt: An fast allen Hochschulen sitzen inzwischen Studierende in den Gremien und Arbeitsgruppen. Ihre Meinung wird von vornherein mit einbezogen – und das nicht nur bei Themen wie Imagefilmen, sondern sogar auch bei Fragen nach der strategischen Ausrichtung von Hochschulen.

Weiter zu Teil 3 unserer Deutschlandreise

Illustration: Francesco Ciccolella
Illustration: Francesco Ciccolella

Der dritte Teil unserer Reise zu den Netzwerk-Pionieren führt uns an die Hochschulen. Wir lernen den Psychologie-Studenten Jorin Meyer von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin kennen. Er arbeitet mit vielen anderen daran, die Digitalisierung der Hochschulen bestmöglich zu bewältigen. 

Zurück zu Teil 1 unserer Deutschlandreise

Illustration: Francesco Ciccolella
Illustration: Francesco Ciccolella

In Teil 1 unserer Reise ging es um die Netzwerke und Initiativen, die unsere Schulen besser machen wollen. Wir lernen zum Beispiel Kolja Brandtstedt kennen, der Lehrern die Angst vor dem Neuen nehmen will. 

Dieser Text, der vor der Corona-Krise entstanden ist, erschien zuerst in: CARTA 2020 - Das Bildungsmagazin des Stifterverbandes

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