Arbeiten im Home-Office (Foto: iStock/FreshSplash)
Arbeiten im Home-Office (Foto: iStock/FreshSplash)

Megatrend Digital First, Corona und unser Home-Office

Kolumne,

Jahrelang haben wir von der Digitalisierung nur geredet. Corona verhilft ihr nun zum Durchbruch. Einkaufen, Arbeiten, Konferenzen: Das alles findet nun online statt. Und das wird auch nicht mehr zurückzudrehen sein, schreibt Gunter Dueck in seiner Kolumne.

Corona beschränkt unsere Begegnungen. Wir müssen wir wohl notgedrungen viel mehr von daheim aus agieren. Es ist beschwerlich, mit einer Maske zu arbeiten, auch lusttötend, mit einer Maske einzukaufen. Wir versuchen das jetzt „digital“:

  • Telefonieren? Das ist vollkommen kostenlos und sogar weltweit über WhatsApp möglich – mit oft besserer Qualität, da das WLAN in der Regel besser als das Funknetz überträgt. 
  • Reines Telefonieren weicht langsam der Bildkommunikation (WhatsApp, Zoom, Skype, Teams, Slack).
  • Arbeitsmeetings finden zunehmend über Bildkommunikation statt. 
  • Wir kaufen im Internet. Das lange und maskierte Anstehen vor den Innenstadtgeschäften wollen wir uns nicht mehr geben. Das Angebot im Netz ist viel umfangreicher als in den Geschäften.
  • Wir bezahlen mit Karte und bald alle kontaktlos.
  • Menschen, die längere Zeit im Home-Office arbeiten mussten, wollen nun nicht mehr im Verkehrsgewühl zur früheren Arbeitsstätte zurück. Warum so viel Zeit und Nerven verlieren? 
  • Konferenzen finden nun online statt. Man fährt nicht mehr für zwei Tage irgendwohin, um aus dem langen Programm eigentlich nur ein paar wenige interessante Vorträge zu picken und die Restzeit zu dösen. Oft merken wir in Sekunden, dass ein Vortrag zu kompliziert, uninteressant oder grottenschlecht ist – dann müssen wir ihn ätzend ermüdend absitzen. Im Home-Office holen wir Kaffee, schalten einen andere Rede an oder arbeiten bis zur nächsten, die interessant erscheint. 

Das alles konnte man schon viele Jahre so tun. Aber nur manche kauften oft im Netz ein, nur manche bezahlten konsequent mit Karte, eher wenige arbeiteten im Home-Office oder organisierten sich per Konferenz-App. Es gab nur wenige, die gar nicht mehr so viel Live-Kontakt mit Menschen brauchten, sei es als Kunde oder Kollege. Jetzt aber werden wir zum großen Teil komplett in die digitale Welt versetzt. Das mochten die meisten von uns bislang nicht, weil das digital organisierte Leben viele Nachteile zu haben schien (rund um „keine echten Menschen“). Wenn man allerdings ganz – nicht nur punktuell – in das digitale Dasein geworfen wird, dann erst kann man das Volldigitale mit dem Vollanalogen vergleichen. Und nun beginnen sich die Home-Office-Zwangsarbeiter zu wünschen, es bliebe immer so. Mehr als zwei Drittel möchten nun immer nach Möglichkeit zu Hause arbeiten, so hört man in Umfragen. Und die Home-Office-Zwangsarbeiter kaufen jetzt auch Produkte von zu Hause aus ein, bezahlen diese digital und kommunizieren digital.

Diese Entwicklung nenne ich „Megatrend Digital First“. Während wir früher erst persönlich vorstellig wurden oder gar noch einen Brief schrieben, erledigen wir es heute präferiert im Netz oder per Bildtelefon. Wir werden nur noch zur Arbeit fahren, wenn ein wichtiger Grund vorliegt. Zweimal die Woche ins Büro sollte reichen. Zwischendurch kommen die Pakete der Postzusteller und erfreuen uns... 

Wenn Sie jetzt gelangweilte und gestresste Kinder daheim damit nerven, dass Sie die Hausaufgaben auch nicht beherrschen, wenn die Kinder Sie stören, wenn schließlich das Home-Office noch nicht richtig funktioniert – ich verstehe Sie! Ich habe seit etwa dem Jahr 2000 die Möglichkeit zum mobilen Arbeiten gehabt. Ich weiß es: an manchen Stellen gibt es wirkliche Probleme („Jetzt komme ich einmal pünktlich ins Büro, um etwas zu besprechen, dann ist meine Assistentin nicht da, sie ist im Home-Office“). 

Direct Dueck

Gunter Dueck (Illustration: Irene Sackmann)
Gunter Dueck (Illustration: Irene Sackmann)

Gunter Dueck besitzt die Gabe, einen in innere Jubelstürme ausbrechen zu lassen. Das gelingt ihm, wenn man ihn als Vortragenden auf der Bühne erlebt, aber auch mit seinen Texten und Büchern, mit seinen Interviews. Er schafft es auf ganz außergewöhnliche Weise die Dinge auf den Punkt zu bringen: Oft schleicht er sich erst an ein Thema heran, um dann umso hartnäckiger ein Problem herauszuarbeiten. Seine Thesen trägt er zumeist ruhig und gelassen vor, und doch sind sie oft – das merkt man manchmal erst später – messerscharfe Fallbeile. Dann erheben sich – siehe oben – die inneren Jubelstürme. Und oft jubeln ihm die Menschen nicht nur innerlich zu: Auf großen Tagungen wie der re:publica ist er ein unumstrittener Star. Umso schöner, dass er das MERTON-Magazin mit einer regelmäßigen Kolumne bereichert. Er nennt sie „Direct Dueck“, was auf ein paar schöne scharfe Fallbeile in Textform hoffen lässt. 

Alle MERTON-Kolumnen von Gunter Dueck

Diese Probleme sind hier nicht das Thema: Ich will erklären, dass es die Digitalisierung nun zum vollen Durchbruch schafft, weil wir uns eben nicht nur punktuell, sondern im Ganzen mit dieser Welt vertraut machen und nie mehr ganz zurückgehen. 

Lassen Sie sich nicht über diese Entwicklung täuschen, lassen Sie sich nicht durch Unklarheiten, Klagen und Fehler irritieren – die gibt es genug. Wer bezahlt die Miete für den Heimarbeitsplatz? Wer kontrolliert, dass uns Familienmitglieder bei der Arbeit mit sensiblen Daten nicht über die Schulter schauen? Gibt es eine Pflicht, daheim zu arbeiten? Ein Recht? Wer um Mitternacht eine Mail beantwortet, muss laut geltendem Arbeitsgesetz elf Stunden pausieren. Irgendwann müssen elf Stunden von Arbeit freigehalten werden! Geht das? Ist es sinnvoll? Wer kontrolliert es? 

Wenn Normalos digital werden

Wir brauchen für das Home-Office Steuergesetze, Nichtpendlerpauschalen, Extra-Stromzähler und TÜV-Plaketten! Darf man im Home-Office rauchen? Ein Radler trinken? Das muss verboten werden.
Gunter Dueck (Foto: Michael Herdlein)

Gunter Dueck

Mathematiker und Philosoph

Wahrscheinlich gibt es bald dezidierte Regeln von digiphoben Verwaltungsfeinden, die uns alle möglichen Abstandsregeln und Dokumentationen aufdrücken werden (Der Arbeitstisch und der Stuhl müssen DIN-Normen XY genügen; Arbeiten im Bett sind außer für Sondergewerbetreibende verboten, auch im Wintergarten. Der Computer ist während des Gassi-Gehens vollständig auszuschalten. Der Arbeitsgeber muss jede Woche unangemeldet prüfen, dokumentieren und gegenzeichnen lassen...).

So etwas kommt, fürchte ich. Das hat bis heute niemanden gekümmert, seit 2000 bei mir, meine ich. Aber wenn nicht nur die Nerds, sondern die Normalen digital werden, dann wollen die Normalen feste Regeln, Rechte und Pflichten, weil das normal ist, also nur so sein darf. Dafür wird die Steinzeitverwaltung gerne sorgen. Wir brauchen für das Home-Office Steuergesetze, Nichtpendlerpauschalen, Extra-Stromzähler und TÜV-Plaketten! Darf man im Home-Office rauchen? Ein Radler trinken? Das muss verboten werden. Es darf nicht so aussehen, als würden wir nun selbstverantwortlich handeln müssen, was dem Deutschen von Natur aus nicht wirklich gegeben ist. 

Foto: irfansimsar on unsplash
Bürotürme (Foto: irfansimsar on unsplash)
Brauchen wir in Zukunft noch Städte voller Bürotürme?

Am 'Tipping Point' der Digitalisierung

Schauen wir durch das kleinkarierte Regelnetz der Verwaltung und über das Misstrauen der Chefs gegenüber den gefürchteten Home-Chillern hinaus: Die Bürotürme werden nicht mehr im früheren Maß gebraucht. Es ist nicht mehr nötig, in Ballungsstadt-Kleinstwohnungen gegen Sündmieten zu hausen (zweimal die Woche ins Büro geht auch vom Land aus). Die Innenstädte dünnen aus, es gibt eine Stadtflucht und Immobilienpreis-Beben. Selbstfahrende Autos zum Büro verlängern die Home-Office-Zeit. Gibt es bald selbstfahrende Konferenzraumangebote? Digitale Chefs? Nur über schlechte Zahlen mosern kann eine App auch...

Im Grunde ist unsere Welt noch lange nicht digital, aber wir überspringen wegen Corona die Schlucht dorthin. Die Innovationstheorie spricht vom „Chasm of Innovation“, eben genau von einer Schlucht, die nun nicht nur die Freaks und Early Adopters als Vorhut überwinden und Brückenköpfe bilden. Nein, nun wird auch die „aufgeschlossene erste Hälfte“ der Menschen digital. Diesen Umschlagpunkt nennt die Theorie „Tipping Point“: Aus Neumodischem ist nun ein Trend geworden. Wenn das geschehen ist, wird der Rest nach und nach mitgezogen. Dieser Vorgang beginnt heute unter lautem Zetern der Digiphoben. Lassen Sie sich nicht irritieren. Im Prinzip ist das Digitale nun „gegessen“. Das ist der Megatrend Digital First.

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