Das Magazin für

Warum Merton?

Richard Merton (Illustration: Irene Sackmann)
Andrea Kühner
Andrea Kühner (Illustration: Birgit Lang)

Als Pionier an die Uni

Der erste Schritt ist der schwierigste: Wer als Erster in seiner Familie studiert, muss viele Hindernisse meistern. Vier Studienpioniere berichten über Anfangsschwierigkeiten – und über Erfolgserlebnisse.

1. Die harte Landung

Der erste wirkliche Schock kam bei meiner ersten Hausarbeit. „Altersarmut in Deutschland“ war das Thema, und dazu sollte ich einen eigenen Text schreiben. Früher an der Realschule gab es Tests und Klassenarbeiten, aber dass ich jetzt auf einmal einen Stapel wissenschaftlicher Aufsätze lesen sollte, wo ich in jeder zweiten Zeile irgendeinen Fachbegriff noch nicht kannte – das war wirklich eine harte Landung an der Hochschule.

Ich bin auf einem untypischen Weg zum Studium gekommen: Nach meinem Realschulabschluss machte ich eine Ausbildung zur Sozialassistentin, das ist die Vorstufe zur Erzieherin. Dass ich im sozialen Bereich arbeiten wollte, stand für mich fest, weil meine Mutter etwas Ähnliches macht und ich dadurch schon früh erste eigene Eindrücke sammeln konnte. Es war dann mein Berufsschullehrer, der gesagt hat: „Hey, du hast das Zeug dazu, auch noch zu studieren – mach doch mit deiner Abschlussprüfung auch gleich das Fachabitur!“ Danach habe ich erst mal drei Jahre in einem Kindergarten gearbeitet und mich parallel um einen Studienplatz in der Sozialen Arbeit beworben. 

Erst ab dem dritten Semester hatte ich das Gefühl, dass ich an der Hochschule gut zurechtkomme.
Vanessa Link (Illustration: Birgit Lang)
Vanessa Link (Illustration: Birgit Lang)

Vanessa Link (23)

studiert Soziale Arbeit an der Hochschule Ludwigshafen am Rhein.

An der Hochschule war es nicht nur die erste Hausarbeit, mit der ich gekämpft habe: Die ersten beiden Semester mussten wir zum Beispiel sehr viele rechtliche Hintergründe lernen, Strafrecht, Familienrecht und so weiter, ich kam mir teilweise vor wie im Jurastudium. Da hatte ich wirklich Momente, in denen ich am Studium verzweifelt bin; erst ab dem dritten Semester hatte ich dann das Gefühl, dass ich an der Hochschule gut zurechtkomme. Bei uns an der Hochschule Ludwigshafen gibt es zum Glück ein Mentoringprogramm. Eine Studentin aus einem höheren Semester hat sich anfangs öfter mit mir getroffen und mir alles erklärt: Wie ist die Hochschule eigentlich aufgebaut, wie bereite ich mich auf Prüfungen vor, wie schreibe ich eine Hausarbeit – und wie kämpfe ich mich überhaupt durch den Stundenplan? Wir haben ein dickes Handbuch, in dem alle Module aufgeführt sind, die man im Studium belegen muss, aber etliche Seminare werden von verschiedenen Dozenten und zu verschiedenen Zeiten angeboten. Das dauerte erst einmal, bis ich mich da orientiert habe und wusste, in welcher Reihenfolge ich die Kurse am besten belege.

Wie es nach dem Studium weitergeht? Ich kann mir gut vorstellen, in einer Jugendstrafanstalt zu arbeiten. Da habe ich auch schon ein Praktikum gemacht, derzeit mache ich mein Praxissemester in der Bewährungshilfe – das ist ein Bereich, finde ich, wo ich mich gut einbringen kann.

Die Hausarbeiten, mit denen ich zu Beginn meines Studiums so gekämpft habe, bereiten mir inzwischen keine Probleme mehr. Im Gegenteil: Wenn ich jetzt wissenschaftliche Texte lese und merke, wie ich die Fachbegriffe kenne, über die ich anfangs gestolpert bin – dann ist das ein schönes Gefühl, weil ich merke, dass ich im Studium wachse.

2. Ein Kreis schließt sich

Meine Schullaufbahn verlief ganz klassisch: Vom Waldorf-Kindergarten ging es in die katholische Grundschule und schließlich auf das staatliche Gymnasium. Bei uns in der Familie hat vor mir niemand studiert, aber Fleiß und Disziplin spielten in meiner Erziehung eine große Rolle. Und so stellte sich mir weniger die Frage, ob ich studieren sollte, als vielmehr, welches Fach für mich das richtige ist. Mein Vater hätte sich gewünscht, dass ich die Offizierslaufbahn einschlage, ich selbst dachte lange über Physik und Informatik nach und habe mich schließlich für Public Management entschieden.

Das Politische interessiert mich seit jeher. Vielleicht hängt das mit der Geschichte meiner Familie zusammen: Meine Eltern gehören zu den Boatpeople; zu den vietnamesischen Flüchtlingen, die ab Mitte der 1970er-Jahre vor dem kommunistischen Regime in seeuntüchtigen Booten über das Chinesische Meer flohen. Ich selbst bin in Deutschland zur Welt gekommen. Meine Mutter arbeitete hier als Hilfskraft, mein Vater als Schifffahrtskaufmann.

Fleiß und Disziplin spielten in meiner Erziehung eine große Rolle.
John Meister
John Meister (Illustration: Birgit Lang)

John Meister (28)

leitet das Referat Infrastruktur und Digitalisierung in der Hamburger Finanzbehörde. Parallel dazu studiert er im Masterstudiengang Governance an der Fernuniversität Hagen.

Bei meiner Studienwahl war mir ein Anliegen wichtig: Ich wollte meinen Eltern nicht auf der Tasche liegen, obwohl sie mich finanziell nach Kräften unterstützt hätten. Deshalb entschied ich mich für ein Duales Studium, bei dem ich schon ein Gehalt beziehe. Nach meinem Abschluss arbeitete ich in Hamburg bei der Sozialbehörde, vor Kurzem bin ich zur Finanzbehörde gewechselt. Dass ich nach dem Bachelor noch weiterstudieren wollte, war mir von vornherein klar. Eine gute Möglichkeit, um das mit dem Beruf und meiner neu gegründeten Familie unter einen Hut zu bringen, war für mich das Fernstudium – da kann ich selbst wählen, wann ich der Universität wie viel Zeit widme, und vor allem kann ich weiterarbeiten und damit die Familie versorgen. Governance heißt der Studiengang, für den ich mich eingeschrieben habe; das ist eine Mischung aus Politologie, Soziologie und Geschichte. Inzwischen bin ich mit dem Studium fast fertig, nur die Masterarbeit muss ich noch schreiben.

Die Bestätigung, dass ich mich ganz am Anfang für das richtige Fach entschieden habe, kam übrigens vor einigen Monaten: Da war ich in Hamburg Referent für die Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen. Ich hatte den Eindruck, dass sich in meiner Familiengeschichte ein Kreis schließt – und konnte erleben, dass ich das Richtige tue und gut dafür gewappnet bin.

3. Mut zum Studium

Neulich fühlte ich mich um einige Semester zurückversetzt: Da traf ich mich mit einem Kommilitonen, der gerade neu an unsere Hochschule gekommen war, und wir sprachen darüber, wie man so die ersten Schritte ins Studium macht. Ich bin seine Studienbegleiterin, so nennen wir das offiziell; eine Art Mentorin, die bei Fragen weiterhilft und einfach schon ein bisschen mehr Erfahrungen hat, wie alles hier so läuft. Mut zum Studium heißt diese Initiative bei uns an der Hochschule Nürnberg.

Auch ich durfte mich als Anfängerin an eine eigene Studienbegleiterin wenden – ich bin heute noch mit ihr in Kontakt. Sie arbeitet inzwischen an ihrem Master und hat mir meinen Einstieg deutlich erleichtert. Damals nach dem Abitur war ich unsicher, ob ein Studium das Richtige für mich ist. Tatsächlich habe ich mich dann dagegen entschieden und stattdessen eine Ausbildung zur Industrietechnologin begonnen. Inhaltlich geht es dabei um Dinge wie Software-Entwicklung, Antriebstechnik, Automatisierung und so weiter. 

Dass ich in den technischen Bereich gehe, stand für mich eigentlich schon immer fest.
Andrea Kühner
Andrea Kühner (Illustration: Birgit Lang)

Andrea Kühner (21)

studiert im dritten Semester Elektrotechnik und Informationstechnik an der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm.

Dass ich in den technischen Bereich gehe, stand für mich eigentlich schon immer fest. Mein Vater ist Elektromeister, ich habe ihm schon als Mädchen über die Schulter geschaut – und vermutlich hat mich das beeindruckt. Wann genau ich mich dann doch noch für ein Studium entschied, weiß ich gar nicht mehr. Es war mir immer wieder durch den Kopf gegangen, auch mit den Berufsschullehrern sprach ich darüber – bis irgendwann feststand, dass ich es versuchen will. Heute weiß ich: Die Sorgen, die ich mir nach dem Abitur gemacht hatte, waren überflüssig. Das Studium gefällt mir und ich komme an der Hochschule gut zurecht. Und einige Inhalte aus der Ausbildung konnte ich mir sogar anrechnen lassen.

Der Studienpionier, den ich jetzt während seiner ersten Zeit an der Hochschule begleite, hat interessanterweise eine ganz ähnliche Geschichte: Auch er absolvierte zunächst eine Ausbildung und entschied sich dann für das Studium. Mal sehen – vielleicht wird auch er in einigen Semestern zum Mentor für einen neuen Studienpionier.

4. Die Kehrseite der Freiheit

Die erste Hürde für viele meiner Freunde war das Dorf: Ich bin auf dem Land aufgewachsen, und wer ein Studium anfängt, muss zwangsläufig von dort weg. Nicht jeder will das. Für mich stand aber von vornherein fest, dass ich auch studieren würde, wenn ich schon das Abitur mache.

An der Stelle bin ich auf die zweite Hürde gestoßen. Für mich gab es drei typische Akademikerberufe: Lehrer, Arzt und Anwalt. Um ehrlich zu sein: Da hatte ich Berührungsangst, das erschien mir irgendwie zu weit weg, zu akademisch. Von allem anderen, was man an Hochschulen noch studieren kann, wusste ich damals noch nichts. Um mich zurechtzufinden, habe ich viele Stunden im Internet verbracht und mir die unendlichen Möglichkeiten angeschaut. Schließlich habe ich mich für Cruise Tourism Management entschieden, dabei geht es vor allem um Kreuzfahrten und das Knowhow drumherum. Das erscheint mir thematisch interessant, und schließlich hatte ich am Gymnasium auch einen Erdkundeleistungskurs. 

Für mich gab es drei Akademikerberufe: Lehrer, Arzt und Anwalt. Von allen anderen Fächern wusste ich nichts.
Sarah Pingel
Sarah Pingel (Illustrationen: Birgit Lang)

Sarah Pingel (23)

studiert Cruise Tourism Management an der Hochschule Bremerhaven. Derzeit verbringt sie ein Auslandssemester in Kolumbien.

Mein Vater ist Lagerist, meine Mutter Altenpflegerin. Beide stehen voll hinter meiner Entscheidung für das Studium, dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Sie haben mir alle Freiheiten gelassen, mich zu entscheiden – aber ich habe gemerkt, dass paradoxerweise genau darin auch eine Schwierigkeit liegt. Denn die Kehrseite der Freiheit ist, dass ein Gerüst fehlt, an dem ich mich orientieren kann. Diese Orientierung habe ich auch in meinem Freundeskreis nicht gefunden, weil sich die meisten nie eingehender mit Hochschulen beschäftigt haben.

An der Hochschule Bremerhaven gibt es ein Programm, das Studienpioniere wie mich unterstützt. Das hat mir schon öfter sehr geholfen – zuletzt als ich mich um mein Auslandssemester gekümmert habe. Dort gab es Informationen zu Stipendien und dem Bewerbungsprozedere, und immer wenn ich Fragen habe zur Hochschule oder zu Ansprechpartnern, finde ich dort die Antworten.

Manchmal denke ich, dass ich es einfacher habe als die Kommilitonen, deren Eltern auch studiert haben. Ich kann mir vorstellen, dass die einen ganz anderen Druck haben: Sie wissen, dass der Vater zum Beispiel einen Einserschnitt hatte und die Schwester auch – da kommt gleich eine ganz andere Erwartungshaltung auf. Ich hingegen bekomme von meinen Eltern alle Freiheit.

Kommentare anzeigen