(Foto: Bettina Ausserhofer)

Diese Schulen machen Mut

Veraltete Lehrmethoden und Lernmittel, desillusionierte Schüler, ausgepowerte Lehrer und schwierige Schulkarrieren sind an den meisten deutschen Schulen Realität. Es gibt aber auch Gegenbeispiele. Ein Besuch an zwei außergewöhnlichen Schulen in Berlin und Potsdam.

Die Schüler von der Quinoa-Schule wollen immer diskutieren und sich nicht prügeln – das ist schon aufgefallen unter Jugendlichen im Wedding. Diese Mädels und Jungs ticken anders, wie Emine. Die 15-Jährige will Sozialarbeiterin werden, und das ist nicht bloß Wunschdenken, sondern ein Ziel von ihr. Derzeit verlässt jeder dritte Jugendliche in Berlin-Wedding die Schule ohne einen Abschluss. 

(Foto: Bettina Ausserhofer)
Berufswunsch Sozialarbeiterin: Die Quinoa-Schule unterstützt Schülerin Emine, ihre Ziele zu erreichen.

Emine traut sich mehr zu. Im Klassenzimmer der privaten Quinoa-Schule, die mehr Chancengleichheit für sozial benachteiligte Jugendliche schaffen will, konzentriert sich die Neuntklässlerin auf ein Blatt mit Deutschaufgaben. Sie hört dabei ein paar Songs über Kopfhörer, damit es ihr leichter fällt.

Gabriel ist sich nicht mehr sicher, ob er wirklich Autodesigner werden will. Der Achtklässler sitzt im Rollstuhl und recherchiert gerade Fakten für den Englischunterricht im Computerraum der Oberlinschule in Potsdam, einer Förderschule für körperbehinderte, hörsehbehinderte und taubblinde Kinder und Jugendliche. Seit Gabriel die Schülerzeitung mitgestaltet, hat der 13-Jährige sein Faible fürs Layouten entdeckt. An der Oberlinschule, auf die er erst im vorigen Jahr wechselte, schätzt er besonders die vielen digitalen Lernangebote mit Tablet, Smartboard und Computer, die es so an seiner früheren Schule nicht gab. 

(Foto: Bettina Ausserhofer)
Mit dem Rollstuhl im Unterricht? Die Oberlinschule zeigt, wie gelungene Inklusion funktioniert.

Veraltete Lehrmethoden und Lernmittel, desillusionierte Schüler, ausgepowerte Lehrer und schwierige Schulkarrieren sind an deutschen Schulen Realität. Es gibt aber auch die Gegenteile, wie die Beispiele Quinoa- und Oberlinschule eindrücklich zeigen. Beide Schulen sind auf bestimmte Schülergruppen spezialisiert, unterrichten sozusagen eine ausgewählte Schnittmenge unserer Gesellschaft, könnten dabei aber in Schulkonzept, Förderhilfen, Lehr- und Lernangeboten kaum vielfältiger vorgehen. Das ist bemerkenswert und auf dem zweiten Blick fast schon wieder logisch, da beide Schulen weit entfernt vom Klischee des Normschülers agieren.

Die Quinoa-Schule und die Oberlinschule haben dem Lehren und Lernen nicht nur hier und da etwas Diversität und Individualität eingehaucht. Das ganze Tun dieser Schulen – ihre Förderpläne, Handlungsweisen, Zukunftsvisionen und ihr Schulalltag – ist von der Idee durchdrungen, die Persönlichkeiten, Lebenshintergründe, speziellen Talente und vor allem den besonderen Förderbedarf ihrer Schülerschaft aufzustöbern, hervorzuheben und das Beste daraus zu machen. Für den Lernerfolg, aber auch fürs Leben: Eigenständigkeit, beruflicher Erfolg, persönliches Glück.

Gegen die Perspektivlosigkeit

Die Quinoa-Schule ist die erste genehmigte Privatschule Deutschlands für finanziell Schwache, könnte man sagen. Ihr Ziel ist es, explizit die Realität eines von Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit geprägten Stadtteils in ihrer Schülerschaft widerzuspiegeln, aber auch zu beweisen, dass Bildung und Aufstieg losgelöst von Einkommen, Herkunft und Familienvorbildern sehr wohl funktionieren, wenn sich Bildungsinstitutionen entsprechend darauf einstellen. „Wir wollen für die Kinder und Jugendlichen im Wedding einen Unterschied machen, weil es nicht sein kann, dass sie sich anhören müssen, dass aus ihnen sowieso nichts wird“, sagt Pantelis Pavlakidis, der an der Quinoa-Schule die siebte Klasse leitet und Weltbürgerkunde unterrichtet, ein Fächerverbund aus Ethik und Sozialkunde. Dass ein Migrationshintergrund ein Nachteil sei, wie gesellschaftlich oft dargestellt wird, sei einfach Quatsch. Den Kindern fehle es vor allem an Förderung, Zuspruch und Vorbildern mit Lernerfolg. All das bekommen die Schüler an der familiären Quinoa-Schule auf einem hohen Level, während staatliche Schulen dies schon aufgrund der hohen Schülerzahlen nur schwer leisten können.

Steckbrief Quinoa-Schule

(Foto: Bettina Ausserhofer)

Lage: nördlicher Rand Berlin-Wedding, außen karger Betonbau, innen Oase für familiäres Lernen, Gründung 2014, genehmigte Sekundarschule ohne gymnasiale Oberstufe, aktuell 78 Schüler, davon ein Großteil aus Hartz-IV-Familien, junge Lehrerschaft, ein Drittel staatliche Förderung, zwei Drittel spendenfinanziert, in Trägerschaft der Montessori Stiftung Berlin.

Schulalltag an der Quinoa-Schule

(Foto: Bettina Ausserhofer)
„Wir können unsere Schüler ganzheitlich fördern, weil wir über das Tutorenprogramm einen besonders engen Kontakt zu ihnen haben.“Jonas Akaou: Leitung Tutorien, Klassenleitung der neunten Klasse, Fachbereichsleitung Interkulturelles Lernen
(Foto: Bettina Ausserhofer)
Klassenregeln sind wichtig.
(Foto: Bettina Ausserhofer)
Herkunft oder Einkommen sollen die Bildungschancen der Schüler nicht beeinflussen.
(Foto: Bettina Ausserhofer)
„Man braucht an der Quinoa keinen Migrationshintergrund und auch keine schwere Schulbiografie als Lehrkraft, um unsere Schüler zu fördern. Empathie reicht.“Juliane Schäfer: Leitung Verhaltensmanagement, Klassenleitung der achten Klasse.
(Foto: Bettina Ausserhofer)
Schulaufgaben aus dem Alltag.
(Foto: Bettina Ausserhofer)
Spaß haben neben dem Lernen.

Viele der Jugendlichen sind desillusioniert und frustriert von ihrer bisherigen Schulkarriere, wenn sie an die Quinoa-Schule kommen. Um überhaupt zu ihnen durchzudringen, stecken Lehrerteam und fünf Fellows der gemeinnützigen Bildungsinitiative Teach First Deutschland viel Kraft in ein wöchentliches Tutorenprogramm. Dabei hat jeder Schüler von der siebten bis zur zehnten Klasse eine Lehrkraft als persönlichen Tutor. Das Tandem trifft sich wöchentlich für eine halbe Stunde, um über Lebenshintergründe, aktuelle Lernbarrieren und Lernziele zu sprechen. „Wir glauben, dass man eine feste und intensive Bindung zu den Schülern braucht, damit sie verstehen, dass wir an ihrer Seite stehen“, sagt Pavlakidis. Mit diesem Vertrauen, das dann auch das Stigma „Du kannst nichts“ durchbrechen könne, sei das Lernen im Klassenraum einfacher. 

Wir glauben, dass man eine feste und intensive Bindung zu den Schülern braucht, damit sie verstehen, dass wir an ihrer Seite stehen.
Pantelis Pavlakidis (Foto: Bettina Ausserhofer)

Pantelis Pavlakidis

ist Lehrer an der Quinoa-Schule und unterrichtet Weltbürgerkunde.

Wie Inklusion gelingt

Steckbrief Oberlinschule

Lage: Potsdam-Babelsberg, traditioneller Schulstandort des Oberlinvereins seit 1899, Kombination aus Altbau und Neubau, farbenfrohe und ruhige Atmosphäre, Ganztagsschule mit allen Bildungsgängen, aktuell 295 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, multiprofessionelles Team aus Lehrkräften, Sonderpädagogen, Erziehern, Heilpädagogen, Heilerziehungspflegern, einer Kinderärztin, Kinderkrankenschwestern, Physiotherapeuten, Sprachtherapeuten und mehr, in Trägerschaft der Schulen in der Oberlinhaus gGmbH. 

Auch an die sonderpädagogische Oberlinschule kommen Kinder und Jugendliche mit gescheiterten und schwierigen Schulbiografien, weshalb der langjährige Schulleiter Uwe Plenzke glaubt, dass Inklusion an regulären Schulen besser funktionieren und auch leidvolle Erfahrungen ersparen würde, wenn bei Auffälligkeiten und Beeinträchtigungen sogleich ausreichend sonderpädagogische Professionalität zur Verfügung stehen würde. Manchmal sei es auch besser, erst eine sonderpädagogische Schule zu wählen und erst im zweiten Schritt die Schule um die Ecke, wenn der Schüler dafür genügend Stabilität zeige. 

Runterkommen im Rückzugsraum, Physiotherapie oder Sprachtherapie während des Schultags, individuelles Lernen im Nebenraum, als Siebtklässler mit der Mappe unterm Arm in den Biologieunterricht der Neuntklässler wechseln, individuelles Pendeln zwischen Theorieunterricht und praktischem Lernumfeld – all das geht an der Oberlinschule. Reguläre Schulen stoßen hier schnell an ihre Grenzen.

Schullalltag an der Oberlinschule

(Foto: Bettina Ausserhofer)
In der Oberlinschule lernen Schüler mit sonderpädagogischen Förderbedarf aller Bildungsgänge.
Die Atmosphäre an der Schule ist farbenfroh, aber ruhig.
(Foto: Bettina Ausserhofer)
Bestes Lernumfeld für sehbehinderte Schüler.
(Foto: Bettina Ausserhofer)
„Jede Lehrkraft sollte ein gewisses sonderpädagogisches Grundwissen haben, auch am Gymnasium.“ - Stefan Schwarz und Anne-Kathrin Emde, Leitung Sekundarstufe Oberlinschule.
(Foto: Bettina Ausserhofer)
Individuelles Pendeln zwischen Theorieunterricht und praktischem Lernumfeld.
(Foto: Bettina Ausserhofer)
Jedes Kind wird gemäß seinen Bedürfnissen gefördert.

Seit der Wende hat sich die Schülerzahl an der Oberlinschule vervierfacht und auch die Diagnosen der dort aufgenommenen Kinder und Jugendlichen sind komplexer geworden. Über die Jahrzehnte bekamen Schul- und Lernkonzept mit jedem neuen Schüler und dessen spezieller Diagnose wieder ein Mosaiksteinchen mehr, über das nachgedacht wurde, das man versuchte, ins Förder- und Lernkonzept einzugliedern. Gerade die Erkenntnis, dass körperliche Beeinträchtigungen oft auch einen emotional-sozialen Förderbedarf mit sich bringen und nicht bloß technische Hilfsmittel erfordern, sei ein wichtiger Antrieb gewesen, Lehr- und Lernalltag noch weitaus diverser und individueller zu gestalten, so Uwe Plenzke. 

Schubladen würden möglichst vermieden, erklärt der Schulleiter weiter. „Da ist ein Kind, wenig oder nicht sprechend, und den Ärzten, Fachleuten, Eltern ist trotz aller Diagnosemöglichkeiten noch unklar, welche Besonderheiten und Beeinträchtigungen das Kind genau hat.“ Für die Oberlinschule sei dies keine Hürde, da man dieses Kind in eventuell passende Förder- und Lerndynamiken integrieren könne, wo sich dann mit förderdiagnostischer Lernbeobachtung zeige, welcher besondere Unterstützungsbedarf tatsächlich bestehe. 

Wir versuchen Schubladendenken zu vermeiden.
Uwe Planzke (Foto: Bettina Ausserhofer)

Uwe Plenzke

Schulleiter der Oberlinschule

Im Wedding an der Quinoa-Schule ist vieles noch im Aufbau, wie beispielsweise ein vierjähriges Mentorenprogramm für die Schulabgänger der Quinoa oder das Fach „Freies Üben“, in dem Schüler und Lehrkräfte 90 Minuten pro Woche mit Lerntypentests experimentieren. Das, was es schon länger gibt, wird labormäßig weiterentwickelt, wie die Unterrichtsfächer „Zukunft“, eine Art Berufsorientierung plus, und „Interkulturelles Lernen“, ein Fach, das die Identität der Schüler stärken und ihre besonderen Potenziale freilegen soll. Auch an einem Verhaltensmanagement mit Lobpunkten wurde an der Quinoa bereits viel gefeilt, das den Jugendlichen die drei Werte Mut, Verbindlichkeit und Achtsamkeit näherbringen und dafür sorgen soll, dass so wenig Unterrichtszeit wie möglich durch einen hohen Geräuschpegel und störende Schüler verschwendet wird.

Explizit gute Erfahrungen machten beide Schulen mit wohlüberlegten und aufgeschriebenen individuellen Förderzielen für jeden Schüler. An der Quinoa erarbeitet diese Ziele das jeweilige Tutoren-Tandem aus Lehrkraft und Schüler. In der Oberlinschule ist der Vorgang weitaus komplexer, weil in die Förderziele auch Rückmeldungen von Fachlehrern, der Ärztin, der Psychologin, den Therapeuten und den Eltern einfließen müssen über jüngste körperliche Veränderungen, Verhaltensänderungen, Entwicklungserfolge oder auch Rückschläge. 

Was ließe sich von all dem auf andere Schulen übertragen? In jedem Fall die Idee, dass Lernen auch gelebt werden muss, also viel mehr Lebenspraxis braucht, sagt Uwe Plenzke. Der Schulleiter empfiehlt, viel entspannter, flexibler und ideenreicher mit den Vorgaben und Rahmenlehrplänen umzugehen, als es gemeinhin üblich ist. 

Pantelis Pavlakidis glaubt, dass andere Schulen einzelne Bestandteile des Quinoa-Konzepts zwar gut übertragen könnten, wie zum Beispiel die Art und Weise, wie der Stundenplan organisiert werde, oder die neuen Unterrichtsfächer. Das Quinoa-Konzept als Ganzes einfach so auf ein anderes Problemviertel zu übertragen, sieht Pavlakidis aber eher kritisch, weil es doch sehr auf den Wedding ausgerichtet sei. Zukunftsmusik sehe die Quinoa-Schule vor allem im Aufbau einer lokalen Bildungskette mit den vielen bereits engagierten Institutionen im Kiez, so Pavlakidis. Die müsse bereits vor dem Kindergarten ansetzen, damit man das Feuer nicht erst ab der siebten Klasse löscht. 

Deutsches Lehrer-Forum 2016: Vielfalt an der Schule

Vielfalt in der Schule ist heute in ganz Deutschland Realität. Besonders in den Großstädten steigt die Zahl von Kindern aus zugewanderten Familien, auf dem Land sinken die Schülerzahlen, an immer mehr Regelschulen lernen Kinder mit erhöhtem Förderbedarf und die soziale und familiäre Situation vieler Schülerinnen und Schüler ist regional sehr heterogen. Lehrkräfte suchen tagtäglich Lösungen für soziale, kulturelle, sprachliche und ganz praktische Herausforderungen an ihrer Schule. Das Thema stand deshalb im Mittelpunkt beim zweiten Deutschen Lehrerforum im September 2016, bei dem auch Vertreter der Quinoa- und der Oberlinschule zu Gast waren. 

Weitere Informationen und ein Rückblick auf die Veranstaltung unter: www.deutsches-lehrerforum.de

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