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Weltoffen im Web

Wie die FH Lübeck ihre digitalen Kompetenzen nutzt, um sich auch international besser zu vernetzen.

Es herrscht zwar nicht der „Muff von tausend Jahren“ – doch scheinen viele Hochschulen, was die Digitalisierung angeht, zumindest in den 90er-Jahren steckengeblieben zu sein. Das Potenzial des „weltweit“ im World Wide Web werde zu wenig erkannt, monieren Svenja Bedenlier und Olaf Zawacki-Richter in einer aktuellen Studie des Hochschulforums Digitalisierung zur Rolle digitaler Medien in den Internationalisierungsstrategien deutscher Unis und FHs: Ein international ausgerichteter Internetauftritt? Sehen Hochschulen gerade noch als notwendig an. Die Webpräsenz zeitgemäß in eine Internationalisierungsstrategie einbinden, oder gar Geld und Personal dafür bereitstellen – das mache fast keiner, schreiben die Autoren weiter. Dass es Unis wie Fachhochschulen so schwer fällt, die losen Enden „digital“ und „international“ zu verknüpfen, liegt nach Ansicht von Experten auch daran, dass man gewachsenen Strukturen von Forschung und Lehre lange unangetastet gelassen hat, und nun versucht, digitale Angebote gleichsam „aufzupropfen“.

Der Weg ins Netz

Foto: David Ausserhofer

Einen fundamental anderen Weg ging die FH Lübeck, die zu den Siegern des Strategiewettbewerbs „Hochschulbildung und Digitalisierung“ des Stifterverbandes zählt. „Unser erster Weg führte 1997 nicht in die Netze, sondern in die Netzwerke“, betont Rolf Granow, Direktor des Instituts für Lerndienstleistungen der Fachhochschule. Den vermeintlichen Nachteil – eine recht kleine FH im abgelegenen Nordosten Deutschlands zu sein – wandelten sie in einen Vorteil. „Wir haben von Anfang an darauf gesetzt, die Grenzenlosigkeit des Internet zu nutzen, um neue Zielgruppen zu erschließen“, sagt der Professor. 

Die FH an der Ostsee begann fortan, Studiengänge für „nicht-traditionelle Studierende“ ins Netz zu bringen, die etwa den Hochschulzugang auf dem zweiten oder dritten Bildungsweg erworben haben und berufsbegleitend studieren wollen. Die Erkenntnis: „Hoppla, wir sind zu klein dafür, ein umfassendes E-learning-Angebot alleine zu stemmen“ führte außerdem zu einer Fokussierung auf Kooperation, beispielsweise mit anderen Hochschulen und Bildungseinrichtungen.

Die Offenheit mache für die Lübecker weder an Bundesländer- noch an Staatsgrenzen halt, sagt Granow – und veranschaulicht dies mit Beispielen aus der Praxis, in denen es gelungen ist, Internationalisierung und Digitalisierung zu verbinden. So bietet die FH weiterbildende Masterstudiengänge in den Fächern Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften an, bei denen Studierende aus Deutschland, Dänemark, Schweden, Polen, Litauen und Lettland miteinander lernen. „Die Gruppe hat ein hervorragendes ,Wir-Gefühl' und ungewohnte Sichtweisen und kreative Lösungen entwickelt.“ Granow hebt vor allem den „didaktischen Mehrwert einer heterogenen Gruppe“ hervor. Indem berufsbegleitend Studierende den theoretischen Lehrstoff mit dem Hintergrund ihrer Arbeit im Unternehmen reflektierten und Kommilitonen widerspiegelten, „hat sich ihr Blick geweitet“. 

Hochschulforum Digitalisierung

Das Hochschulforum Digitalisierung bildet als unabhängige nationale Plattform den Rahmen, um über die vielfältigen Einflüsse der Digitalisierung auf die Hochschulen und insbesondere auf die Hochschullehre zu diskutieren. Seit dem Start im März 2014 arbeiten rund 70 Expertinnen und Experten in insgesamt sechs Themengruppen an drängenden Fragen rund um um das komplexe Thema. 

Das Hochschulforum ist eine gemeinsame Initiative des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft mit dem CHE Centrum für Hochschulentwicklung und der Hochschulrektorenkonferenz. Gefördert wird es vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Website des Hochschulforums Digitalisierung

Studierende organisieren sich digital

Vor allem beeindruckte Granow die Fähigkeit zur Selbstorganisation der internationalen Studierenden, die sich während des ganzen Studiums nur drei Mal physisch gesehen hätten. „Sie haben ihre ganze Zusammenarbeit und ihren Austausch selber über das Netz organisiert.“ Die FH habe lediglich die technische Umgebung angeboten – die Studenten aber sonst an der langen Leine gelassen. „Sie haben sich so gegenseitig bereichert. Ihre Lernergebnisse waren immer besser als in homogenen Gruppen.“

Mit diesen methodischen Erfahrungen will die FH Lübeck ihre Fühler nun noch weiter gen Osten ausstrecken: Hierbei hat Rolf Granow die Türkei, Indien – oder ein Land wie China im Blick, mit dem die Schleswig-Holsteiner bereits gemeinsame Studiengänge durchführen. „Mit innovativen digitalen Formaten die Mittelschicht in diesen Ländern erschließen“, lautet Granows Marschrichtung. 

Die vom Stifterverband prämierte digitale Innovations-Strategie DIAlog 2020 sieht vor, in den nächsten fünf Jahren internationale Online-Master-Programme und MOOCs (massive open online courses) zu schaffen. Bis 2025 sollen mehr als 2.000 Studierende die Angebote von internationalem Online-Studium und berufsbegleitende Master-Angebote einer Professional School durchlaufen. Die Zahl der Teilnehmer an Online-Weiterbildungen will die FH in diesem Zeitraum verdreifachen, bei den MOOCs strebt sie gar eine Verzehnfachung auf 100.000 an. Mit den 150.000 Euro Förderung aus dem Wettbewerb soll die ganze Hochschule laut Helbig in die Strategieentwicklung eingebunden werden.

Wie genau sich das internationale digitale Angebot hierbei gestaltet – das sei grundsätzlich ergebnisoffen, sagt Granow. „Derzeit ermitteln wir gerade international: Wo sind wir wettbewerbsfähig? Wo hält man uns für kompetent?“ Mit zwei Pfunden könnte man jedenfalls  wuchern, sagt Granow, ursprünglich Professor für Maschinenbau: Mit ingenieurbasierten Angeboten „wo wir international ein hohes Renommée haben.“ Dazu komme der Wettbewerbsvorteil ,berufsbegleitend' – die deutsche „Spezialität“, im Job zu bleiben, während man sich akademisch weiterbildet.

„Forschergeist“ mit Muriel Kim Helbig

Muriel Kim Helbig (Foto: David Ausserhofer)

Ein Gespräch mit der Präsidentin der Fachhochschule Lübeck über die Strategien der Hochschule im Bereich Internationalisierung, Digitalisierung und Wissenstransfer.

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Mooin, Mooin

Illustration: Anne Lehmann
Das Projekt der FH Lübeck - live gezeichnet während des Vortrags von Rolf Grabow auf der Themenwoche "The Digital Turn"

Neue digitale Angebote entwickelt an der FH Lübeck eine eigenständige GmbH. „Oncampus“ heißt sie, von den insgesamt 70 Mitarbeitern treibt ein Team um Wissenschaftsmanager speziell die Erschließung internationaler Zielgruppen voran. Neben gebührenpflichtigen Online-Studiengängen sind auch kostenlose MOOCs der Plattform „Mooin“ integraler Bestandteil der Lübecker Strategie. Bis 2020 will die FH mit unterschiedlichen Partnern 40 MOOCs an den Start bringen. Zusätzlich zu diesem Breitenangebot einer „Bildung für alle“ setzt Oncampus auch auf so genannte professional MOOCS (pMOOCs), die speziell auf das berufsbegleitende Lernen ausgerichtet sind. MOOC-Lernergebnisse sollen hier – etwa über ECTS – anrechenbar werden, Übergänge von nicht-formalen zu formalen Bildung geschaffen, die Durchlässigkeit gefördert werden.

Wie offen und international ihr Angebot ist, stellt die FH Lübeck aktuell auf eine sehr spezielle Art unter Beweis: Flüchtlinge sollen freien Zugang zu sonst kostenpflichtige Online-Kursen, zu Präsenzkursen wie zu MOOCs erhalten. „Wir richten dazu gerade eine eigene Plattform für Flüchtlinge ein“, sagt Granow. 

Digitale Bildung

„Das, was wir heute noch unter Wissen verstehen, wird künftig etwas ganz anderes sein.“

Interview mit Rolf Granow, Direktor des Instituts für Lerndienstleistungen der Fachhochschule Lübeck

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Werden angesichts zunehmender Digitalisierung Lesen, Schreiben und Rechnen noch in 50 Jahren elementare Kulturtechniken sein? Rolf Granow, Leiter des Instituts für Lerndienstleistungen an der Fachhochschule Lübeck, hat da seine Zweifel.

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