Illustration: Jindrich Novotny

Handarbeit vs. Ramsch

Von wegen antiquiert: Auch in alten Berufen steckt noch viel Leben. In unserer Porträt-Reihe erzählen Überzeugungstäter von ihrer Leidenschaft – und arbeiten an einer Renaissance des alten Handwerks. Teil 3 unserer Serie stellt einen Bürstenmacher vor.

Genau an der Stelle, wo ich heute am Verkaufstresen stehe, stand einst mein Urgroßvater. Mehr als 110 Jahre ist das her. 1907 gründete er das Unternehmen, er war der erste Bürstenmacher bei uns in der Familie. Es muss hier damals schon so gerochen haben wie heute: ein angenehm milder Duft nach Holz und Tierhaar. Bis in die 1960er-Jahre hinein waren es goldene Zeiten für die Firma, mein Urgroßvater und später mein Opa beschäftigten mehrere Gesellen, sie belieferten die Bamberger Brauereien, die Bayerischen Staatsbahnen und Haushalte in der weiteren Umgebung.

Um ehrlich zu sein: Als Kind konnte ich mit dem Bürstenmacherhandwerk nie viel anfangen. Ich habe Informatik studiert, weil ich dachte, dass ich da einen sicheren Job bekomme. Aber richtig erfüllend fand ich meine Aufgaben nicht. Meine Mutter wollte den Laden schon noch ein paar Jahre fortführen, aber ein Nachfolger war nicht in Sicht. Sie ermutigte mich, es auszuprobieren. Ich kam ins Grübeln. Soll das Bürstenmacherhandwerk wirklich in Vergessenheit geraten? Soll auch hier in unser Haus aus dem 16. Jahrhundert ein Ein-Euro-Ramschladen einziehen? Nein, das wollte ich nicht.

Also sattelte ich um: Sechs Stunden brauchte ich für meine erste Bürste, inzwischen sitzen die Handgriffe, und ich schaffe es in zwei Stunden – viel Aufwand für ein Produkt, das man auch im Supermarkt kaufen kann. Aber das ist natürlich nicht dasselbe. Wir fertigen Stubenbesen aus Rosshaar und Staubpinsel aus Ziegenhaar, weil das sehr gut den Staub bindet, dazu Schuhputzbürsten, Kleiderbürsten, Rasierpinsel. Viele Bürsten, die wir verkaufen, mache ich nicht selbst – aber die besonders wertvollen Exemplare stammen aus unserer Werkstatt.

„Sollte hier auch ein Ein-Euro-Ramschladen einziehen? Nein, das wollte ich nicht“
Foto: privat

Kilian Schumm

Informatiker und Bürstenmacher

Seit wir im Reiseführer stehen, kommen viele Touristen vorbei. Etliche Bamberger, die schon zu Opas Zeiten unsere Kunden waren, halten uns heute noch die Treue. Und es kommen immer mehr junge Familien, denen Handarbeit und natürliche Materialien wichtig sind.

Kilian Schumm im Podcast

Vom Handwerklichen her mache ich immer noch alles genauso wie meine Vorfahren: Ich nehme einen Bürstenkörper aus Holz, forme aus Messingdraht eine Schleife und ziehe die Haare büschelweise ein. Die größte Veränderung spielt sich im Kaufmännischen ab: Der Einzelhandel muss sich wegen der Online-Konkurrenz neu erfinden. Ohne Frage hilft mir da mein Informatikstudium, ich kenne mich mit Suchmaschinen aus und kann die aktuellen Trends der Digitalisierung gut einschätzen. Wir sind also ein sehr modernes Geschäft – auch wenn der Verkaufstresen und die Ladeneinrichtung noch aus den Zeiten meiner Vorfahren stammen.

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Kilian Schumm (38 Jahre) entschied sich nach seinem Informatikstudium, das Bürstenmachergeschäft seiner Vorfahren weiterzuführen. „Bürsten Nickles“ ist
eine Bamberger Institution – und erlebt derzeit auch dank des Internets eine Renaissance.

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