Katharina Tielmann in der Bibliothek
Katharina Tielmann in der Bibliothek (Foto: Sandra Stein)

Ungehindert studieren. Mit Behinderung.

Der Anteil der Studierenden mit einer Behinderung oder einer chronischen Erkrankung liegt deutschlandweit bei sieben Prozent. Angesichts von aktuell rund 2,76 Millionen Studierenden in Deutschland sind das knapp 193.000 Menschen. Wie kommen die Betroffenen im Hochschulalltag zurecht? Sabine Schrör begleitete eine mobiltätseingeschränkte Studierende in Kassel.

Kopfsteinpflaster, dieses verflixte Kopfsteinpflaster. Uneben und rutschig vom Regen, macht es den Weg zum Campus Center der Universität Kassel an diesem trüben Aprilmorgen zum Balanceakt. Erst recht, wenn die Schuhe dünn besohlt sind und sich deshalb jede Kante schmerzhaft in die Fußsohlen bohrt. Doch was für Fußgänger einfach nur lästig ist, wird für Rollstuhlfahrer zur Herausforderung. „Man muss aufpassen, wo man langfährt“, sagt Katharina Tielmann. „Sonst bleibt man schnell stecken oder kippt sogar um.“ Die 25-Jährige weiß, wovon sie spricht. Schließlich bewältigt sie den holprigen Untergrund seit knapp zwei Jahren fast täglich in ihrem schwarzen Rollstuhl.

10:00 Uhr: Gruppenarbeit im Seminar

(Foto: Sandra Stein)

Katharina Tielmann ist von Geburt an querschnittsgelähmt. Seit Oktober 2014 studiert die gebürtige Wittenerin Soziale Arbeit an der Universität Kassel. Heute steht ein Seminarbesuch auf dem Programm. Dafür muss sie in die erste Etage des Instituts für Sozialwesen. Geschickt navigiert sie durch die engen Gänge in Richtung Fahrstuhl. Der ist jedoch bereits mit zwei Kommilitonen besetzt und bietet keinen Platz mehr für die junge Frau im Rollstuhl. Sie wartet die nächste Fahrt ab. Im Seminarraum angekommen, steuert sie zielsicher auf ihren Stammplatz zu – direkt am Eingang, ganz am Anfang der langen Tischreihen. Allerdings verhindert dort eine Säule die Sicht auf die Dozentin. „Nicht so schlimm“, sagt Katharina Tielmann. „Dafür kann ich meinen Platz bequem erreichen. Mit Rollstuhl ist es schwierig, weiter in die Mitte zu gelangen.“ Doch auch vom Rand aus bringt sich die angehende Sozialarbeiterin aktiv ins Geschehen ein, beteiligt sich rege an der Diskussion und hat sichtlich Spaß an der Veranstaltung. Schwierig wird es für sie nur, als sich feste Gruppen zur Teamarbeit zusammensetzen sollen. Dabei benötigt sie die Hilfe ihrer Mitstudierenden, die Tische und Stühle beiseiteschieben.

Studieren mit Beeinträchtigung - Daten und Fakten

Überblick

(Foto: Sandra Stein)

Rund sieben Prozent der Studierenden an deutschen Universitäten und Fachhochschulen leiden unter einer gesundheitlichen Beeinträchtigung, die sich erschwerend auf ihr Studium auswirkt. Die meisten von ihnen sind psychisch erkrankt, gefolgt von chronisch somatisch Erkrankten, Sehbehinderten, Mobilitäts- und Hörbeeinträchtigten: 

  • Psychische Beeinträchtigung/Erkrankung: 42 %
  • Chronisch somatische Krankheit: 34 %
  • Sehbeeinträchtigung/Blindheit: 13 %
  • Mobilitätsbeeinträchtigung: 11 %
  • Hörbeeinträchtigung/Taubheit: 4 %

Studiendauer

(Foto: Sandra Stein)

Gesundheitliche Beeinträchtigungen können sich auf vielfältige Weise im Studium auswirken. So benötigen die Betroffenen meist mehr Zeit: Im Schnitt sind studienrelevant Beeinträchtigte ein Semester länger an Hochschulen eingeschrieben als Nicht-Beeinträchtigte. Zudem stellen die Beeinträchtigten einen deutlich größeren Anteil der Langzeitstudierenden; fast jeder siebte Studierende mit einer für das Studium nachteiligen Beeinträchtigung ist seit insgesamt 15 oder mehr Semestern an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Unter den Studierenden ohne eine derartige Beeinträchtigung ist der Anteil halb so groß.

Durchschnittliche Studiendauer: 

  • Gesundheitlich Beeinträchtigte: 7,9 Semester
  • Nicht-Beeinträchtigte: 6,8 Semester

Anteil Langzeitstudierender:

  • Gesundheitlich Beeinträchtigte: 14 %
  • Nicht-Beeinträchtigte: 7 %

Fächer- und Hochschulwahl

(Foto: Sandra Stein)

Eine gesundheitliche Beeinträchtigung beeinflusst außerdem die Wahl des Studienfachs. Beeinträchtigte Studierende sind häufiger als Studierende ohne Beeinträchtigung in sprach- und kulturwissenschaftlichen Studienfächern sowie in Fächern der Gruppe Sozialwissenschaften/Psychologie eingeschrieben. Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sowie Ingenieurwissenschaften studieren sie hingegen deutlich seltener:

Sprach- und Kulturwissenschaften

  • Gesundheitlich Beeinträchtigte: 23 %
  • Nicht-Beeinträchtigte: 19 %

Sozialwissenschaften/Psychologie

  • Gesundheitlich Beeinträchtigte: 18 %
  • Nicht-Beeinträchtigte: 13 %

Rechts- und Wirtschaftswissenschaften/Ingenieurwesen

  • Gesundheitlich Beeinträchtigte: 16 %
  • Nicht-Beeinträchtigte: 21 %

Hochschulwahl
Auf die Wahl der Hochschule wirkt sich eine gesundheitliche Beeinträchtigung dagegen kaum aus: An Universitäten studieren sieben Prozent aller Studierenden mit gesundheitlicher Beeinträchtigung, an Fachhochschulen sind es sechs Prozent. 

Studienform
Ebenso wie Nicht-Beeinträchtigte entscheiden sich die meisten Studierenden mit gesundheitlicher Beeinträchtigung für ein Vollzeitstudium (94 Prozent versus 95 Prozent).

Abschlussart

(Foto: Sandra Stein)

In punkto Studienabschluss sind Studierende mit studienrelevanter Beeinträchtigung anteilig etwas seltener in einem Master-Studiengang eingeschrieben als ihre nicht beeinträchtigten Kommilitonen (10 Prozent versus 13 Prozent). Auch ihr Anteil an den Bachelor-Studierenden ist mit 55 Prozent geringer als der ihrer nicht betroffenen Mitstudierenden (59 Prozent). Stattdessen sind studienrelevant Beeinträchtigte deutlich häufiger in Diplom- und Magisterstudiengängen vertreten: Hier stellen sie 14 Prozent der Studierenden im Vergleich zu acht Prozent, die ohne Beeinträchtigung studieren. Ein Grund dafür liegt in der längeren Studienzeit, hierdurch sind Menschen mit Einschränkung überproportional in den traditionellen Diplom- und Magisterstudiengängen verblieben.

12:10 Uhr: Besuch der Bibliothek

(Foto: Sandra Stein)

Katharina Tielmanns nächstes Ziel ist die Bibliothek. Der Weg dorthin ist kurz, wie fast alle Wege zwischen den Institutionen der Universität – ein großer Vorteil für mobilitätseingeschränkte Studierende. Außerdem sind alle Gebäude barrierefrei zugänglich. So auch die derzeit im Umbau befindliche Bibliothek: Die Stufen zwischen Eingangstür und Bibliotheksräumen bewältigt Katharina Tielmann mithilfe eines Treppenlifts; eine Übergangslösung, bis der komplexe, auch in Sachen Barrierefreiheit richtungsweisende Umbau des Gebäudes abgeschlossen ist. Während der Lift sie nach oben befördert, müssen die anderen Bibliotheksbesucher warten, denn das Gerät beansprucht die ganze Breite der Treppe. „Geht leider nicht schneller“, ruft Katharina Tielmann, der die Situation ein wenig unangenehm ist. Doch niemand drängelt oder nörgelt, alle warten geduldig, bis die Kommilitonin oben angekommen ist. Die Bibliothek ist gut besucht, zahlreiche Studierende sind zwischen den eng beieinanderstehenden Regalreihen unterwegs. Katharina Tielmanns Rollstuhl ist zwar schmal, dennoch ist es schwierig, ihn ohne Zusammenstöße durch die Gänge zu manövrieren. Gut, dass sie dank eines Blicks in den Bibliothekscomputer genau weiß, wo sie die benötigte Literatur findet. Apropos Literatur – auch sie ist barrierefrei zugänglich an der Universität Kassel. Schließlich studieren dort auch Sehbehinderte und Blinde. Für diese Kommilitonen sind gedruckte Texte eine der größten Hürden. Deshalb bietet die Hochschule neben speziellen Computerarbeitsplätzen für Sehbehinderte einen Literaturumsetzungsdienst an. Dessen Mitarbeiter scannen studienrelevante Texte ein und wandeln sie mithilfe besonderer Software in geeignete Formate wie Audio-, Großdruck- oder Vorlesedateien um.

12:45 Uhr: Mittagessen in der Mensa

(Foto: Sandra Stein)

Nächste Station: die Mensa. Ein Nebeneingang verfügt über eine Rampe für Rollstuhlfahrer. Dort ist Katharina Tielmann mit ihrer Freundin Anne und mit Christoph Trüper verabredet. Der Koordinator für Studium und Behinderung sitzt ebenfalls im Rollstuhl und kennt Katharina Tielmann seit ihrem Studienbeginn in Kassel. „Ein Studium eröffnet Menschen mit Behinderung so viele Lebenschancen und Möglichkeiten der Teilhabe. Viele Betroffene wissen aber gar nicht, welche Hilfen ihnen die Universität bietet, diese Chancen bestmöglich zu nutzen“, sagt der 33-Jährige. Mit seinem Team berät er Betroffene persönlich, unterstützt sie bei der Beantragung von Hilfsleistungen und bringt die Bedürfnisse seiner Klientel in die Arbeit der Hochschulgremien ein. Auch in puncto Nachteilsausgleich informiert und berät die Koordinationsstelle. Den nimmt übrigens auch Katharina Tielmann in Anspruch. Aufgrund ihrer Beeinträchtigung benötigt sie mehr Zeit für schriftliche Prüfungen, die sie dank des bewilligten Nachteilsausgleichs auch bekommt. Zeit braucht sie auch für die Mittagspause, denn in der Mensa herrscht Hochbetrieb. Man hat den Eindruck, alle Studierenden der Universität drängten gleichzeitig zur Essenausgabe. Doch die Räume sind so großzügig angelegt, dass sich die beiden Rollstuhlfahrer dennoch entspannt fortbewegen können. Nachdem sie ihre Mahlzeiten zusammengestellt haben, dauert es ein wenig, bis ein freier Tisch gefunden ist. Dort angekommen, schiebt Anne die Stühle zur Seite, damit Katharina Tielmann und Christoph Trüper ihre Rollstühle parken können. Während des Essens wird viel geredet und gelacht – wie an den anderen Tischen auch.

Etwas mehr Platz

Ich würde mir wünschen, dass die Seminarräume etwas mehr Platz bieten. Und in den Hörsälen wäre ein Zugang für Rollis auch in der Saalmitte super.
(Foto: Sandra Stein)

Katharina Tielmann

14:10 Uhr: Zurück nach Hause

Nach rund eineinhalb Stunden ist es Zeit für Katharina Tielmann, nach Hause zu fahren. Sechs Stationen mit der Bahn, wie jeden Tag. Sie muss noch lernen für eine Klausur, die in der folgenden Woche ansteht. Wie sie ihren Studienalltag bewertet? „Im Großen und Ganzen bin ich sehr zufrieden“, fasst sie zusammen. „Ich würde mir höchstens wünschen, dass die Seminarräume etwas mehr Platz bieten. Und in den Hörsälen wäre ein Zugang für Rollis auch in der Saalmitte super. Dann müsste ich nicht immer ganz vorn oder ganz hinten sitzen.“ Und natürlich das Kopfsteinpflaster. „Das wäre schon super, wenn das ersetzt werden würde.“

Vielfalt gestalten

Logo des Programms
Foto: Stifterverband

Um mehr Vielfalt an Hochschulen zu fördern, hat der Stifterverband das Auditierungsverfahren „Vielfalt gestalten“ ins Leben gerufen. Es begleitet und berät die Hochschulen dabei, Strukturen, Angebote, Instrumente und Maßnahmen für diverse Studierendengruppen zu konzipieren, diese Gruppen in den Hochschulalltag zu inkludieren und zum Studienerfolg zu führen. Die Universität Kassel hat den zweijährigen Auditierungsprozess durchlaufen und im Frühjahr 2016 erfolgreich abgeschlossen.

Alles zum Diversity Audit

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