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Was steuerliche Forschungsförderung bewirken könnte

Kleinen und mittelgroßen Unternehmen fehlen oft die finanziellen Mittel für innovative Forschung und Entwicklung. Die Chancen der Digitalisierung können sie auf diese Weise kaum nutzen. National und international drohen sie zurückzufallen. Das schwächt die Wirtschaftskraft insgesamt. Eine Lösung: Steuergutschriften für forschungsintensive Unternehmen. Ein Vorschlag von Monika Schnitzer, stellvertretende Vorsitzende der Expertenkommission für Forschung und Innovation.

Kleine und mittlere Unternehmen, kurz KMU, werden in der Öffentlichkeit als Motor oder Rückgrat der deutschen Wirtschaft gesehen. Dies liegt an ihrer angeblich großen Bedeutung für Beschäftigung und Innovation. Ein genauer Blick auf die große Gruppe der KMU zeigt jedoch, dass das Bild vom innovativen deutschen Mittelstand einer Korrektur bedarf. Innovativ und international sehr erfolgreich sind vor allem die sogenannten „Hidden Champions“, also die eher unbekannten Unternehmen. Ein Großteil der KMU ist jedoch deutlich weniger innovativ. Insbesondere investieren sie viel weniger in neue, innovative Produkte und Forschungsprojekte.

Auch der Vergleich mit dem Ausland gibt Anlass zur Sorge. Die Ausgaben für Innovationen sind bei deutschen KMU geringer als bei vielen europäischen Wettbewerbern. So weisen Innovationserfolge und Patentanmeldungen im internationalen Vergleich ein gemischtes Bild auf: Deutsche KMU führen zwar mehr innovative Produkte und Prozesse ein als ihre ausländischen Konkurrenten, jedoch liegen sie beim Umsatzanteil mit diesen Produkten nicht in der Spitzengruppe. Auch bei der Zahl der Patentanmeldungen sind die deutschen Mittelständler nur Mittelmaß.

Was sind die Gründe? Die Expertenkommission Forschung und Innovation hat in ihrem aktuellen Gutachten – neben dem Mangel an Fachkräften – vor allem das Fehlen ausreichender interner Finanzierungsquellen als Ursachen dafür ausgemacht, dass KMU ihr vorhandenes Potenzial für Innovationen nicht ausschöpfen. Dieses Finanzierungsdefizit ist auch ein Ergebnis der im internationalen Vergleich zurückhaltenden staatlichen Förderpolitik. In Deutschland werden nur 14 Prozent der Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE) von KMU aus staatlichen Quellen finanziert. In den meisten Vergleichsländern ist dieser Anteil mehr als doppelt so hoch. Im Ausland wird ein Großteil dieser Unterstützung als steuerliche FuE-Förderung zur Verfügung gestellt. Deutsche Firmen können von dieser Form der Unterstützung nicht profitieren.

Hoher Investitionsdruck für KMU

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Kleine und mittlere Unternehmen sind immer weniger innovativ – der digitale Wandel verschärft diesen Trend.

Für die KMU droht dieser Finanzierungsnachteil im Zuge der Digitalisierung zu einem echten Problem zu werden. Mit der Digitalisierung sind schließlich nicht nur große Chancen für Innovationen, sondern auch ein hoher Investitionsdruck verbunden. Sollten die KMU die erheblichen Modernisierungs- und Automatisierungsbedarfe finanziell nicht stemmen können, bleiben auch die Innovationspotenziale der Digitalisierung für sie ungenutzt.

Die Expertenkommission befürchtet, dass deutsche KMU im Zuge der Digitalisierung und Vernetzung gegenüber Großunternehmen und ausländischen Unternehmen zurückfallen. Umfragen zeigen: Je kleiner das Unternehmen, desto geringer ist die Bedeutung digitaler Technologien. Auch lassen sich erhebliche Unterschiede zwischen Großunternehmen und KMU bei der Nutzung wichtiger digitaler Technologien – wie beispielsweise Cloud Computing und Big Data – erkennen. Während lediglich elf Prozent der deutschen KMU Cloud Computing nutzen, tun dies Großunternehmen mehr als doppelt so oft. Noch gravierender ist der Unterschied bei der Nutzung von Big Data. Nur sieben Prozent der KMU nutzen Big Data. Bei den Großunternehmen sind es hingegen knapp 30 Prozent.

Unternehmen entscheiden

"Es entscheidet also nicht mehr die Politik, was gefördert wird, sondern die Unternehmen."
Monika Schnitzer
Monika Schnitzer (Foto: David Ausserhofer)

Monika Schnitzer - Homepage der EFI

Monika Schnitzer ist stellvertretende Vorsitzende der Expertenkommission für Forschung und Innovation (EFI)

Aufwändige Antragsbürokratie entfällt

Die Zurückhaltung deutscher KMU fällt noch deutlicher aus, wenn internationale Vergleichszahlen herangezogen werden. So werden Big Data und Cloud Computing nicht nur von ausländischen Großunternehmen, sondern auch von ausländischen KMU in viel größerem Umfang eingesetzt, als dies in Deutschland der Fall ist.

Wir müssen in Deutschland dringend eine steuerliche FuE-Förderung einführen. Dafür setzt sich die Expertenkommission nachdrücklich ein. Die steuerliche Forschungsförderung würde die gezielte Projektförderung, die weiterhin bei spezifischen Problemstellungen eingesetzt werden sollte, sinnvoll ergänzen. Die steuerliche Förderung gewährt allen forschenden Unternehmen eine Steuergutschrift proportional zur Höhe ihrer FuE-Ausgaben. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die aufwändige Antragsbürokratie entfällt und die Förderung erreicht deutlich mehr Unternehmen. Darüber hinaus müssen die Unternehmen ihre Forschung nicht mehr an thematischen Vorgaben orientieren, sondern genießen einen Rechtsanspruch auf Unterstützung. Es entscheidet also nicht mehr die Politik, was gefördert wird, sondern die Unternehmen.

Natürlich kostet das alles Geld. Falls Budgetrestriktionen im Bundeshaushalt nur eine begrenzte steuerliche Förderung ermöglichen, sollte sie daher zunächst vornehmlich für KMU eingesetzt werden. Allerdings drängt die Zeit. Sollte es der deutschen Politik – gemeinsam mit der Wirtschaft – in den kommenden Jahren nicht gelingen, die Finanzierung für KMU merklich zu verbessern, könnten diese im Zuge des digitalen Wandels abgehängt werden. Das Ergebnis wäre eine dauerhafte „digitale Lücke“ zwischen Großunternehmen und KMU in Deutschland und ein Zurückfallen der Mittelständler im globalen Wettbewerb. Eine zentrale Stärke der deutschen Wirtschaft würde sich in eine Schwäche verwandeln.

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