Peter Eisenberg
Peter Eisenberg (Illustration: Irene Sackmann)

Was ist ein Anglizismus?

Kolumne,

Anglizismen sind umstritten. Immer wieder prangern Kritiker die negativen Auswirkungen von Anglizismen auf die deutsche Sprache an. Allerdings gelte es - so unser Kolumnist - erst einmal zu klären, was eigentlich ein Anglizismus ist.

Die Anglizismen gehören seit vielen Jahren zu den wichtigen, ja zu den Reizthemen des öffentlichen Sprachdiskurses. Und im Rahmen der Identitätsdebatten über die Rolle Deutschlands und des Deutschen hat sich dieser Diskurs nach der Wende noch einmal intensiviert.

In Bausch und Bogen verteidigt werden Anglizismen kaum. Eher halbherzige Befürwortungen wie es gebe doch auch nützliche unter ihnen oder ein Kampf gegen ihre Ausbreitung sei einer gegen Windmühlen sind gelegentlich zu hören. Hart dagegen ist die Kritik:

  • Anglizismen schädigten das Deutsche, weil sie nicht zu seiner Grammatik passten. Sie wirkten geradezu zerstörerisch
  • Anglizismen seien viel zu zahlreich
  • Anglizismen verdrängten eingeführte, bewährte Wörter
  • Die meisten Anglizismen seien überflüssig, weil auch für Neues genug Wörter vorhanden seien
  • Wichtige Motive für ihren Gebrauch wie Irreführung (Werbung) oder Angeberei (man geriert sich als Global Player) seien abzulehnen.

Bevor ich auf solche Kritik eingehe, sollte man sich darüber verständigen, was denn als Anglizismus zu gelten hat und was nicht. Ohne diese Klärung redet man von vornherein aneinander vorbei, auch wenn doch klar zu sein scheint, was gemeint ist.

Am einfachsten wäre es wohl, man könnte Anglizismen als Wörter des Englischen ansehen. So macht es der Anglizismen-Index, der seit Jahren in Buchform und online Tausende von seiner Meinung nach überflüssigen Anglizismen auflistet. Dort heißt es: „Der Anglizismen-INDEX ist eine Orientierungshilfe für alle, die deutsche Texte mit englischen oder pseudoenglischen Ausdrücken nicht verstehen oder sie ablehnen (...) Der Anglizismen-INDEX setzt einem Anglizismus eine deutschsprachige Entsprechung entgegen (...).“

Spracharbeit

Peter Eisenberg
Peter Eisenberg (Illustration: Irene Sackmann)

Glossen oder Kolumnen zur Sprache gibt es in deutschen Zeitungen oder Magazinen zuhauf. Brauchen wir also noch eine? Es kommt darauf an. Denn in Peter Eisenbergs Sprachkolumne wollen wir ein paar Dinge nicht tun: Wir wollen Sprachkritik nicht als soziale Distinktion betreiben und vor allem wollen wir nicht so tun, als wüssten wir eh alles besser. Wir wollen auch nicht die Gefahr des Sprachverfalls verkünden, der unvermeidlich sei, wenn sich nicht schnell etwas ändere. Dem Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg geht es weniger um die eigene Behauptung im Diskurs, sondern eher um die Sprache selbst. Bevor gewertet wird, geht es erst einmal um das, was man heute über diese Gegenstände weiß. In diesem Sinn geht es um Tatsachen. Und wo immer bei der Kürze der Texte möglich, wird auch mitgeteilt, woher man diese Tatsachen kennt.

In diesem Sinn möchte die Eisenberg-Kolumne zur Aufklärung über den Zustand des Deutschen beitragen. Im Großen und Ganzen wird sich zeigen, dass diese Sprache sich in hervorragender Verfassung befindet. Was nicht heißt, dass es nichts an ihrem Gebrauch zu kritisieren gäbe. Es kann in dieser Kolumne um aktuelle Anlässe gehen und – als besonderer Glücksfall – kann auch einmal ein Thema zur Sprache kommen, das MERTON-Lesern auf den Nägeln brennt. Immer bitten wir die Leserschaft um etwas Geduld. Die Sprache ist nun einmal kein ganz einfaches Gebilde, erschließt sich aber doch viel eher, als die verbreitete Furcht vor ein wenig Grammatik erwarten lässt. Und dann geht von ihr eine Faszination aus, die ihresgleichen sucht.

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Anglizismen tun nicht weh

Betrachten wir zwei einfache Beispiele. Das englische Wort computer hat kein Genus, es hat den Genitiv of the computer und den Plural computers. Unser Anglizismus Computer wird großgeschrieben, ist ein Maskulinum mit dem Genitiv des Computers und dem Plural die Computer. Mit der Entlehnung wird das Wort sofort der Grammatik des Deutschen angepasst, es hat ganz andere Eigenschaften als das englische. Der Anglizismus ist ein Fremdwort des Deutschen, aber eben eins des Deutschen und nicht ein Wort des Englischen.

Das englische Verb to surf mit Formen wie you surf, she surfs, you surfed, she surfed und so weiter entspricht im Deutschen dem Verb surfen mit den Formen du surfst, sie surft, du surftest, sie surfte. Die genauere Analyse ergibt, dass keine einzige Form des deutschen Verbs mit einer des englischen übereinstimmt. Mit dem Reden von englischen Wörtern kommt man nicht weiter, sonst wäre der Begriff Anglizismus ja auch überflüssig. 

Was die Beispiele zeigen, lässt sich verallgemeinern: Anglizismen tun der Grammatik des Deutschen nicht weh, sie werden ihr geradezu unterworfen. Sie haben einige auffällige Eigenschaften, zum Beispiel die Lautfolge [pj] im ersten und den fremden Stammvokal im zweiten Beispiel. Daran und an ihrer Orthografie sind sie als Anglizismen erkennbar, aber eine strukturelle Wirkung geht von so etwas nicht aus. Damit kann die These von der Zerstörung unserer Grammatik durch Anglizismen als erledigt gelten. Wir wenden uns wieder dem Begriff selbst zu. 

Mit pseudoenglischen Ausdrücken meint der Index solche, die im Englischen gar nicht vorkommen, sondern im Deutschen gebildet sind. Dazu gehören ein paar berühmte Fälle wie Dressman, Showmaster, Discounter, Walkman und natürlich Handy. Das Wort Handy gibt es allerdings schon seit den 1940er-Jahren in der amerikanischen Armee, es passt nicht in diese Reihe. Unabhängig davon gehört es wie die anderen genannten zu den Anglizismen. Denn es kommt nicht auf Entlehnung an, sondern darauf, wie das Wort im Deutschen aussieht. Jeder normale Sprecher erkennt bei Showmaster wie bei Handy Merkmale des Englischen, nur das ist wichtig. Eine moderne Definition spricht von einem Anglizismus, wenn ein Wort typische Eigenschaften des Englischen aufweist, die es sonst im Deutschen nicht gibt.

Herkunft ungewiss

Das ist auch insofern vernünftig, als wir es gegenwärtig mit zahlreichen Anglizismen zu tun haben, deren Herkunft ungewiss ist. Man denke nur an die Bezeichnungen für neue Sportarten wie Canyoning, Slacklining, Nordic Walking, Bodybuilding, Jogging, Basejumping und so weiter oder an Augenblicksbildungen wie Bossnapping, während der großen Streiks 2010 in Frankreich entstanden und inzwischen fest etabliert, oder aktuell das Racial Profiling. Das Muster der Bildungen auf -ing ist produktiv geworden, unabhängig vom Englischen. Wir wissen meist nicht genau, wo ein solches Wort gebildet wurde, aber für uns ist es zweifelsfrei ein Anglizismus.

Aufgrund umfangreicher Untersuchungen wissen wir, dass die Mehrheit der neuen Anglizismen nicht entlehnt, sondern im Deutschen oder in anderen Sprachen gebildet wurde. Und das ist nichts Neues. Die Latinismen bilden noch heute nach den Anglizismen die größte Gruppe von neuen Fremdwörtern, aber aus dem Lateinischen wird schon seit etwa zweihundert Jahren kaum mehr entlehnt. Wörter wie Doktorandenkolloquium, Lokomotive, Protestantismus oder Supernova gibt es im Lateinischen nicht. Sie sind trotzdem gute Latinismen des Deutschen.

Die These von der Zerstörung unserer Grammatik durch Anglizismen kann als erledigt gelten.

Peter Eisenberg

Die Bestimmung von Anglizismen als Wörter, die dem Deutschen "fremde" Eigenschaften des Englischen haben, ist theoretisch gut begründet und praktisch fruchtbar. Aber auch sie hat natürlich Grenzen. Eine liegt bei den sogenannten verborgenen Einflüssen. Offenbar werden große Gruppen von Wörtern des Englischen oder Amerikanischen wie egg head, doubledecker, duty free, witch hunt, blood bank, semi conductor, to download einfach Bestandteil für Bestandteil übersetzt zu Eierkopf, Doppeldecker, zollfrei, Hexenjagd, Blutbank, Halbleiter, runterladen. Entscheidend ist jedoch, dass die Wörter des Deutschen auch nach den Regeln des Deutschen gebaut sind, das heißt, sie hätten genauso gut auch ohne englisches Vorbild so gebildet werden können und sind es teilweise vielleicht sogar. Berühmt geworden ist etwa butter mountain, von dem man angenommen hatte, es sei das Vorbild für Butterberg. Inzwischen weiß man, dass es umgekehrt war.

Verborgene Einflüsse sind sehr schwer festzumachen und weniger sprachlich als kulturhistorisch von Interesse. Schaden richten sie keinesfalls an. Für die weitere Diskussion in einer späteren Kolumne über die Bedeutung von Anglizismen bleiben sie außer Betracht.

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