Helga Rübsamen-Schaeff (Illustration: Irene Sackmann)
Helga Rübsamen-Schaeff (Illustration: Irene Sackmann)

Von der Forscherin zur Unternehmensgründerin

Von einer der jüngsten Professorinnen Deutschlands bis zur Urwaldretterin: Wir stellen vier außergewöhnliche Forscherinnen vor, die der Stifterverband auf ihrem Weg begleitet hat. Teil 3: Helga Rübsamen-Schaeff, Virologin und Firmengründerin.

Letermovir rettet Menschen das Leben. Wir haben dieses Medikament entwickelt – und es ist heute im Markt. Letzteres ist ungewöhnlich, weil nur wenige junge Firmen das schaffen und weil ich jahrzehntelang in der Grundlagenforschung war. Zunächst arbeitete ich an der Universität als Professorin, später in der Wirtschaft bei Bayer, wo ich ab 2001 die weltweite Antiinfektiva-Forschung verantwortete. Das sind Arzneimittel gegen Infektionskrankheiten. Unsere Aufgabe war, sie zu entdecken, die Testung am Menschen wurde von anderen Kollegen durchgeführt.

Kurz vor Weihnachten 2004 erklärte Bayer jedoch, mein Forschungsfeld schließen zu wollen. Unsere Arbeit sollte plötzlich in der Schublade verschwinden: 13 noch unausgereifte, aber vielversprechende Wirkstoffe gegen Viren und Bakterien. Das durfte nicht geschehen, das Know-how, wie man Medikamente gegen Infektionskrankheiten macht, und die Projekte mussten erhalten werden.

Man bot mir an, die 13 Projekte in eine neue Firma zu übertragen, für die ich allerdings die Finanzierung finden müsste. Damit begann das wohl größte Abenteuer meines Lebens: Ich gründete 2006 die AiCuris, ein Biotech-Unternehmen in Wuppertal. Vertraute Mitarbeiter von Bayer sprangen mit mir ins kalte Gründerwasser. Wir wurden ein eingeschworenes Team und lernten viel über die klinische Prüfung eines Medikamentes. Letermovir entstand.

Für den Erfolg hatte ich eine Vision entwickelt, wie wir unser Ziel erreichen könnten: Die Chancen, dass eine erforschte Substanz im Körper auch wie erhofft wirkt und keine problematischen Nebenwirkungen hat, liegen nur bei 1:10. Gleichzeitig verschlingen die klinischen Studien Hunderte Millionen Euro. Ich musste also eine entsprechende Finanzierung finden, um den nötigen langen Atem zu haben und auch Fehlschläge verkraften zu können, war aber vom eigenen Tun, dem Team und seinen Forschungsansätzen 1.000-prozentig überzeugt. So fassten unsere Investoren Vertrauen. Transparenz war dann der Schlüssel, um dieses Vertrauen zu erhalten.

Zur Person

Helga Rübsamen-Schaeff (Illustration: Irene Sackmann)
Helga Rübsamen-Schaeff (Illustration: Irene Sackmann)

Helga Rübsamen-Schaeff hat AiCuris 2006 gegründet und sitzt heute dem wissenschaftlichen Beirat des Unternehmens vor, das sich auf die Erforschung und Entwicklung von Wirkstoffen gegen Infektionskrankheiten konzentriert. 2018 erhielt sie zusammen mit CEO Holger Zimmermann für die Entwicklung des Medikaments Letermovir den Deutschen Zukunftspreis. Letermovir hemmt das Zytomegalievirus - ein Herpesvirus –, wenn bei Patienten das körpereigene Immunsystem ausfällt oder aber bewusst für eine Transplantation unterdrückt wird. Die Auszeichnung wird einmal im Jahr durch den Bundespräsidenten vergeben, der Stifterverband betreut Jury und Auswahlverfahren des Preises.

Unsere Arbeit sollte in der Schublade verschwinden - das Know-how, wie man Medikamente gegen Infektionskrankheiten macht.
Helga Rübsamen-Schaeff (Foto: Ansgar Pudenz)

Helga Rübsamen-Schaeff

Virologin und Firmengründerin

Hätte ich AiCuris ohne Industrieerfahrung gründen müssen, wäre es sicher viel schwieriger gewesen, und es hätte länger gedauert, bis das erste Medikament den Markt erreicht. Man ist als Grundlagenforscher durchaus unwissend, was die pharmazeutische Entwicklung angeht. Hier müssen unbedingt Berührungsängste überwunden werden: Denn wer beide Welten kennt, ist letztlich erfolgreicher.

Hier geht es zu den weiteren Forscherinnenporträts 

Alle Texte erschienen zuerst in: CARTA 2020 - Das Bildungsmagazin des Stifterverbandes

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