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Die Ökonomie als Wissenschaft: publish or perish, Peer Review, Mathturbation und Freakonomics

Kolumne,

Sumoringen, Fußballspiele, pränataler Stress – immer mehr Ökonomen beschäftigen sich mit Themen, die nur noch am Rande etwas mit Ökonomie zu tun haben. Eine Entwicklung, die nun in einen handfesten Skandal mündete. Justus Haucap über eine wissenschaftliche Schlammschlacht.

Spätestens seit der Finanzkrise ist eine intensive Diskussion in Wissenschaft und Öffentlichkeit über die Ökonomie als Wissenschaft entbrannt. Auch auf der vom Stifterverband initiierten Tagung „Ökonomie neu denken“ geht es regelmäßig darum, wohin die Ökonomie als Wissenschaft steuert. In manchen Medien wird der Ökonomie zudem – aus meiner Sicht zu Unrecht – ein mangelnder Pluralismus vorgeworfen. 

Dabei sind die heute von Ökonomen benutzten Methoden, spätestens seit dem Aufkommen von experimenteller Wirtschaftsforschung, Verhaltensökonomik und Neuroökonomie, vielfältiger denn je. Auch thematisch befassen sich Ökonomen längst nicht mehr nur mit streng ökonomischen Fragen, etwa welche Faktoren Inflation, Konjunktur, Arbeitslosigkeit, Wirtschaftswachstum, Finanzkrisen, Kartellbildung, Innovationen, Kaufentscheidungen oder andere Wirtschaftsphänomene beeinflussen und verursachen. Vielmehr scheint heute alles zum Bereich der Ökonomie zu gehören, womit sich Ökonomen beschäftigen. „Economics is what economists do“ – so hatte es der kanadische Ökonom Jacob Viner schon vor mehr als 80 Jahren ausgedrückt.

Justus Haucap

Justus Haucap
Justus Haucap (Foto: Bussenius/Reinicke)

Justus Haucap ist einer der wenigen Ökonomen, die oft und gerne in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten. Allerdings gehört er nicht zu jenen bedauernswerten Wissenschaftlern, die in der Tagesschau als Experten 15-Sekünder zu einem immer gleichen Thema aufsagen müssen. Sein Themenportfolio ist genauso breit angelegt wie die Plattformen, die er für die Verbreitung seiner Positionen nutzt.  Man liest seine Texte genauso im Handelsblatt wie auf diversen Internetblogs oder gar der Huffington Post. Dort streitet er gerne über Themen wie die Abwrackprämie, Energiefragen oder das umstrittenene Leistungsschutzrecht für Presseverleger. Als Kolumnist der ersten Stunde tut er seine Meinung auch auf MERTON kund. Wettbewerbs- und Energiepolitik, Regulierung oder Institutionenökonomik liegen dem Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Düsseldorf besonders am Herzen. 
Justus Haucap auf Twitter.

Trend zum Randthema

Inzwischen wenden sich Ökonomen immer stärker Themen zu, die für Ökonomen durchaus als randseitig und esoterisch betrachtet werden können und traditionell eher der Soziologie, der Psychologie, der Medizin oder anderen Wissenschaften zugeordnet worden sind. Ursache dafür ist auch der steigende Druck beziehungsweise Anreiz zum Publizieren. Während die traditionellen Bereiche wie etwa Inflation, Arbeitslosigkeit et cetera abgegrast zu sein scheinen und es schwer ist, dort einen neuen Beitrag zum Erkenntnisfortschritt zu leisten, weil die Früchte der weiteren Erkenntnis sehr hoch hängen, erscheint dies bei randseitigenzweitrangigen, weniger ausgeforschten Themen einfacher.

Der Trend zu Randthemen wird jedoch seit geraumer Zeit von prominenten wie weniger prominenten Ökonomen innerhalb und außerhalb der akademischen Welt kritisiert. Einerseits wird das übertriebene Fokussieren auf quantitative Methoden kritisiert, wie etwa von Marc Blaug, der schon 1997 ausführte: „Economists have converted the subject into a sort of social mathematics in which analytical rigor is everything and practical relevance is nothing“. Umgangssprachlich wird dieses Glasperlenspiel illustrativ auch als „Mathturbation“ bezeichnet.

Andererseits ist es jedoch weniger die Methode, sondern mehr die Themenwahl, die im Fokus der Kritik steht. Viele (insbesondere junge) Ökonomen beschäftigten sich zunehmend mit esoterischen und nebensächlichen Themen, sodass der Blick für das wirklich Wichtige verloren zu gehen drohe.

Was Sumoringen mit Ökonomie zu tun hat

Einer der Pioniere der Analyse von Randthemen mit interessanten Datensätzen ist Steven Levitt, der seine Befunde gekonnt in dem sehr unterhaltsamen Bestseller „Freakonomics“ (http://freakonomics.com/) zusammengefasst hat. In der Tat finden sich in jüngerer Zeit in der „American Economic Review“, der weltweit führenden Fachzeitschrift für Ökonomie, Beiträge zu Fragen wie etwa,

Schlüssel zur Erkenntnis

More young economists today are doing Levitt-style economics and fewer are studying the classic questions of economic policy.

N. Gregory Mankiw

US-amerikanischer Ökonom und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Harvard University

Treiber all dieser Aufsätze ist nicht etwa, dass die Frage aus ökonomischer Perspektive besonders relevant wäre. Vielmehr gibt es in diesen Bereichen besonders gute Daten, die eine methodisch raffinierte und umfassende empirische Analyse ermöglichen. Dies erinnert an den alten Witz von dem Betrunkenen, der seine verlorenen Schlüssel unter der Laterne sucht, weil es dort besonders viel Licht gibt, eigentlich aber weiß, dass der Schlüssel (zur Erkenntnis) ganz woanders (im Dunkeln) liegt.

Die intensive Befassung mit Randthemen hat der prominente Ökonom N. Gregory Mankiw, Verfasser des weltweit wohl bekanntesten und erfolgreichsten Ökonomielehrbuchs, schon 2007 wie folgt kritisiert: „[M]ore young economists today are doing Levitt-style economics and fewer are studying the classic questions of economic policy. That is disconcerting, to a degree. It could be especially problematic twenty years from now, when President Chelsea Clinton looks for an economist to appoint to head the Federal Reserve, and the only thing she can find in the American Economic Association are experts on game shows and sumo wrestling.“

Die Kritik an der Beschäftigung mit randseitigen Themen wird nun durch einen Skandal um den oben zuletzt genannten Aufsatz befeuert. Zum Hintergrund: Eine Publikation in der „American Economic Review“ ist oftmals karriereentscheidend für viele Ökonomen. In den USA hängen Tenure-Entscheidungen daran, in Deutschland garantiert eine solche Publikation im Grunde den Ruf auf einen Lehrstuhl. Eine Publikation in der „American Economic Review“ ist der ultimative Ritterschlag für akademische Ökonomen.

In dem besagten Beitrag beschäftigen sich zwei junge Wissenschaftlerinnen mit der Frage, ob sich pränataler Stress für einen Ungeborenen anders auf die Wahrscheinlichkeit späterer psychischer Probleme auswirkt als postnataler Stress für einen Säugling. Der Beitrag durchlief – trotz seines fehlenden Bezugs zu ökonomischen Themen – den typischen anonymen Begutachtungsprozess und wurde nach einigen Überarbeitungen zur Publikation angenommen. In einem anonymen Internetforum namens „Economic Job Market Rumors", über das auch das Handelsblatt in der Vergangenheit schon berichtet hat, wurde sodann enthüllt, dass der Beitrag kaum etwas Neues enthält. Die mit der fast identischen Methode und den nahezu identischen Daten durchgeführten Untersuchungen gibt es bereits. Nur wurden diese Beiträge sinnvollerweise in medizinischen Fachzeitschriften publiziert und von den beiden Autorinnen – womöglich strategisch – nicht zitiert.

Wissenschaftliche Schlamschlacht

Weil Daten zu wichtigen wirtschaftlichen Themen oftmals fehlen oder nicht verfügbar sind, beschäftigen sich viele Ökonomen zunehmend mit aus ökonomischer Sicht randseitigen Themen.

Justus Haucap

Was sich seitdem entfaltet hat, ist eine Schlammschlacht. Die Autorinnen beantworteten die Kritik vor allem damit, dass sie Kritikern die Sexismuskeule über den Schädel zogen, ohne auf den Inhalt der Kritik einzugehen. Gleichwohl revidierten sie ihren noch im Erscheinen begriffenen Beitrag nach der Annahme noch mehrere Male erheblich, ohne dass eine weitere Begutachtung stattfand. Pikant ist das Ganze auch, weil die verantwortliche Herausgeberin entgegen den Standards der American Economic Association nicht offenbart hat, dass sie als Co-Autorin einer der beiden jungen Autorinnen einen potenziellen Interessenkonflikt hat. Das Ganze wurde jüngst prägnant von George Borjas, einem sehr prominenten Harvard-Ökonomen, in seinem Blog (https://gborjas.org/2016/06/30/a-rant-on-peer-review/) zusammengefasst. Die Herausgeber der „American Economic Review“ schweigen bisher beharrlich zu dem Vorgang.

Die offensichtlichen Probleme mit den mangelhaften Standards guter wissenschaftlicher Praxis bei der für uns Ökonomen wichtigsten Fachzeitschrift geben Anlass zu erheblicher Besorgnis. Gleichwohl deuten sie auf ein tieferes Problem hin: Weil Daten zu wichtigen wirtschaftlichen Themen oftmals fehlen oder nicht verfügbar sind, beschäftigen sich viele Ökonomen zunehmend mit aus ökonomischer Sicht randseitigen Themen, bei denen weder Autoren noch Gutachter die dazu vorhandene Literatur zu kennen scheinen. Der Beitrag über die MTV-Sendung und Schwangerschaften von Teenagern litt bereits unter demselben Manko. Innovation ist in diesen Fällen oft ein Mangel an Belesenheit. Dass dies zu wissenschaftlichem Fortschritt beiträgt, ist unwahrscheinlich, denn auch Mediziner werden kaum in Ökonomiefachzeitschriften nach neuem Erkenntnisgewinn über die Auswirkungen pränatalen Stresses suchen. Wir Ökonomen täten daher gut daran, uns wieder stärker auf den Kern unseres Untersuchungsbereiches zu beschränken, auch wenn die Früchte dort höher hängen und wir wohl mehr im Dunkel herumstochern, wo gerade keine Laterne steht, aber vielleicht doch der Schlüssel zum Erkenntnisgewinn liegt. Auf der nächsten „Ökonomie neu denken“-Tagung wird es noch immer viel zu diskutieren geben.

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