Homeschooling - Streit um Laptop (Foto: iStock/Imgorthand)
Homeschooling - Streit um Laptop (Foto: iStock/Imgorthand)

„Wenn sich zwei Schulkinder und die Eltern einen Laptop teilen, reicht das nicht aus“

Sabine Brieske leitet seit zehn Jahren die Liebigschule in Frankfurt. Außerdem gehört sie seit der ersten Stunde zur Steuerungsgruppe, die das Deutsche Lehrkräfteforum organisiert. Im Interview erzählt Brieske, welche Lehren sie aus der Corona-Krise gezogen hat und was sie sich vom Lehrkräfteforum erhofft.

Die Schulschließungen ab März haben für viel Wirbel gesorgt. Wie lief das bei Ihnen ab?
Wir hatten am Freitagnachmittag erfahren, dass die Schulen ab Montag schließen würden – aus der Presse. In Hessen war der Zeitpunkt besonders ungünstig, weil vier Tage später die Abiturprüfungen anstanden. Ich habe dann das ganze Wochenende durchgearbeitet, dem Kollegium, den Eltern und Schülern geschrieben. Am Montag hatten wir eine Dienstversammlung. Die Kollegen hatten unendlich viele Fragen: wie die Aufgaben an die Schüler verteilt werden, auf welchen Kanälen wir kommunizieren, wie wir die Abiturprüfungen organisieren.

Sabine Brieske (Foto: Martin Magunia)
Sabine Brieske (Foto: Martin Magunia)
Sabine Brieske ist Schulleiterin der Liebigschule in Frankfurt. Auf dem Deutschen Lehrkräfteforum bringt sie Lehrerinnen und Lehrer mit anderen Akteuren aus dem Schulwesen zusammen.

Welche Unterstützung haben Sie von den Behörden bekommen?
Das Kultusministerium hat auf seiner Homepage Antworten auf häufige Fragen veröffentlicht. Das war hilfreich, aber viele Fragen blieben offen. Zum Beispiel war bis zum Schluss unklar, wie wir das Sportabitur abnehmen können.

Was waren die größten Herausforderungen?
Wir mussten von heute auf morgen ein System schaffen, auf das wir nicht vorbereitet waren. Wir mussten die Lehrkräfte befähigen, den Unterricht digital zu organisieren. Wir mussten Schüler und Eltern befähigen, Schule zu Hause zu realisieren. Sicherstellen, dass die Schüler die technischen Mittel dafür hatten. Eine weitere Herausforderung war es, den Umgang mit den verfügbaren Tools zu lernen.

Sie haben also schon vorher digitale Tools genutzt?
Wir hatten eine Medien-AG und auch schon einmal einen Fachtag zur Digitalisierung organisiert – wir waren also nicht völlig unvorbereitet. Aber es ist ein weiter Sprung von „Wir probieren das aus“ zu „Wir müssen das ab sofort für den gesamten Unterricht machen“. Gern hätten wir erst eine Strategie entwickelt, um den Umgang mit digitalen Tools gut zu implementieren und alle dabei mitzunehmen. Aber nun waren wir gezwungen, dass alle das sofort umsetzen.

Wir mussten von heute auf morgen ein System schaffen, auf das wir nicht vorbereitet waren.
Sabine Brieske (Foto: Martin Magunia)
Sabine Brieske (Foto: Martin Magunia)

Sabine Brieske

Schulleiterin der Liebigschule in Frankfurt

Und wie haben Sie das geschafft?
Kollegen, die da schon sehr weit waren, haben viel Zeit investiert, um hausinterne Fortbildungen anzubieten. Schwieriger war die digitale Fortbildung der Schüler, weil wir einige nur sehr schwer erreichen konnten. Daran haben wir bis zuletzt gearbeitet. Sollte ein zweiter Lockdown kommen, wäre das wieder eine große Herausforderung.

Was für Pläne haben Sie für diesen Fall?
Eine Möglichkeit sehe ich darin, dass wir diesen Kindern in der Schule Räume zum Arbeiten zur Verfügung stellen. Hier könnten sie auch Geräte ausleihen, die zu Hause vielleicht nicht vorhanden sind. Unsere Sozialarbeiterin kann versuchen, sie zu Hause aufzusuchen. Aber auch mit diesen Ansätzen können wir leider nicht sicher sein, dass wir alle erreichen.

Welche Inhalte sind während des Lockdowns und des damit verbundenen Fernunterrichts auf der Strecke geblieben?
Es wird oft über versäumten Stoff in Mathematik oder Deutsch diskutiert. Aber wirklich gelitten haben die Wertevermittlung und das soziale Miteinander. Das darf man nicht unterschätzen: Schule vermittelt nicht nur Fachinhalte. Deswegen halte ich es für so wichtig, auch sogenannte Nebenfächer zu unterrichten, in denen man politisches Bewusstsein und eine Diskussionskultur entwickelt. Das kann man im Homeschooling leider kaum machen.

Sind in der Krise auch Stärken an Ihrer Schule zutage getreten?
Ja, viele Kolleginnen und Kollegen waren sehr engagiert, das war eine große Freude. So konnten wir gemeinsam pragmatisch Lösungen entwickeln, auch mit unseren geringen technischen Mitteln. Dabei sind viele gute Ideen entstanden, die wir nun zu Konzepten weiterentwickeln wollen.

Was wäre anders gewesen, wenn Deutschland bei der Digitalisierung schon weiter wäre?
Es wäre sichergestellt, dass alle Kinder Geräte zu Hause haben, mit denen sie gut arbeiten können. Wichtig ist, dass sie diese allein nutzen können. Es gibt Familien, da nutzen alle gemeinsam einen PC. Wir können die Kinder zwar erreichen, aber wenn sich zwei Schulkinder und die Eltern einen Laptop teilen, dann reicht das nicht aus. Außerdem würden sich die Kinder mit den Geräten auskennen. Damit meine ich nicht nur die Bedienung. Sie wüssten zum Beispiel auch, wie sie digitale Informationen bewerten.

Die Schulen wären außerdem besser technisch ausgestattet. Alle Lehrkräfte wüssten, wie sie die Technik nutzen können: wie zum Beispiel Unterricht im Homeschooling aussehen kann, der mehr leistet, als nur Arbeitsblätter digital zu verteilen. Aber so eine Veränderung der Unterrichtskultur lässt sich nicht von heute auf morgen erreichen.

Letztes Jahr haben Bund und Länder mit dem Digitalpakt fünf Milliarden Euro für die digitale Ausstattung an Schulen bereitgestellt. Haben Sie davon profitiert?
Leider kommen wir als Schule gar nicht an dieses Geld heran. Es geht vom Bund ans Land, vom Land an die Kommune und die Kommune als Schulträger entscheidet dann, wie sie es verteilt. Eine Auszahlung an uns ist derzeit nicht geplant, das wird noch dauern. Die digitale Unterstützung sah eher so aus, dass wir nun Tools benutzen dürfen, die vorher nicht gestattet waren. Zum Beispiel durfte ich bis vor Kurzem meinen Verwaltungsrechner nicht für Videokonferenzen nutzen. Aber wie sollte ich mein Kollegium während des Homeschoolings erreichen? Ich musste nach Hause fahren, um mit meinem privaten PC digitale Sprechstunden für die Kollegen abzuhalten.

Digitales Deutsches Lehrkräfteforum 2020

Deutsches Lehrkräfteforum 2017 (Foto: Martin Magunia)
Deutsches Lehrkräfteforum 2017 (Foto: Martin Magunia)

Die Corona-Pandemie und dessen Auswirkung auf das deutsche Bildungssystem stehen im Mittelpunkt des Deutschen Lehrkräfteforums 2020, das der Stifterverband gemeinsam mit acht weiteren Stiftungen organisiert. „Aus der Krise lernen – Gemeinsam Schule im Wandel gestalten“ – daran arbeiten die Teilnehmer 2020 in digitalen Workshops, Vorträgen und anderen Austauschformaten. Den Auftakt macht am 14. September eine Podiumsdiskussion unter anderem mit Andreas Schleicher, Direktor für Bildung bei der OECD sowie Berater in Bildungsfragen des dortigen Generalsekretärs. Die Podiumsdiskussion wird auch live gestreamt und aufgezeichnet.

Weitere Informationen zu Programm und Anmeldung unter
https://www.deutsches-lehrkraefteforum.de

Unterricht im Homeschooling kann mehr leisten als nur Arbeitsblätter digital zu verteilen.
Sabine Brieske (Foto: Martin Magunia)
Sabine Brieske (Foto: Martin Magunia)

Sabine Brieske

Bildungspolitische Entscheidungen sind in Deutschland Ländersache. Ist das in der Corona-Krise eine Hürde?
Das glaube ich nicht, im Gegenteil. Dezentrale Prozesse laufen oft schneller ab. In zentral verwalteten Staaten wie etwa Frankreich ist der Apparat viel langsamer. Ob die Maßnahmen in jedem Bundesland immer zweckmäßig sind, darüber muss gestritten werden – das ist unsere Demokratie. Aber ich halte es nicht für sinnvoll, wenn alle immer alles gleich machen.

Viele Schulen haben kritisiert, dass Vorgaben nicht umsetzbar waren, zum Beispiel zu Abstandsregeln. Wie könnte das besser laufen?
Es wäre eine große Hilfe, wenn es auf kommunaler Ebene Unterstützung für Schulen gäbe – zum Beispiel eine Einrichtung, die vor Ort mit den Schulleitungen aus den ministeriellen Vorgaben konkrete Einzelmaßnahmen entwickelt. Das muss nicht für jede Schule einzeln geschehen, aber vielleicht für Schulen, die ähnlich strukturiert sind.

Was würde an Ihrer Schule bei einem zweiten Lockdown besser laufen?
Wir wären nun vorbereitet – nicht optimal, aber besser. Wir haben Standards für verschiedene Szenarien entwickelt: Was passiert, wenn einzelne Lehrkräfte vom Präsenzunterricht befreit werden? Was, wenn wir wieder hybriden Unterricht planen müssen? Auch das Schulportal Hessen, die hessische Lernplattform, läuft heute zuverlässiger. Das Land hat viel Arbeit investiert und die Kapazitäten hochgefahren. Zu Beginn des Lockdowns ist das Schulportal oft zusammengebrochen.

Das Deutsche Lehrkräfteforum steht dieses Jahr unter dem Motto „Aus der Krise lernen – Gemeinsam Schule im Wandel gestalten". Was erhoffen Sie sich von der Veranstaltung?
Gute Ideen kommen oft von einzelnen Lehrkräften. Das Lehrkräfteforum bietet die Möglichkeit, dass wir uns über solche guten Beispiele informieren und austauschen. Ich wünsche mir, dass viele gute Ideen möglichst weit verbreitet werden.

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