Peter Eisenberg
Peter Eisenberg (Illustration: Irene Sackmann)

Das generische Maskulinum

Kolumne,

Der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg appelliert an den gesunden Sprachenverstand: Begreift endlich, ruft er uns zu, dass das grammatische Geschlecht nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun hat. Eine Kolumne.

Dealer, Gefährder, Terrorist, Kriegsverbrecher, Salafist, Dschihadist, IS-Anhänger, Straftäter, Intensivtäter und Einbrecher sind Wörter, die überall verwendet werden, in der taz wie in der FAZ, im „Spiegel“ wie in der „Zeit“. Niemand möchte mit solchen Wörtern behaupten, dass Frauen keine Drogen vertreiben, nicht in Wohnungen einbrechen oder keine Straftaten begehen. Es handelt sich um Substantive im Maskulinum, die wir zur Bezeichnung von Personengruppen unabhängig vom natürlichen Geschlecht verwenden. Man spricht vom generischen Maskulinum, eben weil sie sich auf ganze Gruppen von Personen ohne Geschlechtsdifferenzierung beziehen können. Dass es sich so verhält, wird unübersehbar etwa an Bezeichnungen für Werkzeuge wie Öffner, Bohrer, Summer, die demselben Bildungstyp angehören.

Ihre Sexusneutralität erschließt sich weiter aus dem Bau solcher Wörter. Dem Verbstamm deal folgt das Suffix -er zur Bildung von Substantiven mit der Bedeutung „Träger der vom Verb bezeichneten Handlung“. Dieses Suffix gehört im Gegenwartsdeutschen zu den produktivsten überhaupt und geht unter anderem dem Suffix -in bei Bezeichnungen für Personen weiblichen Geschlechts voraus (Lehrerin, Denkerin, Dealerin). Ein zusätzliches Suffix führt immer zu einer spezielleren Bedeutung, hier von einer sexusneutralen zu einer sexusspezifischen Personengruppe.

Schon seit Beginn der feministischen Linguistik in den 1980er-Jahren hat man mit der Sexusneutralität der generischen Maskulina gehadert: Lehrer, Denker, Dealer seien keineswegs geschlechtsneutral, vielmehr dienten sie der Bezeichnung von Personen männlichen Geschlechts. Das Maskulinum wurde regelrecht zu „männlich“ sexualisiert. Ein Wort wie Lehrer hätte die Bedeutung „handelnde Person und männlich“, ein Wort wie Lehrerin hätte die Bedeutung „handelnde Person und weiblich“. Das Suffix -in würde das Merkmal „männlich“ gegen das Merkmal „weiblich“ austauschen. Durch das zweite Suffix entstünde keine speziellere Bedeutung, sondern lediglich ein Wechsel vom Merkmal männlich zum Merkmal weiblich. Ein solcher Prozess ist wortstrukturell prinzipiell ausgeschlossen. Es gibt ihn nicht und es kann ihn nicht geben.

Richtende, Laufende, Trinkende

Trotzdem wurde der Kampf gegen das generische Maskulinum zum sprachlichen Hauptanliegen der Genderbewegung. Das beginnt mit der Rede von männlichen Wörtern statt von Maskulina und bedient sich der Formulierung, Frauen seien im generischen Maskulinum allenfalls „mitgemeint“. Nein, Frauen sind nicht mitgemeint, sondern als Gruppe gar nicht gemeint, ebenso wie Männer gar nicht gemeint sind. Wer das generische Maskulinum verwendet, ist vom Bezug auf ein natürliches Geschlecht befreit, er formuliert allgemeiner. Sprachen sind so gebaut, dass sie wohl bestimmte grammatische Formen fordern, nie aber bestimmte Bedeutungsmerkmale erzwingen.

So findet sich im Aussagesatz stets eine Tempusform des Verbs, aber der Satz muss niemals einen bestimmten Zeitbezug haben. Unser Präsens bedeutet nicht lediglich „Gegenwart“, sondern es kann in Sätzen wie Zwei mal drei ist sechs; Wale sind Säugetiere oder Morgen besucht er sie ganz andere oder gar keine Zeitbezüge haben. Analog zum generischen Maskulinum lässt sich von einem generischen Präsens sprechen, und wenn man genauer hinsieht, zeigt sich auch ein generischer Singular beim Substantiv (in Der Löwe ist ein Raubtier liegt keine Einzahl vor) und es zeigen sich zahlreiche weitere derartige Generika. Sie sitzen tief in der Grammatik und sind für eine semantisch freie Kommunikation von hoher Bedeutung. 

Das generische Maskulinum zeigt seine Wirkung und Bedeutung in vielen weiteren Bereichen, namentlich bei Pronomina. Mit Wer war das? fragt man nach einer Person unabhängig vom natürlichen Geschlecht, aber die Form ist maskulin. Man erkennt das an Sätzen wie Wer das tut, den (*die) haun wir auf den Hut. Die feminine Form die ist ausgeschlossen. Ebenso bei jemand. Berühmt wurden Sätze wie: Kann jemand etwas von seiner (!) Schwangerschaft erzählen? Wieder ist die feminine Form (ihrer) nicht möglich. 

Der Kampf gegen das generische Maskulinum hat viele Seiten: Bildungen mit -er werden ersetzt durch Partizipien, statt Richtern, Läufern und Trinkern sollen wir uns mit Richtenden, Laufenden und Trinkenden begnügen, die etwas ganz anderes meinen. Auch das Suffix -ling wird stigmatisiert, aus Flüchtlingen werden Geflüchtete. Statt der Computer soll es nach radikaleren Vertretern des Genderns heißen: die Computa

Spracharbeit

Peter Eisenberg
Peter Eisenberg (Illustration: Irene Sackmann)

Glossen oder Kolumnen zur Sprache gibt es in deutschen Zeitungen oder Magazinen zuhauf. Brauchen wir also noch eine? Es kommt darauf an. Denn in Peter Eisenbergs Sprachkolumne wollen wir ein paar Dinge nicht tun: Wir wollen Sprachkritik nicht als soziale Distinktion betreiben und vor allem wollen wir nicht so tun, als wüssten wir eh alles besser. Wir wollen auch nicht die Gefahr des Sprachverfalls verkünden, der unvermeidlich sei, wenn sich nicht schnell etwas ändere. Dem Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg geht es weniger um die eigene Behauptung im Diskurs, sondern eher um die Sprache selbst. Bevor gewertet wird, geht es erst einmal um das, was man heute über diese Gegenstände weiß. In diesem Sinn geht es um Tatsachen. Und wo immer bei der Kürze der Texte möglich, wird auch mitgeteilt, woher man diese Tatsachen kennt.

In diesem Sinn möchte die Eisenberg-Kolumne zur Aufklärung über den Zustand des Deutschen beitragen. Im Großen und Ganzen wird sich zeigen, dass diese Sprache sich in hervorragender Verfassung befindet. Was nicht heißt, dass es nichts an ihrem Gebrauch zu kritisieren gäbe. Es kann in dieser Kolumne um aktuelle Anlässe gehen und – als besonderer Glücksfall – kann auch einmal ein Thema zur Sprache kommen, das MERTON-Lesern auf den Nägeln brennt. Immer bitten wir die Leserschaft um etwas Geduld. Die Sprache ist nun einmal kein ganz einfaches Gebilde, erschließt sich aber doch viel eher, als die verbreitete Furcht vor ein wenig Grammatik erwarten lässt. Und dann geht von ihr eine Faszination aus, die ihresgleichen sucht.

Alle Kolumnen von Peter Eisenberg.

Einen Höhepunkt dieses Kampfes haben wir mit dem Vorgehen der Sparkassenkundin Marlies Krämer erlebt, die nicht nur als Kundin angesprochen, sondern gar nicht mehr mit dem Wort „Kunde“ in Berührung kommen wollte. Der BGH hat die Klage am 13. März 2018 eingedenk der Bedeutung des generischen Maskulinums für das Deutsche abgewiesen. Es steht ja auch keinem Gericht zu, an der Abschaffung einer etablierten grammatischen Erscheinung mitzuwirken.

Wir brauchen das generische Maskulinum im Deutschen und verwenden es auch spontan, ohne viel davon zu merken. Es gehört zum Sprachwissen, wo es um die Ausdruckskraft unserer Sprache geht.

Peter Eisenberg

Wir brauchen das generische Maskulinum im Deutschen und verwenden es auch spontan, ohne viel davon zu merken. Es gehört zum Sprachwissen, wo es um die Ausdruckskraft unserer Sprache geht. Fast jede Zeitungsseite (auch der taz) enthält ein Dutzend oder mehr solcher Wörter. Zur Illustration nur ein paar wenige Beispiele. In einer Zeitungsglosse liest man etwa: Bisher galten Sandra Maischberger und Jörg Schönenborn als unbescholtene Journalisten. Die begnadete Pianistin Anastassiya Dranchuk sagte zu der ihr drohenden (inzwischen abgesagten) Ausweisung: Es ist das Todesurteil für einen Künstler. Und aus Pyeongchang kam die Nachricht: Unsere Bobfahrer sind der Stolz der Nation. Zu den Bobfahrern gehören Frauen ebenso wie Männer. Niemand hat das Recht, so etwas aus der Sprache zu verbannen.

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