Choreograf und Tänzer Detlef Soost hat den Bildungsaufstieg geschafft (Foto: David Ausserhofer)
Choreograf und Tänzer Detlef Soost hat den Bildungsaufstieg geschafft (Foto: David Ausserhofer)

Tanz dich frei!

Ob Heimkind oder zugewandertes Mädchen mit holprigem Deutsch: Für viele Kinder aus prekären Verhältnissen ist der Bildungsaufstieg steil und unübersichtlich. Dort hoch zu müssen – wie fühlt sich das an? Choreograf Detlef Soost und PR-Beraterin Natalya Nepomnyashcha erzählen davon. Ein Gespräch über berühmte Mentoren, haarsträubende Urteile und angstbefreiende Momente.

Herr Soost, Ihre Kindheit war wahrlich nicht leicht. Sie mussten ohne Vater aufwachsen. Ihre Mutter litt unter Depressionen, war alkohol- und tablettenabhängig und starb, als Sie 13 Jahre alt waren. Wer hat Ihnen damals Halt und Orientierung gegeben? Vielleicht Lehrkräfte in der Schule?

Detlef Soost:

Detlef Soost (Foto: Davod Ausserhofer)
Detlef Soost (Foto: Davod Ausserhofer)

Detlef Soosts leiblicher Vater bestritt die Vaterschaft vor Gericht. Seine unter Depressionen leidende Mutter starb, als er gerade einmal 13 Jahre alt war. Damit begann Detlef Soosts Leben in einem Kinderheim in Ost-Berlin. Er lernte Werkzeugmechaniker, in ihm meldete sich aber immer stärker eine Leidenschaft, die er schon als Kind entdeckt hatte: das Tanzen. Und diesem Ruf folgte er nach der Wende: Soost sammelte Bühnenerfahrung, arbeitete als Choreograf und Tänzer. Dann ergriff er 2000 die Chance, mit der TV-Castingshow „Popstars“ als Jurymitglied und Coach bekannt zu werden. Seitdem wirkt er immer wieder in Fernsehshows mit: als Talent- und Tanz-Coach, Trainings- und Ernährungsberater und Moderator. Seine Popularität brachte Detlef Soost auch Erfolg als Unternehmer ein. Er gründete das Tanzschulennetzwerk D!’s Dance Club. In Berlin führt er die Tanzschule D!’ Dance School. Detlef Soost erzählt in der Öffentlichkeit oft über sein eigenes Schicksal, um anderen Kindern und Jugendlichen Mut zu machen, an sich zu glauben und das Leben in die eigenen Hände zu nehmen.

Frau Nepomnyashcha, wie war das bei Ihnen? War das deutsche Schulsystem für Sie hilfreich und aufbauend? Sie sind als Kind von Kiew nach Bayern gezogen, ohne Deutschkenntnisse, mitten hinein in einen sozialen Brennpunkt.

Natalya Nepomnyashcha:

Natalya Nepomnyashcha (Foto: David Ausserhofer)
Natalya Nepomnyashcha (Foto: David Ausserhofer)

Natalya Nepomnyashcha kam mit elf Jahren als Einserschülerin mit ihren Eltern von Kiew nach Deutschland. Fortan kämpfte sie mit der Sprachbarriere und fühlte sich von den deutschen Lehrkräften in ihrem wirklichen Können weit unterschätzt. Realschule, ein Pflichtaufbaujahr hin zum Gymnasium und noch drei Jahre oben drauf bis zum Abitur? Das fand die junge Natalya Nepomnyashcha dann doch zu viel des Guten. Nach dem mittleren Schulabschluss konzentrierte sie sich stattdessen auf zwei Ausbildungen und studierte anschließend in Großbritannien Internationale Beziehungen. So hatte sie mit 22 Jahren ihren Masterabschluss in der Tasche. Wäre sie den ihr in Deutschland angebotenen Weg gegangen, hätte sie mit 21 Jahren gerade einmal ihr Abitur gehabt.
Heute arbeitet Natalya Nepomnyashcha als PR-Beraterin bei einer Berliner Agentur. Weil sie weiß, wie wichtig gerade außerschulische Bildungsangebote für Bildungsaufsteiger sind, gründete sie 2016 nebenberuflich die gemeinnützige und überparteiliche Plattform „Netzwerk Chancen“. Nepomnyashchas und ihr Team setzen sich für nachhaltige Lösungen ein, die helfen, dass alle Kinder in Deutschland gleiche Bildungs- und Aufstiegschancen haben.

Herr Soost, Sie sind heute ein erfolgreicher Unternehmer, Choreograf, Tänzer, Coach und Moderator – allen Widerständen zum Trotz. Wenn Sie zurückschauen: Was hat im Schulunterricht gefehlt?

Detlef Soost:

Vermutlich waren diese Entscheidungen für Sie nicht ganz so leicht. Mussten Sie sich nach oben kämpfen?

Detlef Soost:

Du brauchst eine Idee. Wenn du keine Idee, keine Vision, kein Ziel hast, brauchst du dich nicht wundern, wenn du nirgendwo ankommst oder wenn du irgendwo landest, wo du gar nicht hin wolltest.
Detlef Soost (Foto: Davod Ausserhofer)
Detlef Soost (Foto: Davod Ausserhofer)

Detlef Soost

Frau Nepomnyashcha, Sie sind selbstbewusst Ihren Weg gegangen. Wie sehen Sie im Rückblick Ihre damalige Situation? Hätte es auch anders kommen können? Wie wichtig waren außerschulische Angebote?

Natalya Nepomnyashcha:

Außerschulische Bildung gilt als Schlüssel für den Aufstieg sozial benachteiligter Kinder. Diese Angebote fristen aber in bildungspolitischen Diskussionen ein Schattendasein. Die von Ihnen gegründete Plattform „Netzwerk Chancen“ steuert hier gegen. Wollen Sie anderen ersparen, was Sie schmerzhaft erleben mussten?

Natalya Nepomnyashcha:

Sie haben sich nie entmutigen lassen. Wer oder was konnte Ihre Selbstzweifel hinwegfegen?

Natalya Nepomnyashcha:

Ich habe mich sehr lange als Mensch zweiter Klasse gefühlt. Wenn einem ganz oft eingeredet wird, dass man es nicht kann, dass man nicht gut genug ist, dann geht das irgendwie in das eigene Selbstverständnis über.
Natalya Nepomnyashcha (Foto: David Ausserhofer)
Natalya Nepomnyashcha (Foto: David Ausserhofer)

Natalya Nepomnyashcha

Herr Soost, was sollten sich junge Menschen vornehmen, die noch keinen Plan fürs berufliche Leben haben? Was hat Ihnen geholfen?

Detlef Soost:

Frau Nepomnyashcha, Ihr neues Projekt „Netzwerk Chancen. Aufsteiger“ setzt an dieser Stelle an. Für wen ist es geeignet und was bieten Sie an?  

Natalya Nepomnyashcha:

Das Gespräch entstand am Rande der Veranstaltung "Bildung ist mehr als Schule". Sie wurde von der Stiftung Bildung und Gesellschaft organisiert. 

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