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Kaufe Kabel, Gunter

Kolumne,

Unser Kolumnist ist mächtig angenervt: Vom smarten Kühlschrank, von der semi-witzigen Alexa oder dem knuffigen Pepper. Und dann ist die vielbeschworene künstliche Intelligenz auch immer noch dumm wie Brot. Von solchen Hypes profitieren nur Wenige, weiß Gunter Dueck.

Wenn ein neuer Hype über die Welt kommt, sollte man vorsichtig sein. Es gibt stets eine Menge Leute, die einen Hype lieben, zum Beispiel gerade jetzt den um künstliche Intelligenz (KI). Berater nennen dasselbe AI, klingt besser. Ich soll dann immer etwas dazu sagen, und ich sage immer dasselbe – irgendwie in ein Fass ohne Boden hinein: Schauen Sie doch einmal auf das wirklich Konkrete.

Zum Beispiel gab es Ende 2013 einen Hype rund um das 3-D-Drucken, erinnern Sie sich? Da schwelgten die Leute in Visionen, am besten so: Wir schießen einen 3-D-Drucker auf den Mond. Durch Sonnenkollektoren bekommt er Strom. Er nimmt Sand auf, bereitet ihn chemisch auf und druckt damit einen größeren 3-D-Drucker, als er selbst ist. Dieser fängt sogleich an, wieder größere Drucker zu drucken. Zum Schluss drucken sie dann Raumstationen, Kaffeemaschinen und grüne Männchen, sodass alles für menschlichen Besuch vorbereitet ist. Und nun?

Es war immer klar, dass 3-D-Drucken mit Titan (Hüftgelenke, Zahnimplantate) richtig gut geht, dass aber sonst noch viele Jahre mit Materialforschung für alles andere vergehen müssten. Dabei sind wir nun. Langweilig! Die Presse sagt nichts mehr dazu. Das Unternehmen Shapeways wollte damals das Amazon für 3-D-Ausdrucke werden. Ich besuche zur Kontrolle noch einmal kurz die Seite und gebe in die Suchmaske „Katze“ ein: Das ist der künstlerische Stand heute.

Mit dem Thema KI will die Presse die Menschheit offenbar alle paar Jahre ebenso vehement elektrisieren. Sie erinnern sich sicher an die Roboter in Star Wars, die in den 70er-Jahren schon „fast fertig“ waren. Heute sind wir bei Pepper angekommen, der immerhin schon ein paar Antworten geben kann. Er ist extra klein gebaut und kindknuddelig, da nehmen wir ihm seine vorhandene Intelligenz nicht übel.

Leute, man kann alles programmieren, also auch die Antworten von Pepper und Alexa, das Reagieren von autonomen Autos und das Prüfen der Zuckerwerte. Die Grundideen dazu stehen in Lehrbüchern für Expertensysteme, neuronale Netze, Optimierung und Statistik. Dazu nehme man unendlich viele Daten und ein bisschen Psychometrie, um zu sehen, welche Art von Persönlichkeit wir haben (Extro? Intro? Kopfmensch? Herzmensch? Impulsiv? Gewissenhaft?). Damit kommt man erstaunlich weit! Aber eben nicht weiter.

Wir können damit wohl ganz gute Routinemenschen bauen, die nach nur ganz wenigen Grundsätzen leben. Es gibt ja etliche solcher Menschen, die auf Regeln, Kriterien, Merkmale, Vorschriften, Methoden, Vorgehensweisen, Rituale, Sitten, Berechnungen oder Erkennungszeichen schwören und pochen, also sehr normale Buchhalter oder Kontrolleure. Die könnte man als Roboter nachbauen, ja. Die Wissenschaft BWL zum Beispiel berechnet ja nur stur. Sie ist absolut übermathematisiert und gestaltet daher jedes Entscheidungsproblem programmierbar. Das will sie ja so: die Welt mathematisch erfassen – aus Angst, wieder selbst zu denken.

Direct Dueck

Gunter Dueck (Illustration: Irene Sackmann)
Gunter Dueck (Illustration: Irene Sackmann)

Gunter Dueck besitzt die Gabe, einen in innere Jubelstürme ausbrechen zu lassen. Das gelingt ihm, wenn man ihn als Vortragenden auf der Bühne erlebt, aber auch mit seinen Texten und Büchern, mit seinen Interviews. Er schafft es auf ganz außergewöhnliche Weise die Dinge auf den Punkt zu bringen: Oft schleicht er sich erst an ein Thema heran, um dann umso hartnäckiger ein Problem herauszuarbeiten. Seine Thesen trägt er zumeist ruhig und gelassen vor, und doch sind sie oft – das merkt man manchmal erst später – messerscharfe Fallbeile. Dann erheben sich – siehe oben – die inneren Jubelstürme. Und oft jubeln ihm die Menschen nicht nur innerlich zu: Auf großen Tagungen wie der re:publica ist er ein unumstrittener Star. Umso schöner, dass er das MERTON-Magazin mit einer regelmäßigen Kolumne bereichert. Er nennt sie „Direct Dueck“, was auf ein paar schöne scharfe Fallbeile in Textform hoffen lässt. 

Alle MERTON-Kolumnen von Gunter Dueck

Wenn Roboter besser Vermögen anlegen können als die Profis, dann ist das kein Loblied auf Roboter.
Gunter Dueck (Foto: Michael Herdlein)

Gunter Dueck

Wenn nun solche dürftigen Roboter zum Beispiel als Robo-Advisor schon jetzt bei Banken und Sparkassen besser Vermögen anlegen können als die Profis der Publikumsinvestmentfonds, dann ist das kein Loblied auf Roboter. In vielen Berufen leisten Menschen gar nicht viel mehr als Computer – intellektuell gesehen, meine ich.

Wirkliche KI wäre wie echte menschliche Intelligenz, die schöpferische zum Beispiel. Die wird nun vollkommen losgelöst von der Presse für die nächsten Jahre als real möglich prognostiziert. Ich teste einmal den derzeitigen Stand anhand der Empfehlungen von Amazon oder eBay. Sie raten mir zu grotesken Produkten oder zu solchen, nach denen ich schon surfte – die habe ich in der Regel schon gekauft. Ich soll meine eigenen Bücher kaufen! Ich schaue noch schnell einmal zur Sicherheit in „Für Sie empfohlen“ – ja, immer noch alles nur ein paar Zentimeter neben Dingen, die ich schon kaufte. Ich habe zum Beispiel seit Kurzem ein neues Smartphone mit dem neuen USB-C-Standard, also muss ich neue Kabel haben. Die kaufe ich sofort und BESITZE sie zwei Tage später! Schluss! Fertig! Jetzt geht es bestimmt noch Monate so weiter: Kaufe Kabel, Gunter! Sieht das nach höherer Intelligenz aus? Ich frage Alexa (probieren Sie es aus): „Alexa, erzähl einen Informatikerwitz!“ Sie erzählt einen. Fragen Sie das ein paar Mal. Sie merken dann, sie erzählt immer dieselben, sie kennt wohl nur so fünf. Welcher nicht ganz alte Mensch macht so etwas? Bei eBay dasselbe ... ach, die passenden Produkte! Wenn es darum geht, uns Menschen nur zu verstehen, versagt die Künstliche Intelligenz gnadenlos, weil der ganze Kontext fehlt

Auf Konferenzen stellen Firmen KI-Projekte vor, immer mit dem Hinweis: ‚Wir sind natürlich erst am Anfang. Von unseren Triumphen berichten wir demnächst.‘ Sie sind schon ganz lange am Anfang.
Gunter Dueck (Foto: Michael Herdlein)

Gunter Dueck

Die Berater hypen KI

Aber die Berater hypen KI, damit sie noch ahnungsloseren Unternehmen neue Projekte verkaufen. Das Erfassen und Sammeln von Daten dauert dann schon einmal ein paar Jahre, nun kann losgelegt werden, die Kunden mathematisch-tabellarisch genau zu kennen ... Die Presse überschlägt sich mit für sie vorstellbaren Spekulationen, dass die Roboter demnächst schlauer sind als Journalisten zum Beispiel. Es nervt. Noch immer geistert der sprechende Kühlschrank durch die Gazetten, den man längst hätte bauen können. Gibt es ihn? Auf den Konferenzen stellen Firmen KI-Projekte vor, immer mit dem Hinweis: „Wir sind natürlich erst am Anfang. Von unseren Triumphen berichten wir demnächst.“ Sie sind schon ganz lange am Anfang.

Es reicht doch, erst einmal alles vernünftig zu programmieren, was Programme besser können als Menschen: Pläne aller Art optimieren, aufpassen, Rechnungen stellen und verbuchen, kontrollieren, Fehler finden, warnen, zusammenzählen, banale Kongresseinladungen schreiben („Kostendruck ist das Thema der Stunde – kann KI dabei helfen?“) und ohne rechten Esprit dichten und komponieren. Oft helfen Computersimulationen, Intuitionsfehler zu beseitigen („Expresslager gehören nicht in Städte, sondern an Autobahnkreuze“), und man kann mit Unmengen von Daten die Werbung ein bisschen besser platzieren als ohne Daten. Ist das schon menschliche Intelligenz? Es ist immer noch Optimierung, Statistik, Expertensystem und neuronales Netz. Computer können lernen, wenn man ihnen sagt, was sie an welchen Daten erlernen sollen. Aber erfinden?

Banal: In der Schule lernt man nach Rezepten, Schablonen und Regeln. All das kann ein Computer auch. Bis Note „Drei“ kommt er wohl? Für Note „Eins“ braucht man Durchblick, Talent und Esprit. Die hat er sicher nicht und sicher noch lange nicht. KI ersetzt also alles bis Note „Drei“. KI macht nicht die Menschen per se überflüssig, sondern nur die durchschnittlichen bis Note „Drei“. Das sollte uns beunruhigen und aufbrechen lassen. Wir brechen aber nicht auf, wir wälzen uns in unseriösen Ammenmärchen. Wir ängstigen uns lieber vor Algorithmen als vor unserem inneren Schweinehund. Gerald Hüther sagt Ihnen doch, dass Sie eine Hochbegabung ... äh ... hatten, warum dann nur Note „Drei“?

(Äußerungen unserer Kolumnisten geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Stifterverband macht sich Äußerungen seiner Kolumnisten nicht zu eigen.)

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