Das Magazin für

Warum Merton?

Richard Merton (Illustration: Irene Sackmann)
Robots
Foto: iStock/ Charles Taylor

Ich – einfach unverbesserlich?

Magneten, Handprothesen, Chips – mit allerlei technischen Hilfsmitteln versuchen Biohacker den menschlichen Körper zu optimieren. Noch klingt das alles nach Science Fiction, aber weit sind wir von der Nanomaschine in unserem Blutkreislauf nicht mehr entfernt. Interview mit dem Bestsellerautor und Genetiker Markus Hengstschläger.

Gene und Cyborg-Technik sind umstrittene Stellschrauben vielleicht hin zu einem perfekten Körper, einer höheren Intelligenz. Was denken Sie als Genetiker darüber?
Wir müssen eine intensive ethische Diskussion darüber führen, was genetische Einflussnahmen, Cyborg-Innovationen und letztlich der Transhumanismus insgesamt mit uns als Individuen und unserer Gesellschaft anstellen werden, was sie verändern können, im Guten wie im Schlechten. Im Bereich Genetik haben wir diese intensive gesellschaftliche Auseinandersetzung schon seit einigen Jahren, an der Schnittstelle Mensch/Maschine wird sie in Zukunft immer wichtiger werden. Real wird, auf was sich die Gesellschaft, die Menschheit, hoffentlich demokratisch einigt. 

Derweil experimentieren Biohacker damit, wie sich neu kreierte Sinne anfühlen. Sie lassen sich beispielsweise Magnete in die Fingerspitzen implantieren, mit denen sie Magnetfelder erfühlen können. Mit um die Fingerspitzen gewickelten Kabeln und angeschlossenen Sensoren spüren sie entfernte Wärmequellen, Radiowellen oder WLAN auf.
Das sind Spielereien, die man belächeln kann, die aber bereits zeigen, wo die Reise höchstwahrscheinlich hingehen wird und wo dann auch die ethischen Probleme liegen werden. Man möchte vielleicht einmal mit Cyborg-Technik nicht nur den Normalzustand eines Menschen wiederherstellen nach beispielsweise einem Unfall oder einer Krankheit, sondern über die Grenzen der menschlichen Möglichkeiten hinausgehen. Das führt uns in Richtung Transhumanismus, wo man das Verschmelzen mit Technik letztlich als eine moralische Pflicht ansehen könnte, wenn man dadurch als Hybridwesen im Sinne des Fortschritts mehr Leistung, neue Fähigkeiten und Funktionen erzielen kann. Diese Visionen oder besser Utopien reichen bei manchen sogar bis zum Erlangen von Unsterblichkeit. 

Viele Biohacker berichten, dass sich Cyborg-Technik und die damit verbundenen Fähigkeiten erstaunlich schnell normal und als Teil des Körpers anfühlen. Das sagt auch der farbenblinde Künstler Neil Harbisson, der mithilfe eines um den Kopf befestigten Apparates Farben hört. Sein Gehirn lernte, 360 Farbschattierungen mithilfe unterschiedlicher Tonfrequenzen zu unterscheiden. Über die Jahre war dem 34-Jährigen dieses Spektrum, das dem menschlichen Farbsinn entspricht, zu langweilig und er experimentierte weiter. Jetzt „sieht“ er wie Katzen auch Ultraviolett oder wie Klapperschlangen Infrarotlicht.
Das ist sicher eine interessante Erfahrung. Die Brille, mit der man auch im Dunkeln sehen kann; das Hörgerät mit extrem hoher Sensitivität, mit dem man das 20 Meter entfernte Gespräch mithören kann; die Handprothese, die Eisen verbiegt – all das ist ohne Zweifel verführerisch und kann gesellschaftlich auch schnell zum Thema werden, weil es die entsprechenden Schnittstellen zwischen Mensch und Technik bereits gibt. Aber man muss sich schon fragen: Sind diese neuen Cyborg-Fähigkeiten auch ethisch vertretbar?
 

Übernatürlich starke Handprothesen sehen viele als eine Art Waffe, die verboten bleiben muss.
Dieses Beispiel zeigt sehr gut, dass wir bei den gerade angedeuteten Diskussionen über Cyborg-Technik erst am Anfang stehen. Dass man eine solche Prothese verbieten muss, nur weil sie eine Waffe sein könnte, ist eigentlich kein starkes Argument. An dieser Stelle möchte ich auf das Fahrzeug verweisen, das eine monströse Waffe sein kann – denken wir nur an das grausame Attentat in Nizza am 14. Juli. Man braucht ganz offensichtlich nicht unbedingt ein Maschinengewehr zum Töten, das hat uns der Terrorismus auf perverse Art wieder vor Augen geführt. Andererseits können wir Fahrzeuge nicht deshalb komplett verbieten – und tun es auch nicht –, weil Terroristen sie missbrauchen. Wir haben Gesetze und Verkehrsregeln geschaffen, damit Fahrzeuge uns nutzen und möglichst wenig schaden. Und ich denke, solche Übereinkünfte werden wir in Zukunft auch für Gentechnik- und Cyborg-Innovationen entwickeln müssen.

Markus Hengstschläger

Markus Hengstschläger
Markus Hengstschläger (Foto:privat)

Der Österreicher Markus Hengstschläger promovierte mit 24 Jahren mit Studienverkürzung und Auszeichnung zum Doktor der Genetik. Danach arbeitete er an der Yale University in den USA, wurde mit 29 Jahren außerordentlicher Universitätsprofessor und mit 35 Jahren zum Universitätsprofessor berufen. Heute leitet er das Institut für Medizinische Genetik an der Medizinischen Universität Wien und ist auch als Unternehmer in den Bereichen genetische Diagnostik, Forschung und Entwicklung, und Innovationsberatung tätig.

Der vielfach ausgezeichnete Wissenschafter unterrichtet seit mehr als zwei Jahrzehnten Studierende, betreut Patienten und berät Regierungen und Firmen. Er sitzt in mehreren Aufsichtsräten, ist neben anderem stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission, stellvertretender Vorsitzender des österreichischen Rats für Forschung und Technologieentwicklung, Mitglied des Universitätsrats der Universität Linz und Leiter des Thinktanks Academia Superior. Hengstschläger ist außerdem Wissenschaftsmoderator auf ORF Radio Ö1 und Autor von drei Platz 1 Bestsellern („Die Macht der Gene“, „Endlich unendlich“ und „Die Durchschnittsfalle“), die auch jeweils zu den beliebtesten Sachbüchern des Jahres gewählt wurden. 

Die Nanomaschine im Blut

Eine Ihrer Visionen ist, dass in vielleicht 200 Jahren jedes Baby direkt nach der Geburt eine Nanomaschine in die Vene induziert bekommt, die ein Leben lang durch den Blutkreislauf wandert.  
Diese Vorstellung könnte gut Realität werden, wenn Maschinen irgendwann so unvorstellbar klein geworden sind, dass man sie nicht einmal mehr mit dem hochauflösendsten Mikroskop sehen kann. Unsere persönliche Nanomaschine im Körper misst dann zum Beispiel Cholesterinwerte und Leberwerte und erkennt Abweichungen von allen möglichen Normwerten. Sie meldet uns auf unser Gerät am Handgelenk, wann wir genug Alkohol getrunken haben oder dass wir in einigen Minuten müde werden. Dieser winzige Cyborg-Roboter wird uns darüber informieren, dass wir gleich Kopfschmerzen bekommen werden, und uns fragen, ob er an die entsprechende Stelle im Körper fahren und ein superkonzentriertes Medikament ausschütten soll. Und denken Sie erst an all die Anwendungen, die mit solch einer Nanomaschine möglich werden in Kombination mit dem Internet der Dinge.

Von Ihnen stammt der Begriff Internet of Things and Human Beings ...
... der genau das beschreibt: Wie sich Cyborg-Funktionen von Menschen mit dem Internet der Dinge verbinden könnten. Bleiben wir bei der persönlichen Nanomaschine im Blutkreislauf. Die misst nicht nur die Alkoholwerte in Ihrem Blut, sondern bekommt dann auch von der im Busfahrer kreisenden Nanomaschine die Information, dass man besser nicht einsteigen sollte, weil der Fahrer betrunken ist. Ein anderes Szenario für Internet of Things and Human Beings wäre: Ihnen droht ein Herzinfarkt, was Ihr Nanoroboter sofort der nächstgelegenen Rettungsstelle meldet. Das Krankenhaus um die Ecke bereitet sich dann schon auf Ihr Eintreffen vor, während Sie erst erfahren, was Ihnen gleich blüht. Auch heute könnte bereits der Herzschrittmacher eines Patienten mit Computern in nahe liegenden Krankenhäusern verbunden sein.

Viele träumen von einem höheren Intelligenzquotienten. Gleichzeitig wird mit Nachdruck künstliche Intelligenz entwickelt. Werden genetische Innovationen den Menschen irgendwann stärken im Wettlauf mit der Maschine?
Das ist eine eher pessimistische Frage. Warum überhaupt sollte sich der Mensch auf diesen Wettlauf einlassen? Wir können immerhin selbst bestimmen, wie weit sich künstliche Intelligenz entwickeln soll beziehungsweise wie weit sie angewendet werden soll. Diese Frage ist auch schwer zu beantworten, weil künstliche Intelligenz ein sehr weiter Begriff ist – was also ist genau damit gemeint? Fakt ist, dass der menschliche Intelligenzquotient (IQ) im Laufe des späteren Lebens eher niedriger wird. Durch Studieren und Lebenserfahrungen werden Sie schlauer, das ja, aber Sie bekommen nicht unbedingt einen höheren IQ. Natürlich beruht der IQ auch auf dem genetischen Erbgut, darauf zielt Ihre Frage ja ab. Man muss die Gene aber eher wie Bleistift und Papier verstehen; was der Mensch letztlich daraus macht, liegt bei ihm selbst. Jeder Mensch kann im Leben sehr viel erreichen und kreieren, wenn er sich motiviert, kreativ zu sein, sich auch anstrengt, sich ernsthaft und ehrlich selbst reflektiert und seine Schwächen mithilfe von Teamarbeit ausgleicht. Intra- und interpersonelle Intelligenz sind hier die Stichworte. 

Wir kennen die Gene für Intelligenz nicht. Wir haben also keine Ahnung, was wir da beeinflussen sollen.
Markus Hengstschläger
Markus Hengstschläger (Foto:privat)

Markus Hengstschläger

Intrapersonelle Intelligenz heißt, dass man sehr gut über seine Stärken und Schwächen Bescheid weiß. Interpersonelle Intelligenz beschreibt den Grad der sozialen Kompetenz, von Empathie und Teamfähigkeit.
Und beide Intelligenztypen zusammen bewirken weitaus mehr, als es irgendeine fiktive genetische Manipulation je schaffen könnte – davon bin ich überzeugt. Davon abgesehen kennen wir die Gene für Intelligenz nicht, es sind wahrscheinlich Hunderte. Wir haben also keine Ahnung, was wir da beeinflussen sollten. Aber selbst wenn wir es könnten, spielt die Lebensumwelt eine so große Rolle, dass diese fiktive genetische Einflussnahme unterm Strich wahrscheinlich überhaupt nicht zum erhofften Resultat führen würde.

Zurück zur pessimistischen Vorstellung, dass künstliche Intelligenz irgendwann uns und unseren Planeten beherrschen könnte. Wie realistisch ist es, dass künstliche Intelligenz und künstliches Leben mittels Genetik neu erschaffen werden?
Es gibt den umstrittenen Trend, gerade im Silicon Valley, dass man denkt: Wir kennen die Grundbausteine des Lebens – warum damit nicht auch neues, künstliches Leben von Grund auf kreieren? Auf Mikroorganismenebene mag das noch realistisch sein, doch den komplett künstlich kreierten Menschen wird es aus meiner Sicht nie geben. An diese Vision, dass man da etwas im Reagenzglas kreiert und wirklich weiß, was am Ende dabei herauskommt, können nur Nichtbiologen ernsthaft glauben. Wer sich, wie ich, seit drei Jahrzehnten mit Genetik beschäftigt, dem ist stets vor Augen, dass sich Mensch und Affe nur in sehr geringen Teilen ihres Erbgutes unterscheiden. Und jetzt erklären Sie einmal, wie das Erbgut genau aussehen muss, damit wir ein anspruchsvolles Interview wie dieses führen können, der Affe aber nur – relativ zu uns – eingeschränkt kommunizieren kann. Nur die Grundbausteine zu kennen, bringt definitiv zu wenig, weil es auf die Interaktion der Bausteine untereinander ankommt. Wir haben etwa 25.000 Gene, wobei fünf Gene fünf Informationen liefern können, genauso gut können sie aber auch durch Interaktion 25 Informationen liefern. Genau zu definieren, welche Wechselwirkungen wo, wie und zu welchem Zeitpunkt im menschlichen Dasein wichtig sind, damit dieses oder jenes als Resultat herauskommt, halte ich für nicht machbar. Falls doch, käme am Ende nur etwas heraus, was vielleicht oder sogar sehr wahrscheinlich in Wirklichkeit mehr Probleme schafft, als dass es nutzt.

Unser Bildungssystem erzwingt Mittelmäßigkeit

Viele sehen künstliche Intelligenz als Voraussetzung, damit die Menschheit zukünftige Probleme überhaupt noch lösen kann.
Eine Vorstellung, die ich so nicht unbedingt teile. Ich habe gar nichts gegen künstliche Intelligenz, glaube aber an den Geist und die Kraft von Innovationen und Technik, schließlich bin ich Wissenschaftler. Industrie 4.0, selbstlernende Roboter und all dies wird uns sicher voranbringen – ohne Frage. Wenn wir aber draufschauen, wo die wirklichen Probleme liegen, werden uns noch mehr Daten, eine noch schnellere oder intelligentere Rechenleistung genauso wie Innovationen aus der MINT-Welt vielleicht nur bedingt weiterhelfen. Wie werden die Menschen miteinander leben? Welche politischen Strukturen bringen uns voran? Dürfen die Menschen auf unserem Planeten selbst entscheiden, wo sie leben? Wie lösen wir Probleme wie religiösen Extremismus, Hunger, die Auswirkungen des demografischen Wandels, Überbevölkerung und Erderwärmung? Die großen Innovationen, die wir brauchen werden, können Computer und Roboter wahrscheinlich nicht wirklich erledigen, selbst wenn sie eines Tages noch weitaus smarter sind und sich vielleicht auch gewissermaßen in Menschen hineinfühlen können. In all den genannten Problemfeldern braucht es vor allem neue Ideen, erdacht von hochtalentierten und mutigen Menschen, die alte Pfade verlassen und Neuland erkunden. Künstliche Intelligenz kann helfen, okay. Aber wir brauchen vor allem eine unglaublich hohe humane Kreativität, gepaart mit emotionaler Intelligenz.

Weshalb Sie auch vor der Durchschnittsfalle warnen und eine Reform des Bildungssystems anmahnen.
Wir haben mehrere Entwicklungen, die uns noch weitaus härter berühren müssen als bislang: Unsere Gesellschaft und vor allem die Medienwelt produzieren zu viel Zukunftsangst, die die junge Generation entmutigen könnte – dabei müsste man gerade dieser Generation sehr viel Mut zusprechen, weil sie die Probleme der Zukunft wirklich lösen und dafür in hohem Maße unbekanntes Terrain betreten muss. Nur der Mutige ist wirklich innovativ! Gleichzeitig zwingt unser Bildungssystem über die Kopplung von Notenvergabe und einer falsch verstandenen Talentförderung Schüler und Studierende dazu, gerade in die Lernfelder ihre Zeit und Kraft zu investieren, wo sie nicht talentiert sind, um Schwächen auszugleichen. Das natürliche Talent verkümmert dabei, weil man das ja sowieso schon kann. Wir müssen dringend damit aufhören, weil wir so lediglich Mittelmäßigkeit erzwingen, statt großes Talent und außergewöhnliche Kreativität zu fördern. 

Kommentare anzeigen