Leerer Hörsaal an der TU Darmstadt
Leerer Hörsaal an der TU Darmstadt (Foto: Gaetan Werp/unsplash)

Die neue Normalität

Kolumne,

Am Ende des digitalen Sommersemesters ist es wohl noch zu früh für eine abschließende Bilanz. Ob und wie Hochschulen künftig das Digitale integrieren werden, hänge vor allem von ihren jeweiligen Bedürfnissen und Zielen ab, meint unser Kolumnist. Diese zu erkennen, setze allerdings voraus, offen für neue Erfahrungen zu sein.

Digitales Tagebuch des Dr. D.: Dreizehnter Eintrag, Juni 2020

So langsam zeichnen sich die Konturen einer neuen Normalität von Hochschulbildung im Zuge der Corona-Krise ab. Noch vor wenigen Wochen ging es, wie ich hier im letzten Eintrag beschrieben habe, um Notfallprogramme und Quickstarts zur Sicherstellung der Lehre durch Onlineformate. Auch die Bildungspolitik reagierte ungewöhnlich schnell und passte Prüfungs- und andere Rahmenbedingungen an die neue Situation an, wie beispielsweise Nordrhein-Westfalen mit der „Corona-Epidemie-Hochschulverordnung“.

Bildung trotz(t) Digitalität

Illustration: Irene Sackmann

Markus Deimann beschäftigt sich seit 2001 mit Bildung und Digitalisierung. Er arbeitete an verschiedenen Hochschulen und promovierte und habilitierte im Fach Bildungswissenschaft. Er provoziert gerne mit Texten, Vorträgen oder im Podcast „Feierabendbier Open Education“. Es geht ihm um eine sachlich-kritische Auseinandersetzung mit Technik, jenseits von Hype und Untergangsphantasien. Seit 2017 gehört er zum Kernteam des Netzwerks für die Hochschullehre im Hochschulforum Digitalisierung (HFD). Auf MERTON schreibt er als Dr. D. eine regelmäßige Kolumne mit dem vieldeutigen Titel Bildung trotz(t) Digitalität. 

Markus Deimann auf Twitter.

Ist damit für die Hochschulen alles auf einem guten Weg in die digitale Transformation? Die Antwort fällt höchst unterschiedlich aus, je nachdem, welche Meilensteine erreicht werden sollen. Da sind zum einen die Mahner, die vehement die Fahne der Tradition hochhalten und die Hochschulen bereits im „Rausch der Online-Lehre“ sehen beziehungsweise gar schon das Ende der Alma Mater prognostizieren. Es sind oft die gleichen Argumente wie vor einigen Jahren, als mit den Massive Open Online Courses (MOOCs) – dabei handelt es sich um frei zugängliche Internetkurse für alle, angeboten von meist renommierten Hochschulen – eine digitale Bildungsrevolution herbeigesehnt wurde. Dabei wurden allerdings Studium oder Lernen auf den Konsum von Videos und das Beantworten von eingebauten Quizzes verkürzt. Paradoxerweise wurde lediglich eine Mediennutzungsform, nämlich das Zuhören im Hörsaal, durch eine andere, das Schauen von Videos, ersetzt. Aus Sicht eines Medienunternehmens wäre das tatsächlich etwas radikal anderes, wenn nun keine gedruckte Zeitung abonniert werden würde, sondern mehrere Magazine per Google News gelesen würden. Aus pädagogischer Sicht wäre es tatsächlich eine Revolution (ganz im Sinne der alten lateinischen Wortherkunft „Zurückwälzen“) – ein Rückschritt, wenn Hunderte oder Tausende in unbetreute Kurse gesteckt würden und sich mit Materialien, die für den idealtypischen Lernenden aufbereitet wurden, auseinandersetzen dürften.

Hier liegt eine nicht zu unterschätzende Gefahr, wenn solch didaktisch fragwürdige Kurse mit Onlinelehre gleichgesetzt werden. Zumindest auf mittelfristige Sicht dürften die Lernleistungen nicht zunehmen und vielmehr den bekannten Matthäus-Effekt – „wer hat, dem wird gegeben“ – verstärken. Es ist auch nicht damit getan, die jeweils neueste Technologie – aktuell findet künstliche Intelligenz (KI) vonseiten der Wirtschaft und Politik viel Aufmerksamkeit – einzusetzen, ohne vorher zu prüfen, ob das pädagogisch überhaupt sinnvoll ist. Das pädagogische Denken verliert hier gegenüber dem sogenannten Computational Thinking (CT), also der Fähigkeit, wie ein Computer denken zu können, an Bedeutung. Die starke Lobby aus dem Tech-Bereich verspricht sich viel von der Aufwertung des Programmierens in den Stand einer neuen Kulturtechnik, nämlich gut ausgebildete Coder.

Paradoxerweise wurde lediglich eine Mediennutzungsform, nämlich das Zuhören im Hörsaal, durch eine andere, das Schauen von Videos, ersetzt.
Markus Deimann
Markus Deimann (Foto:privat)

Markus Deimann

Es geht dabei um das Aufspalten von komplexen Problemen in kleinere quantifizierbare Einheiten, um diese mithilfe leistungsstarker Algorithmen automatisiert „lösen” zu können und darüber hinaus noch Prognosen für die Zukunft zu geben. Ein solches Denkmodell gibt wenig Raum für kulturelle und soziale Zwischentöne, die nicht einfach einer bestimmten Kategorie zugeordnet werden können. Denn bei der Computerlogik geht es um Effizienz in der Verarbeitung und um das Schonen von Rechenkapazität. Dagegen geht es in der Pädagogik – nach meinem Verständnis – um den produktiven Umgang mit der Verschiedenheit und kulturellen Vielfalt, die Lernende mitbringen und die zusammen mit den Rahmenbedingungen der Bildungseinrichtungen eine jeweils besondere Situation ergeben. Gefragt ist somit die Lehrkunst beziehungsweise Didaktik, die im 17. Jahrhundert von Comenius begründet wurde. Ihm ging es darum, dass alle alles lernen können. Tatsächlich wurden zur Umsetzung dieser Vorgabe eine Reihe von „Unterrichtstechnologien“ entwickelt, die man mit einem Algorithmus vergleichen kann. Dagegen wehren sich jedoch kritische Pädagogen und betonen die Bedeutung von Emanzipation und Autonomie gegenüber gesellschaftlichen Strukturen.

Online vs. Präsenz?

Foto: Nick Bolton/ unsplash
Foto: Nick Bolton/ unsplash

Bevor ich zu sehr abschweife, zurück zum Thema. Mir ist wichtig, dafür zu sensibilisieren, dass in den nun anstehenden Planungen für das nächste Semester (oder das neue Schuljahr) Onlineformate nicht gegen die Präsenzlehre ausgespielt werden. Welche Form besser ist – ein vollständiger Onlinekurs mit hohem Maß an zeitlicher und räumlicher Flexibilität oder die Rückkehr zur Vorlesung mit der bekannten geringen Aufmerksamkeit der Studierenden –, lässt sich so pauschal überhaupt nicht sagen. Zwar gibt es Studien, die von der Überlegenheit eines bestimmten (elektronischen) Mediums im Vergleich zu einem anderen (analogen) Medium berichten, doch gilt dies nur für den speziellen Kontext, in dem die Untersuchung durchgeführt wurde. Verallgemeinern lässt sich das nicht so einfach. Sinnvoller ist es darum, von den eigenen Bedürfnissen und Zielen auszugehen und dann zu fragen, welche Medien und digitalen Technologien dabei helfen könnten. Das setzt natürlich voraus, dass man sich mit den neuen Entwicklungen beschäftigt und diese nicht vorab als Mittel zur Förderung der Demenz brandmarkt. Eine sinnvolle Form der Auseinandersetzung ist das Onlinelabor für digitale kulturelle Bildung der Universität Kiel, das die Auswirkungen von Social Media auf die Alltagspraxis untersucht. Solche Labore schaffen Räume, in denen Lehrende und Lernende gemeinsam Erfahrungen mit neuen Technologien sammeln und gleichzeitig die Auswirkungen auf das Lernen und Lehren diskutieren können. Im Unterschied zu früheren Zeiten, als mit Kursen und Fortbildung zu Medienkompetenz oder E-Learning von einem Wissensvorsprung des Dozenten ausgegangen werden konnte, sitzen heute Lehrende und Lernende im gleichen Boot und sind gleichermaßen von den Auswirkungen der digitalen Transformation betroffen.

Heute sitzen Lehrende und Lernende im gleichen Boot und sind gleichermaßen von den Auswirkungen der digitalen Transformation betroffen.
Markus Deimann
Markus Deimann (Foto:privat)

Markus Deimann

Da digitale Technologien und Medien heute so allgegenwärtig sind und darum auch so tief in die Gesellschaft und die Bildung eingreifen, kommt sogenannten Self-Checks zur Analyse der digitalen Kompetenz eine Schlüsselrolle zu. Von der Europäischen Kommission gibt es beispielsweise einen Fragebogen auf Basis des Rahmenmodells digitale Kompetenz für Lehrende (DigCompEdu). Mit der angeleiteten Selbstbeobachtung soll eine Sensibilisierung für fehlende Fertigkeiten und eine Bereitschaft, sich diese durch Weiterbildung anzueignen, geschaffen werden. Die Themen werden von einer kleinen Expertengruppe bestimmt und sind – wie am Beispiel des „Future-Skills-Framework“ – grob gehalten, sodass sie im jeweiligen pädagogischen Kontext weiter konkretisiert werden können. Zu wünschen wäre, dass eine breite Diskussion nicht erst in der Anwendungsphase stattfindet, sondern bereits während der Definition und Konzeption von Kompetenzen.

Es wäre ebenfalls wünschenswert, Self-Checks und Förderprogramme nicht nur für einzelne Lehrende vorzusehen, sondern auf ganze Institutionen auszuweiten, um so einen tieferen Einblick in die Verbreitung von Innovationen zu bekommen. Es ist nämlich keine Seltenheit, dass engagierte Personen sich in intensiven Workshops mit neuen digitalen Kompetenzen beschäftigen und motiviert sind, diese in ihrem Berufsalltag einzusetzen, doch dann durch die „heimliche Grammatik“ ausgebremst werden. Neue Konzeptionen oder Denkmodelle passen dann nicht zur Kultur und stellen eine Gefahr für das fein austarierte System an Praktiken, Regelungen, Normen und Werten dar.

Wenn es nun also darum geht, eine neue Normalität der digitalen Hochschule herzustellen, sollten auch die vielfältigen Lock-in-Effekte in den Blick genommen werden. So zum Beispiel, wenn an der FernUniversität in Hagen auch während der Corona-Krise der Betrieb im hauseigenen Logistikzentrum (fast) wie gewohnt weitergeht. Dadurch wird die Lehre weiter sichergestellt, aber auch die Abhängigkeit vom gedruckten Studienbrief gefestigt. Solange das so bleibt, kommen Innovationen nicht über dieses Leitmedium hinaus.

Damit will ich nicht sagen, dass Druckereien und Vertriebszentren unmittelbar geschlossen werden müssen, damit das mit der Digitalisierung endlich klappt, sondern dazu ermutigen, das Thema digitale Bildung systemisch zu denken. Das „alte” System der Hochschule funktioniert nach einer eigenen Logik, die mit der Digitalisierung fundamental irritiert und herausgefordert wird. Hier einen Ausgleich zu schaffen und eine produktive Balance herzustellen, ist eine lohnenswerte Aufgabe.

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