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Vom Nutzen des ziellosen Herumjammerns

Wenn man von einem akuten Problem geplagt wird, so kann gekonntes Nörgeln in der Öffentlichkeit – insbesondere in Sozialen Medien – ein guter Weg zur Linderung sein. Eine Handreichung von Kathrin Passig.

Wie alle größeren Institutionen bringen Hochschulen eine Fülle von wichtigen Informationen, Anleitungen, Regelungen und Tipps hervor. Und wie in allen größeren Institutionen ist es keine einfache Aufgabe, dieses Wissen dorthin zu befördern, wo es gerade gebraucht wird. Man kann die Menschen im Gebäude nicht täglich mit E-Mails behelligen, in denen man Fragen beantwortet, die noch gar niemand gestellt hat. Schon bald werden diese E-Mails nicht mehr gelesen. Im ungünstigsten Fall richten sich die Empfänger Filter ein, die solche Nachrichten automatisch in einen entlegenen Ordner befördern. Jetzt kommt auch Wichtiges nicht mehr an. Die Verfasser der Anleitungen finden diesen Zustand empörend und beklagen sich über die fehlende Aufmerksamkeit der Empfänger. So viel unnötiges Gejammer ließe sich vermeiden, wenn die Menschen nur die Mitteilungen aus der Verwaltung aufmerksamer zur Kenntnis nehmen wollten!

Kathrin Passig

Kathrin Passig
Kathrin Passig (Foto: Susanne Schleyer/autorenarchiv.de)

Aber das Jammern ist kein Fehler. Es bahnt den Weg zur Behebung von Problemen. Wenn etwas nicht so funktioniert wie gedacht, suchen die wenigsten Nutzer sofort die richtige Stelle auf und lassen sich dort alles gründlich erklären. Das liegt nicht nur an der verbreiteten Ansicht, dass die meisten Dinge im Leben mehr Spaß machen als ein Besuch beim Helpdesk. Oft weiß man noch gar nicht so genau, dass man ein Problem hat, für das jemand zuständig wäre und das sich lösen ließe. Man verspürt nur eine vage Unzufriedenheit. Dahinter steckt kein böser Wille, es ist wie mit Blasen in Wanderschuhen, unergonomischen Arbeitshaltungen oder unglücklichen Beziehungen: Manchmal muss es lange wehtun, bis der Schmerz ins Bewusstsein rückt, und noch länger, bis eine konkrete Abhilfemaßnahme gelingt.

Der Kummer kann sich schon früh in ziellosem Herumjammern äußern. Das ist noch lange keine konkrete Suche nach einer Lösung. Die klagende Person möchte zunächst einmal nur ihren Missmut über die schlecht eingerichtete Welt loswerden.

Schon wenn man nur in den eigenen Bart hineinmurmelt, führt so eine Beschwerde dazu, dass ein bis dahin nur dumpf empfundener Missstand in einen anderen Teil des Bewusstseins verschoben wird, der sich dann aktiv auf die Suche nach Lösungen machen kann. Das Jammern darf allerdings nicht nur aus „Sacklzement, das Löcherbohren geht heute aber ungewöhnlich schwer“ bestehen. Wenn man Probleme auch im Selbstgespräch präziser formuliert („Sacklzement, wenn ich nur wüsste, woran man einen Betonbohrer erkennt“), wird der Weg zur Antwort offensichtlich. Jammern ist die Vorstufe des Googelns.

Klagen auf Twitter

Klagt man nicht allein, sondern in Gesellschaft, ist das Ergebnis Glückssache. Vielleicht wird man Mitleid ernten, vielleicht Geschichten von Unzulänglichkeiten im Alltag der anderen zu hören bekommen. Selten erhält man einen Linderungsvorschlag, noch seltener einen brauchbaren. Zu unwahrscheinlich ist es, dass ein zufällig gerade anwesender Mensch eine Lösung für genau dieses Problem kennt.

Sobald man einen Mangel der Welt hingegen bei Twitter oder an einem anderen öffentlich einsehbaren Ort beklagt, wird sich fast immer jemand zu Wort melden, der „Aber das gibt es doch längst“ sagt und den Weg zur Lösung weist. Dieser Jemand könnte sogar aus dem Kreise derjenigen stammen, die dafür bezahlt werden, Nutzerfragen zu beantworten. Praktisch ist das selten der Fall, die Zuständigen sind zu sehr damit beschäftigt, neue Rundschreiben zu verfassen oder in Meetings die Gründe für deren Ungelesenheit zu diskutieren. Aber rein theoretisch wäre es möglich, dass aufmerksame Helpdesk-Mitarbeiter das Murren bemerken und Tipps geben, ohne explizit gefragt worden zu sein.

Das Netz ist voller komfortabler und reichweitenstarker Herummaulmöglichkeiten, insbesondere seit der Erfindung der sozialen Netzwerke.

Kathrin Passig

Jeder kann es

Egal aus welcher Richtung die Hilfe kommt – ob von den offiziell Zuständigen oder von Laien, die das Problem selbst schon einmal hatten: Jammern führt mit höherer Wahrscheinlichkeit zu einer Lösung, wenn es auf einem öffentlichen Kanal stattfindet. Per E-Mail kann man hilfreiche Hinweise nur ein- bis zweimal verschicken, bevor die Empfänger alle weiteren Nachrichten ignorieren. Bei Twitter oder Facebook stört es nicht, wenn sie häufiger wiederholt werden. Informationen strömen vorbei, verschwinden und kommen wieder. Gleichzeitig bleiben sie dauerhaft erhalten und sind – je nach Google-Laune – manchmal sogar auffindbar.

Früher war das Nörgeln vor einer größeren Öffentlichkeit beschwerlich (Verteilen von Empörungshandzetteln in der U-Bahn) oder es fehlte an einem Rückkanal für Antworten (Leserbriefe in der Zeitung). Das Netz hingegen ist voller komfortabler und reichweitenstarker Herummaulmöglichkeiten, insbesondere seit der Erfindung der sozialen Netzwerke. Außerdem enthält es bereits Lösungen für die meisten Probleme. Aber es fällt fast allen Menschen in fast allen Situationen schwer, diese Tatsache zu erkennen und sich selbstständig auf die Suche nach der irgendwo existierenden Antwort zu machen. Undurchdachtes Jammern hingegen gehört zu den natürlichsten und leichtesten Aufgaben der Welt. Niemand braucht es erst zu lernen, weshalb dieser Beitrag auch nicht mit der Forderung endet, Jammern müsse endlich Schulfach werden. 

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