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Die Front

Kolumne,

Heißt es nun im Deutschen der oder die "Front National"? Wir sagen ja auch nicht "der Centre Pompidou". Aber "die Place de la Concorde". Sprachkenner Peter Eisenberg räumt auf im Reich der Genera.

Das Deutsche gehört zu den Sprachen mit einem ausgeprägten Genussystem. Im Zentrum steht die Klassifikation der Substantive in Maskulina, Feminina und Neutra, aber seine Auswirkungen gehen weit darüber hinaus. Sie betreffen die Artikel (manchmal als „Geschlechtswörter“ bezeichnet), die Syntax der Nominalgruppe (heißer Tee, heiße Suppe, heißes Wasser), pronominale Bezüge (Merkel und Schulz reden. Er redet lange, sie redet länger) und viele weitere Bereiche der Grammatik. Ganz unmittelbar betreffen sie auch den Umgang des Deutschen mit Fremdwörtern, die ja überwiegend Substantive sind. Jedes von ihnen bekommt beim Eintritt in die deutsche Sprache ein Genus, egal ob es eins aus der Herkunftssprache mitbringt oder nicht.

Im Englischen gibt es nur noch Genusreste bei den Pronomina, die Substantive haben das grammatische Geschlecht durchweg verloren. Für das Genus der Anglizismen gelten die Regeln des Deutschen. Ihre Zuweisung zum Maskulinum, Femininum oder Neutrum erfolgt meistens lautlos, ist seit Langem Gegenstand intensiver Analyse und wird meist recht gut verstanden. Schwierigkeiten wie bei die/das Mail oder der/das Blog sind selten, meist auf einfache Einsilber beschränkt und regional verankert. So sagt man im südlichen Teil des deutschen Sprachgebiets wesentlich häufiger das Mail als im nördlichen. 

Spracharbeit

Peter Eisenberg
Peter Eisenberg (Illustration: Irene Sackmann)

Glossen oder Kolumnen zur Sprache gibt es in deutschen Zeitungen oder Magazinen zuhauf. Brauchen wir also noch eine? Es kommt darauf an. Denn in Peter Eisenbergs Sprachkolumne wollen wir ein paar Dinge nicht tun: Wir wollen Sprachkritik nicht als soziale Distinktion betreiben und vor allem wollen wir nicht so tun, als wüssten wir eh alles besser. Wir wollen auch nicht die Gefahr des Sprachverfalls verkünden, der unvermeidlich sei, wenn sich nicht schnell etwas ändere. Dem Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg geht es weniger um die eigene Behauptung im Diskurs, sondern eher um die Sprache selbst. Bevor gewertet wird, geht es erst einmal um das, was man heute über diese Gegenstände weiß. In diesem Sinn geht es um Tatsachen. Und wo immer bei der Kürze der Texte möglich, wird auch mitgeteilt, woher man diese Tatsachen kennt.

In diesem Sinn möchte die Eisenberg-Kolumne zur Aufklärung über den Zustand des Deutschen beitragen. Im Großen und Ganzen wird sich zeigen, dass diese Sprache sich in hervorragender Verfassung befindet. Was nicht heißt, dass es nichts an ihrem Gebrauch zu kritisieren gäbe. Es kann in dieser Kolumne um aktuelle Anlässe gehen und – als besonderer Glücksfall – kann auch einmal ein Thema zur Sprache kommen, das MERTON-Lesern auf den Nägeln brennt. Immer bitten wir die Leserschaft um etwas Geduld. Die Sprache ist nun einmal kein ganz einfaches Gebilde, erschließt sich aber doch viel eher, als die verbreitete Furcht vor ein wenig Grammatik erwarten lässt. Und dann geht von ihr eine Faszination aus, die ihresgleichen sucht.

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Schwieriger ist das Verhältnis zum Französischen mit seinen zwei Genera masculin und féminin. Zwei auf drei Kategorien abzubilden ist von vornherein komplizierter als der Umgang mit genuslosen Wörtern. Aber meistens geht es hier ebenfalls glatt, sogar auch dann, wenn im Deutschen Gallizismen gebildet werden, die es im Französischen gar nicht gibt. So sind Ingenieur und Deserteur entlehnt, nicht aber Friseur. Das Wort findet man in keinem Wörterbuch des Französischen. Es wurde vor über zweihundert Jahren im Deutschen gebildet und erhält sein Genus nach den Vorbildern auf -eur, es kann nur ein Maskulinum sein.

Anders bei Garage, Sabotage. Die französischen Wörter haben das Genus masculin, während die Gallizismen auf -age im Deutschen durchweg Feminina werden, was gelegentlich zu Genusfehlern bei Französischlernern führt und genauso auch umgekehrt bei französischen Deutschlernern. Bilden wir ein solches Wort im Deutschen, dann wird es natürlich ebenfalls ein Femininum. Das ist etwa der Fall bei die Blamage. So ein Wort gibt es im Französischen nicht.

Besonders interessant und wenig untersucht ist die Genuszuweisung bei französischen Eigennamen, die ins Deutsche übernommen werden. Wir illustrieren den Fall am Beispiel von Front National als einem Ausdruck, der jetzt monatelang in aller Munde war und wohl von jedem gelegentlich verwendet wurde.

Als die französische nationalistische Partei des Jean-Marie Le Pen in den Achtzigerjahren einen ersten Wachstumsschub erlebte, sprachen die Deutschen überwiegend von der Front National, nur selten hörte oder las man von dem Front National. Es dauerte nicht lange, bis selbst ernannte Kenner des Französischen darauf hinwiesen, es heiße le front, im Deutschen also der Front. Das Maskulinum hat sich inzwischen zu einem guten Teil durchgesetzt. Wer das Femininum verwendet, erntet schnell einmal hochnäsige Belehrung.

Man hat sich dann zu fragen, wie das Deutsche mit solchen Ausdrücken aus dem Französischen sonst verfährt. Es geht nicht einfach um Unterschiede wie bei le/die Rhone oder la/der Peugeot, sondern um Eigennamen mit französischem Kernnomen, das an sich das Genus bestimmt, zu dem es aber ein nah verwandtes Äquivalent im Deutschen mit einem Genus des Deutschen gibt. Machen wir die Probe aufs Exempel. 

Wir sagen der Arc de Triomphe, der Jardin du Luxembourg, die Ȋle St. Louis, die Bibliothèque de France. Da gibt es kein Problem, die Genera der beiden Sprachen entsprechen sich. Ganz anders beim Neutrum, das ja keine Entsprechung im Französischen hat. Im Deutschen sagt man das Centre Pompidou, das Café de Flore, das Collège de France, das Musée d’Orsay. Auch einfache Eigennamen wie das Matignon und das Marais sind oft Neutra. Alle diese Ausdrücke sind im Französischen selbstverständlich masculin oder féminin, aber das interessiert die Sprecher des Deutschen nicht. Die französischen Genera werden einfach überschrieben. Selbstverständlich gibt es wieder den Kenner, der gern sagen würde der Centre Pompidou, er steht jedoch auf verlorenem Posten.

Wie wäre es, wenn wir verabredeten, ab Mitte übernächster Woche nur noch zu sagen 'die Front National'? Es wäre kein Verstoß gegen grammatische Regeln, wohl aber eine kleine feine Demonstration sprachlichen Selbstbewusstseins.
Peter Eisenberg (Foto: Jürgen Christ)

Peter Eisenberg

Instruktiv ist, wie lexikografisch verfahren wird. Das deutsche Wikipedia folgt teils dem Sprachgebrauch, teils nicht. Allgemein verwendete Wörterbücher des Deutschen von Duden oder Brockhaus thematisieren den Fall kaum. Im Universalwörterbuch Französisch von Bertelsmann/Larousse (2. Aufl. von 2000), das lexikografisch eindeutig von Larousse dominiert ist, finden sich Einträge wie das „Collège de France“, das Marais-Viertel, das Stadtpalais „hȏtel Matignon“. Das deutsche Neutrum kommt für die in Rede stehenden Ausdrücke nicht zum Zuge. Entweder das französische Genus wird verwendet oder das deutsche wird anderen Wörtern zugeschoben (das Viertel) oder der französische Name durch schwere Anführungszeichen vom deutschen Artikel getrennt. Aber wer sagt schon das Marais-Viertel anstelle von das Marais? Es siegt das, was man in Frankreich unter Sprachpolitik versteht. Die Überschreibung des französischen Genus wird verschleiert.

Nicht viel besser sieht es beim Femininum aus. Im Deutschen sagt man die Tour de France, die Pont du Diable. Beide sind im Französischen masculin. Auch das Maskulinum gibt einiges her, zum Beispiel sagen wir der Gare de Lyon, der Cour Napoléon, obwohl es im Französischen la gare und la cour heißt.

Keineswegs verschwiegen werden soll, dass andererseits die Genuszuweisung vom Typ der Front National nicht allein steht. So sagen wir die Place de la Concorde und drücken nicht das Maskulinum von der Platz durch. Verallgemeinern lässt sich dieses Vorgehen aber nicht, das sollte demonstriert werden.

Wie wäre es, wenn wir verabredeten, ab Mitte übernächster Woche nur noch zu sagen die Front National? Es wäre kein Verstoß gegen grammatische Regeln, wohl aber eine kleine feine Demonstration sprachlichen Selbstbewusstseins. Auch wenn sie einigen Damen vom äußeren rechten Flügel hüben wie drüben zum Ärgernis gereichte.

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