Foto: iStock.com/pickingpok
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Expedition in fremde Lehr-Laboratorien

Innovative Ideen für digitale Lehre verbreiten sich leider nicht wie ein Lauffeuer, schon gar nicht von Hochschule zu Hochschule. Was kann den Transfer beflügeln? Das Team Medienbildung der TU Braunschweig empfiehlt die gute alte Hospitanz – allen digitalen Kommunikationskanälen zum Trotz.

Als die Idee reifte, waren nicht alle im Fachbereich Medienbildung an der TU Braunschweig begeistert. Jeder sollte eine Hospitanz vorbereiten, ausführen und nachbearbeiten – und dafür tagelang die eigene Arbeit liegen lassen? Dieser Aufwand, um andernorts neue Ideen aufzuschnappen, von denen später sicher sowieso in Netzwerken und auf Tagungen die Rede sein würde, erschien einigen als etwas zu hoch.

Monate später, nach Expeditionen durch deutsche, europäische und US-amerikanische Laboratorien für digitale Lehr- und Lernformate, ist diese Skepsis längst verflogen. „Wir sind alle von den Resultaten begeistert“, sagt Andreas Weich, Mitarbeiter des Teams Medienbildung. Und man überlege bereits, ob nicht zukünftig lieber ein Teil der Reisekosten in Hospitanzen statt in den x-ten Tagungsbesuch fließen sollte.

VR-Brillen für die Lehre

Möglich wurde der Hospitanz-Testlauf für die Braunschweiger Medienexperten durch das vom Stifterverband und von der Reinhard Frank-Stiftung vergebene Digital Learning Transfer Fellowship (siehe Kasten). Es finanzierte die Kurzaufenthalte von neun Mitgliedern des Teams Medienbildung an Hotspots der digitalen Lehr- und Lernforschung: am MIT Media Lab des Massachusetts Institutes of Technology (MIT) in Boston, an der Utrecht Data School in den Niederlanden oder an der Harvard University, wo IT-Experte Rus Gant immersive Medien wie Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) für seine Lehre nutzt. Rus Gant visualisiert mit anderen Experten zusammen etwa längst vergangene Orte, die für die Archäologie bedeutend sind, wie das Gizeh-Plateau bei Kairo.

Überall erhielten die Hospitanten der TU Braunschweig tiefe Einblicke in die Institution und in deren Lehrinnovationen und bekamen teilweise auch didaktische Konzepte an die Hand gegeben. Es sei aber ebenso hier und da vermittelt worden, dass dies leider keine Open-Source-Informationen sein können, berichtet Andreas Weich von den Erfahrungen des Teams: „Wir können schon fast sagen, dass man als Hospitant eine Art Sonderstatus genießt, weil man nicht nur die Atmosphäre der anderen Lernorte erlebt, Lehrveranstaltungen besucht und Insiderinformationen anvertraut bekommt – es transportiert sich auch wertvolles implizites Wissen, das wir so vorher gar nicht im Blick hatten und von dem andere so auch nicht unbedingt erfahren.“

Logo: Sven Sedivy
Logo: Sven Sedivy

Der digitale Wandel verändert die Hochschulen nachhaltig. Mit dem Einsatz von Big Data und künstlicher Intelligenz, von virtueller Realität und Robotik schreiten Technik und Digitalisierung in rasanter Geschwindigkeit  voran. Diese technologischen Innovationen fließen auch in die Weiterentwicklung von Lerntechnologien ein. Der Stifterverband und die Reinhard Frank-Stiftung vergeben Fellowships für die Analyse dieser digitalen Trends und ihrer Transferpotenziale für die Weiterentwicklung der Hochschulbildung. Im November 2017 wurden acht Fellows ausgewählt, die ihre Ergebnisse im Rahmen einer Themenwoche des Hochschulforums Digitalisierung vom 24. bis 29. September 2018 in Berlin vorstellen. 

Doch wie lief die Organisation des Transfers konkret ab? Bevor es überhaupt losging, überlegte sich das Braunschweiger Team ein Raster, in dem die eigenen Erfahrungen während der Hospitanz möglichst strukturiert für die anderen Teammitglieder festgehalten werden können. Das habe sich bewährt, so Andreas Weich, eben weil die Themen und Orte so unterschiedlich waren und die persönlichen Erfahrungen und das implizite Wissen teils nur schwer zu beschreiben seien. Themen waren beispielsweise der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) beim Feedback zu digitalen Lerneinheiten, das Potenzial von VR und AR für die Wissensvermittlung, Videoreflexionen in der Lehramtsausbildung oder analytische und kulturelle Praktiken im Umgang mit Daten.

Ideen teilen

Was die Hospitanten erfuhren, teilten sie anschließend zu Hause an der TU in zwei internen Transferworkshops. Hier sei die große Vielfalt der Einflüsse und Ideen erst richtig sichtbar geworden, sagt Weich: „Nach den Präsentationen haben wir gebrainstormt, wohin wir dieses wertvolle Wissen an der TU ganz konkret operativ transferieren könnten.“ Jetzt sei die Liste der Vorhaben ziemlich lang: „Unser hybrider Lernraum, den wir gerade aufbauen, wird schon Ideen und Anregungen aus den Hospitanzen umsetzen.“ Vieles passiere aber auch durch zahlreiche kleine und weniger offensichtliche Transfers im operativen Handeln – man könne also nicht immer auf etwas zeigen und sagen: „Dieses Tool stammt aus dem MIT Media Lab in Boston, jenes aus dem interaktiven Future Classroom Lab von Ricoh.“

Endet damit der Transfer der Ideen? Mitnichten. Vieles von dem, was die Braunschweiger erarbeiteten, teilten sie bereits mit anderen Fellows des Programms sowie mit Experten des Hochschulforums Digitalisierung. Blogbeiträge entstanden. Auch Akteure der niedersächsischen Hochschulplattform eCULT sollen Einsicht in Projekte erhalten, an denen die TU Braunschweig mitwirkt. 

Wir wollen gute Lehrprojekte nicht einfach nur als Leuchttürme stehen lassen, sondern möglichst breit in der TU etablieren.
Corina Haas (Foto: TU Braunschweig)
Corina Haas (Foto: TU Braunschweig)

Carina Haas

Referentin für das Transferprogramm an der TU Braunschweig

Was das Medienteam von Hochschule zu Hochschule realisierte, wird innerhalb der TU Braunschweig schon seit Jahren von Fachbereich zu Fachbereich gelebt – die Universität betreibt für den Transfer innovativer Lehr- und Lernmethoden sogar ein eigenes Förderprogramm, das Carina Haas koordiniert: „Wir wollen gute Lehrprojekte nicht einfach nur als Leuchttürme stehen lassen, sondern möglichst breit in der TU etablieren.“ Das aus Studienqualitätsmitteln finanzierte Programm vergebe hierfür nicht nur finanzielle Hilfe in Form von Personalmitteln, so Haas, sondern der Transferprozess werde darüber hinaus von einem hochschulinternen didaktischen Team begleitet: „Es bringt beispielsweise Transferpartner im Rahmen hochschuldidaktischer Workshops gleich zu Beginn der gemeinsamen Reise auf den neuesten Stand, wohin sich die Lehre gerade entwickelt.“

Lernwissen teilen

Wie gut der Transfer in Braunschweig inzwischen funktioniert, zeigt eine Reihe von Projekten. So profitiert heute das Institut für Ökologische und Nachhaltige Chemie und Anorganische Chemie vom Lehr-Lern-Konzept „Teach It Forward“, das Lehrkräfte des Zoologischen Instituts im Fachbereich Biologie seit Jahren erfolgreich einsetzen. Die Idee: Studierende sollen ihr Wissen vertiefen, festigen und auch fachdidaktische Grundkenntnisse erlangen, indem sie eigenverantwortlich Unterrichtseinheiten für die gymnasiale Oberstufe entwickeln. Krönung von „Teach It Forward“, das im Chemiebereich jetzt „Teach Chemestry Forward“ heißt, ist, dass die Studierenden diesen Unterricht an einer Partnerschule an zwei Terminen auch selbst durchführen. Ein Erlebnis, das wiederum die Soft Skills der Studierenden schärft, wie Kommunikationsfähigkeit, Einfühlungs- oder Durchsetzungsvermögen.

Der Plan, ganz konkret Lehrwissen zu teilen, entsteht in Braunschweig fast immer dadurch, dass sich die Akteure im persönlichen Kontakt gegenseitig dafür begeistern. So beschreibt es Carina Haas: „Wenn wir bei den Lehrkräften nachfragen, heißt es oft: Wir haben die Transferidee auf der Veranstaltung Tag der Lehre gehabt, nachdem wir erstmals intensiver ins Gespräch gekommen sind.“ 

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