Wissenschaftspolitik: Navigator für die Zukunft?

Die Wissenschaftspolitik hat im zurückliegenden Wahlkampf keine Rolle gespielt. Dies ist nicht ungewöhnlich. Dabei bietet die kommende Legislaturperiode alle Voraussetzungen dafür, Wissenschaft zum Motor für viele gesellschaftliche Veränderungsprozesse im Land zu machen, meint unser Kolumnist Uwe Schneidewind.

Dass Wissenschaftspolitik kein Wahlkampfschlager ist, ist nicht neu. Das war auch bei vorangegangenen Bundestagswahlen so. In wichtigen Schlüsselthemen wie Hochschulpakt und Exzellenzinitiative besteht weitgehende Einigkeit. Auf Länderebene wie in Baden-Württemberg und Niedersachsen sind die grünen Amtsinhaberinnen bei Wissenschaft und Hochschulen genauso beliebt wie ihre christdemokratischen Vorgänger. Weil man sich mit Wissenschaft kaum noch politisch profilieren kann, ist Nordrhein-Westfalen als größtes Wissenschaftsland sogar so weit gegangen, das Wissenschaftsministerium in ein Ministerium für Kultur und Wissenschaft umzubenennen und mit einer profilierten Kulturpolitikerin an der Spitze zu besetzen.

Wissenschaft wird mehr gebraucht denn je

Das politische Schattendasein der Wissenschaft steht dabei in einem eklatanten Widerspruch zu den Potenzialen, die Wissenschaft in der aktiven Begleitung der gesellschaftlichen Umbruchsthemen in diesem Land hat.

Die künftige gesellschaftliche Kohäsion ist insbesondere von den Bildungschancen künftiger Generationen abhängig. Ob und inwiefern es gelingt, auch bisher bildungsferne Milieus an Hochschulen heranzuführen, ist dabei ein zentraler Baustein. Diese Herausforderung beginnt schon im vorschulischen Bereich und setzt sich über die Schule bis in die Hochschule fort. Studienzugang, Abbau finanzieller Eintrittsbarrieren durch die Weiterentwicklung des BAföGs, aber insbesondere Hochschulen, die der Lehre mindestens den gleichen Stellenwert wie der Forschung geben, sind hier von zentraler Bedeutung.

Gleichzeitig steckt das Land in gewaltigen Transformationsprozessen. Energiewende, kulturelle Wende, die Zukunft der Städte und der ländlichen Räume: In all diesen Bereichen wird es in den nächsten zehn Jahren dramatische Veränderungen geben. Diese lösen in Politik und Gesellschaft oft Überforderung und Widerstände aus. Die Gestaltung dieser Wenden in ihrer technologischen, ökonomischen, aber eben auch ihrer sozialen und kulturellen Dimension ist eine der großen Herausforderungen für die kommende Legislaturperiode (vgl. exemplarisch für die Mobilitätswende).

Wissenschaft kann und muss hier in ihrer interdisziplinären Vielfalt mehr als nur Beobachter sein: Sie muss Möglichkeitsräume aufzeigen, Experimente initiieren und begleiten sowie Plattformen für die herausfordernden gesellschaftlichen Debatten schaffen. 

Wissenschaft kann und muss hier mehr als nur Beobachter sein: Sie muss Möglichkeitsräume aufzeigen, Experimente initiieren und begleiten sowie Plattformen für gesellschaftliche Debatten schaffen.
Uwe Schneidewind
Uwe Schneidewind (Foto: Bussenius & Reinicke)

Uwe Schneidewind

Chance Exzellenzstrategie

Für diese Aufgabe ist das deutsche Wissenschaftssystem aktuell eigentlich hervorragend aufgestellt. Dies zeigt ein Blick auf die Ende September für die nächste Runde der Exzellenzstrategie ausgewählten Exzellenzcluster. Während in der Diskussion oft nur die Frage der Standorte und der möglichen künftigen „Eliteunis“ zählte, macht das Themenspektrum Mut, das im deutschen Wissenschaftssystem auf höchstem Niveau bearbeitet wird: Neben vielen medizinischen Fragen geht es um die technologischen Herausforderungen der Zukunft wie das Internet der Produktion oder die Kraftstoffe der Zukunft (Aachen), die künftige Energiespeicherung (Karlsruhe), nachhaltige Luftfahrtsysteme (Braunschweig) oder die Chancen der Robotik für eine nachhaltige Landwirtschaft (Bonn). Neben dem Klimawandel und seiner gesellschaftlichen Dynamik (Universität Hamburg) werden viele weitere gesellschaftliche und kulturelle Herausforderungen in den potenziellen Clustern behandelt: die politische Dimension von Ungleichheit (Konstanz) genauso wie die Dynamiken von Religion und Politik (Münster) oder ein differenzierter Blick auf die Entwicklung Afrikas (Bayreuth).

Potenziale jetzt mobilisieren

Haushaltshelfer der Zukunft (Foto: Deutscher Zukunftspreis/Ansgar Pudenz)
Die Chancen der Robotik werden im Rahmen der Exzellenzstrategie erforscht.

Diese akademische Kraft gilt es nun, für die gesellschaftliche Debatte auf die Straße zu bringen. Dies stellt Anforderungen an die künftigen Universitäten im Rahmen der Exzellenzstrategie, es birgt aber gerade auch Chancen für die Universitäten, die in der Exzellenzstrategie nicht zum Zuge kommen: Ihre herausragende Forschung und Lehre mit konkreten Transformationsherausforderungen zu verbinden, eröffnet ein Feld ganz neuer und spezifischer Exzellenz (vgl. dazu die Kolumne „Radikaler Perspektivenwechsel“).

Was bedeutet das für die Wissenschaftspolitik der kommenden Legislaturperiode?

  • Es gilt, die Anreize weiter zu erhöhen, dass sich Wissenschaft stärker in die relevanten gesellschaftlichen Veränderungsprozesse einbringt und sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht. Insbesondere bei den im Nachgang zu den Clusterentscheidungen entstehenden Zukunftskonzepten der Exzellenzuniversitäten sollte auf diese gesellschaftliche Brücke geachtet werden.
  • Der Wettbewerb „Innovative Hochschule“, der sich gerade an die anderen Hochschulen zur Profilierung wendet, muss in seiner nächsten Runde mit mehr Wertschätzung angegangen werden und seine Aschenputtelfunktion verlieren. Vor allem für die nicht in der Exzellenzinitiative berücksichtigten Universitäten liegt hier ein besonderes Potenzial zur Differenzierung im Wissenschaftssystem.
  • Ein künftiges Forschungsministerium sollte noch konsequenter die Kooperation mit anderen Fachministerien suchen und auf diese Weise zum wirklichen Zukunftsministerium werden, das die großen Transformationsprozesse aktiv mitgestaltet.

Transformative Wissenschaft

Uwe Schneidewind (Illustration: Irene Sackmann)

Uwe Schneidewind treibt die Vision einer sozial- und ökologisch gerechten Welt im 21. Jahrhundert um. Und er ist der festen Überzeugung, dass die Art und Weise, wie wir Wissenschaft betreiben, einen zentralen Einfluss auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse hat. Deswegen streitet er für eine „transformative Wissenschaft“ und erregt damit viele Gemüter im Wissenschaftssystem. Folgerichtig heißt diese Kolumne Transformative Wissenschaft.
Als Präsident des Wuppertal Institutes für Klima, Umwelt, Energie leitet er einen der führenden Thinktanks für Nachhaltigkeitsforschung in Deutschland. Das Wissenschaftssystem und die Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft kennt er aus unterschiedlichen Perspektiven: als ehemaliger Präsident der Universität Oldenburg, als Berater der Bundesregierung im Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) oder als Mitglied im Präsidium des Evangelischen Kirchentages sowie dem Wissenschaftlichen Beirat des Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschlands (BUND). 
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