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Warum Merton?

Richard Merton (Illustration: Irene Sackmann)
Foto: iStock/anilakkus/syniawa

Vergiss es

Kolumne,

Wer würde nicht tagtäglich jede Menge Dinge vergessen? Den Hausschlüssel, den Termin, das Blumengießen. Meistens passiert es uns einfach so, wir müssen nichts dafür tun. Aber Vergessen kann auch eine aktive Handlung sein, und spätestens dann wird es nicht nur linguistisch interessant. Eine Sprach-Kolumne.

Im Deutschen gibt es Dutzende von Verben, die kognitive oder psychische Tätigkeiten und Zustände bezeichnen, zum Beispiel vermuten, zweifeln, staunen, sich wundern, wissen, sich erinnern und vergessen. Wenn man über den Gesamtbestand von allgemein gebräuchlichen Verben dieser Art und ein sinnvolles System zu ihrer Klassifizierung verfügt, lassen sich interessante Aussagen über den Benennungsbedarf in unserer Sprache machen. Was wollen wir mit einem einfachen Wort benennen, wo müssen wir andere sprachliche Mittel verwenden? Auch die Beschreibung einzelner Verben oder ein genauer Vergleich von Paaren wie glauben und zweifeln oder staunen und sich wundern ist höchst interessant.

Zu den Eigenheiten solcher Verben gehört, dass sich viele Seiten ihrer Bedeutung unmittelbar in den Feinheiten ihrer Grammatik spiegeln und dass man dabei durchaus überraschende Dinge sieht, die man eigentlich nicht vermutet. Wir betrachten unter dieser Perspektive das Verb vergessen, ein Verb der Alltagssprache, das aber ebenso in zahlreichen anderen Varietäten des Deutschen vorkommt, eingeschlossen Fachwortschätze etwa der Psychologie und der Kognitionswissenschaft. Dem Wortkörper lässt sich nicht viel über die Bedeutung entnehmen. Das Präfix ver- passt zwar gut zu Verben wie versinken, vergehen, verlassen oder vermeiden, aber der Stamm -gessen ist isoliert. Ähnlich wie bei verlieren, verletzen, versehren und verdauen hat die Gegenwartssprache den Stamm als selbstständigen verloren, ihn jeweils nur im komplexen Wort bewahrt. Eine morphologische Analyse ist möglich, sie führt aber nicht dazu, dass die Bedeutung des komplexen Stammes aus den Bedeutungen seiner Bestandteile hergeleitet werden kann.

vergessen und verdrängen

Als Verb der Alltagssprache unterscheidet sich vergessen etwa vom bedeutungsverwandten verdrängen. In seiner konkreten Bedeutung (Willi verdrängt seinen Bruder aus der Vereinsführung) ist verdrängen ein Handlungsverb mit agentivem Subjekt. Die davon abgeleitete fachsprachliche Bedeutung hat etwas von dieser Agentivität des Subjekts bewahrt. Im Anschluss an Freud wird Verdrängung meist als ein psychischer Abwehrprozess verstanden, der gefährliche Bewusstseinsinhalte ins Unbewusste oder Unterbewusste verschiebt und dort festhält. Die Gefahr, dass verdrängte Inhalte bewusst werden, kann zu permanenter psychischer Anstrengung führen.

Das ist anders bei vergessen, das unserem Sprachgefühl und gängiger Auffassung nach ohne weiteres Zutun verläuft. Das Vergessene ist sozusagen lautlos aus dem Gedächtnis verschwunden. Aber dieser einfache und einleuchtende Bedeutungsunterschied zu verdrängen hält der grammatischen Analyse nicht stand. Sie erweist vergessen ebenfalls als Handlungsverb. Betrachten wir dazu einen einfachen Satz wie Willi hat den Schlüssel vergessen. Als Subjekte kommen Nominalausdrücke infrage, die intentionsbegabte Lebewesen bezeichnen. Menschen können vergessen, Dinge allenfalls in einer abgeleiteten Bedeutung, und auch ein Sachverhalt vergisst nicht. Ein Sachverhalt kann etwa bei ärgern als Subjektsatz erscheinen (Dass du schläfst, hat ihn geärgert), aber nicht bei vergessen (*Dass du schläfst, hat ihn vergessen). 

Dagegen bezeichnet das Objekt bei vergessen einen Sachverhalt, auch wenn es nicht so aussieht. Willi hat den Schlüssel vergessen meint ja etwas wie Willi hat vergessen, den Schlüssel mitzunehmen.Selbstverständlich haben wir deshalb Objektsätze wie in Willi hat vergessen, dass sie schläft und auch indirekte Fragesätze wie in Willi hat vergessen, ob/wo/wann … sie schläft. Damit ist vergessen ein faktives Verb. Wer sagt: Willi hat vergessen, dass sie schläft, muss die Wahrheit des Objektsatzes voraussetzen: Er muss voraussetzen, dass sie tatsächlich schläft. In all diesen Eigenschaften gibt es keinen Unterschied zu verdrängen, das kann der Leser leicht durchspielen. 

Spracharbeit

Peter Eisenberg
Peter Eisenberg (Illustration: Irene Sackmann)

Glossen oder Kolumnen zur Sprache gibt es in deutschen Zeitungen oder Magazinen zuhauf. Brauchen wir also noch eine? Es kommt darauf an. Denn in Peter Eisenbergs Sprachkolumne wollen wir ein paar Dinge nicht tun: Wir wollen Sprachkritik nicht als soziale Distinktion betreiben und vor allem wollen wir nicht so tun, als wüssten wir eh alles besser. Wir wollen auch nicht die Gefahr des Sprachverfalls verkünden, der unvermeidlich sei, wenn sich nicht schnell etwas ändere. Dem Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg geht es weniger um die eigene Behauptung im Diskurs, sondern eher um die Sprache selbst. Bevor gewertet wird, geht es erst einmal um das, was man heute über diese Gegenstände weiß. In diesem Sinn geht es um Tatsachen. Und wo immer bei der Kürze der Texte möglich, wird auch mitgeteilt, woher man diese Tatsachen kennt.

In diesem Sinn möchte die Eisenberg-Kolumne zur Aufklärung über den Zustand des Deutschen beitragen. Im Großen und Ganzen wird sich zeigen, dass diese Sprache sich in hervorragender Verfassung befindet. Was nicht heißt, dass es nichts an ihrem Gebrauch zu kritisieren gäbe. Es kann in dieser Kolumne um aktuelle Anlässe gehen und – als besonderer Glücksfall – kann auch einmal ein Thema zur Sprache kommen, das MERTON-Lesern auf den Nägeln brennt. Immer bitten wir die Leserschaft um etwas Geduld. Die Sprache ist nun einmal kein ganz einfaches Gebilde, erschließt sich aber doch viel eher, als die verbreitete Furcht vor ein wenig Grammatik erwarten lässt. Und dann geht von ihr eine Faszination aus, die ihresgleichen sucht.

Alle Kolumnen von Peter Eisenberg.

Wohl vergessen wir ohne Zutun, aber das Nichtvergessen erfordert psychische Arbeit.
Peter Eisenberg (Foto: Jürgen Christ)

Peter Eisenberg

Sprachwissenschaftler

Den entscheidenden weiteren Schritt zum Handlungsverb macht vergessen damit, dass es ein Passiv bilden kann: Das wird immer wieder vergessen. Das ist von uns vergessen worden. Im Deutschen ist, wie wir in einer anderen Kolumne genauer beschreiben werden, das werden-Passiv nur von Handlungsverben möglich, und wir stehen vor der Frage, wie sich dies mit dem Eindruck in Einklang bringen lässt, das Vergessen sei ein weitgehend ungesteuerter psychischer Prozess.

Der Schlüssel zur Auflösung des scheinbaren Widerspruchs liegt bei der Verneinung. Wohl vergessen wir ohne Zutun, aber das Nichtvergessen erfordert psychische Arbeit. Sie hat das nicht vergessen ist weitgehend gleichbedeutend mit Sie erinnert sich daran. Durch eine Satzverneinung ändern sich die grammatischen Eigenschaften eines Verbs im Allgemeinen nicht, deshalb ist vergessen so wie nicht vergessen grammatisch ein Handlungsverb. 

Dieser Zusammenhang lässt sich auf vielfältige Weise illustrieren. Auf Friedrich Nietzsche geht der Satz zurück Man vergisst nicht, wenn man vergessen will. Als bewusste Tätigkeit gelingt das Vergessen eben in aller Regel nicht. In seinem Buch „Lethe – Kunst und Kritik des Vergessens“ (München 1997, Seite 16) erinnert Harald Weinrich über den Bau des griechischen Wortes aletheia – Wahrheit – an eben diesen Zusammenhang. In aletheia steckt derselbe Stamm wie in Lethe, dem mythischen Strom des Vergessens. Mit dem Negationspräfix a- kann Wahrheit als das verstanden werden, was nicht vergessen ist. Das Wahre wird man heute nur sehr bedingt als das Überlieferte ansehen wollen, ohne dass damit jedoch die besondere Bedeutung des Nichtvergessens geschmälert würde.

Kollektives Vergessen

Immer wieder erreicht uns Deutsche die Ermahnung, einen Teil unserer jüngeren Geschichte nicht kollektiv zu vergessen. Wenn wir nichts tun, werden wir vergessen, was die Opfer des Holocausts nicht vergessen können, auch wenn sie es wollten (Die Literatur zu dem Thema ist kaum zu übersehen, einige weitreichende Beiträge z um Beispiel in der Publikation „Vom Nutzen des Vergessens“ (Berlin1996), herausgegeben von Gary Smith und Hinderk M. Emrich). Das Historische Museum in Frankfurt am Main hat im Frühjahr 2019 eine große Ausstellung zum Thema „Vergessen“ gezeigt, deren Untertitel mit Bedacht gewählt wurde. Er lautet „Warum wir nicht alles erinnern“ und bestimmte weitgehend die Auswahl der Exponate.

Nicht alles, was so aussieht, spricht für vergessen als Handlungsverb. So meint der alltagssprachlich weitverbreitete Imperativsatz Vergiss es meistens nicht, Du sollst vergessen, sondern er meint Du darfst vergessen oder eben Du brauchst nichts zu tun, um dich zu erinnern. Der Franzose sagt bei solchen Gelegenheiten ebenso kurz und etwas klarer Laisse tomber – Lass fallen.

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