Abdul Aziz (Foto: Martin Magunia)
Abdul Aziz (Foto: Martin Magunia)

Ein Mensch, der für mich zuständig ist

An der Universität Koblenz verbringen Lehramtsstudierende einmal in der Woche einen Nachmittag mit Flüchtlingskindern. Das fördert nicht nur die interkulturellen Kompetenzen der angehenden Lehrer, sondern auch die Sprachentwicklung der Kinder – der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration.

Stolz sieht er aus und auch ein bisschen verlegen, als Abdul Aziz Aimaq seinen Tiger in die Kamera hält. Er besteht aus orangefarbener Pappe mit aufgemalten schwarzen Streifen und trägt ein aufgeklebtes Foto: Abdul Aziz mit seiner Mentorin Franziska Retterath bei einem gemeinsamen Besuch im Zoo. Denn dafür steht der Tiger: als Erinnerung an ein gemeinsames Erlebnis und auch für Zusammenarbeit. Franziska und Abdul Aziz haben das Papptier gemeinsam ausgeschnitten, bemalt und beklebt. Ein knappes Jahr lang haben sich die Lehramtsstudentin von der Universität Koblenz-Landau und der Erstklässler in der Medardus Grundschule in Bendorf getroffen, jeden Montag für zwei Stunden als ein Tandem im Projekt GeKOS (Gemeinsam entdecken Kinder ihren Ort mit Studierenden). Dessen Ziel ist zum einen, Lehramtsstudierenden interkulturelle Kompetenzen zu vermitteln, und zum anderen, geflüchtete oder migrierte Kinder bei der Sprachentwicklung zu fördern. Heute ist das Abschlussfest. Es gibt Kuchen und Getränke auf dem Schulhof, es werden Ansprachen gehalten und Abschiedsgeschenke ausgetauscht.

Informelles Lernen außerhalb des Klassenzimmers

Franziska Retterath und Abdul Aziz (Foto: Martin Magunia)
Franziska Retterath und Abdul Aziz (Foto: Martin Magunia)
Starkes Tandem: die Lehramtsstudentin Franziska Retterath und ihr Schüler Abdul Aziz Aimaq.

An der Medardus Schule gibt es Schüler aus 38 Nationen. Die 23 Mentoren von der Universität, sagt Schulleiter Rolf Polcher, seien für die Kinder im Schulalltag eine große Unterstützung: „Ein Mensch, der für mich zuständig ist, der aber nicht nur Lernen im Kopf hat.“ Denn bei GeKOS gibt es kein Curriculum, es geht um informelles Lernen. Franziska und Abdul Aziz haben zusammen gelesen, Fußball oder Brettspiele gespielt, waren in der Eisdiele. Und haben sich unterhalten. Was ist dein Lieblingstier? Hattest du schon einmal ein Haustier?

Heike de Boer (Foto: Simon Bierwald/INDEED Photography)
Heike de Boer (Foto: Simon Bierwald/INDEED Photography)
Heike de Boer, Professorin für Grundschulpädagogik, leitet das Projekt GeKOS an der Universität Koblenz.

„Die Kinder fangen an zu erzählen, wenn sie über etwas sprechen, das sie interessiert. Oder noch besser, wenn sie den Studierenden etwas erklären können, was diese nicht wissen“, sagt Heike de Boer, Projektleiterin von GeKOS und Professorin für Grundschulpädagogik an der Universität Koblenz-Landau. Das weiß sie aus der Begleitforschung des Projekts. Die Gespräche der Tandems werden teilweise aufgezeichnet und ausgewertet. Dabei hat sich gezeigt: Verschlossene Kinder brauchen Gegenüber, die gut zuhören, Fragen stellen, aber auch Pausen machen, den Kindern Zeit geben. Und daran fehlt es im normalen Unterricht.

SCHNELLE SPRACHENTWICKLUNG

Franziska Retterath und Abdul Aziz (Foto: Martin Magunia)
Franziska Retterath und Abdul Aziz (Foto: Martin Magunia)
Nach nur sechs Monaten sprach Abdul Aziz mit seinen Freunden Deutsch - dabei halfen ihm auch die Ausflüge mit Franziska Retterath.

Abdul Aziz kommt aus Afghanistan, ist mit seiner Familie seit zwei Jahren in Deutschland, war davon aber nur zwei Monate lang im Kindergarten. Trotzdem, freut sich sein Vater Abdul Qadeer Aziz, sprach er schon nach sechs Monaten in der Schule mit seinen Freunden Deutsch. „Ich habe Bekannte, mit denen ich immer wieder die Sprachentwicklung der Kinder vergleiche“, sagt er. Bei seinem Sohn, hat er beobachtet, ging der Spracherwerb deutlich schneller. Und daran, glaubt er, hat GeKOS einen wichtigen Anteil. Weil die Mentoren mit den Kindern im engen Kontakt in einer Eins-zu-eins-Situation sprächen. Abdul Qadeer Aziz hat acht Kinder, drei davon haben am GeKOS-Projekt teilgenommen und sie alle, freut sich der Vater, hätten Lust auf Schule.

Auch die 45 Studierenden, die an zwei verschiedenen Grundschulen seit 2015 jedes Jahr an GeKOS teilnehmen, haben viel von dem Projekt. „Ich nehme da mehr mit, als wenn ich in der Uni sitze“, sagt Franziska Retterath. Sie studiert im neunten Semester Deutsch und Erdkunde auf Lehramt und hat in der eigenen Arbeit und auch beim begleitenden Coaching gemeinsam mit anderen Studierenden viel über die Schwierigkeiten von Kindern mit Fluchterlebnissen gelernt: Kinder, die mit dem Boot geflohen sind, haben teilweise Angst vor Wasser, manche schrecken vor lauten Geräuschen zurück. Viele Dinge, die für uns alltäglich erscheinen, sind für viele dieser Kinder ein spannendes Erlebnis.

Bei Projekten wie GeKOS nehme ich mehr mit, als wenn ich in der Uni sitze.

Franziska Retterath

Lehramtsstudentin an der Uni Komblenz

Andere Highlights im Programm der Grundschulkinder, wie zum Beispiel das traditionelle Martinsfeuer nach dem Fackelumzug, erleben diese Kinder nicht als positiv, sondern als beängstigend. „Ich weiß jetzt, wenn ich mal unterrichten werde, womit diese Kinder zu kämpfen haben und was ich ihnen zumuten kann“, sagt Retterath. „Ich habe Offenheit und Sensibilität entwickelt.“ Es geht also nicht nur um Lernen, es geht um Verständnis und um Beziehungen. Mit der Veränderung der Beziehung, sagt Heike de Boer, verändere sich nachweislich auch das Sprechverhalten. „Wenn die Kinder beim Abschlussfest toben, lachen und mit ihren Mentorinnen und Mentoren Geschichten erzählen“, meint deshalb Schuldirektor Polcher, „dann haben wir unser Ziel erreicht.“

Stark durch Diversität

2018 haben Stifterverband und die Schöpflin Stiftung, gefördert durch die Stiftung Mercator, das Netzwerk „Stark durch Diversität – Förderung interkultureller Kompetenzen in der Lehramtsausbildung“ ins Leben gerufen. Darin kommen regelmäßig zehn Hochschulen zusammen, die zuvor im Wettbewerb „Spracherwerb stärken“ des Sonderprogramms „Integration durch Bildung“ ausgezeichnet wurden. Das Ziel: Gemeinsam mit weiteren Projekten und Institutionen über Best-Practice-Projekte und den Stellenwert von interkulturellen Kompetenzen in der Lehrerbildung auszutauschen.

2019 erschien zum Abschluss des Netzwerks die Handreichung „Lehrkräftebildung für die Schule der Vielfalt“. Die Publikation kann hier heruntergeladen werden.

Das Netzwerk Stark durch Diversität

Kommentare anzeigen