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In der Mehrheit

Kolumne,

Die Schulbücher, die Lineale, die Tafeln – die deutsche Sprache kennt mehr als 20 Pluraltypen. Mal endet der Plural auf -e, mal auf -n, mal auf -er und mal sind – wie bei Lehrer – Singular und Plural identisch. Dass hinter diesem scheinbaren Chaos ein System steckt, erklärt unser Kolumnist und Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg.

Der Plural von Substantiven ist etwas sehr Einfaches: Er bezeichnet Mehrheiten – aber Mehrheiten wovon? Vielleicht von dem, was ein Substantiv im Singular bedeutet? So sieht es aus, aber so ist es nicht. Denn der Singular kann Einzahl bezeichnen, muss er aber nicht. Mit einem Satz wie Ein Lehrer ist kein fauler Sack haben wir dieselbe Bedeutung wie mit Lehrer sind keine faulen Säcke. Was der Plural kann, das kann der Singular in solchen und anderen Fällen auch, aber was der Singular kann, das kann der Plural meistens nicht. In einem Satz wie Dieser Fußballfan singt besonders schön haben wir nur die Einzahl. Offenbar hat der Plural eine speziellere Bedeutung als der Singular, dessen Bezeichnung insofern irreführend ist, als er Einzahl und Mehrzahl bezeichnen kann.

Die Sprachwissenschaft spricht etwas schwerfällig von der „markierten“ Kategorie Plural und der „unmarkierten“ Kategorie Singular. Man kann auch sagen, der Singular sei unspezifisch, bezeichne das Allgemeine oder den Hintergrund, der Plural das Bild. Das Verhältnis der beiden zueinander ist nicht symmetrisch. Das ist bei allen vergleichbaren Paaren von Kategorien so, etwa im Verhältnis Indikativ/Konjunktiv, Präsens/Präteritum, Maskulinum/Femininum und vielen anderen. Diese für das grammatische Denken grundstürzend wichtige Erkenntnis geht auf den russisch-amerikanischen Sprachwissenschaftler Roman Jakobson zurück. Er entwickelte sie in den 1930er-Jahren am Kasussystem des Russischen. Bei Weitem nicht alle Sprachen haben überhaupt einen Plural, was ja nach dem über den Singular Gesagten ganz verständlich ist.

Man sucht Plurale häufig dort, wo man eine sogenannte geschlechtergerechte Sprachverwendung fordert.
Peter Eisenberg (Foto: Jürgen Christ)

Peter Eisenberg

Sprachwissenschaftler

Das Deutsche hat für alle möglichen Wörter einen Plural, für Pronomina ebenso wie für Adjektive, für Substantive ebenso wie für Verben. Es gibt aber auch im Deutschen Wörter, die nur einen Singular und keinen Plural haben (zum Beispiel Obst, Schmuck, Wild, Ruhe, Hunger; siehe auch die Kolumne Bürokratische Plurale vom November 2017). Andere haben dagegen nur den Plural. Auch diese sogenannten Pluraliatantum wie Ferien, Eltern, Möbel, Leute, Spesen sind nicht sehr häufig. Sie fallen auch dadurch auf, dass sie kein grammatisches Geschlecht (Genus) haben.

Die Genera Maskulinum, Femininum und Neutrum sind im Deutschen auf den Singular beschränkt. Die Form der Lehrer ist maskulin, der Plural die Lehrer aber nicht. Er ist genuslos, was der Verwendung des Plurals in letzter Zeit Auftrieb gegeben hat. Man sucht Plurale häufig dort, wo man eine sogenannte geschlechtergerechte Sprachverwendung fordert. So haben wir den Unterschied von Singular und Plural in Paaren wie der Studentdie Studentin mit den Pluralen die Studentendie Studentinnen, aber in die Studierenden gibt es keinen Hinweis auf einen maskulinen oder femininen Singular. Auch Formen mit dem Genderstern wie die Lehrer*innen stehen meist im Plural. Welche Singularformen sie haben, ist umstritten. Möglicherweise vermehren sie den Bestand an Pluraliatantum erheblich.

Der chaotische Plural

Wie sieht nun der Plural beim Substantiv aus? Die Pluralbildung des deutschen Substantivs gilt seit jeher als unübersichtlich, ja als chaotisch. Unsere Grammatiken unterscheiden zwischen fünf und mehr als 20 Pluraltypen, man streitet sich trefflich. In seinem bekannten Buch „Wörter und Regeln. Die Natur der Sprache“ (Heidelberg 2000) erlaubt sich der prominente amerikanische Sprachwissenschaftler Steven Pinker die Frage: „Kann es eine Sprache geben, die so pervers, so verdreht, so sadistisch ist, dass sie ihren Sprechern in der Mehrheit der Fälle irreguläre Formen aufzwingt?“ Die Pluralbildung sei so komplex, um „die Sprachlerner auf Zack zu halten“. Gemeint ist das Deutsche.

Man darf solche Äußerungen getrost als unseriös ansehen. Sie sind der amerikanischen Grusel- und Verkaufskultur geschuldet. Trotzdem sollten wir über eine Strategie verfügen, mit der Wichtiges von Unwichtigerem und Systematisches von Einzelfällen unterschieden werden kann, etwa die folgende: 

  1. Finde zunächst heraus, welche Plurale im Gegenwartsdeutschen produktiv sind, das heißt welche auf neu gebildete oder entlehnte Wörter übertragen werden, und kümmere dich erst danach um die Typen, die vielleicht zahlreich vertreten, aber nicht produktiv sind.
  2. Finde heraus, welche der Typen tatsächlich morphologisch unterschieden sind und welche nur lautlich in dem Sinn, dass die Form des Stammes entscheidet, wie eine Pluralform aussieht.

Keine Regel ohne Ausnahme

Der Plural wird im Deutschen nach dem Genus gebildet. Wir setzen das grammatische Geschlecht des Substantivs voraus. Für morphologisch einfache Substantive lautet die Grundregel dann folgendermaßen:

  • Einsilbige Maskulina und Neutra bilden den Plural auf -e (Tisch Tische, Bein Beine), einsilbige Feminina bilden den Plural mit -en (Burg Burgen).
  • Zweisilbige Maskulina und Neutra haben als zweite Silbe in der Regel eine mit dem Murmelvokal Schwa [«]. Sie bilden den Plural endungslos, das heißt, die Pluralform ist der Singularform im Nominativ gleich (Eimer Eimer, Rudel Rudel). Zweisilbige Feminina bilden den Plural auf -n (Seite Seiten, Mauer Mauern).

Hier ist zu erkennen, was mit dem Einfluss des Stammes auf die Pluralform gemeint ist. Man benötigt deshalb für das Maskulinum und das Neutrum nicht zwei, sondern nur einen Pluraltyp, und auch für das Femininum braucht man nur einen Typ, also insgesamt zwei.

Diese einfache Grundregel kann auf komplexe suffigierte Substantive übertragen werden, sie gilt auch dort. So ist bei den Maskulina und Neutra mit den Schwasuffixen -er beziehungsweise -chen der Plural gleich dem Singular (Lehr+er – Lehr+erBlüm+chen – Blüm+chen), sonst gilt der mit -e gebildete Plural (Feig+ling – Feig+lingeGleich+nis – Gleich+nisse). Die entsprechenden Feminina bilden den Plural mit -en (Frechheit – FrechheitenAhnung – Ahnungen). Berücksichtigt man noch den Umlaut, dann sind bereits mehr als 90 Prozent der Substantive mit zwei Typen erfasst.

Und der Rest? Er verteilt sich auf eine Anzahl von Einzelfällen, wie sie in jeder Sprache und auch im Englischen vorkommen, dazu aber auf drei weitere Typen, die nicht produktiv sind, aber als aktiv zu gelten haben. Jedes Genus hat seinen besonderen Pluraltyp neben dem allgemeinen. Beim Maskulinum ist es der mit -(e)n gebildete Plural für die Bezeichnung von Lebewesen (Bär – BärenHase – Hasen). Der besondere Pluraltyp des Maskulinums entspricht dem normalen beim Femininum. Umgekehrt entspricht der besondere Typ des Femininums (Hand – HändeKunst – Künste) dem normalen beim Maskulinum, alles höchst systematisch.

Spracharbeit

Peter Eisenberg
Peter Eisenberg (Illustration: Irene Sackmann)

Glossen oder Kolumnen zur Sprache gibt es in deutschen Zeitungen oder Magazinen zuhauf. Brauchen wir also noch eine? Es kommt darauf an. Denn in Peter Eisenbergs Sprachkolumne wollen wir ein paar Dinge nicht tun: Wir wollen Sprachkritik nicht als soziale Distinktion betreiben und vor allem wollen wir nicht so tun, als wüssten wir eh alles besser. Wir wollen auch nicht die Gefahr des Sprachverfalls verkünden, der unvermeidlich sei, wenn sich nicht schnell etwas ändere. Dem Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg geht es weniger um die eigene Behauptung im Diskurs, sondern eher um die Sprache selbst. Bevor gewertet wird, geht es erst einmal um das, was man heute über diese Gegenstände weiß. In diesem Sinn geht es um Tatsachen. Und wo immer bei der Kürze der Texte möglich, wird auch mitgeteilt, woher man diese Tatsachen kennt.

In diesem Sinn möchte die Eisenberg-Kolumne zur Aufklärung über den Zustand des Deutschen beitragen. Im Großen und Ganzen wird sich zeigen, dass diese Sprache sich in hervorragender Verfassung befindet. Was nicht heißt, dass es nichts an ihrem Gebrauch zu kritisieren gäbe. Es kann in dieser Kolumne um aktuelle Anlässe gehen und – als besonderer Glücksfall – kann auch einmal ein Thema zur Sprache kommen, das MERTON-Lesern auf den Nägeln brennt. Immer bitten wir die Leserschaft um etwas Geduld. Die Sprache ist nun einmal kein ganz einfaches Gebilde, erschließt sich aber doch viel eher, als die verbreitete Furcht vor ein wenig Grammatik erwarten lässt. Und dann geht von ihr eine Faszination aus, die ihresgleichen sucht.

Alle Kolumnen von Peter Eisenberg.

Der besondere Plural des Neutrums wird mit -er gebildet (Kind – KinderBuch – Bücher). Er hat Umlaut, wenn Umlaut möglich ist, der besondere des Femininums hat immer Umlaut.

Die Regeln sind in einigen Einzelheiten etwas grob formuliert und sollten in einer Grammatik nachvollzogen und anhand vieler Beispiele durchdrungen werden. Als Daumenregeln und zur Bildung einer Vorstellung vom Pluralsystem des deutschen Kernwortschatzes sind sie aber bestens geeignet, zumal man auch erklären kann, warum gerade die genannten und nicht andere Endungen für den Plural verwendet werden. Kinder haben im normal verlaufenden Spracherwerb keinerlei Mühe, dieses einfache System zu erwerben. Das sollte sich auch Steven Pinker vor Augen führen.

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