Illustration: Jens Bonnke
Illustration: Jens Bonnke

Nutzt die Krise!

Forscher und Hochschulen müssen derzeit verstärkt auf digitalen Austausch setzen. Das könnte einen Kulturwandel hin zu einer offenen Wissenschaft beschleunigen, meint Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes.

Immer wieder haben Krisen zu einem Kulturwandel geführt. Oft entstand aus einer akuten Bedrohung nachhaltiger Fortschritt. Bei aller gebotenen Vorläufigkeit aktueller Beobachtungen scheint sich dies gerade in der Wissenschaft abzuzeichnen: Die Art und Weise, wie wir Forschung, akademische Lehre und Kommunikation betreiben, hat sich in den vergangenen Wochen so sehr gewandelt, dass dies die Welt der Wissenschaft nachhaltig verändern kann. Zwar sind auch Hochschulen und Forschungseinrichtungen derzeit geschlossen und abgeschottet. Tatsächlich aber durchlebt die Wissenschaft einen gewaltigen Öffnungsprozess. Mit rasanten Erkenntnisgewinnen in kürzester Zeit durch kollektiven Wissensaustausch – auch ohne Konferenztourismus.

Das beginnt beim Zugang zu aktuellen Forschungsdaten. Mit dem Beginn der Krise hat China eine für alle zugängliche Website eingerichtet, auf der Wissenschaftler Forschungsergebnisse zum Coronavirus zugänglich machen. Ende Januar haben fast hundert akademische Journals, Wissenschaftseinrichtungen und Unternehmen eine Verpflichtung unterzeichnet, sämtliche Forschungsergebnisse zur Krankheit frei zugänglich zu machen. Datenspeicher zur Gensequenzierung des Virus wurden eingerichtet und stehen allen Forschenden offen. Öffentlich zugängliche Plattformen werden mit Preprints geflutet, in denen vorläufige Forschungserkenntnisse ausgetauscht und diskutiert werden.

Weil ihre Hörsäle geschlossen sind, stellen viele Hochschulen ihren Lehrbetrieb nun auf virtuelle Formate um. Viele müssen zwar feststellen, dass ihre Lehrenden weder didaktisch noch technisch darauf vorbereitet sind und die oft selbst gestrickte Infrastruktur dafür nur wenig taugt. Aber die Krise macht erfinderisch, geht mit einer hohen Lernkurve einher und zeigt, dass es anders geht.

Zur Person

Volker Meyer-Guckel (Foto: Damian Gorczany)
Volker Meyer-Guckel (Foto: Damian Gorczany)

Volker Meyer-Guckel ist seit 2005 stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes. Er ist unter anderem Mitglied im Global Learning Council, geschäftsführender Vorstand der Stiftung Bildung und Gesellschaft, Mitglied im Vorstand der Hermann und Lilly Schilling-Stiftung, Vorsitzender des Stiftungsrates der Leuphana Universität Lüneburg und Mitglied im Stiftungsrat der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder).

Und auch das macht Hoffnung: Tagtäglich treten Forschende in öffentlichen Foren und sozialen Medien auf, geben schnelle Updates, diskutieren Risikoeinschätzungen, informieren über Fortschritte und Grenzen der Forschung und mehren ihre eigenen Erkenntnisse durch das Wissen und die Datenerhebungen von Regionen, öffentlicher Verwaltung und Bürgern.

Es gibt noch viele Stolpersteine auf dem Weg zu einer nachhaltigen Kultur offener Wissenschaft. Das Momentum, das unser Umgang mit dem Coronavirus ausgelöst hat, sollte jetzt aber genutzt werden, um aus einer Krise heraus einen dauerhaften Kulturwandel zu erzeugen – für die Wissenschaft und die Gesellschaft.
Volker Meyer-Guckel (Foto: David Ausserhofer)

Volker Meyer-Guckel

stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes

Kurzum: Im Zuge der Viruskrise nutzt die Wissenschaft alle Potenziale einer neuen, digitalen Offenheit – bekannt unter den Schlagworten open access, open data sharing, citizen science oder open educational resources. Bislang wurden die Vorteile bloß in kleinen Zirkeln umschrieben, nun können alle sie erleben.

So aufregend diese Entwicklung ist: Ob daraus eine nachhaltige und resiliente neue Wissenschaftskultur erwächst, wird sich erst dann entscheiden, wenn man die systemischen Herausforderungen angeht, die damit verknüpft sind. Frei zugängliche vorläufige Forschungsdaten, die in den sozialen Medien schnell von dieser oder jener Blasencommunity missbraucht werden können, erfordern eine verantwortungsvolle Kommunikation. Ein freier Zugang zu Publikationen braucht neue Erlösmodelle für Verlage und Plattformbetreiber. Wenn man Forschungsdaten gemeinsam nutzen will, benötigt man Standards und neue Vorschriften im Urheberrecht. Eine verstärkte Beteiligung von Bürgern an Forschungsprojekten, insbesondere durch Zulieferung persönlicher Daten, kann nur blühen, wenn die Datenschutzbestimmungen Persönlichkeitsschutz und Forschungskompatibilität in Einklang bringen. Und Offenheit muss belohnt werden: Wer seine Daten teilt und Lehre für alle entwickelt, muss davon auch im Karriere- und Reputationssystem der Wissenschaft profitieren. 

Grafik: Stifterverband
Grafik: Stifterverband

Mit den großen Transformationsprozessen in Bildung, Wissenschaft und Innovation befasst sich der Stifterverband seit vielen Jahren. Angesichts der aktuellen Coronavirus-Pandemie erscheinen fundamentale Veränderungen noch dringlicher als jemals zuvor – die Digitalisierung aller Lebensbereiche, die Kollaboration in offenen Innovationsprozessen und ein neues Miteinander von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft, weil die großen Herausforderungen unserer Zeit nur gemeinsam bewältigt werden können. Daran arbeitet der Stifterverband jetzt intensiver denn je, mit Beratungsangeboten und Initiativen.

Mehr Info

Wenn online gestützte Lehre mit Modulen stattfindet, die andere erstellt haben, braucht man neue Regeln: andere Lehrdeputate, ganz neue Stellenprofile. Bislang gibt es Professoren und Wissenschaftliche Mitarbeiter, warum soll es künftig nicht auch Lehrkuratoren, Online-Coaches oder sogenannte Instructional Designer geben, die Lehrformate entwickeln? All das braucht neue digitale Infrastrukturen, Zeit und Geld.

Diese Beispiele machen deutlich: Es gibt noch viele Stolpersteine auf dem Weg zu einer nachhaltigen Kultur offener Wissenschaft. Das Momentum, das unser Umgang mit dem Coronavirus ausgelöst hat, sollte jetzt aber genutzt werden, um aus einer Krise heraus einen dauerhaften Kulturwandel zu erzeugen – für die Wissenschaft und die Gesellschaft.

Dieser Artikel erschien zuerst am 18. März 2020 in der Wochenzeitung DIE ZEIT und wurde für die Veröffentlichung auf MERTON leicht aktualisiert. 

Kommentare anzeigen