Peter Eisenberg
Peter Eisenberg (Illustration: Irene Sackmann)

Hannover hat das beste Deutsch

Kolumne,

Die Stadt Hannover will die Sprache gerechter machen. Sie empfiehlt dafür geschlechtsumfassende Formulierungen. Der Linguist und MERTON-Kolumnist Peter Eisenberg hat sich einige davon genauer angeschaut.

Im Frühjahr 2019 hat die Landeshauptstadt Hannover ein Faltblatt mit „Empfehlungen für eine geschlechtergerechte Verwaltungssprache“ veröffentlicht. Es bestehen Zweifel daran, dass es sich tatsächlich um Empfehlungen und nicht um verbindliche Sprachregelungen handelt. So liest man im einleitenden Text: „Wenn eine geschlechterumfassende Formulierung nicht möglich ist, ist der Genderstar (z. B. Antragsteller*innen) zu verwenden.“ Das ist keine Empfehlung, sondern eine Anweisung, die zudem gegen geltendes Recht verstößt. Für den öffentlichen Dienst ist die Verwendung der amtlichen Rechtschreibung verbindlich. Der Genderstern gehört nicht zur amtlichen Regelung. Sein Gebrauch im öffentlichen Dienst stellt eine Dienstpflichtverletzung dar, die disziplinarisch geahndet werden kann.

Als Anweisung ist auch die dann folgende Passage zu verstehen: „Diese Regelung gilt für sämtlichen Schriftverkehr – E-Mails, Präsentationen, Broschüren, Presseartikel, Drucksachen, Hausmitteilungen, Flyer, Briefe – und schließt somit auch Formulare ein.“ Die neue Anweisung löst eine aus den 1980er-Jahren ab, in der es um eine angemessene sprachliche Berücksichtigung von Frauen ging. Jetzt geht es um „geschlechtsumfassende Formulierungen“, das heißt, es geht um eine Geschlechterideologie, die das natürliche Geschlecht ablehnt und soziale Geschlechterrollen (Gender) zur Grundlage der Kategorisierung von Menschen macht. Praktisch bedeutet das vor allem, das grammatische Geschlecht Maskulinum zu beseitigen. Man unterstellt, mit dem Maskulinum seien nur oder doch vorwiegend Männer oder männliche Wesen bezeichnet. Um die Sache leicht fassbar zu machen und begrifflich dem Kampf gegen männliche Dominanz zuzuordnen, spricht man dann durchgängig nicht vom Maskulinum, sondern von männlichen Wörtern. Solche Wörter gibt es allerdings in keiner Sprache, auch nicht im Deutschen: „männlich“ und „weiblich“ sind keine Eigenschaften von Wörtern, sondern von Lebewesen.

„Männlich“ und „weiblich“ sind keine Eigenschaften von Wörtern, sondern von Lebewesen.
Peter Eisenberg (Foto: Jürgen Christ)

Peter Eisenberg

Es ist nicht möglich, den Inhalt des Faltblatts an dieser Stelle im Einzelnen zu kommentieren. Ich beschränke mich auf einen Kernabschnitt, nämlich den zur Verwendung von Pronomina. Er lautet folgendermaßen:

Pronomen

Die männliche Form wird häufig bei Pronomen verwendet, hierfür gibt es unkomplizierte Lösungen.

gewählt ist ein Bewerber       >          gewählt ist, wer
jeder, jede                              >          alle
keiner                                     >          niemand“

Gehen wir die Fälle durch. Im ersten soll die maskuline Form Bewerber durch einen wer-Satz vermieden werden. Während aber zu Bewerber ohne Schwierigkeiten eine feminine Form Bewerberin gebildet werden kann, ist das bei wer nicht möglich. Alle Formen von wer sind Maskulina und können generisch verwendet werden wie etwa in Wer will, kann jetzt gehen. Da gibt es keinerlei Bezug auf ein natürliches Geschlecht. Das ist der Genderlinguistik auch bekannt und wird von ihr auf verschiedene Weise bekämpft. So enthält die berüchtigte Duden-Broschüre „Richtig gendern“ (Berlin 2017) umständliche und sprachwidrige Anleitungen zum Umgang mit diesem Pronomen. Die hannoverschen Genderspezialistinnen wissen davon offenbar nichts. So kommt es dazu, dass sie mehr statt weniger maskuline Formen befürworten. Das ist, um es vorsichtig auszudrücken, für ihr Anliegen absolut kontraproduktiv.

Die zweite Regelung möchte die Formen von jeder durch solche von alle ersetzen. Der Unterschied zwischen beiden besteht darin, dass mit alle auf Mengen in ihrer Gesamtheit referiert wird (alle Bäume, alle Schüler oder einfach alle, wenn klar ist, welche Menge in Rede steht). Mit dem generischen jeder wird ebenfalls auf Gesamtheiten von Mengen referiert, aber so, dass gleichzeitig jedes einzelne Element der Menge ins Auge gefasst wird. Das Französische macht dasselbe mit den Formen von chacun, tout, das Englische macht es mit each, every, all und das Deutsche eben mit jeder, alle. Dem Deutschen soll diese wichtige, in vielen Sprachen vorhandene Ausdrucksmöglichkeit durch bürokratischen Beschluss genommen werden. Aber auch hier scheitern die hannoverschen Sprachreglerinnen. Denn in zahlreichen Fällen sind die Formen von jeder überhaupt nicht durch Formen von alle ersetzbar, in den übrigen haben sie nicht dieselbe Bedeutung. Man spiele das einmal durch an Ausdrücken wie in jeder Hinsicht, zu jeder Zeit, bei jedem Wetter, jeden Dienstag. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Jeder stirbt für sich allein. Für jedes Kind gibt es Kindergeld. Jeder Wähler hat zwei Stimmen. Über welche Art von Selbstbewusstsein muss man eigentlich verfügen, um einer Sprache so etwas auf dem Verwaltungswege zu verordnen?

Nun zur dritten Regelung. Das Pronomen keiner hat wie jeder Formen im Maskulinum, Femininum und Neutrum, wobei auch hier die des Maskulinums generisch verwendbar sind, zum Beispiel Keiner will es gewesen sein. Das ist anders bei niemand, das immer ein Maskulinum ist. Also sorgt man wieder dafür, dass es nicht weniger, sondern mehr maskuline Formen gibt. Aber das ist noch nicht alles. Die Form niemand hat drei Wortbausteine, das Negationselement nie, den Stamm des indefiniten Pronomens man und ein sogenanntes epithetisches t, das der Berliner und andere im Gesprochenen etwa in Formen wie anderst oder ebend verwenden. Das unbestimmte Pronomen man ist seit Beginn der feministischen Linguistik ein Ärgernis. Man hat versucht, ihm ein feminines Pronomen frau zur Seite zu stellen. Dieses Kunstwort hat sich nicht etabliert, sein Gebrauch geht zurück. Und in Hannover sieht man nicht, dass sich man auch in niemand, jemand findet und sein Maskulinum in diese Wörter mitgenommen hat.

Spracharbeit

Peter Eisenberg
Peter Eisenberg (Illustration: Irene Sackmann)

Glossen oder Kolumnen zur Sprache gibt es in deutschen Zeitungen oder Magazinen zuhauf. Brauchen wir also noch eine? Es kommt darauf an. Denn in Peter Eisenbergs Sprachkolumne wollen wir ein paar Dinge nicht tun: Wir wollen Sprachkritik nicht als soziale Distinktion betreiben und vor allem wollen wir nicht so tun, als wüssten wir eh alles besser. Wir wollen auch nicht die Gefahr des Sprachverfalls verkünden, der unvermeidlich sei, wenn sich nicht schnell etwas ändere. Dem Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg geht es weniger um die eigene Behauptung im Diskurs, sondern eher um die Sprache selbst. Bevor gewertet wird, geht es erst einmal um das, was man heute über diese Gegenstände weiß. In diesem Sinn geht es um Tatsachen. Und wo immer bei der Kürze der Texte möglich, wird auch mitgeteilt, woher man diese Tatsachen kennt.

In diesem Sinn möchte die Eisenberg-Kolumne zur Aufklärung über den Zustand des Deutschen beitragen. Im Großen und Ganzen wird sich zeigen, dass diese Sprache sich in hervorragender Verfassung befindet. Was nicht heißt, dass es nichts an ihrem Gebrauch zu kritisieren gäbe. Es kann in dieser Kolumne um aktuelle Anlässe gehen und – als besonderer Glücksfall – kann auch einmal ein Thema zur Sprache kommen, das MERTON-Lesern auf den Nägeln brennt. Immer bitten wir die Leserschaft um etwas Geduld. Die Sprache ist nun einmal kein ganz einfaches Gebilde, erschließt sich aber doch viel eher, als die verbreitete Furcht vor ein wenig Grammatik erwarten lässt. Und dann geht von ihr eine Faszination aus, die ihresgleichen sucht.

Alle Kolumnen von Peter Eisenberg.

Nun könnte man zu dem Schluss neigen, das Scheitern an der Sprache und ihrer Grammatik sei zu begrüßen, weil es der Sprachregelung den Boden entziehe. Das wäre jedoch ein Kurzschluss. Die Regelung wird durchgesetzt, unabhängig von ihrer Qualität. Sie verstößt gegen die lange gesicherte Erkenntnis, Sprachregelungen von oben seien im Sinne eines freien Sprachgebrauchs unbedingt zu vermeiden. Für das Deutsche hat es solche Regelungen mehrfach gegeben, die letzte im Gewand einer Orthografiereform, aber auch schon früher. Keine von ihnen hat allerdings gewagt, so weit wie der Genderismus bewusst in die Grammatik einzugreifen. Das macht staatliche Sprachregelungen wie die in Hannover so gefährlich. Ich hoffe, dass sie nicht zu viele Nachahmer in anderen Kommunen findet.

(Kolumnen spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Stifterverbandes wider). 

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