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Warum Merton?

Richard Merton (Illustration: Irene Sackmann)
(Foto: istock/Catherine Lane)

Pokémon KNOW oder Culture Technologies made in Germany

Kolumne,

Deutschland könnte als Vorreiter der digitalen Bildung glänzen. Die Technologie ist da, wir müssen uns nur trauen und sie nutzen, meint unser Kolumnist Gunter Dueck. Dann würden unsere Schulen und Universitäten auch wieder aufleben.

Im Jahre 2008 habe ich schon einmal Artikel zu diesem Thema „abgelassen“. Damals überlegte man noch sehr genau, ob Computer im Unterricht eine Rolle spielen könnten oder sollten. Das war noch im Zeitalter vor den Tablets und Smartphones mit Internetanbindung. Computer waren damals teuer – sollte man die hohen Kosten tatsächlich und allen Ernstes allen Lehrern und Schülern zumuten? „Kann sich denn jeder einen Laptop leisten?“ Heute sind Smartphones zwar zum Teil noch teurer, sie sind aber für viele das Allererste, was sie nach Essen, Bett und Kleidung zum Leben brauchen. Für Kinder ab zehn Jahren gilt das heute ganz gewiss. Wir müssen uns also nicht mehr um die Hardware streiten. 

Virtuelles lernen

Technisch gesehen sind wir also heute alle „mit der Cloud“ im Netz verbunden. Wenn es dort etwas für unsere Bildung geben sollte, könnte es jeder nutzen. Unternehmen wir gemeinsam etwas? Wir lächeln eher darüber, dass die Eliteuniversitäten der USA Tausende von Onlinekursen gratis (!) im Netz anbieten. Warum tun wir uns in Deutschland so schwer damit?

Ich schlage also hier wieder unermüdlich unter verdrängter Frustration vor, den gesamten Kulturschatz, soweit er sich digitalisieren lässt, frei ins Internet zu stellen.

Ich möchte virtuelle Baukästen im Internet für Physik, Videos aller Versuche der Physik wie die, die in Schule und Uni vorkommen (bezahlbar und simpel genug für Studenten), und alle anderen dazu, die man sich sparen musste. Alle Versuche und Methoden der Chemie und Biologie, der Medizin und Psychologie. Ich möchte zu allen Krankheiten jeweils ein paar Hundert Patienten 3-D-gescannt im Internet haben, damit angehende Ärzte schon einmal eine Menge Krankheitsausprägungen gesehen haben. Ich möchte 1.000 Hörproben von Pseudokrupp, Bronchitis und Keuchhusten im Netz haben – mit Trainings-App für angehende Ärzte, was was ist. Alle wunderschönen Kinderbilder aus Kindergärten und Grundschulen sollten in ein digitales Museum ins Netz. Na, und die Bilder aller Meister dann auch. Ich möchte alle Musiknoten für die Musikschulen und Chöre frei im Netz haben, Videos von jeder Pflanze und jedem Tier, von jedem Ort, jedem Geschichtsmonument und allen Sehenswürdigkeiten, gleich anzuschauen mit den neuen Virtual-Reality-Brillen. Ich möchte ausdruckbare 3-D-Files von Denkmälern, Skulpturen, Bauwerken und Madame-Tussauds-Wachsfiguren. 

Gunter Dueck

Gunter Dueck
Gunter Dueck (Foto: Michael Herdlein)

Gunter Dueck besitzt die Gabe, einen in innere Jubelstürme ausbrechen zu lassen. Das gelingt ihm, wenn man ihn als Vortragenden auf der Bühne erlebt, aber auch mit seinen Texten und Büchern, mit seinen Interviews. Er schafft es auf ganz außergewöhnliche Weise die Dinge auf den Punkt zu bringen: Oft schleicht er sich erst an ein Thema heran, um dann umso hartnäckiger ein Problem herauszuarbeiten. Seine Thesen trägt er zumeist ruhig und gelassen vor, und doch sind sie oft – das merkt man manchmal erst später – messerscharfe Fallbeile. Dann erheben sich – siehe oben – die inneren Jubelstürme. Und oft jubeln ihm die Menschen nicht nur innerlich zu: Auf großen Tagungen wie der re:publica ist er ein unumstrittener Star. Umso schöner, dass er das MERTON-Magazin mit einer regelmäßigen Kolumne bereichert. Er nennt sie „Direct Dueck“, was auf ein paar schöne scharfe Fallbeile in Textform hoffen lässt. 

Ich schlage vor, den gesamten Kulturschatz, soweit er sich digitalisieren lässt, frei ins Internet zu stellen.

Gunter Dueck

Ich finde nicht, dass man für Schulreferate in Urheberrechtsprobleme laufen muss, weil es keine freien Bilder und Fotos gibt. Wir sollten zu Fotospenden aufrufen oder staatlicherseits welche machen lassen. Für alle Lehrbuchinhalte sollte es einzelne PowerPoint-Bilder geben, die Abbildungen von Lehrbüchern sollten separat als Bild verfügbar sein.

Es wird immer kritisiert, dass das Netz voller Unkultur ist – überall inkompetenter Mist und Müll aller Sorten. Warum ändern wir das nicht? Neulich gab es einen Tag lang nichts über Frau Merkel zu meckern, da schlug Herr Seehofer vor, die ARD mit dem ZDF zusammenzulegen (weil die Grundversorgung ja auch schon vom BR erfolgen kann) – aha, wir wollen also Milliarden sparen und sollen weiterhin die TV-Haushaltsabgabe aufbringen? Was Herr Seehofer richtig gesehen haben könnte: Das Bezahlen von Tatort-Krimis quasi per Steuer ist nicht mehr nötig. 

Zeitgemäßer Unterricht

Ich will sagen: Selbst Politiker kommen auf die Idee, dass die Bildungsaufgaben, die das Fernsehen ursprünglich wahrnehmen sollte, in dieser Form nicht mehr zeitgemäß sind. Deshalb schlage ich hiermit vor, die Gelder an ARD und ZDF umzuwidmen. Damit soll unser Kulturschatz digitalisiert und frei ins Netz gestellt werden. Dann leben unsere Schulen und Universitäten wieder auf, kein Lehrer hat mehr etwas gegen das Netz und das Digitale – jeder kann ohne Urhebergedöns oder teures Fotostock-Abo vernünftige Referate halten. Der Unterricht würde wieder zeitgemäß interessant sein, viele quälend langen Handarbeitsphasen fielen weg (zum Beispiel wochenlanges Rummachen mit Mikroskopen im Biologieunterricht oder langes Messen der Lichtgeschwindigkeit in den Lkw-ruckelfreien Nachtzeiten). Das, was heute Spaß macht und interessant gefunden wird, ändert sich doch auch? Können wir auch gleich – in einem Abwasch – über eine Bildung und neue Bildungsziele nachdenken? Für die Zeit, wenn der Kulturschatz verfügbar ist? 

Pädagogen verdammen den Spieltrieb. Schämen sollten sie sich, dass sie den Kulturschatz nicht interessant aufbereiten können, wie sich das für einen Tablet-Nutzer gehört.
Gunter Dueck (Foto: Michael Herdlein)

Gunter Dueck

Spielerisch Lernen

Gerade erhielt ich eine WhatsApp-Nachricht einer Verwandten (>70): „Du, da stehen sie alle um den Bahnhof herum. Sie haben bestimmt ein Lockmodul in den Pokéstop eingesetzt und fangen nun?“ – Ich musste lachen. Ich hatte in der Familie erzählt, dass es überall Pokéstops gibt, bei deren Erreichen einem meist das Bild der an dieser Stelle zu sehenden Sehenswürdigkeit gezeigt wird – es gibt auf Antippen entsprechend eine Info dazu. Diese Wissenstafel ist beim Spielen natürlich nicht so wichtig. Aber warum kommen die Bildungsexperten nicht auf solche Ideen? Sagen wir: Warum entwerfen sie kein Pokémon KNOW? Man muss sich dann den Text der Tafeln wirklich durchlesen und Fragen dazu beantworten, und erst dann gibt es Bälle und Eier, Medaillen und Trainerpunkte für das Spiel. Warum nicht eine Matheaufgabe einblenden oder fragen, mit wie vielen h man Rytmus schreibt? Nein, die Pädagogen verdammen den Spieltrieb. Schämen sollten sie sich, dass sie den Kulturschatz nicht interessant aufbereiten können, wie sich das für einen Tablet-Nutzer gehört.

Viele Lehrer aber schämen sich schon, ja. Viele möchten gerne loslegen. Aber wir brauchen ja erst das Digitalisierte. Wir sollten einen neuen Industriezweig ins Leben rufen. ARD/ZDF oder die Goethe-Institute werden zu ersten Großkonzernen der Culture-Technologies-Ära. Wir können damit weltweit glänzen, made in Germany. 

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