Maria Friedrichowicz
Maria Friedrichowicz (Foto: David Ausserhofer)

Sei souverän und gib etwas zurück!

Die 25-jährige Maria Friedrichowicz aus Stuttgart hat mit ihrem Aufsatz "Sei souverän und gib etwas zurück!" den Essaywettbewerb zur Frage "Wie sieht Bildung im digitalen Zeitalter aus?" gewonnen. MERTON veröffentlicht ihren Siegertext.

Verändert sich ein Ideal eines so grundlegenden Teils unseres Lebens wie Bildung dadurch, dass wir ein paar Bildschirme haben, über die wir Informationen schneller verarbeiten und kommunizieren können? Wohl kaum. Allerdings bietet das digitale Zeitalter neue Möglichkeiten, die verändern, wie wir dieses Ideal erreichen können. Auf diesen neuen Wegen ergeben sich neue Hinweise. „Sei souverän!“ und „Gib etwas zurück!“ sind meiner Meinung nach die zwei wichtigsten unter diesen Hinweisen.

I. Ideale Bildung

Ideale sind Wegweiser, für die es zunächst einmal unerheblich ist, ob es einen gangbaren Weg für die Richtung gibt, in die sie zeigen. Es ist mir durchaus möglich, Ideale zu haben, von denen ich gleichzeitig glaube, dass ich sie nicht erreichen kann. Es ist mir möglich, aber es wäre nicht sehr klug. Wenn sich allerdings die Landschaft, die mich umgibt, stark verändert, so sollte ich untersuchen, ob nicht neue Wege freigelegt wurden, auf denen ich neuen Wegweisern folgen könnte. Ein Beispiel: Anfang des 15. Jahrhunderts hätte man durchaus das Ideal haben können, die deutsche Bevölkerung zu alphabetisieren. Aber erst durch die Vervollkommnung des Buchdrucks ist der Weg zu diesem Ideal hin deutlich gangbarer geworden. Neue Möglichkeiten erschaffen Ideale nicht, aber sie können sie freilegen. Ich möchte untersuchen, inwiefern dies auf das Bildungsideal und das Digitale zutrifft.

Mein Vorschlag für ein Bildungsideal lautet wie folgt: 

  • Jeder hat das Recht und die Möglichkeit, seine Umgebung so zu wählen und zu gestalten, dass sie für seine Bildung optimal ist. Eine Umgebung ist für die Bildung des Einzelnen optimal, wenn sie den Erwerb von Wissen und Fähigkeiten einerseits und das Finden und Einüben von Werten andererseits im Sinne des Einzelnen fördert. 
  • Jeder nutzt diese Möglichkeit. 

Unter Bildung verstehe ich sowohl die Aneignung von Wissen und Kompetenzen als auch die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Bildung äußert sich in einer Verbreiterung, was die Handlungsmöglichkeiten betrifft. Das übergeordnete Ziel der Persönlichkeitsentwicklung, als Finden und Einüben von Werten, ist Integrität, das heißt das Wahren der Werte unabhängig von irrelevanten Einflüssen der Umgebung. Darüber hinaus sehe ich drei Eigenschaften von Bildung hier als zentral:

  1. Bildung ist keine Einbahnstraße, sondern braucht Beziehung, auch im Sinne von Wechselseitigkeit. Ich bin davon überzeugt, dass die tiefgreifendsten und schönsten Bildungsprozesse in respektvollen und gesunden zwischenmenschlichen Beziehungen wachsen. 
  2. Bildung braucht Zeit. Unglaublich viel Zeit. Daher soll das „jeder“ im Bildungsideal auch wirklich jeden meinen, nicht nur die Jungen. Auch für die Älteren soll Bildung ein Recht sein und nicht nur die Pflicht zur Weiterbildung. 
  3. Bildung ist vor allem Privatsache, in dem Sinn, dass wir nur das wirklich lernen, was wir uns im vollsten Sinne zu eigen machen. Was wir alle tun können, ist, Umgebungen so zu gestalten, dass Persönlichkeitsentwicklung wahrscheinlicher wird. Persönlichkeiten entwickeln sich dort, wo sie im richtigen Maße herausgefordert werden und über diese Herausforderungen reflektieren dürfen. In diesem Sinne kann mich niemand bilden, aber ich kann in Umgebungen leben, in denen es mir leichter oder schwerer fällt, mich zu bilden. 

Wenn meine Bildung ideal verläuft, heißt es also, dass ich mich meines Rechtes bediene, meine Umgebung so zu gestalten, dass ich meine Fähigkeiten, mein Wissen und meine Persönlichkeit nach meinen Zielen entwickle. Es heißt, dass ich mich in einer Umgebung bewege, in der ich mich respektiert und geschätzt fühle, und in meinem Tempo Herausforderungen begegnen kann, ohne Angst vor dem Scheitern zu haben.

II. Das digitale Zeitalter

Wofür steht eigentlich „das Digitale“? Es scheint eine Art des Informationsaustausches zu sein. Egal, um welche Art von Information es sich handelt, keine unter ihnen ist erst durch das Digitale entstanden. Musik, Texte, Filme oder Spiele lagen schon in analoger Form vor. Das Programm ist vielleicht ein neues Medium, welches erst mit den Computern entstanden ist. Freilich hat das Digitale durch seine Eigenschaft, neben Programmen auch die anderen Medien inkorporieren zu können und in diesem Sinne multimedial zu sein, auch zur stärkeren Verbreitung dieser Medien beigetragen. Dies hat wiederum Konsequenzen für uns, die ich kurz skizzieren möchte.

Die Anordnung von Information
Durch das Digitale verdichtet sich die Information um uns herum. Wir erleben dies auf passive und auf aktive Weise. Passiv werden wir mehr informiert, was man so beschreiben könnte, dass wir mehr potenziell bedeutsamen Informationen begegnen als früher. Aktiv gesehen haben wir dadurch die Möglichkeit, auf kürzeren Wegen – sowohl räumlich als auch zeitlich – zu der Information zu gelangen, die wir suchen.

Aufmerksamkeit
Eine Information erlangt ihre Bedeutsamkeit erst, wenn wir ihr mit Aufmerksamkeit begegnen. Wir können Aufmerksamkeit auf einfache Weise als eine Art Scheinwerfer verstehen, der unsere Umwelt beleuchtet und dasjenige, was er beleuchtet, für uns zur Verarbeitung freigibt. Dieses Vermögen ist quantitativ begrenzt. Wenn sich die Dichte von für uns potenziell bedeutsamen Informationen um uns herum erhöht, entsteht in uns zunehmend der Eindruck, dass Aufmerksamkeit ein Gut ist, das knapp werden kann.

Ein neues Kollektiv
Das Digitale erhöht die Geschwindigkeit, in der wir kommunizieren können, enorm und sogar so weit, dass physische Entfernungen keine Rolle mehr spielen. Durch diese starke Beschleunigung ist es uns viel mehr als zuvor möglich, eine kollektive Identität aufzubauen. Shitstorms oder going viral sind nur die Phänomene, die diese Entwicklung am prägnantesten beschreiben. Dabei ist an dieser neuen Kollektivität per se nichts Schlechtes oder Gutes, sie ist in erster Linie: neu.

Zusammengefasst zeichnet sich das digitale Zeitalter also dadurch aus, dass sich die Information um uns herum verdichtet, dass sich der Druck erhöht, Aufmerksamkeit „richtig“ zu verteilen, und dass wir in unserer Kommunikation zusammenwachsen.

Der Essay-Wettbewerb

Peter Schildhauer
Peter Schildhauer (Foto: David Ausserhofer)

Der Stifterverband hat in Zusammenarbeit mit dem Hochschulforum Digitalisierung und der Initiative "Was bildet ihr uns ein?" junge Leute dazu aufgerufen, sich in einem Essay mit dem Bildungsbegriff in einer von digitalen Medien geprägten Gesellschaft auseinanderzusetzen. Unter der Leitfrage Wie sieht Bildung im digitalen Zeitalter aus? konnten Ideen, Anregungen zum und Auseinandersetzungen mit dem Bildungsbegriff in einer von digitalen Medien geprägten Gesellschaft eingereicht werden. 

Die drei Preisträger Maria Friedrichowicz, Peter Schildhauer (Foto) und Stefanie Hennig konnten sich gegen fast 100 Konkurrenten durchsetzen. Begeistert war die Jury von der Idee der Lehramtsstudentin und Gewinnerin Maria Friedrichowicz. Sie stellt die Souveränität, die jeder Einzelne im digitalen Zeitalter gewinnt, in den Mittelpunkt. Der zweitplatzierte Peter Schildhauer, 28 Jahre alt, faszinierte die Jury mit seinem Essay "Vom Fischer und seiner Frau 2.0. Wünsche zum Ideal der Bildung Digital" mit einer ganz eigenen Fassung von Grimms Märchen. Stefanie Hennig kam mit ihrem Aufsatz "Aus Informationen Haltung machen" auf den dritten Platz. Sie überzeugte mit ihrer pointierten Darstellung über die Möglichkeiten und Erfordernisse, die das Digitale für eine aufgeklärte Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts schafft.

III. Bildung und das Digitale

Zu welchen Schlüssen kann man kommen, wenn man die nun skizzierten Felder von Bildung und dem Digitalen zusammenbringt? Es wäre müßig, aufzeigen zu wollen, dass das Digitale zu einem Mehr oder Weniger von einem bestimmten Wert führt. Das Digitale allein, also eine neue Form der Informationsübertragung, kann diesen Effekt nicht erzielen. Allerdings gibt es einige Werte, auf die das Digitale einen größeren Einfluss hat, weil es Arten und Weisen, diese Werte zu leben, stark berührt. Meiner Meinung nach trifft dies zum Beispiel auf die Werte Mündigkeit, Partizipation oder Interkulturalität zu. Allerdings sehe ich durch das Digitale vor allem eine Chance und eine Gefahr auf uns zukommen. 

Der Essay zum Hören

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Die Chance
Wir dürfen uns mehr bilden.

Man sagt, meine Generation, die Generation Y, lege weniger Wert auf Karriere, Auto und Eigenheim und stattdessen mehr Wert auf Zeit für sich, Freunde, Familie und die persönliche Entwicklung. Wie passend, dass uns die neuen Medien die perfekten Tools dazu in die Hand geben. Danke! Die Verdichtung von Information und die zunehmende Akzeptanz des Sachverhalts, dass wir uns nur selbst bilden können, führen dazu, dass mehr offene Bildungsangebote jeglicher Form verfügbar sind.

Die Gefahr
Wir müssen uns mehr bilden. 

Was passiert, wenn Bildung das neue Auto wird? Wenn wir uns mit Weiterbildungszertifikaten auf unserem Profil schmücken, unsere Badges zur Schau stellen, uns gezwungen sehen, ständig Schritt zu halten mit einer sich optimierenden Gemeinschaft? Das Anti-Ideal heißt: Wissen und Fähigkeiten sind nur noch Ware. Hard Skills. Soft Skills. Erlebnisse werden mit Persönlichkeitsentwicklung gleichgesetzt. Fast-Food-Erlebnisse bestimmen unser Selbstbild. Aufmerksamkeit wird vom Geschenk zur Ware und das letzte Refugium der kreativen Muße wird quantifiziert, sorgt für Zeitstress. Wer unkonventionelle Bildungsziele verfolgt, muss sich rechtfertigen. Ich möchte mich selbst und alle, die diese Gefahr und diese Chance sehen, dazu ermutigen, die neuen Freiheiten neugierig auszuprobieren und sich so gut, wie es geht, gegen Lebenslauf- und Profiloptimierung zu wappnen. Aus dem, was ich als spezifische Eigenschaften des Digitalen sehe, und meinem Bildungsideal ergeben sich für mich außerdem zwei Hinweise auf dem Weg in eine selbst gestaltete Bildung, die ich - etwas unzeitgemäß - als Imperative formuliere.

Der passive Imperativ zeigt auf, wie wir Informationen empfangen sollten. Er fordert, dass wir unsere Aufmerksamkeit zwar nicht als Ware quantifizieren, aber als kostbares Gut achten und dass wir uns im neuen Kollektiv integer bewegen. Der aktive Imperativ zeigt auf, wie wir Informationen senden sollten. Er fordert, dass wir die Beziehungsdimension der Bildung voll und ganz auf positive Weise im neuen Kollektiv verwirklichen. Schließlich ermöglicht gemeinschaftliche, gegenseitige Bildung auch Unabhängigkeit von den Interessen größerer Machtgefüge. 

Der passive Imperativ: Sei souverän.
Spätestens jetzt musst du.

Erkenne, was alles möglich ist, und dann gehe nicht unter. Ermächtige dich deines Lernens, deiner Verbreiterung. Du musst auswählen, was für dich wichtig ist. Du musst den Rest links liegen lassen können. Du musst geduldig sein. Du musst dranbleiben. Entscheide dich. Du musst nicht alles selbst können. Finde deine Rolle, dann finde Mitstreiter. 

Der aktive Imperativ: Gib etwas zurück.
Du kannst - und das ist neu.

Bastler-Foren. Wikipedia. Styling-Tipps auf YouTube. Open Educational Resources. Couchsurfing. Erkenne, dass die Krone des Lernens darin besteht, etwas zurückzugeben. Umarme das neue Kollektiv wie eine Familie, mit geschätzten Geschwistern, schwarzen Schafen und unliebsamen Onkeln. Trage zur Großzügigkeit bei. Diese zwei Imperative nehme ich mir vor, wenn ich die neuen Wege meiner Bildung beschreite, die vom Digitalen offengelegt wurden. 

Maria Friedrichowicz im Gespräch

Stickige Hörsäle, graue Klassenzimmer: Unser Bild vom Lernen ist noch von den Paukanstalten des 19. Jahrhunderts geprägt. Doch Digitalisierung bringt frischen Wind in Schulen und Universitäten. Die Studentin Maria Friedrichowicz (25) ist Siegerin des Essaywettbewerbs des Stifterverbandes und macht sich Gedanken über die Revolution, die sich im Bildungssystem derzeit vollzieht.

"Sei souverän. Spätestens jetzt musst du."

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