Die humboldtschen Bildungsideale haben das deutsche Bildungssystem geprägt. (Foto: jaime.silva Berlin - Humboldt Universität CC BY-NC-ND 2.0

Wie stark ist das deutsche Bildungssystem?

Was passiert, wenn das deutsche Bildungssystem immer mehr dem Vorbild von Stanford, Harvard und Co. nachjagt? Brauchen wir wirklich mehr Exzellenzuniversitäten? Oder verschenken wir damit die Stärken des deutschen Bildungssystems?

Die Innovationskraft des Silicon Valleys, bahnbrechende Erkenntnisse aus den Labs von Stanford und Harvard, disruptive Geschäftsmodelle von IT-Giganten wie Apple oder Google – längst gelten vor allem US-amerikanische Institutionen und Akteure als führende Gestalter unserer Wissensgesellschaft, die sich immer stärker auf digitale Technologien und das Internet stützt. Weltweit adaptieren deshalb Entwicklerteams, Bildungs- und Forschungseinrichtungen deren Erfolgsrezepte.

Parallel versuchen Regierungen rund um den Globus mit Exzellenzinitiativen oder über eine selektive Förderung von wichtigen Forschungsvorhaben, eine kleine Gruppe besonders forschungsstarker Universitäten aufzubauen. Erfolg hat, wer in weltweiten Rankings einen vorderen Platz belegt, denn das macht den Standort umso attraktiver für Spitzentalente, eine der Schlüsselressourcen für Innovationen im 21. Jahrhundert.

So empfahl auch Dietmar Harhoff im Februar in seiner Rede als Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) zum aktuellen EFI-Jahresgutachten unter anderem: „Mit einer zielgerichteten Förderung deutscher Universitäten und Hochschulen durch Bund und Länder sollte die internationale Wahrnehmung des deutschen Wissenschaftssystems weiter nachhaltig verbessert werden.“ Sichtbarer Ausdruck einer solchen Entwicklung wäre, so Harhoff, „eine Platzierung von drei oder mehr deutschen Hochschulen unter den führenden 30 Universitäten bis zum Jahr 2025“. Aktuell schafft das nur die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU München), auf Platz 30. 

Die besten Hochschulen der Welt

Oxford University (Foto: CC0 1.0, delfi de la Rua via unsplash.com)

Platz 1: University of Oxford
Im World University Ranking des britischen Magazins Times Higher Education belegt die britische Universität seit Jahren die ersten Plätze. Sie gehört nicht nur zu den besten, sondern auch zu den ältesten der Welt: Ihre Gründung erfolgte im 12. Jahrhundert. 

Caltech: Laboratories of the Biological Sciences (Foto: Kevin Stanchfield, Laboratories of the Biological Sciences, Caltech,CC BY 2.0

Platz 2: California Institute of Technology
Die Eiteuniversität aus Californien ist auf Natur- und Ingenieurwissenschaften spezialisiert und hat bereits 34 Nobelpreisträger hervorgebracht. 

Campus der Stanford University (Foto: Frank Schulenburg, Stanford University campus in 2016, CC BY-SA 4.0

Platz 3: Stanford University
Die Universität in der Nähe von San Francisco gilt als eine der forschungsstärksten der Welt. Die Universität hat mehr Turing-Award-Gewinner als jede andere Einrichtung weltwelt und aktuell 19 Nobelpreisträger, vier Träger des Pulitzer-Preises und 31 MacArthur-Fellows. 

Platz 4: University of Cambridge
Die britische Universität, die 1209 gegründet wurde, hat mehr Nobelpreisträger hervorgebracht als jede andere Hochschule weltweit (96). 

MIT - Massachusetts Institute of Technology (Foto: Niall Kennedy MIT CC BY-NC 2.0

Platz 5: Massachusetts Institute of Technology (MIT)
Die Technische Univerität in der Nähe von Boston war eine der ersten Hochschulen weltwelt, die Wirtschafts-, Sozial- und Geisteswissenschaften in die Ingenieurausbildung mit einbezog. Auch hier ist die Liste der Nobelpreisträger lang: 87 erhielten bislang die Auszeichnung. 

Platz 6: Harvard University 
Die Hochschule ist die älteste Universität der Vereinigten Staaten und wurde einst als Ausbildungsstätte für Geistliche errichtet. Zu den bekanntesten Absolventen gehören neben US-Präsidenten wie Franklin D. Roosevelt, George W. Bush oder Barack Obama auch Facebook Gründer Mark Zuckerberg.

Firestone Library der Princeton University (Foto: Kah-Wai Lin Firestone Library, Princeton University [CC BY-NC-ND 2.0] (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/)

Platz 7: Princeton University 
Princeton ist eine der reichsten Universitäten weltweit. 2016 verfügte die Universität über ein Vermögen von 2,3 Milliarden Dollar - bei rund 8.000 Studierenden. 

Imperial College in London (Foto: Imperial College London/Christian Richters)

Platz 8: Imperial College London 
Das Imperial College in London hat seinen Schwerpunkt in Naturwissenschaften, Ingenieurwesen, Medizin und Wirtschaftswissenschaften und hat bislang 14 Nobelpreisträger hervorgebracht. 

Das Hauptgebäude der ETH Zürich (Foto: ETH Zürich/Gian Marco Castelberg)

Platz 9: ETH Zürich
Die technisch-naturwissenschaftlich Hochschule ist die einzige kontinaleuropäische Universität unter den Top 10. Zu den berühmtesten Studierenden zählen unter anderem Albert Einstein und Wilhelm Conrad Röntgen.

Platz 10: University of California, Berlekey
Berkeley ist der älteste Campus der University of California, eines Systems staatlicher Universitäten, die auf zehn Standorte verteilt sind. Sechzehn Elemente des Periodensystems wurden in Berkeley oder von Absolventen der Universität entdeckt. 

Platz 30: Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München
Die LMU ist die beste deutsche Universität im Ranking. 1472 gegründet bildete die Hochschule 34 Nobelpreisträger aus und nimmt seit 2006 an der Exzellenzinitiative teil.  

„Dabei geht es nicht um die Befriedigung universitärer Eitelkeiten“, betont Harhoff, sondern vielmehr darum, dass eine sichtbare Platzierung in wichtigen Rankings die internationale Wahrnehmung einer Hochschule – und damit ihre Attraktivität für talentierte Studierende und führende Forscher – ganz entscheidend mitbestimme. Ungeachtet aller methodischen Mängel und bei aller berechtigten Kritik hätten diese Rankings einen großen Einfluss auf die Entscheidungen internationaler Talente, so der EFI-Vorsitzende. „Die Sichtbarkeit der herausragenden Universitäten bestimmt also auch die Attraktivität Deutschlands als Wissenschaftsstandort mit.“ 

Brauchen wir andere Vorbilder als Harvard und Stanford?

Warum man in Deutschland unbedingt Spitzenuniversitäten nach dem Vorbild von Harvard und Stanford anstrebt, ist Sönke Knutzen dennoch ein Rätsel. Knutzen ist Vizepräsident für Lehre an der Technischen Universität Hamburg-Harburg und durchaus ein Freund von Konkurrenz und Wettbewerb im Hochschulsektor. Der Run auf forschungsstarke Eliteuniversitäten könne aber für den deutschen Standort eher Nachteile summieren als Vorteile, befürchtet der Vizepräsident. 

Das Benennen von Exzellenz schwächt die nicht auserwählten Hochschulstandorte, selbst wenn sie hervorragende Forschungsleistung vorweisen, weil die Aufmerksamkeit erst einmal an ihnen vorbeigeht.
Sönke Knutzen (Foto: Stifterverband)

Sönke Knutzen

Vizepräsident für Lehre an der Technischen Universität Hamburg-Harburg

Zum einen, weil man das finanzielle Niveau der globalen Spitzenuniversitäten sowieso nicht erreichen könne, egal wie viel Fördergeld in deutsche Universitäten fließe, so Knutzen: „Harvard, Stanford oder die ETH Zürich spielen dann trotzdem in einer anderen Liga.“ Zum anderen gefährde man die hohe Qualität von Bildung in der Fläche, wenn man Hochschulstandorte zu sehr über Spitzenforschung definiere und das Niveau ihrer Leistungen in der Breite zu wenig schätze. „Wir haben eben gerade nicht Eliteuniversitäten und daneben Hochschulen, die man lieber nicht betreten möchte.“ Egal in welcher Region Deutschlands ein Mittelständler eine Hochschule für Forschungs- oder Bildungskooperationen suche, er finde sie und werde im Niveau auch nicht enttäuscht.

Sönke Knutzen gibt zu bedenken, dass das Benennen von Exzellenz auch bedeute, dass Nichtausgewählte zwangsläufig zur Nichtexzellenz erklärt würden: „Wenn man hier nicht gegensteuert, schwächt das die nicht auserwählten Hochschulstandorte schon unabhängig vom Geld, selbst wenn sie hervorragende Forschungsleistung vorweisen, weil die Aufmerksamkeit erst einmal an ihnen vorbeigeht.“

Regionale Stärken

Emanuel Bielski, Student für Lehramt an Berufskollegs an der Technischen Universität Dortmund, hält die Regionalisierung neben der Pluralität ebenfalls für die größten Stärken des deutschen Bildungssystems. „Meine Befürchtung gegenüber Exzellenzinitiativen ist, dass die Region auf der Strecke bleibt, auch wenn sie digital mit Bildungsangeboten versorgt wird.“ Je weniger Unternehmensinkubatoren vor Ort, desto weniger Unternehmen und Wertschöpfung gebe es in der Fläche, so Bielski, der am Lehrstuhl für Technik und ihre Didaktik als Studierendenvertreter für Maschinenbautechnik aktiv ist.

Aus Sicht von Vizepräsident Sönke Knutzen gefährdet Deutschland im Sog der weltweiten Trends und Umbrüche gerade etwas leichtfertig seine altbewährten Bildungsstärken, die zum einen bislang hervorragend gegen Arbeitslosigkeit gewirkt und für ein starkes, stabiles Wirtschaftswachstum gesorgt hätten und zum anderen dringender denn je für die Zukunft gebraucht werden würden. Neben den hohen und breit gefächerten Bildungs- und Forschungsleistungen der Hochschulen in der Fläche sei dies, so Knutzen, der kostenlose Zugang zu qualitativ wertvollen Ausbildungs- und Studienangeboten. Ein Wert, den die Deutschen fast übersähen, weil kostenlose Berufsausbildungen und kostenlose Studienplätze hierzulande schon sehr lange ganz selbstverständlich seien. 

Trend zu mehr Hochschulbildung

Für Spitzentalente attraktiv sein, um mit ihnen bedeutende Innovationen entwickeln zu können, ist eine Seite der Medaille. Die andere: Schon jetzt schraubt die Wissensgesellschaft den Bedarf an Akademikern und gut ausgebildeten Fachkräften nach oben, weshalb immer mehr Menschen mehr Bildung brauchen. Dabei stecken die Treiber dieser Entwicklung, wie Industrie 4.0, künstliche Intelligenz (KI) oder kognitive Computersysteme, sozusagen noch in den Kinderschuhen. Die Transformation der Arbeitsprofile und Berufe hat also gerade erst begonnen.

Wie die Körber-Stiftung Ende Februar im Zuge ihrer Studie Responding to Massification: Differentiation in Postsecondary Education Worldwide veröffentlichte, setze die steigende Nachfrage nach Hochschulbildung Regierungen unter enormen Druck und führe dazu, dass sich die Bildungssysteme auf der ganzen Welt bereits mit hoher Geschwindigkeit veränderten.

Insgesamt gebe es einen Trend zu immer mehr privaten, gewinnorientierten Hochschulen, auch wenn diese oft nicht so bezeichnet würden, heißt es in der Studie; öffentliche Hochschulen würden zunehmend privatisiert, bei steigenden Studiengebühren. Deutschland sei das einzige Land, in dem die Politik noch immer an einer beitragsfreien öffentlichen Hochschulbildung für nahezu alle Studierenden festhalte. Nur eine verschwindend kleine Zahl privater Bildungsinstitute erhebe hierzulande Gebühren. Untersucht wurden neben Deutschland Frankreich, Großbritannien, Russland, Ägypten, Ghana, Australien, China, Indien, Japan, Brasilien, Chile und die USA.

Hochschulen ohne klare Aufgaben und Ziele

Wir laufen Gefahr, eine Bildungslandschaft zu etablieren, in der am liebsten alle alles machen würden – und am Ende macht keiner mehr etwas richtig.

Matthias Mayer

leitet bei der Körber-Stiftung den Wissenschaftsbereich

Philip G. Altbach vom Boston College, der die Studie der Körber-Stiftung leitete, nennt die aktuelle Situation der postsekundären Bildung eine „Phase der Anarchie“: „Wir haben in allen 13 untersuchten Ländern, Deutschland eingeschlossen, ein breites Spektrum an Bildungseinrichtungen vorgefunden, aber kein differenziertes System von Institutionen mit klar definierten Aufgaben und Zielsetzungen.“

Auch die Rolle der durch Exzellenzinitiativen geförderten Spitzenuniversitäten innerhalb der nationalen Bildungssysteme sei nicht klar definiert, so Altbach. „Dies ist jedoch unverzichtbar, wenn der postsekundäre Bildungssektor als ein stimmiges System von Programmen und Instituten funktionieren soll, das die Anforderungen des Einzelnen und des Arbeitsmarkts passgenau erfüllt.“ Die Autoren der Studie glauben, dass es hierfür nicht nur eine große politische Entschlossenheit braucht, sondern ebenso Haushaltsmittel und vor allem viel Zeit.

„Im internationalen Vergleich klagen wir in Deutschland auf einem sehr hohen Niveau – einerseits“, sagt Matthias Mayer, der bei der Körber-Stiftung den Wissenschaftsbereich leitet. Andererseits stehe das deutsche System vor massiven Herausforderungen, denn Hochschulbildung werde zunehmend und vermutlich unumkehrbar zum Standardfall von Bildung und Ausbildung. Die Hauptlast dafür hätten die Universitäten zu tragen, wobei man zu Recht bezweifeln dürfe, so Mayer weiter, „ob sie wirklich die geeignete Institution für eine wachsende Zahl von Studierenden sind, die vor allem auf der Suche nach einer praxisnahen beruflichen Qualifizierung sind“.

Umgekehrt strebten die Fachhochschulen, die dieses Bedürfnis eigentlich passgenau bedienen könnten, immer stärker nach höheren wissenschaftlichen Weihen – sprich nach Profilierung als Forschungsinstitutionen, so Mayer. „Statt also eine prinzipiell sehr sinnvolle und klare Differenzierung beizubehalten und den Anforderungen der Gegenwart anzupassen – indem man beispielsweise über hybride Formen beruflicher und akademischer Bildung nachdenkt –, laufen wir Gefahr, eine Bildungslandschaft zu etablieren, in der am liebsten alle alles machen würden – und am Ende macht keiner mehr etwas richtig.“

Dieses Problem sieht auch Patrick Niehr, Vice President Group Human Resources bei dem Dortmunder Pumpenhersteller Wilo SE. In Deutschland verfüge man über eine hoch qualifizierte Berufsausbildung und die deutsche akademische Ausbildung habe im internationalen Wettbewerb stark nachgeholt. Was aber weiter fehle, so Niehr, sei eine klare Strategie, die wirklich herausarbeite, wie man sich die verschiedenen Zielrichtungen von Universitäten, Fachhochschulen und berufsbildenden Schulen vorstelle.

Bildung muss durchlässiger werden

Gut ausgebildete Facharbeiter und Techniker auf der einen Seite, hoch qualifizierte Ingenieure und Wissenschaftler auf der anderen – gerade Hochtechnologieunternehmen brauchen beides. Deshalb sei es wichtig, so Nicola Leibinger-Kammüller, die Stärke des weltweit bewunderten deutschen Ausbildungssystems zu bewahren und gleichzeitig alles dafür zu tun, dass auch die Hochschulen führend blieben. Leibinger-Kammüller ist Vorsitzende der Geschäftsführung von TRUMPF und für den Stifterverband Themenbotschafterin des Handlungsfeldes Beruflich-akademische Bildung. „Und wenn es uns dann noch gelingt, die Durchlässigkeit zwischen beruflicher Ausbildung und Hochschule zu erhöhen, dann kann das unsere Innovationskraft nur stärken.“

Dabei gilt die deutsche duale Berufsausbildung – das weltweit sehr geschätzte Ausbildungsmodell – aktuell eher als Problemkind. „Wir haben ein gravierendes Imageproblem der gesamten beruflichen Bildung“, sagt Holger Burckhart, Rektor der Universität Siegen und Vizepräsident für Lehre und Studium, Lehrerbildung und Lebenslanges Lernen der Hochschulrektorenkonferenz. Diese Geringschätzung der beruflichen Bildung sei ein Resultat der vergangenen zwei Jahrzehnte, in denen die akademische Bildung immer wieder sehr einseitig hervorgehoben worden sei: von den Hochschulen, der Politik, den Medien. Befeuert habe diese Entwicklung, so Burckhart, beispielsweise auch der Hochschulpakt, der immer mehr Studierende ins System holte und dabei – sozusagen zwischen den Zeilen – vermittelt habe: Berufliche Bildung kann da nicht mithalten.

Ralph Angermund, Ministerialrat im Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, ist überzeugt, dass man in Deutschland noch lernen müsse, „dass man die duale Berufsausbildung nicht gegen die akademische Ausbildung ausspielen darf“. Diese unterschiedlichen Abschlüsse sollten endlich aus ihrem Kontrast, ihrer Dichotomie, befreit werden, so Angermund. „Bislang stecken wir aber noch in bildungspolitischen Gräben und kommen da kaum raus.“ 

Das duale Studium kann die duale Berufsausbildung sozusagen retten, weil es verhindert, dass die berufliche Bildung ihre besten Talente an die Hochschulen verliert.
Volker Meyer-Guckel (Foto: BusseniusReinicke)

Volker Meyer-Guckel

stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes

Wie wird sich das Verhältnis zwischen der dualen Berufsausbildung und dem Hochschulsystem entwickeln? Sehr wichtig sei eine Durchlässigkeit Richtung Hochschule, so Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes, das habe bereits das neue Erfolgsmodell duales Studium gezeigt. Einerseits erforderten die Berufe im Zuge der digitalisierten Wissensgesellschaft zunehmend akademische Inhalte, andererseits brauche die berufliche Ausbildung dringend die Durchlässigkeit Richtung Hochschule als Aufstiegsmöglichkeit, sagt Meyer-Guckel. „Das duale Studium kann die duale Berufsausbildung sozusagen retten, weil es verhindert, dass die berufliche Bildung ihre besten Talente an die Hochschulen verliert.“

Damit die berufliche Bildung auch weiterhin als attraktive Ausbildungsoption erhalten bleibt, sei es jedoch nötig, deren Qualitäten für junge Leute erfahrbar zu machen. Meyer-Guckel verweist auf Modelle, die zunächst einmal Entscheidungsräume bieten: „Wir sollten Interessierte nicht gleich entweder in die berufliche oder in die akademische Richtung zwingen, sondern ihnen Einblicke in beide Bereiche geben und Zeit für ihre Wahl lassen.“ Hierfür geeignet sei beispielsweise eine integrierte Studieneingangsphase, in der Studierende parallel sowohl berufliche als auch akademische Module belegen und sich erst danach für eine berufliche oder akademische Ausbildung entscheiden.

Stärken der dualen Berufsausbildung

Emanuel Bielski, der Lehramtsstudent aus Dortmund, ist fasziniert von der Vielfalt der Biografien, die sich über den beruflichen Bildungsweg ergeben können: von der Promotion über die Technikerausbildung an einer Fachschule bis hin zur erfolgreichen Unternehmensgründung. Ein wesentlicher Pluspunkt gegenüber der rein akademischen Schiene sei: „Wenn man auf dem beruflichen Bildungsweg irgendwo scheitert, hat man immer einen doppelten Boden drin, was einem auch im Studium ein ganz anderes Rückgrat gibt.“

Insbesondere das duale Berufsbildungssystem gebe Raum, so Bielski, dass sich Unternehmenspersönlichkeiten herausbilden können, die sich aufgrund ihrer beruflichen Sozialisation, ihres vernetzten Denkens und ihrer sozialen Kompetenzen hervortun. Ausschließlich exzellent gebildete Führungskräfte oder Unternehmer ohne berufliche Bildungsbiografie seien dagegen in der betrieblichen Praxis eher diejenigen, die mit riskanten oder verkopften Entscheidungen auffallen, die sich im Betrieb dann auch nur schwer vermitteln ließen, so Bielski. „Man tut für meine Wahrnehmung gut daran, Berufs- und Hochschulen gleichermaßen als Unternehmensinkubatoren zu betrachten.“

Spotify für Bildung?

Ist der deutsche Beruf womöglich ein Auslaufmodell? Eine berechtigte Frage, findet Sönke Knutzen, denn in den USA zeichne sich bereits ein Trend hin zur Qualifikation ab: Man absolviere kein Studium mehr, sondern strebe Micro-Degrees, Zertifikate oder Badges an, um einen Job zu finden. „Wir haben ja ein Berufskonstrukt, das man in anderen Ländern so gar nicht kennt und das wir unbedingt bewahren sollten“, erklärt Knutzen. Wer in Deutschland einen Beruf erlerne, könne sich in diesem Berufsfeld relativ frei bewegen, alle möglichen Ausprägungen angehen und sich auch auf zukünftige Entwicklungen in diesem Berufsfeld gut einstellen.

Anders als ein Job sei der Beruf mit Status, Gehaltsvorstellungen, sozialem Aufstieg und Karrierewegen verbunden, so Knutzen. „Wenn man Beruf und Bildung jetzt durch Job und Qualifizierung auswechselt, läuft man Gefahr, diesen gesellschaftlich stabilisierenden Faktor von Beruf zu verlieren.“ Der Wunsch nach reiner Qualifizierung werde wachsen, glaubt Knutzen, weshalb sich auch Hochschulbildung gegenüber weltweiten Qualifikationsangeboten immer mehr beweisen müsse. 

Wir brauchen unbedingt auch in Zukunft unabhängige, vom Staat finanzierte Bildung.

Sönke Knutzen

Gerade die Digitalisierung wird neue Bildungskulturen und weltweite Bildungsangebote nach Deutschland spülen, die das deutsche Bildungssystem infrage stellen werden. Wo geht die Reise hin, wenn beispielsweise große IT-Player in den Bildungsmarkt drängen? Gibt es dann ein Spotify für Bildung? „In den USA sieht man deutlich, dass Apple und Microsoft bereits in die Schulen reingehen, das ist der Markt, den sie nehmen wollen“, sagt Sönke Knutzen, der 2015 die Hamburg Open Online University initiierte. Amazon versuche aktuell im großen Stil Lern- und Lehrmaterialien mit freier Lizenz aufzukaufen, sogenannte Open Educational Resources (OER) – was auch immer sie damit vorhätten.

Knutzen warnt davor, in der Bildung abhängig zu werden von Playern, die Lernenden die Wahrheit verkaufen wollen. Man müsse also dringend aufpassen, dass sich Menschen auch in Zukunft unabhängig von Wirtschaftsinteressen bilden können, damit sie kritikfähig werden und bleiben. „Deshalb brauchen wir unbedingt auch in Zukunft unabhängige, vom Staat finanzierte Bildung.“

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