Gert G. Wagner (Foto: David Ausserhofer)

„Man hat mich für verrückt erklärt“

Zusammen freimachen: Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Gert G. Wagner erklärt, warum wir in der neuen Arbeitswelt mehr Feiertage brauchen – und wie sich das ohne große wirtschaftliche Einbußen realisieren lässt.

Herr Wagner, Sie haben jüngst den Vorschlag gemacht, einen Teil der Urlaubstage von Beschäftigten in Feiertage umzuwandeln. Was steckt dahinter?
Auf die Idee bin ich in einem Interview mit einer Journalistin gekommen. Ich wurde gefragt, ob es nicht wieder an der Zeit sei, Arbeitszeitverkürzungen einzuführen. Mit dieser Frage habe ich heutzutage nicht gerechnet – und spontan geantwortet, dass es die Freizeitbedingungen der Arbeitnehmer nicht wesentlich verbessern würde, wenn sie eine Stunde in der Woche weniger arbeiteten. Dass sie aber vielleicht sehr davon profitieren würden, wenn wir systematisch mehr gemeinsame Freizeit schafften – und dadurch den Zusammenhalt der Gesellschaft förderten.

Wie haben Sie sich das vorgestellt?
Die spontane Idee war:  Von den sechs Wochen Jahresurlaub, die ein Durchschnittsarbeitnehmer hat, könnte eine Woche abgezweigt und in fünf neue gesetzliche Feiertage umgewandelt werden.

Warum brauchen wir mehr Feiertage?
Viele Studien und auch meine eigenen Erfahrungen deuten darauf hin, dass in der neuen Arbeitswelt eine Entschleunigung angeraten ist. Durch die Digitalisierung, insbesondere E-Mails, Handys und soziale Netzwerke, sind wir ständig abrufbereit, auch in der Freizeit, die ja eigentlich freie Zeit sein und der Erholung dienen soll. Es ist an der Zeit, dass die Gesellschaft darüber diskutiert, wie sie Freizeit definiert und leben will – und diese Debatte lässt sich sehr gut mit der über neue Feiertage verbinden. Doch solche Prozesse kann man nicht verordnen, sie müssen sich aus einem gesellschaftlichen Bedarf heraus entwickeln.

Weiß man denn, ob Feiertage überhaupt gemeinsam verbracht werden?
Sicher werden sie nicht von allen gemeinsam verbracht und wahrscheinlich zunehmend seltener, wie auch die Sonntage.  Aber immerhin: Feiertage schaffen das Potenzial, dass man zusammenkommen kann. Über die Ostertage besucht man vielleicht die Eltern, Pfingsten verbringt man mit Freunden. An Werktagen sind solche Zusammenkünfte ja wegen der unterschiedlichen Arbeitszeiten immer seltener möglich. 

Die 52 Wochenenden im Jahr reichen dazu nicht aus?
Wenn es gelänge, dass das Wochenende tatsächlich wieder für fast alle frei wäre und Arbeitnehmer an diesen Tagen die Möglichkeit hätten, Zeit miteinander zu verbringen, würden sie reichen. Aber die Realität sieht anders aus. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Zahl derer, die auch an Samstagen und Sonntagen arbeiten müssen, enorm erhöht. Das Rad der Wochenendarbeit wieder zurückzudrehen, halte ich aber für sehr schwierig. Es wäre sicher einfacher, systematisch neue freie Tage für gemeinsame Freizeit zu schaffen.

Gert Georg Wagner

Gert G. Wagner (Foto: David Ausserhofer)

Gert Georg Wagner ist Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. Er war 2011 bis 2018 Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), heute ist er dort Senior Research Fellow. Den Schwerpunkt seiner Forschung übt er als Fellow am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung aus. Außerdem ist er Research Associate des Alexander von Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft (HIIG) in Berlin.

Weniger Urlaub heißt für Arbeitnehmer auch, dass sie nur seltener und kürzer verreisen können.
Ausgedehnte Urlaube oder Fernreisen, das können sich viele Arbeitnehmer sowieso nicht leisten. Ganz davon abgesehen, dass der Erholungseffekt solcher Reisen häufig schnell verfliegt. Wir wissen aber, dass es dauerhaft zufrieden macht, wenn man sich um seine Familie und Freunde kümmert oder ein Ehrenamt ausübt – und das können Feiertage fördern.

In Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und voraussichtlich auch in Niedersachsen wird in diesem Jahr der Reformationstag als gesetzlicher Feiertag eingeführt. Im Vorfeld gab es viele Widerstände dagegen. Ihre Idee könnte ohne viel Gegenwind umgesetzt werden?   
Der Reformationstag, der 31. Oktober, fällt in jedem Jahr auf einen anderen Wochentag – und damit immer wieder auch auf Werktage. Für Unternehmen bedeuten Feiertage, die auf Werktage fallen, dass das Arbeitsvolumen sinkt. Und das verursacht Kosten. Mein Vorschlag hingegen beruht darauf, dass man die Feiertage quasi kostenlos einführen könnte, indem Arbeitnehmer einige ihrer Urlaubstage gegen gemeinsame Feiertage tauschen.  

Wir wissen, dass es dauerhaft zufrieden macht, wenn man sich um seine Familie und Freunde kümmert oder ein Ehrenamt ausübt – und das können Feiertage fördern.
Gert G. Wagner (Foto: David Ausserhofer)

Gert G. Wagner

Wären bei Werktagsfeiertagen die Verluste für Unternehmen denn tatsächlich so hoch? Schließlich haben viele südliche Bundesländer schon jetzt wesentlich mehr Feiertage als die nördlichen.
Tatsächlich hat Bayern mit 13 Tagen die meisten gesetzlich vorgeschriebenen Feiertage, und dem Land geht es wirtschaftlich sehr gut. Berlin dagegen oder Bremen haben nur neun Feiertage und stehen ökonomisch weit schlechter da. Auch im Ausland sieht man das wesentlich lockerer. In Spanien, Irland und Großbritannien etwa ist der Montag frei, wenn ein Feiertag auf einen Sonntag fällt.

Gert G. Wagner (Foto: David Ausserhofer)
Gert G. Wagner möchte Urlaubsanspruch in Feiertage umwandeln

Kann man gemeinsam verordnete Feiertage nicht mit Betriebsferien vergleichen? Würden Unternehmen davon nicht sogar profitieren? 
Bei einzelnen gemeinsamen freien Tagen würden die Betriebe nicht sehr viel sparen. Unternehmen, die im 24/7-Rhythmus produzieren, müssten Feiertagsschichten fahren, weil es zu teuer wäre, die Produktion abzuschalten. Für sie könnte die Idee unterm Strich dann doch sogar etwas teurer werden. Aber das wären minimale Effekte.

Wie lässt sich Ihre Idee umsetzen?
Der erste Schritt ist der wohl schwierigste: den gesellschaftlichen Diskussionsprozess zu initiieren,  darüber, wie wir unsere Freizeit gestalten wollen, darüber, ob Feiertage eine Möglichkeit sind, das soziale Miteinander zu stärken – und ob Arbeitnehmer bereit sind, dafür einige Urlaubstage zu investieren. Dann muss sich eine gesellschaftliche Mehrheit für die Idee finden und die Landesgesetzgeber müssen Handlungsbedarf sehen, denn sie sind zuständig für die Einführung neuer Feiertage. Es wäre ihr Job, sich mit Arbeitgebern und Gewerkschaften zusammenzusetzen und zu vereinbaren, wie viel weniger Tarifurlaub es geben soll und ob sie den Frauentag, den Tag des Grundgesetzes, muslimische Feiertage oder welche Tage auch immer als neue freie Tage für ihr Bundesland auswählen.

Arbeitnehmer, die von Ihrem Vorschlag in der Zeitung gelesen haben, waren nicht begeistert davon, auf Urlaub verzichten zu sollen.    
Ich habe E-Mails erhalten, in denen stand, dass ich verrückt sei, dass wir doch schon 52 Wochenenden haben oder dass sie sich nichts vorschreiben lassen und selbst über ihren Urlaub entscheiden. Aber das ist ja eines der Probleme unserer Gesellschaft, dass man sich nichts mehr vorschreiben lassen und nur nach den eigenen Vorstellungen leben will. Auch deshalb geht der soziale Zusammenhalt verloren.  

Arbeitgeber haben sich nicht bei Ihnen gemeldet?
Nein. Es gibt ja immer auch Wichtigeres als auf den ersten Blick spinnerte Ideen.

Es gibt also größere Probleme, deshalb befasst man sich nicht mit diesem Thema?  
Es gibt immer aktuellere Probleme. Doch vielleicht ist zu wenig gemeinsam verbrachte Zeit sogar eines der größten Probleme unserer Gesellschaft, ohne dass wir uns dessen bisher bewusst sind. 

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