Peter Eisenberg
Peter Eisenberg (Illustration: Irene Sackmann)

Von Anglizismen umzingelt

Kolumne,

Smart City, Digital Lab, E-Mobility – viele empfinden Anglizismen als Bedrohung für die deutsche Sprache. Doch ist diese Kritik wirklich begründet? Unser Kolumnist Peter Eisenberg geht dieser Frage auf den Grund.

Jeder kennt den Ärger über Anglizismen, die unvermutet irgendwo auftauchen, wo es bisher ohne sie ging. Möchte sich jemand an das Akademische Auslandsamt meiner alten Universität wenden, findet er nur noch ein International Office. Oder: Enkel Johann möchte wissen, was ein Kühlelement sei. Als es ihm erklärt wird, sagt er: „Ach so, du meinst ein Coolpad.“ Dass ein Coolpad auch ein Smartphone ist, das man ganz cool bepfotet, braucht er noch nicht zu wissen. 

Handzettel statt Flyer

Noch größer wird die Abneigung, wenn man sich von Anglizismen ohne Chance auf Entkommen umzingelt fühlt. So war es, als der Verein Deutsche Sprache (VDS) gegen Ende der Achtzigerjahre mit einem Feldzug gegen Anglizismen im Bereich des Post- und Fernmeldewesens begann, die rund um CitycallGermancallNightcall und Moonshine-Tarif angesiedelt wurden. Und so gilt noch immer: „Wer von moderner Wirtschaft redet, kommt mit ganz normalem Deutsch nicht mehr weit.“ Er habe – meint die Wirtschaftssenatorin von Berlin – Wörter wie Green Economy, Smart City, Digital Lab, Innovation Center, Cluster, E-Mobility, Start-up und Entrepreneurship zu verwenden. Gleichzeitig kündigt die Senatorin an: „Wir wollen mit Berlin als englischsprachiger Stadt werben“ (Berliner Zeitung vom 2. März 2017, S. 14.).

In einigen Bereichen hat es für die Anglizismenkritik sichtbare Erfolge gegeben. Die Telekom mäßigt sich und auch die Deutsche Bahn ist von dieser Form des Internationalismus der Mehdorn-Periode abgerückt. Zwar besuchen wir noch immer das Mobility Center und buchen ein Fahrrad über Call a Bike, aber immerhin werden Wörter wie Counter, Flyer und Service Point vermieden und durch Schalter, Handzettel und Information ersetzt. Ein Ende der Zunahme von Anglizismen bedeutet das selbstverständlich nicht. Verschiedene Erhebungen zeigen, dass sie nach wie vor die größte Gruppe von neuen Fremdwörtern bilden, gefolgt übrigens auch gegenwärtig noch von den Latinismen an zweiter Stelle.

Wie ist die Abneigung gegenüber Anglizismen begründet? Es ist viel leichter, bestimmte Formen der Kritik als irrational zu verwerfen, als Verständnis für den verbreiteten Ärger zu entwickeln. Wir wollen der Frage etwas weiter nachgehen.

In meiner Kolumne „Was ist ein Anglizismus“ habe ich gezeigt, warum es falsch ist, von einer Zerstörung der deutschen Grammatik durch Anglizismen zu sprechen. Die neuen Wörter passen sich schnell und problemlos an. Falsch ist es auch, die Verbreitung des Englischen mit der Zunahme von Anglizismen gleichzusetzen. Beides ist nicht unabhängig voneinander, aber es handelt sich doch um ganz unterschiedliche Vorgänge, schon deshalb, weil Anglizismen Wörter des Deutschen und nicht des Englischen sind.

Spracharbeit

Peter Eisenberg
Peter Eisenberg (Illustration: Irene Sackmann)

Glossen oder Kolumnen zur Sprache gibt es in deutschen Zeitungen oder Magazinen zuhauf. Brauchen wir also noch eine? Es kommt darauf an. Denn in Peter Eisenbergs Sprachkolumne wollen wir ein paar Dinge nicht tun: Wir wollen Sprachkritik nicht als soziale Distinktion betreiben und vor allem wollen wir nicht so tun, als wüssten wir eh alles besser. Wir wollen auch nicht die Gefahr des Sprachverfalls verkünden, der unvermeidlich sei, wenn sich nicht schnell etwas ändere. Dem Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg geht es weniger um die eigene Behauptung im Diskurs, sondern eher um die Sprache selbst. Bevor gewertet wird, geht es erst einmal um das, was man heute über diese Gegenstände weiß. In diesem Sinn geht es um Tatsachen. Und wo immer bei der Kürze der Texte möglich, wird auch mitgeteilt, woher man diese Tatsachen kennt.

In diesem Sinn möchte die Eisenberg-Kolumne zur Aufklärung über den Zustand des Deutschen beitragen. Im Großen und Ganzen wird sich zeigen, dass diese Sprache sich in hervorragender Verfassung befindet. Was nicht heißt, dass es nichts an ihrem Gebrauch zu kritisieren gäbe. Es kann in dieser Kolumne um aktuelle Anlässe gehen und – als besonderer Glücksfall – kann auch einmal ein Thema zur Sprache kommen, das MERTON-Lesern auf den Nägeln brennt. Immer bitten wir die Leserschaft um etwas Geduld. Die Sprache ist nun einmal kein ganz einfaches Gebilde, erschließt sich aber doch viel eher, als die verbreitete Furcht vor ein wenig Grammatik erwarten lässt. Und dann geht von ihr eine Faszination aus, die ihresgleichen sucht.

Alle Kolumnen von Peter Eisenberg.

Wie viele Anglizismen verträgt die deutsche Sprache?

Schwierig bleibt es, von einer Höchstzahl von Anglizismen zu sprechen. Niemand weiß, was das Deutsche in dieser Hinsicht verträgt, zumal vergleichbare Entlehnungsschübe aus dem Lateinischen und Französischen letztlich nicht geschadet haben. Und wann ist ein Anglizismus überflüssig? Für den Anglizismen-INDEX sind es Tausende. Sehen wir uns nur zwei kleine Beispiele aus der aktuellen Onlineausgabe an (besucht am 3.3.2017). Mainstream wird verdeutscht mit Hauptrichtung, Massengeschmack; und abchecken mit überprüfen, erklären, klären, prüfen. Nehmen wir einmal an, die Zuschreibungen seien realistisch und sprachlich angemessen, dann ergibt sich: Die Anglizismen sind in ihrer Reichweite nur durch mehrere Verdeutschungen mit recht unterschiedlicher Bedeutung abzubilden. Sie haben Bedeutungen, die es sonst im Deutschen nicht gibt, und sind damit alles andere als überflüssig. Das ist nur eins von mehreren Problemen, die sich bei der Verdeutschung scheinbar überflüssiger Fremdwörter stellen.

Niemand weiß, wie viele Anglizismen das Deutsche verträgt, zumal vergleichbare Entlehnungsschübe aus dem Lateinischen und Französischen letztlich nicht geschadet haben.

Peter Eisenberg

Wann ist ein Anglizismus angemessen?

Versuchen wir es mit dem Begriff Angemessenheit, einem Schlüsselbegriff der jüngeren Sprachkritik. Wann ist ein Anglizismus angemessen? Besonders genau und differenziert wurden Anglizismen in der Werbung untersucht, auch in Hinsicht auf die Gründe für ihre Häufigkeit in diesem Bereich. Man weiß inzwischen viel über sie und kommt beispielsweise zu dem Schluss: „Löst Werbung den Kauf des beworbenen Produkts als ihr intendiertes Ziel aus, dann wurde sie akzeptiert und kann als angemessen betrachtet werden.“Da heiligt der Zweck die Mittel. So kommen wir keinen Schritt weiter, weil sich die Frage nach dem Ziel von Werbung stellt. Wir wollen doch nicht Formen wie Rolling Discount, Outperformance, Total Expense Ratio, Asset-Management, Venturecapital, Marketingler, Chief Executive Officer, Certified Foundation and Estate Planner und so weiter als angemessen betrachten, weil man mit ihrer Hilfe faule Wertpapiere verkaufen kann. Die Abneigung gegen Anglizismen speist sich ja gerade zu einem guten Teil aus dem Verdacht, man solle den Zwecken ihrer Verwendung misstrauen.

Warum also folgen die Angesprochenen der Werbung sogar in einem solchen Fall? Die Beworbenen suchen eine Anlage für ihr Geld, sind konsumbereit. Was ihnen gesagt wird, könnte als Information daherkommen, kann aber auch eine Art von Versprechen sein. Versprechen werden glaubwürdig durch Überzeugung oder sogar Überredung. Sprache ist hier nicht gefragt in ihrer Funktion als Mittel zur Darstellung von Sachverhalten, sondern dazu eingesetzt, dass der Sprecher als Person den Hörer als Person erreicht und ihn so (sprachlich) dazu bringt, etwas zu tun. Die Sprachwissenschaft spricht hier vom performativen Akt, der mit einer sprachlichen Handlung vollzogen wird. Verständlichkeit schadet dann möglicherweise eher, als dass sie nützt. Im Beispiel führt das sachlich und sprachlich Fremde zum Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Sprechergruppe, die dem Beworbenen sonst verschlossen ist.

Das lässt sich verallgemeinern. Wenn Altersgruppen, Sozialgruppen oder Berufsgruppen über einen gemeinsamen Sprachgebrauch Zusammenhalt herstellen und sich dabei auf Fremdwörter wie Anglizismen stützen, grenzen sie sich gleichzeitig von anderen Gruppen ab. Grenzen sich Sprechergruppen durch Vermeidung von Anglizismen und den Gebrauch von Latinismen im sogenannten Bildungswortschatz ab, ist das ein Vorgang derselben Art. Zusammenhalt und Abgrenzung sind immer die Seiten einer Medaille. Prinzipiell sind sie zu akzeptieren, solange sie sozial verträglich sind, das heißt sich nicht über andere hinwegsetzen.

Begründungen eines Sprachgebrauchs über das Herstellen von Gruppenidentität hinaus bleiben bei der vorgeführten Argumentation aber bewertbar. Werden Anglizismen aus unlauteren Gründen verwendet, sind sie in keinem vernünftigen Sinn angemessen, sondern kritikwürdig. Zwar wird erneut der Sack (die Wörter) geschlagen, wo man den Esel (die Sprachproduzenten) meint. Das ist besser als nichts, denn wann kommt man schon an den Esel heran.

1 Kupper, Sabine: Zur Funktion und Angemessenheit von Anglizismen in der Werbung. In: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur 7 (2011), 142–159, S. 154.

Kommentare anzeigen