"Wir brauchen keinen Journalismus, der sich nur daran ergötzt, in Kontakt mit Mächtigen zu sein."

Christian Schwägerl

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Stehen wir vor einem heißen Herbst der Wissenschafts­kommunikation?

Engagierte Journalisten und die Wissenschaftsgemeinschaft reagieren mit einer Vielzahl von Initiativen auf Populismus und anti-wissenschaftliche Strömungen. Reicht das aus oder muss da noch eine viel mächtigere Bewegung entstehen?

Weltweit sind Wissenschaft und Forschung unter Druck geraten: die Vorbehalte reichen von latenter Skepsis bis hin zu brüsker Ablehnung. Gerade dort, wo wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse mit Profitsucht, Aberglauben oder purem Machtstreben kollidieren, ziehen Forscher oftmals den Kürzeren. Weil Diskurse nicht von Fakten dominiert sind, sondern von Vorurteilen, Denkfaulheit oder Furcht. Welche gesellschaftlichen oder ökonomischen Auswirkungen diese populistischen Phänomene haben, ist noch längst nicht ausgemacht.

Für die internationale science community muss deshalb ganz oben auf der Agenda stehen, den anti-aufklärerischen Bewegungen unmissverständlich entgegenzutreten. Mit den weltweiten „Marches for Science“ wurde ein viel versprechender Anfang gemacht, auch in vielen deutschen Städten gingen Bürger auf die Straße. Zudem – darin sind sich alle Experten weitgehend einig – kommt dem Wissenschaftsjournalismus bei der Vermittlung von wissenschaftlicher Erkenntnis eine besondere Rolle zu. Wissenschaftsjournalisten sollten für jene unabhängige Expertise stehen, die in der derzeitigen Druck-Situation besonders wertvoll ist. Allerdings befindet sich der Wissenschaftsjournalismus selbst unter Druck: in Medienhäusern wird er oft nur als das Anhängsel der großen Ressorts Politik, Wirtschaft oder Kultur betrachtet. Nicht selten gibt es in Redaktionen überhaupt keinen Wissenschaftsjournalisten mehr. Dabei bräuchte es gerade jetzt eine unmissverständliche Stärkung eines qualitativ hochwertigen Wissenschaftsjournalismus. Aber der braucht – so formuliert es der Wissenschaftsjournalist Christian Schwägerl in unserem Video der Woche (siehe ganz oben) – Zeit und Geld. Beides ist in der schnelllebigen Medienwelt ein äußerst knappes Gut. So lange wissenschaftliche Themen weiterhin als Quoten- und Klick-Gift gelten, wird man wohl kaum Medien-Manager finden, die bereit sind, Wissenschaftsjournalismus als etwas anderes zu behandeln als ein Feigenblatt. 

Wir erleben ja gerade eine populistische Welle, die die Grundlagen der Wissenschaft in Frage stellt. Die Reaktion der Wissenschaft darauf sollte nicht sein zu sagen: 'Wir sind im Besitz der Wahrheit'.

Christian Schwägerl

im Video-Interview

Kein Wunder, dass Journalisten immer öfter nach Wegen suchen, jenseits großer Medienhäuser wissenschaftliche Themen in die Öffentlichkeit zu tragen. Christian Schwägerl selbst hat die Riffreporter mitgegründet, eine Genossenschaft freier Journalisten, die ihre Arbeit mit Micropayment, Förderabos und Werbung absichern wollen. Ein Weg, den auch schon einige andere – selten mit großem kommerziellen Erfolg – beschritten haben. 2014 startete das crowdgefundete Online-Magazin „Krautreporter“, um das es heute eher ruhig geworden ist. Das überaus ambitionierte und hervorragend gemachte Online- Wissenschaftsmagazin „Substanz“ ging im Sommer 2015 nach nur einem Jahr in eine unbefristete Pause, die bis heute andauert. Auch hier setzten die Finanzen den ehrgeizigen Machern schnell Grenzen. In Münster versuchen derweil Neurowissenschaftler, Germanisten, Physiker oder Islamwissenschaftler mit „Perspective Daily“ enthusiastische Leser hinter die Mitglieder-Paywall ihres journalistischen Angebots zu locken. Bis jetzt sichern 14.000 Mitglieder den „Journalismus, der fragt, wie es weitergeht“ – so die Selbstbeschreibung - finanziell ab. In der Schweiz macht Constantin Seibt von sich reden: Der ehemalige Redakteur beim Tages-Anzeiger machte mit einem überaus erfolgreichen Crowdfunding für die „Republik“ Furore: fast 14.000 Unterstützer waren bereit, in ein neues Modell für Journalismus zu investieren.

Doch auch außerhalb unmittelbar journalistischer Kreise sorgt man sich über die Erosionen im Journalismus. Ein auf Initiative der VolkswagenStiftung und des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen gegründeter „Expertenkreis Stiftungen & Qualitätsjournalismus“ hat sich zum Ziel gesetzt, „das Engagement bereits bestehender oder neu zu gründender Stiftungen für den Erhalt der Qualität in den Medien zu erhöhen“. Momentan unterstützen ca. 120 Stiftungen in Deutschland Journalistinnen und Journalisten sowie journalistische Projekte und Vorhaben. Bei über 20.000 Stiftungen in Deutschland ist das ein verschwindend geringer Anteil. 

Auf der ursprünglich australischen Online-Plattform „The Conversation“ schreiben Wissenschaftler für ein interessiertes Laienpublikum zu aktuellen Themen aus der Forschung. Die Besonderheit: Hier dürfen in der Tat nur Experten aus Universitäten und Wissenschaftsorganisationen veröffentlichen. Finanziert wird die Plattform allerdings von eben jenen Universitäten und Wissenschaftsorganisationen. Das Textniveau ist auf ein breites Publikum ausgerichtet, nicht selten entstehen Debatten zu tagesaktuellen Ereignissen. Im Mai 2017 waren 5,2 Millionen Nutzer auf der Seite, durch Re-Publizierung der Texte (die unter Creative-Commons-Lizenz stehen) konnten 35 Millionen Leser erreicht werden. Mittlerweile gibt es Ableger der Seite in den USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich und Afrika. Auch eine deutsche Ausgabe ist im Gespräch.

Das Bewusstsein für den Ernst der Lage ist also durchaus vorhanden. Aber ob die vielen kleinen, unverbundenen Initiativen geeignet sind, Wissenschaft und ihre Erkenntnisse so wuchtig in die Öffentlichkeit zu tragen, um ein wahrnehmbares Gegengewicht zu anti-intellektuellen Strömungen und Wissenschaftsskepsis zu bilden, ist unwahrscheinlich. Es fehlt nicht an Enthusiasmus, sondern schlicht an Geld. Alle wissen, was zu tun wäre, aber noch viel zu wenige tun wirklich etwas. 

Daher regt 'The Conversation' lediglich einen Diskurs innerhalb einer elitären Leserschaft an – der Diskurs ist zwar öffentlich, erreicht aber nur einen kleinen Teil der Gesellschaft. Wenn die Wissenschaft weitere Gruppen erreichen will, braucht sie dafür andere Medien.

Tagungen im Herbst 2017

Da hilft nur, weiter miteinander zu reden. Auf Initiative der VolkswagenStiftung soll die Diskussion nun einen weiteren Schub erhalten: Sie lädt im Oktober zu einer großen Experten-Tagung nach Hannover ein und fragt plakativ: „Wie geht es weiter nach dem March for Science?“ Unterstützt wird die Tagung von der Robert Bosch Stiftung, von der Leopoldina und vom Stifterverband. Die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ begleitet die Tagung medial.

Vielleicht wird das der Auftakt zu einem heißen Herbst der Wissenschaftskommunikation, denn auch die weiteren großen Tagungen der Wissenschaftskommunikations-Szene – das „Forum Wissenschaftskommunikation“ und die „Wissenswerte“ – werden das zentrale Thema dieser Tage kaum aussparen können. Hoffentlich sehen wir danach etwas klarer, wohin die Reise – zumindest in Deutschland – gehen wird. 

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