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Warum Merton?

Richard Merton (Illustration: Irene Sackmann)
Foto: istock/David Hills

Herrinnen der Daten

Daten sind ihr Alltagsgeschäft, aber der Blickwinkel von Sabine Sachweh, Christin Schäfer und Judith Simon ist dabei sehr verschieden. Jetzt sollen die drei IT-Expertinnen in der neuen Datenethikkommission der Bundesregierung einen Entwicklungsrahmen für die Datenpolitik und den Umgang mit Algorithmen und künstlicher Intelligenz erarbeiten. Als einige der wenigen Frauen in der Branche.

Sabine Sachweh hat schon als Teenager leidenschaftlich gern programmiert und gezeichnet. Dass sie sich beim Studium dann gegen die Kunst und für die Informatik entschied, hat sie nie bereut. „Informatik ist superkreativ“, schwärmt die 50-Jährige. Als Professorin für Angewandte Softwaretechnik forscht sie heute an der FH Dortmund an digitalen Plattformen. Es geht um neue Softwarearchitekturen, die Menschen, Daten, Dinge und Prozesse im Internet of Everything (IoE) vernetzen sollen. Ein sehr technischer Bereich der Softwareentwicklung, erklärt Sachweh. „Aber heute interessiert mich auch stark der gesellschaftliche Aspekt.“ 

Sabine Sachweh (Foto: Markus Mielek)
Sabine Sachweh (Foto: Markus Mielek)
Sabine Sachweh, Professorin für Angewandte Softwaretechnik an der FH Dortmund

Digitale Transformation voranbringen

Seit September fährt die IT-Spezialistin einmal im Monat nach Berlin. Dort trifft sie ihre 15 Kollegen aus der Datenethikkommission. Die interdisziplinär besetzte Expertenrunde aus Wissenschaftlern und Vertretern aus Wirtschaft und Verbänden soll für die Bundesregierung Vorschläge für einen Entwicklungsrahmen einer Datenpolitik erarbeiten, das heißt für den Umgang mit Algorithmen, künstlicher Intelligenz (KI) und digitalen Innovationen. „Ich sehe das als große Chance“, sagt Sachweh. Die digitale Transformation sei zwar technisch motiviert; „aber sie ist primär eine gesellschaftliche Veränderung“, so die Forscherin. Sie weiß: „Es gibt viele Ängste. Wir müssen das Vertrauen der Menschen in die Technologie mit belastbaren Konzepten stärken."

Wie man auch ältere Bürger für neue Technologien gewinnt, hat die Wissenschaftlerin gerade in einem Verbundprojekt in Gelsenkirchen erkundet. Im engen Dialog mit Einwohnern und Dienstleistern bauten die Dortmunder Forscher die Plattform für ein digitales Quartiersnetz auf, das neue digitale Services ermöglicht – beispielsweise für den ambulanten Pflegedienst, der die Heizung des Kunden schon aus der Ferne auf heimelige Temperaturen für die Körperpflege hochregeln kann. Teil des Projekts war auch die Entwicklung individualisierbarer Bedienelemente für eine geräteübergreifende Steuerung von Kommunikations- und Haustechnik. „Wir haben eine Art Legobaukasten für Benutzerschnittstellen entwickelt und dazu einen Patentantrag eingereicht“, erklärt die Forscherin. Zum Quartiersnetz gehören außerdem geschulte Technikbotschafter, die Senioren über neue technische Lösungen informieren, und Treffpunkte im Stadtteil, wo sich Technik angstfrei erproben lässt. „Wer mit Enkeln im Ausland skypen möchte, kann sich hier zeigen lassen, wie es geht.“

Scheu vor Technik verlieren

Wer Menschen einbezieht, kann auch Menschen begeistern, die nicht von vornherein technikaffin sind.“

Sabine Sachweh

Sachwehs Fazit: „Wer Menschen einbezieht, kann auch Menschen begeistern, die nicht von vornherein technikaffin sind.“ So wie neulich auf der Transferkonferenz mit Fachkräften aus der Sozialarbeit. Die zeigten sich am Ende erstaunt und angetan, „dass man diese Digitalisierung positiv einsetzen kann“, erzählt die Forscherin.

Digitale Bildung müsse in Zukunft aber viel früher und breiter ansetzen, fordert Sachweh. Wo digitale Produkte den Alltag erobern – vom Smartphone über die Fitnessuhr bis hin zu Sprachassistenten wie Alexa, Siri und Co. – sollten schon Kinder lernen, die Mechanismen zu verstehen. Wie kann man diese Technologien positiv nutzen, inwiefern kann man anderen oder sich selbst damit schaden? „Diese Kompetenz muss man in der Bevölkerung aufbauen“, so die IT-Expertin.

Der richtige Umgang mit Big Data

Auch Judith Simon reist regelmäßig zur Datenethikkommission nach Berlin. Für die Professorin für Ethik in der Informationstechnik an der Universität Hamburg gehören Fragen nach dem richtigen Umgang mit Big Data und KI zum Kerngeschäft. Die 41-Jährige stellt dabei auch unseren Umgang mit Wissen auf den philosophischen Prüfstand. Es gebe heute nicht nur den Trend, große Datenmengen zu verarbeiten, sondern: „Wir verlassen uns auch stark auf das, was diese Daten uns sagen“, weiß Simon, ob beim Bewerbungs- oder Kreditscoring oder bei der Vorhersage von Straftaten. Man müsse deshalb klären: „Welche Wissens- und Erkenntnisansprüche erhebt man bei Big Data und sind die angemessen?“ 

Judith Simon (Foto: Maike Nicolai/Universitaet Hamburg)
Judith Simon (Foto: Maike Nicolai/Universitaet Hamburg)
Judith Simon, Professorin für Ethik in der Informationstechnik an der Universität Hamburg
Ethik ist kein Hemmschuh für Innovationen.

Judith Simon

Wenn Software und Algorithmen Entscheidungen treffen, geht es der Philosophin aber auch um Werte wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. „Wo man Entscheidungen automatisiert, muss man auch sicherstellen, dass es gute Entscheidungen sind.“ Sehr wirkmächtige Algorithmen, die beispielsweise über das Rückfallrisiko von Straftätern entscheiden, müssten deshalb prinzipiell transparent und überprüfbar sein, fordert Simon.

Ethik, so Simons Credo, sei kein Hemmschuh für Innovationen – im Gegenteil. Man könne ethische Gebote nutzen, um Chancen voranzutreiben. Beispielsweise wenn Sensordaten zur Luftqualität in der Stadt genutzt werden, um ein Gemeinwohlziel wie Nachhaltigkeit voranzubringen. 

Schutz der Privatsphäre

Wie sich ethische Ansprüche in einer digitalen Wirtschaft und Gesellschaft sinnvoll einlösen lassen, untersucht die 41-Jährige gerade in einem interdisziplinären Verbundprojekt mit Hamburger Hochschulen. Beispielsweise der Schutz der Privatsphäre: „Wo muss die Politik regulierend eingreifen, wo setzt man auf die Selbstverpflichtung von Unternehmen, wo kann man ethische Werte in Technologie implementieren?“ Privacy by Design, also ein bereits in Produkte und Dienste eingebauter Datenschutz, wie es schon in der europäischen Datenschutzgrundverordnung gefordert wird, sei hier ein Stichwort.

Ethische Ziele beim Umgang mit Daten und KI seien auch in der Wirtschaft auf dem Vormarsch, so die Forscherin. Google und SAP verpflichten sich heute von sich aus auf Werte wie Transparenz und Vorurteilsfreiheit. Laut den US-Marktforschern von Gartner könnte Datenethik 2019 einer der zehn großen strategischen Trends in Unternehmen werden. Bis abstrakte Werte zu konkreter Praxis werden, müssten Unternehmen aber noch viel Arbeit leisten. „Sie müssen Lösungen entwickeln, wie man das operationalisieren kann“, so Simon.

Faszinierende Daten

Für Christin Schäfer ist die Sitzung der Datenethikkommission quasi ein Heimspiel. Die Statistikerin und Physikerin war lange in der Finanzbranche tätig, bevor sie 2016 in Berlin ihr Unternehmen acs plus gründete. Der Umgang mit Daten hat sie schon immer fasziniert, erzählt Schäfer. „Ich habe Daten irgendwie gern.“ Kunden des Start-ups kommen überwiegend aus der Mobilitätsbranche. Da gehe es beispielsweise um Lösungen für die kamerabasierte Umfelderkennung von Fahrerassistenzsystemen, erzählt die Gründerin. Für die Identifizierung von Objekten oder Personen brauche man Algorithmen. „Diese Algorithmen bauen wir“, so Schäfer.

Christin Schäfer (Foto: acs plus)
Christin Schäfer (Foto: acs plus)
Christin Schäfer, Gründerin und Geschäftsführerin von acs plus

Bevor man einen Algorithmus „in die freie Wildbahn entlässt“ und in der Produktion einsetzen könne, brauche man auch ein solides Umfeld, betont die Datenexpertin. Wenn ein Sensor ausfalle, dürfe nicht alles stillstehen. Das werde in Unternehmen häufig unterschätzt. Schäfer weiß: „Es ist toll, aus Daten Informationen herauszuholen, aber es ist auch eine unglaubliche Herausforderung, das in einem Produktivumfeld auch wirklich zum Laufen zu bringen.“

In die Ethikkommission könne sie viel Datenerfahrung einbringen, so die 44-Jährige. Sie schätzt die interdisziplinäre Zusammensetzung der Kommission aus Philosophen, Juristen, Informatikern, Medizinern und Theologen und den engagierten gemeinsamen Diskurs. „Wir wollen genau hingucken, was beim Umgang mit Daten passiert, das eint uns alle.“ Allerdings: Wo Juristen es gewohnt sind, abzuwägen, weiß Schäfer, dass die Technik Eindeutigkeit fordert: „Wenn es am Ende um die Programmierung geht, muss ich mich klar entscheiden und ich muss diese Entscheidung in den Code hineinschreiben.“

Die Datenspezialistin ist überzeugt: „Die Welt wird nicht gerechter, wenn wir auf einmal mit Algorithmen arbeiten.“ Aber mit der Technik könne man Regeln aufstellen, nach denen Algorithmen die Entscheidungen treffen und für entsprechende Transparenz sorgen.

Die Welt wird nicht gerechter, wenn wir auf einmal mit Algorithmen arbeiten.

Christin Schäfer

Neue Technologien für mehr Transparenz und Sicherheit

Die Chancen sieht auch Sachweh und setzt dabei ebenfalls auf einen technologischen Ansatz: „Für belastbare Konzepte brauchen wir aber noch viele handfeste technologische Entwicklungen.“ Dazu gehören Werkzeuge, mit denen Anwender ihre Daten managen und nachverfolgen können, wem sie Rechte an Daten gegeben haben und an welchen. Und sie müssen die Handhabe haben, die Rechte an ihren Daten auch wieder zu entziehen. Die Informatikerin ist überzeugt: „Wir können mit neuer Technologie an vielen Stellen die Komplexität reduzieren, die Transparenz erhöhen und den Menschen mehr Sicherheit geben."

Sachweh, Simon und Schäfer werden sich in den nächsten Monaten noch häufiger in Berlin treffen. Im September 2019 soll die Datenethikkommission dann ihre Vorschläge präsentieren. Doch die Zeit drängt, das weiß auch die Expertenrunde – und einigte sich im Oktober 2018 auf erste Empfehlungen: Ethische Anforderungen sollten gestalterische Kraft und Markenzeichen bei der Entwicklung von KI „made in Europe“ werden. Aufklärung, Bildung und neue Beteiligungsformate sollten die Kompetenz in der Gesellschaft auf breiter Front fördern. In die nationale KI-Strategie, die die Bundesregierung im November vorgelegt hat, sind beide Empfehlungen eingeflossen.

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