PwC-Zentrale in Frankfurt/ M.
PwC-Zentrale in Frankfurt am Main. (Foto: David Ausserhofer)

Ökonomie neu denken 3.0

Kolumne,

Zum dritten Mal treffen sich am 16. Februar 2016 in Frankfurt/M. namhafte Ökonomen, Politiker und Medienvertreter zur Tagung "Ökonomie neu denken". Justus Haucap wirft in seiner Kolumne einen Blick auf Themen, Protagonisten und analysiert die unterschiedlichen Modelle der Makro- und Mikroökonomie.

Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise hat bei nicht wenigen Menschen das Vertrauen in die Regulierungskraft und die Vorzüge der Marktwirtschaft zumindest beeinträchtigt, wenn nicht gar erschüttert, und zwar weltweit. Auch in der Wirtschaftswissenschaft, insbesondere in der Volkswirtschaftslehre, hat sich eine lebhafte Diskussion über die Ausrichtung von Forschung und Lehre entwickelt, auch dies weltweit. In Deutschland fand diese Debatte ab 2009 im sogenannten Ökonomenstreit ihren besonderen Niederschlag, meine Sichtweise dazu habe ich damals bei Carta  und im ifo Schnelldienst dargelegt, eine umfangreiche Linksammlung findet sich im Blog Blick Log.Der Stifterverband hat, auch als Reaktion auf die Krise, welche von nicht wenigen Ökonomen auch als eine Legitimationskrise der Volkswirtschaftslehre empfunden wird, gemeinsam mit anderen die Tagung „Ökonomie neu denken“ initiiert. Die Tagung findet wieder am Dienstag, 16.2.2016, statt, (siehe Infokasten) zum dritten Mal nach 2012 und 2014. Sie kann am Dienstag live verfolgt werden. Diskutiert wird zum Beispiel, was neue ökonomische Ansätze für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft leisten können, ob das Pendel von einem übertriebenen Glauben an den Markt direkt zu einer unkritischen Akzeptanz staatlicher Eingriffe umschwingt und ob verhaltensökonomische Erkenntnisse eine tragfähige Grundlage für wirtschaftspolitische Handlungsempfehlungen sein können.

Den Auftakt macht mein Kollege Rüdiger Bachmann, einer der exponierten Protagonisten des oben erwähnten Ökonomenstreits, der die Volkswirtschaftslehre – im Großen und Ganzen – auf einem guten Weg sieht und auch die in der Makroökonomik typischerweise verwendeten Modelle verteidigt, auch gegen durchaus bekannte Kritiker wie Nobelpreisträger Robert Solow oder Noah Smith, einer der bekanntesten Blogger unter amerikanischen Ökonomie-Professoren. Eine oft geäußerte Kritik an makroökonomischen Modellen ist, dass noch immer von rationalen, ihren Nutzen maximierenden Individuen ausgegangen wird, die sich in ihrer Intelligenz bzw. ihrer Art der Erwartungsbildung – die nämlich rational sein soll – nicht unterscheiden. 

Veranstaltungsreihe "Ökonomie neu denken"

(Foto: David Ausserhofer)

Wachstumsschwache Industriestaaten, Disparitäten bei der Vermögens- und Einkommensentwicklung, die Folgen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise, aber auch der Klimawandel stellen die Wirtschaftswissenschaften vor große Herausforderungen. Neue Ideen setzen der vorherrschenden Lehre zu, der Glaube an die Regulierungskraft des Marktes schwindet. 

Diese Themen sind Gegenstand der dritten Konferenz "Ökonomie neu denken" am 16. Feburar 2016 in Frankfurt/M. Unter anderem diskutieren Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Georg Fahrenschon, sowie Spitzenökonomen wie Ann-Kristin Achleitner, Isabel Schnabel und Clemens Fuest.

Die Konferenz ist bereits die dritte nach 2012 und 2014 im Rahmen einer Veranstaltungsreihe, zu der der Stifterverband, das Handelsblatt Research Institute, PwC und die Bertelsmann Stiftung gemeinsam einladen. Die Konferenz kann im Livestream verfolgt werden

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Rogoffs Kritik ist falsch

Darin unterscheidet sich die moderne Makroökonomie, die sich mit den gesamtwirtschaftlichen Fragen wie Wachstum, Inflation, etc. beschäftigt, von der Mikroökonomie, die sich stärker für das Geschehen auf Einzelmärkten (wie dem Energiemarkt oder der Medienbranche) interessiert. Die gesamte moderne Mikroökonomie, und insbesondere mein Feld die Wettbewerbsökonomie, ist schon lange davon geprägt, dass Menschen unterschiedlich gut informiert sind und deswegen einige Individuen leicht ausgenutzt werden können und auch dass die Machtverteilung zwischen Individuen oder Unternehmen unterschiedlich ist. Auch die Beobachtung, dass staatliche Regeln durch mächtige Unternehmen und Verbände durch Lobbyismus beeinflusst werden (können), ist in der modernen politischen Ökonomie beileibe nichts Neues. Die manchmal – selbst von prominenten Makroökonomen wie Kenneth Rogoff - zu hörende Kritik, dass Informationsprobleme und auch politische und wirtschaftliche Macht in der modernen Ökonomie keine Rolle spielen würden, ist daher schlichtweg falsch. Dies mag zwar für manche makroökonomischen Modelle zutreffen, nicht aber für die Ökonomie insgesamt, für die Mikroökonomie schon gar nicht.

In der modernen Mikroökonomie dürfte das Modell des stets rationalen Homo Oeconomicus heute schon nicht mehr der Mainstream sein. Mainstream ist vielmehr inzwischen die Verhaltensökonomie, die Menschen nur eine begrenzte Rationalität unterstellt und davon ausgeht, dass zumindest ein Teil der Menschen immer wieder Fehler macht und kognitiven Verzerrungen unterliegt. Die Psychologie ist somit schon längst mitten in der Volkswirtschaftslehre angekommen. Vom stets rationalen, nutzenmaximierenden Individuum haben sich viele Mikroökonomen schon lange verabschiedet. Gerade Ökonomen aus dem deutschsprachigen Raum waren und sind hier federführend. Ernst Fehr, Reinhard Selten und Axel Ockenfels sind nur drei Namen aus einer ganzen Reihe von Verhaltensökonomen aus dem deutschsprachigen Raum. Auf Basis dieser Einsichten beschäftigen sich Ökonomen heute daher zum Beispiel mit der Frage, welche gesetzlichen Rahmenbedingungen auf welchem Markt gelten sollten, damit Wettbewerbsprozesse in solchen Bahnen verlaufen, dass Verbraucher davon profitieren und nicht durch Täuschen und Tricksen systematisch hereingelegt werden. 

Mikro- und Makroökönomie vereinen

Eine wichtige Aufgabe für uns Ökonomen ist nun jedoch auch, die modernen mikroökonomischen Modelle, in denen Macht, Informationsprobleme und begrenzte kognitive Fähigkeiten durchaus enthalten sind, wieder mit der Makroökonomie zu vereinen. Sicher kann auch eine stärkere Interdisziplinarität fruchtbar sein. Dringlicher und zugleich auch einfacher scheint mir jedoch wieder ein stärkerer innerdisziplinärer Austausch zwischen Mikro- und Makroökonomen, der vielleicht auch einer zunehmenden Spezialisierung zum Opfer gefallen ist. Eine Möglichkeit mögen etwa agentenbasierte Simulationsmodelle bieten, in denen unterschiedliche Subjekte unterschiedlichen, oft recht einfachen Routinen folgen. Wie diese Modelle jedoch zeigen, wird die Volkswirtschaftslehre dadurch beileibe nicht weniger mathematisch und auch Krisen sind keineswegs nicht unbedingt einfacher zu prognostizieren. 

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